Die Qualverwandtschaften //2611

Das war jetzt also das Wochenende mit Fiona:
Carsten hatte sie am Freitagabend vom Bahnhof (aufgrund des leidigen Bahnstreiks erst später als ursprünglich geplant) abgeholt. Während sie früher doch so etwas Frisches an sich hatte, ist das jetzt völlig verschwunden. Sie wirkt verwelkt und sieht deutlich älter aus, als sie tatsächlich ist. Kim trägt inzwischen eine Art Vokuhila-Frisur, was nicht gerade ästhetisch aussieht.
Fiona ignorierte mich weitestgehend. Wenn ich sie etwas fragte, antwortete sie zwar höflich, aber einsilbig. Also alles genauso wie früher auch.

Fiona versuchte immer wieder, Carsten zur Impfung zu drängen. Er werde ja im Winter schon 60. Da sei das absolut notwendig. Corinna hätte zwar nach der Impfung drei Tage lang ins Krankenhaus gemusst, aber danach ginge es ihr wieder prima, und das sei schließlich viel wichtiger, als auf der Intensivstation beatmet werden zu müssen, oder Longcovid zu kriegen. Und überhaupt sei die Impfung moralische Pflicht und Bürgersolidarität. Auch wenn man dies wohlwollend als Sorge um seine Gesundheit interpretiert, nervte es spätestens beim dritten oder vierten Mal. Und schließlich verlor Carsten dann doch die Geduld und verbat sich die Einmischung. Das sei seine eigene Sache, und er ließe sich nicht von einer verwöhnten, desinformierten Göre, ohne einschlägige Kenntnisse, die niemals etwas für das Gemeinwohl geleistet habe, etwas von Moral und Pflicht erzählen. Er trage genügend gesellschaftliche Verantwortung, und würde für sich persönlich selbst entscheiden, was er zu tun und zu lassen habe.
Johannes kann mittlerweile einigermaßen sicher stehen, wenn er sich nur noch mit einer Hand festhält. Das nutzte Kim aus, und schubste ihn immer wieder um. Fiona schien es völlig gleichgültig zu sein, wie ihr Halbbruder geärgert wurde. Bis Johannes schließlich frustriert weinte. Ich kam zu seiner Rettung und nahm ihn auf den Arm. Carsten forderte Fiona auf, gefälligst zu unterbinden, dass ihr Sohn immer wieder das Baby ärgerte. Aber sie machte keinerlei Anstalten einzugreifen. Also sorgte ich dafür, dass zwischen den Kindern Abstand blieb. Ich lasse es nicht zu, dass mein Kind Spielball für irgendwelche Machtkämpfe wird.

Am Samstag aß Kim einen unserer Äpfel. Danach wollte er unbedingt noch einen, aber es war keiner mehr in der Küche. Also ging ich raus in den Garten, um einen weiteren Apfel frisch vom Baum zu pfücken. Ich war keine drei Minuten weg. Aber als ich zurückkam, hatte Kim sich bereits irgendwelche Kekse in den Mund gestopft und wollte den Apfel nicht mehr. So ein undankbares Kind! Dann eben nicht.
Nach dem Mittagessen ging Carsten mit den beiden Jungen in den Wald spazieren. Fiona sagte, sie wolle sich etwas hinlegen, und ich hatte noch anderes zu erledigen und fördere es immer gerne, dass Carsten und Johannes Zeit miteinander verbringen, ohne dass ich dabei bin. Carsten erzählte später, der Spaziergang sei so anstrengend gewesen. Wenn Kim nicht gerade hinterhertrödelte oder ganz stehenblieb, rannte er in eine völlig andere Richtung weg, und er rüttelte bei jeder Gelegenheit am Buggy herum, so dass Johannes nicht einschlafen konnte. Zwischendurch musste Kim dann ganz urplötzlich und dringend. Carsten erklärte ihm, dass der ganze Wald sein Klo sei, und er solle sich doch einfach vor einen Baum stellen und darauf zielen.

Nachmittags kam Sonja zum Kaffee. [Wir hatten auch Norbert mit Elias eingeladen, um den er sich jetzt doch nolens volens zeitweise kümmert (das ist eine ganz andere Geschichte, über die ich zumindest vorläufig nichts schreiben möchte). Aber jener lehnte ab, da es nicht in seine Zeitplanung passte.]
Jetzt zeigte sich, dass Fiona auch freundlich konnte. Gegenüber Sonja war sie wie ausgewechselt, so herzlich und heiter, dass man sie kaum wiedererkannte. Ich ließ viele Grüße an Lukas ausrichten, der nach Abschluss seines Informatikstudiums Anfang des Jahres angefangen hat, im Prüflabor eines international tätigen Zertifizierungsdienstleisters zu arbeiten.
Kim hatte seinen Kuchen mit den Fingern gegessen. Folglich waren die jetzt verschmiert und klebrig. Also wischte er sie an der Polsterung unserer schönen Kopulationsbank ab.

Abends fragte Carsten, ob Kim Kontakt mit Raphael hätte.
Fiona antwortete: „Die Vaterrolle ist nur eine sozio-kulturelle Erfindung des Patriarchats, durch die Mütter unterdrückt und ausgebeutet werden.“
Ihre Aussage hörte sich wie auswendig gelernt an, und riss mir mit einem Ruck den gerade erst entstandenen Schorf von der Wunde, die mir der Tod meines Vaters geschlagen hatte. Fast noch mehr als als Tochter schmerzten mich ihre Worte als Mutter, der die Bindung ihres Kindes zu seinem Vater enorm wichtig ist. Hätte ich nicht absolutes Vertrauen zu seinem Rückhalt gehabt, hätte ich niemals ein Kind in die Welt gesetzt.
Carsten runzelte die Stirn. Er war verärgert, noch verärgerter als über die nervigen Impfaufforderungen.
„Und wer hat Unterhalt und Erbansprüche erfunden?“, fragte er mit kaum verholenem Sarkasmus, auf den sie nichts erwidere. Schließlich fügte er hinzu: „Wenn du das so siehst, weiß ich nicht, warum du dich überhaupt noch hier blicken lässt.“
Ich hielt es nicht mehr aus, schob die Spitze meines kleinen Fingers zwischen Johannes‘ Mundwinkel und meine Brustwarze, um den Unterdruck auszugleichen, stand auf und gab den etwas verdatterten Johannes an Carsten weiter, bevor ich den Raum verließ.
Was sie dann sonst noch geredet haben, weiß ich nicht, nur dass Fiona später ziemlich kleinlaut war.

Beim Mittagessen am Sonntag hatte Kim einen Trotzanfall, weil Fiona nicht erlauben wollte, dass er noch ein Stück Fleisch bekam. Schließlich gab sie nach unter der Bedingung, dass er auch noch etwas Gemüse isst. Er aß aber nur einen Teil davon und warf dann seinen Teller (zum Glück aus Kunststoff) auf den Boden.
Ich war froh und erleichtert, als Carsten Fiona und Kim wenig später wieder zum Bahnhof fuhr (dank irgendwelcher Baumaßnahmen und Zugumleitungen musste sie schon deutlich früher fahren, als eigentlich beabsichtigt). Als er zurückkam hatten wir wenigstens noch den Rest des Tages für uns.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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25 Antworten zu Die Qualverwandtschaften //2611

  1. Sabrina Seerose schreibt:

    Das hast Du aber sehr beherrscht durchgestanden; das hätte ich vielleicht allenfalls aus Liebe zu meinem Mann auch gekonnt(?).
    Und Carstens klaren Worte hinsichtlich der „verwöhnten, desinformierten Göre, ohne einschlägige Kenntnisse, die niemals etwas für das Gemeinwohl geleistet habe, etwas von Moral und Pflicht erzählen“ bringt es „auf den Punkt“, wenn man sich das (Sozial-)Verhalten ihres Filius anschaut; das „Erziehungs-Produkt“ ist vielsagend!

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  2. Mika schreibt:

    Fiona ist quasi meine Schwester, Tante, Schwiegertochter, Freundin meiner Ex usw.
    Im Mittelalter gab man solche ins Kloster und Ruhe war. Der Hexenwahn in der frühen Neuzeit war wahrscheinlich auch kein Wahn sondern Selbstschutz. Und wir lassen die sich auch noch vermehren. Die macht Kim doch kaputt. Wie soll sich ein Junge in so einer Umgebung gesund entwickeln?
    Ratlos.

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  3. pirx1 schreibt:

    Sehr traurige Klischees.

    Ob Kinder tatsächlich ein Produkt ihrer Erziehung sind?
    Das wäre fatal, weil sich dann ja schlecht argumentieren ließe, warum diese Prinzip nicht gleichermaßen für Kim, aber auch für Fiona gälte.

    Wenigsten erfüllen jedoch so auch die Stokowskis und Wiedemanns der Welt noch einen guten Zweck, wenn sie durch ihren verquasten Männerhass der „Ausbeutung der Patriarchen“ durch die „unterdrückten Frauen“ endlich ein Ende setzen. Fiona lehnt ja dann sicher auch das patriarchale Erbe als „Symbol der Ausbeutung“ konsequenterweise ab.

    So könnte Carsten das Geld weitaus sinnstiftender investieren. Wenn nicht als Geld für Johannes, so könnte eine Investition in rationale Gesundheitsaufklärung doch ein spannendes Thema sein?

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    • Sabrina Seerose schreibt:

      „Ob Kinder tatsächlich ein Produkt ihrer Erziehung sind?“

      Nein, natürlich sind Kinder nicht NUR das Produkt ihrer Erziehung.
      In diesem Fall läßt das mütterliche und kindliche Verhalten aber sehr viele Gemeinsamkeiten zu heute gängigem Verhalten von in ganz bestimmter Weise (V)“erzogenen“ erkennen, die weniger auf die individuelle Wesensbeschaffenheit zurückzuführen erscheinen…

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    • Die Erziehung von Fiona war völlig anders als die „Erziehung“ von Kim.

      Du weißt nicht, wofür Carsten sein Geld „sinnstiftend“ investiert, und welche Projekte er sponsort und unterstützt.

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      • Mika schreibt:

        Anne, frag doch mal, was Carsten mit seinem Geld machen soll. Es soll Leute geben, die wissen das viel besser als du und Carsten. Ich würde ja zu einer Yacht raten. Es gibt nix schöneres für Kinder, als auf einer Yacht im Mittelmeer aufzuwachsen. Wer dir was anderes rät, hat einfach keine Ahnung. Da könnt ihr jede Menge Sinn stiften, wetten?
        Oder ihr gebt einfach alles der Kirche, die haben viel mehr Sinn für Geld, als du es dir jemals vorstellen kannst.
        Oder du folgst dem Rat meiner Oma: selber essen macht satt!

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      • pirx1 schreibt:

        Wie es scheint ist Erziehung wohl weniger eine Frage der Prozess-, als der Ergebnisqualität – da scheint mir die Zufriedenheit mit dem Ergebnis weder bei Kim noch bei Fiona besonders groß zu sein.

        Wie Carsten sein Geld investiert, das weiß ich nicht und das bleibt auch grundsätzlich ganz seine Sache und wurde von mir nicht in Frage gestellt (wie von jedermann der wollte – und konnte – zu verstehen war).

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  4. idgie13 schreibt:

    Schade um das versaute Wochenende. Warum ist sie denn überhaupt gekommen?

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  5. mijonisreise schreibt:

    Sehr schade, das es so unerfreulich war 🙁

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  6. idgie13 schreibt:

    BTW: ich muss bei eurer Familienkonstellation immer an dieses alte Lied „Mein Opa das bin ich“ denken …
    Kennt das noch jemand?

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  7. Leser schreibt:

    Was für eine bedauerliche Person, so ein Leben in Negativität und unbewusster Projektion nach Außen, ohne jemals die Chance zu ergreifen, Verantwortung übernehmen zu können.

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  8. Wo finde ich nochmal die Liste mit allen Personen?

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  9. Plietsche Jung schreibt:

    Fiona repräsentiert die „Göre“ der heutigen Zeit. Der alte weiße Mann hat ausgedient.
    Wenn es denn man so wäre.
    In Wahrheit ist es fehlende oder zu liberale Erziehung und ein Anspruchsdenken, welches eine solche Tochter in ihrer Generation vielleicht noch finanziell rettet, aber dann klar zusammenbricht.

    Fiona ist ein Produkt ihrer Erziehung und ihres Umfelds. Sie kann nichts dafür.
    Trotzdem kann man ihr mal den Marsch blasen und sie fragen, was sie im Leben schon gerissen hat.

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  10. ednong schreibt:

    Es ist schade zu sehen, dass sich manche Leute so gar nicht weiter entwickeln. Ganz besonders, wenn es die eigene Familie betrifft.

    Ich vermute mal, dass sie das Gespräch gesucht hat, um etwas Geld für irgendein Projekt abzustauben. Aber ist nur mein Glaskugelblick in eine schon ziemlich verstaubte Kugel …

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  11. pirx1 schreibt:

    😂 ex post Absicht vorzutäuschen gilt nicht

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  12. Pingback: Mittelbare Neuigkeiten //2616 | breakpoint

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