_callback //2634

Dann war wieder ein Führungskräftemeeting. Diesmal war in der Agenda die Präsentation von Frau Hilflo-Seerbin vorgesehen.
Noch am Vortag war nicht sicher gewesen, ob sie ihren Vortrag tatsächlich halten würde. Sie hatte in den vergangenen Wochen die IT-Boys vom Helpdesk ziemlich auf Trab gehalten, weil sie mit der Erstellung nicht klar kam oder ihre Dateien nicht fand. Einmal hatte sie sogar den zuständigen Bereitschaftsmitarbeiter aus dem Wochenende gerufen, was den Chef dann doch veranlasste, ihr zu erklären, dass das unverhältnismäßig gewesen sei, und sie es zukünftig unterlassen solle.

Als wir den Besprechungsraum betraten, hörte ich sie zum Chef sagen: „Ach, ich bin so nervös, habe solches Lampenfieber. Ich kann das nicht!“
„Nur Mut, Astrid“, antwortete er, „das wird schon. Und wenn mal was schief geht, reißen wir dir schon nicht den Kopf ab.“

Es waren vorher noch ein paar andere, dringendere Punkte auf der Tagesordnung, bis sie schließlich mit ihrer Präsentation beginnen sollte. Wir haben in diesem Raum ein Notebook fest am Beamer angeschlossen, von dem aus Präsentationen u. dgl. angezeigt werden können. Entweder loggt man sich dort mit seinem roaming Firmenaccount ein, oder (aber das wird aus Sicherheitsgründen von der technischen Leitung ungern gesehen, immerhin geduldet) man bringt einen USB-Stick mit den Daten mit. Frau Hilflo-Seerbin hatte an beides nicht gedacht, so dass Zeit verging, bis Joachim ihr geholfen hatte, ihre Slides auf einem Share zu finden.
Als erstes fiel mir auf, dass sie nicht die Vorlage mit dem Corporate Design benutzt hatte, sondern stattdessen in unterschiedlichen Pastellfarben und verspielten Mustern schwelgte, teils kontrastarme Fonts benutzte, so dass es schwierig war, die Schrift zu lesen.
Animationen kann man zwischendurch mal zur Auflockerung nutzen, oder wenn man etwas besonders betonen und hervorheben will. Aber wenn man – völlig uneinheitlich – jeden einzelnen Unterpunkt mit einer anderen Animation erscheinen lässt, so kostet das bloß noch Zeit und bald schon nervt, n e r v t, NERVT, N E R V T, nErVt, .. es nur noch. N e R v T.

Von den inhaltlichen Punkten beziehen sich einige auf konkrete Zustände in der Firma. Die kann ich hier nicht öffentlich darlegen. Insgesamt wollte sie etliche bewährte Gegebenheiten ändern. Dabei waren ihre Vorschläge nicht praktikabel, bzw. hätten andere Nachteile und Beeinträchtigungen nach sich gezogen.
Es ließ sich gut beobachten, wie das Gesicht des Chefs im Laufe ihres Vortrags immer angespannter und ungeduldiger wurde. Er mag es überhaupt nicht, wenn jemand Gegebenheiten, die er irgendwann einmal – aus guten Gründen – so eingeführt hat, verändern will.
Als ich damals bei Novosyx angefangen habe, hatte ich erst einmal keine Veranlassung für Verbesserungsvorschläge. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die alles anders machen und umkrempeln müssen als das, was sie vorfinden. Vieles ist so, wie es ist, bewährt und gut so. Das erkennt man oft nicht auf Anhieb, sondern erst, wenn man einen Überblick über die Hintergründe gewonnen hat. Wenn ich dann im Laufe der Zeit doch einige Änderungen bewirkt habe, so geschah das sehr behutsam nach und nach, und mit durchdachter Begründung. Sola dosis facit venenum.
In dieser Häufung und ohne überzeugende Darlegung war es vorhersehbar gewesen, dass der Chef zunehmend unwillig und gereizt wurde.

Ein (eher unspezifischer) Punkt auf ihrer Liste war gewesen, dass sie in den Räumen mehr Bilder und Blumen haben wollte, damit nicht alles so „kahl und schmucklos“ aussehen solle.
Warum man teures Geld für unnützen Firlefanz und Staubfänger ausgeben sollte, erschließt sich mir nicht. Das behielt ich erst mal für mich, und wartete das metaphorische Popcorn naschend lieber noch ab.
Wie auch bei einigen anderen Punkte wollte der Chef (um Zeit zu gewinnen) die Diskussion auf das nächste Meeting zurückstellen. Bei jedem anderen hätte er den Vorschlag sofort konsequent abgeschmettert. Bloß bei Frau Hilflo-Seerbin ist er so sachte.
„Warum erst das nächste Mal?“, wandte sie ein.
„Ja“, sekundierte ich ihr, „warum die Entscheidung vertagen? Es ist noch genug Zeit in der Agenda vorgesehen.“
„Ich kann jetzt nichts dazu sagen, muss erst darüber nachdenken.“
So ähnlich lief es bei mehreren Topics, sofern sie nicht sofort vom Tisch gewischt werden konnten. Nun ja, ich werde bei der Agenda des nächsten Meetings angemessen Zeit für die offen gebliebenen Punkte vorhalten.

Schließlich kam sie noch zu einem Thema, das sie bis zum Schluss aufgehoben hätte, weil es ihr „so sehr am Herzen“ läge.
„Mir ist aufgefallen“, begann sie, „dass in allen Schriftstücken der Firma Frauen gar nicht berücksichtigt werden. Die weiblichen Angestellten fühlen sich doch nicht angesprochen, wenn der Brief nur an die ‚Mitarbeiter‘ geht.“ Sie führte das noch ausführlicher aus, und endete schließlich mit: „Und deshalb müssen wir unbedingt auch die Frauen mitnennen.“
„Das ist doch albern, Astrid,“ erwiderte der Chef, „unsere Mitarbeiterinnen haben überhaupt kein Problem, zu wissen, dass auch sie gemeint sind. Was hältst du davon, Anne?“
Da ich nicht die Absicht hatte, mich mithineinziehen zu lassen, antwortete ich nur knapp, dass ich keinen Handlungsbedarf sehe. Und es wird auch keinen geben. Dafür werde ich, falls nötig, sorgen. Schließlich will ich keine Spaltung der Belegschaft durch geschlechtertrennende Sprache. Aber vorläufig ziehe ich es vor, erst mal alles laufen zu lassen und zu beobachten.
„Aber ich soll mich doch um die interne Kommunikation kümmern“, begann sie wieder, „und da ist es, finde ich, ganz wichtig, dass wir die Frauen genauso nennen.“
Tatsächlich war vereinbart worden, dass sie sich mit der betriebsinternen Kommunikation befasst. Das sollte allerdings nur verhindern, dass sie sich in die externe Kommunikation mit Geschäftspartnern einmischt.
Also schlug ich vor, dass sie einen Entwurf für einen entsprechenden Leitfaden erstellt. Dieser Leitfaden wird nie (solange ich noch etwas zu sagen habe) verbindlich umgesetzt werden, aber sie ist erst mal beschäftigt. Das lässt sich mit Einwänden und Kritik an Einzelheiten noch fast unbegrenzt hinziehen, zumindest bis ihr die Lust daran vergangen ist.

Sie schien für’s erste zufrieden, meinte dann aber, dass diese Richtlinie selbstverständlich auch für andere Schriftstücke gelten müsse, insbesondere die Website, wo sich Kundinnen überhaupt nicht beachtet fühlen würden.
Davon abgesehen, dass wir fast keine (zahlenden) Kundinnen haben, und die wenigen bestimmt über genügend Sprachgefühl und Selbstbewusstsein verfügen, die Website auch so zu verstehen. Es lebe das generische Maskulinum, das einen effizienten und gerechten Weg bietet, beide Geschlechter (sowie meinetwegen auch alle anderen) gleichermaßen und geschlechtsunspezifisch anzusprechen.
„Hm“, meinte der Chef, „die Website zählt aber nicht zur internen Kommunikation. Wer ist für die Website zuständig, Anne?“
„Das bin ich“, erklärte ich, „wobei die Website in mehreren Sprachen verfügbar ist.“
„Die Website klammern wir erst einmal aus“, entschied er, „wenn du mit dem internen Leitfaden fertig bist, Astrid, kannst du dich dann ja direkt an Anne wenden.“
Ich lächelte wie zur Bestätigung, aber unverbindlich. An der Website wird es keine derartige Veränderung geben. Notfalls stelle ich lieber komplett auf Englisch (US) um.

Die Besprechung hatte schon deutlich länger gedauert als vorgesehen, weshalb sie abgebrochen werden musste (d.h. wenn es wichtig gewesen wäre, wären wir open end schon noch länger drangeblieben). Ich werde versuchen, den nächsten Termin schon möglichst bald zu finden.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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22 Antworten zu _callback //2634

  1. pirx1 schreibt:

    Immer wieder lustig, mit was für Pseudoproblemen „Controlling“ und „Geschäftsleitung“ in vielen Betrieben ihre Arbeitszeit füllen, während andernorts tatsächlich durch (zugegeben weitaus schweißtreibendere) Produktion und Verkauf Tatsachen durch reale Werte geschaffen werden. Ein Häuflein von „Bestimmern“ versammelt sich ernsthaft um einen Beamer und einen Laptop und tut so, als halte man gerade etwas ähnlich bedeutungsschwangeres, wie eine UN-Vollversammlung ab (die im Übrigen nicht minder ergebnislos ist). Man fühlt sich gedanklich unmittelbar in einen Ladykrachersketch mit Anke Engelke hineinversetzt.

    Die „gendergerechte“ Sprache („Liebe Mörderinnen und Mörder, geschätzte Mordende!“) ist dabei m.E. vor allem ein schlimmer Pausenfüller, wohl weil tatsächlich wichtige Themen ausgehen oder andernorts entschieden werden oder weil man dafür keine besondere Kompetenz nachweisen muss, aber dennoch „wichtig“ erscheint. „Gendern“ verkommt zum banalen Politikum.

    Ich halte es da ganz mit Elke Heidenreich (der man nun wirklich keine unlauteren politischen Absichten unterstellen kann): Ein zur Unlesbarkeit verkrüppelter Text ist schlimmer, als ein vermeintlicher sprachlicher Neglect, entsprechend lehne ich die pauschale Genderisierung ab.

    Ja mehr noch: Die Vehemenz, mit der sich manche(r) jetzt auf literarische Werke aus der Vergangenheit stürzt und glaubt, er müsse alles daraus ausmerzen, was in seinen Augen nicht meinungskonform sei, erinnert mich an einen mittelalterlichen, calvinistischen Bildersturm. Glattschleifen und Umdeuten von sprachlichen Formulierungen trägt in meinen Augen in keiner Weise zu irgendeiner Form von missverstandener „Gerechtigkeit“ bei. Gibt es tatsächlich weniger Vergewaltigungsopfer, nur wenn wir jetzt -vermeintlich aufgeklärt- von „Vergewaltigenden“ sprechen? Ist es nicht viel mehr im Gegenteil so, dass die zwanghafte, sprachpolizeiliche Verleugnung von Reizbegriffen lediglich zu Verdrängung führt, statt zu der doch eigentlich gewollten gesellschaftlichen Aufklärung?

    „Genderisierung“ halte ich für eine neue Form von Zensur.

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  2. Mia schreibt:

    Man musste keine hellseherischen Fähigkeiten haben, um den (vorläufigen) Ausgang dieser Geschichte vorherzusagen.

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  3. blindfoldedwoman schreibt:

    „Das ist doch albern, Astrid,“ erwiderte der Chef, „unsere Mitarbeiterinnen haben überhaupt kein Problem, zu wissen, dass auch sie gemeint sind.

    Wenn sie nicht blöd ist, macht sie jetzt eine anonymisierte Umfrage unter den weiblichen Angestellten.

    Carsten tat gut daran, das Thema zu vertagen.

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  4. ednong schreibt:

    Ja, manche Präsentationen kosten mehr Zeit als sie Gewinn bringen …

    Und gendern – war irgendwie klar, dass sie das Thema aufgreift. Bietet sich ja an.Und Verbesserungen anbringen – ich bin da auch schnell bei der Sache. Hat man sich erstmal ans „System“ gewöhnt, ist man schon betriebsblind. Inzwischen schreibe ich mir das aber am Anfang nur auf, um es später anzubringen. Wobei man sowas natürlich begründet. Man will ja schließlich die Vorteile aufzeigen.

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  5. Leser schreibt:

    Wenn die da jetzt objektiv von außen betrachtet die Abläufe angeschaut hätte, wo etwas hakt und wo Verbesserungsbedarf besteht, um dann zu diskutieren, welcher Art diese Verbesserungen praktikabel umgesetzt werden können, wäre das ja eine Sache gewesen.
    Aber so wie im Blogeintrag beschrieben klingt es nach „Tabula Rasa“. Naja, irgendwie muss die arme Frau wohl beschäftigt werden, wenn sie unbedingt „mitarbeiten“ will… Meine Vermutung: Wenn sie lange genug hingehalten wird, ihre unpraktikablen Vorschläge immer wieder abgeschmettert bzw. argumentativ eingestampft werden („geht nicht.“ oder „würde soundsoviel % Produktivität kosten.“ oder was auch sonst), dann verliert sie irgendwann die Lust und zieht sich in den wohlverdienten Ruhestand zurück. Wenn Carsten der Sache einen gewissen Vortrieb geben will, dann könnte er versuchen, für die Dame ein Hobby zu finden (sprich: Etwas, was sie in ihrer Freizeit gerne macht und genießen kann – egal, ob das Singen, Gärtnern, Häkeln oder Kasperltheater im Kindergarten veranstalten ist), so dass sie dann irgendwann merkt, dass sie das eigentlich viel lieber täte, anstatt in der Firma Wasser zu treten.

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  6. pirx1 schreibt:

    Natürlich wird hier nur die subjektive Version der tatsächlichen Abläufe präsentiert. Interessant ist aber der Eindruck, der eher weniger, als mehr zwischen den Zeilen steht: Der „Chef“ scheint der vermeintlichen Nebenbuhlerin gegenüber eine „der Anne“ unangenehme oder gar verdächtige, gentlemanartige Rücksicht walten zu lassen. Schon das reicht offenbar für ausgeprägte Stutenbissigkeit. Gelassen sähe darüber nur diejenige hinweg, die ein entkrampftes, weil vertrautes Verhältnis zu ihrem Gatten haben könnte. So aber: Ein wirklich anstrengendes Beziehungskonstrukt.

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  7. Pingback: Zuständlichkeiten //2640 | breakpoint

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