Vom Amtschimmel veräppelt (doofe Überschrift – ich weiß) //2626

Wenn schon Baumusterprüfung, Sicherheitszertifizierung und Konformitätsbewertung eines einfachen – sagen wir exemplarisch – Toastermodells (dass man beim Anfassen keinen Schlag kriegt oder sich verbrennt, dass das Ding nicht in Flammen aufgeht, keine Störstrahlung absondert, dass er nicht verschmort, wenn ihn mal ein paar Tropfen Wasser erwischen, und was weiß ich) langwieriger ist, als die bedingte Zulassung gewisser Arzneimittel, so sind im Vorfeld des Inverkehrbringens unserer komplexen Hightech-Geräte erst recht aufwendige formale und bürokratische Hürden zu überwinden.
So sind gewisse Dokumente zu erstellen, für die man teilweise auf externe Dienstleister zurückgreifen muss. Andere hätte ich durchaus selber schreiben können – zu meiner Zeit als Berater habe ich ähnliches gemacht, mich vor der gleichen Art Dokument allerdings immer gedrückt – aber ich wollte nicht. Ich kann meine Zeit besser nutzen für Angelegenheiten, die ich zumindest nicht so ungern mache und auch besser kann.
Also fragte ich Sebastian, ob er mir jemanden empfehlen könne. Er meinte, dass er selbst schon gelegentlich entsprechende Dokumente verfasst hätte und passende Vorlagen dafür hätte. Wenn ich ihm zuarbeite und die nötigen Daten liefere, ginge das flott.
Also traf ich mit ihm eine diesbezügliche Vereinbarung, mit der wir beide zufrieden sind. Win-Win.

Ich erzählte ihm auch von Evalyze, das inzwischen schon über ein halbes Jahr brach liegt, weil es die zuständigen Stellen nicht auf die Reihe kriegen, das vorgesehene Procedere zügig durchzuführen. Mein RA-Spezialist hat schon alles mögliche versucht, die Angelegenheit zu beschleunigen, telefoniert ständig irgendwelchen Sachbearbeitern hinterher, aber da tut sich kaum etwas. Dabei ist das lediglich eine harmlose Auswertesoftware, deren Risikoanalyse keinerlei Schadenspotential hat ausfindig machen können. Und trotzdem geht es nicht voran. So werden Innovationen ausgebremst und dem Gemeinwohl zuträglicher Fortschritt verhindert. Wir brauchen ja gar keine staatliche Unterstützung und Förderung, aber ist es denn zu viel erwartet, uns wenigstens keine überflüssigen Steine in den Weg zu legen?
Das hat man technologischer Vorreiter davon. Die Welt (respektive gewisse Behörden) ist noch nicht so weit, zukunftsträchtige Entwicklungen in ihr beschränktes System einzuordnen. Das könnte ich einerseits noch akzeptieren, wenn andererseits nicht .. ach, lassen wir das – es bringt ja nichts.

Sebastian meinte, das sei kein Einzelfall. Derzeit gäbe es (zumindest in dieser Branche) einen Bürokratiestau, der nur langsam abgebaut werden könne. Er hatte von seinen Kunden und anderen Bekannten in den letzten Monaten schon einige ähnliche Berichte gehört, wo die zuständigen Stellen einfach nicht hinterherkämen.
Wir sprachen noch über die Ursachen, und was man als Hersteller dagegen unternehmen könne. Es scheint aber von verantwortlicher, übergeordneter Seite gar kein Interesse zu geben, diesen Stau aufzulösen. Honi soit .. *seufz*

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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26 Antworten zu Vom Amtschimmel veräppelt (doofe Überschrift – ich weiß) //2626

  1. keloph schreibt:

    gerade bei innovativen produkten, ideen eine irgendwie geartete testung, testierung oder bewertung von einem beamtensystem zu erwarten, dessen ausrichtung sehr konservativ ist, ist naturgemäss schwierig. es ist eine systemische überforderung. tut mir leid, dass ihr darunter leidet.

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  2. Plietsche Jung schreibt:

    Es gibt doch akkreditierte Labore, die dir alle vorgeschriebenen Zertifizierungen abnehmen können. Mit staatlichen Stellen hat man doch gar nichts zu tun.

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  3. pirx1 schreibt:

    „Zwischen der Entwicklung JEDES (auch und gerade lebenswichtigen) Erzeugnisses und seiner Zulassung MUSS unbedingt ein Zeitraum von mindestens zehn, besser zwanzig oder dreißig, Jahren liegen (auch wenn ohne Zulassung gar keine weitere Produkttestung stattfindet), sonst kann man dem ganzen Produkt einfach nicht trauen, das ist doch längst tradiertes wissenschaftliches Allgemeinwissen!
    Gut, dass wir genügend Behörden und deren Mitarbeiter haben, die sich mit ihren 9 to 5 jobs (inklusive ausgedehnter Frühstücks-, Mittags- und Kuchenpausen und bewusst überdimensionierter Urlaubs-, Krankheits- und Fortbildungszeiten) dieser schwierigen Aufgabe stellen und mutig jeden Tag dem Druck der produktsüchtigen realen Welt entgegenstemmen.“
    – Homer Simpson et al.

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  4. blindfoldedwoman schreibt:

    So etwas zu vereinfachen und generell zu beschleunigen ist leider etwas, was man in einer Legislaturperiode nicht erreichen kann. Zudem es auch immer Widerstand von gewissen Seiten gibt.

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  5. ronin schreibt:

    Ein Trauerspiel. Dazu passt auch ein Blogeintrag bei Fefe von heute: Das Jugendamt Berlin-Neukölln bittet darum, Korrespondenz nur noch per Papier einzureichen und von E-Mails abzusehen, weil sie mit dem Ausdrucken nicht hinterherkommen … Deutschland 2021

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    • Tja, das mit dem papierlosen Büro wird wohl nichts mehr.

      Aber Hauptsache, sie kommen dann mit dem Einscannen der papiernen Konversation nach.

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      • pirx1 schreibt:

        Aktuell wird in deutschen Arztpraxen die simple papierne Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung durch eine „papierlose“ Version ersetzt. Perfektes Chaos und Lehrbeispiel für hirnlose Bürokratie.

        Die verpflichtende Anschaffung diverser Hardware und Softwareupdates (simpler VPN-Router, weil von der GEMATIK -Chef ist alter Buddy des Bundesgesundheitsministers- zertifiziert zu Mondpreisen, Kartenleser in diversen Versionen, ebenfalls Medizinpreise, Chipkarten für jeden Patienten mit PIN, die er natürlich sofort vergessen hat, Heilberufeausweis für Ärzte als Chipversion, Betriebsstättenausweis in Chipform, mittlerweile die x-ten Updates zu jeder Komponente) auf Kosten der Praxisinhaber und der Versicherten.

        Der frühere Arbeitsablauf (Patient kommt, Arzt stellt AU fest, unterschreibt ein 3fach-Formular und gibt es dem Patienten mit, der Durchschlag an Kasse und Arbeitgeber weiterreicht) hat sich „enorm vereinfacht“:
        Patient kommt, Versichertenkarte wird eingelesen, Arzt stellt AU fest, trägt die Daten in die Praxis-EDV über Formular ein, steckt an der Anmeldung seinen Heilberufeausweis in einen Kartenleser, gibt seine Arzt-PIN ein, erzeugt so eine Mail an die kranke Kasse, die ist empfangsbereit oder nicht, falls nicht -in 80% der Fälle- wartet man gemeinsam oder schickt die „eAU“ abends erneut, jedenfalls erhält der Patient aber immer auch zusätzlich einen doppelten Ausdruck auf normalem Blankopapier, einen für den Arbeitgeber und einen für sich, denn Arbeitgeber sind nicht eingebunden, diese beiden Ausdrucke werden zusätzlich zur elektronischen Version gedruckt und unterschrieben -jeder einzeln, wo früher ein Durchschlag war-, bei mehreren Ärzten in einer Praxis natürlich mehrere Heilberufeausweise, mehrere PIN, mehrere unterschiedliche Benutzerkonten, zwischen denen dann immer lustig umgeschaltet werden muss. Privatpatienten, BG oder Patienten außerhalb des GKV-Systems (freie Heilfürsorge wie Polizei, etc.) erhalten weiter die alte Papierversion. Im Falle eines Serverausfalls bei der KV oder den kranken Kassen wird ebenfalls das alte Papiersystem genutzt, die elektronische Datenübertragung aber dann später zusätzlich nachgeholt. Ist die „eAU“ von der kranken Kasse auch abends noch nicht empfangen oder empfangsbestätigt worden, so muss der Patient telefonisch informiert werden, damit dieser seine Kasse über die AU per Papier informiert, dazu bedarf es eines Ausdruckes, den der Patient dann nachträglich per Post erhält, Porto zahlt die Versichertengemeinschaft. Wenn der Patient kein Telefon hat, dann ist er formal für die Kasse erstmal nicht AU …

        Sollte dieses absurde System Ende des Jahres tatsächlich eingeübt sein, droht schon das eRezept. Anstelle eines Papierrezepts mit Bezeichnung von Patient, Medikament, Dosierung etc. in Klartext werden dann auf Patientenhandys oder einem Blatt Blankopapier von der EDV erzeugte QR-Codes verteilt, die kein Mensch mehr lesen kann, aber die vom vorher anzugebenden Wunsch-Apotheker (nachdem der Patient sich mit Karte UND Pin dort identifiziert hat) in eine Medikamentenabgabe umgesetzt werden. Verwechslungsrisiken wären angeblich sehr gering, nur hat dieses System (per Gesetz vorgeschriebene Einführung: ab 1.1.2022) im Probebetrieb bisher noch nicht ein einziges Mal funktioniert. Ich freue mich schon, wenn Oma Krawallke im Januar feststellt, dass sie gar kein Handy hat oder Vater Müller seine Pin zu dritten Mal vergisst. Dann greift man wahrscheinlich auf ein „Notfallrezept“ zurück – und das ist dann vermutlich wieder aus Papier.

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        • pirx1 schreibt:

          Oh, ich vergaß: zur „Sicherheit“ dieser Telematik-Infrastruktur hat Martin Tschirsich mit seinen Freunden auf jedem der letzten C3 so manches Schmankerl veröffentlicht. Aber das Geschrei wird vermutlich erst richtig groß, wenn die HIV- oder Psychiatrie-Diagnosen Millionen deutscher GKV-Versicherter im Darknet zum Verkauf kursieren.

          Schöne, neue, zentrale EDV-Lösung (ganz ohne Papier) …

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        • Hört sich nach ziemlichem Chaos an. Noch lustiger wird es dann, wenn die AU-Bescheinigung ebenfalls an den Arbeitgeber elektronisch übermittelt wird. Darauf bin ich schon gespannt.

          Wie auch immer – es kann sein, dass wir uns in ein paar Jahren daran gewöhnt haben, und sich die Telematik normalisiert.
          Dann wird nur noch in Ausnahmefällen gedruckt, z.B. Rezepte für Leute, die wie ich kein Smartphone nutzen.

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          • pirx1 schreibt:

            Im Moment deutet viel darauf hin, dass diese Form von Telematik scheitern wird, auch wenn (oder gerade weil) ein eifriger, aber technisch wie fachlich ahnungsloser Minister das Projekt auf seine Fahnen geschrieben hatte (man muss leider fürchten: nicht aus Interesse an Fortschritt, Innovation und Arbeitserleichterung, sondern aus sehr viel einfacheren, niedereren Beweggründen).

            Dabei wäre das Potential an sich enorm. Tatsächlich, @blindfoldedowman weist zu Recht darauf hin, könnte alles so einfach sein.

            Warum eine „eGK“ UND ein „ePerso“ (der seit so vielen Jahren auf dem Markt ist und im Grunde fast NICHTS kann). Warum eine unausgegorene eFührerschein-App, die als Bananensoftware (reift beim Kunden) auf den Verbraucher losgelassen und nur Stunden danach wieder aus den App-Shops gerissen wird? Warum immer noch ein KfZ-Schein, der in keine Geldbörse passt?

            Aber wir verschanzen uns mit Insellösungen hinter Datenschutz, der ja an sich ausgesprochen vernünftig und wichtig ist, aber doch nicht durch einfachen Beschluss, sondern nur durch tatsächlich ausgegorene und einbruchsichere technische Maßnahmen Realität wird.

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      • idgie13 schreibt:

        Ich hab aus Bayern meine beiden Anschreiben zur Geburts- und Eheurkunde sogar jeweils maschinengeschrieben bekommen … Adresse von Hand drauf geschrieben!
        Digitalisierung in Deutschland lässt wohl noch auf sich warten..
        Aber es ging immerhin schnell…

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