Cummunikation grano salis //2604

Kommunikation ist kompliziert.
Das trifft besonders für Layer 8 zu.
Missverständnisse kann es immer wieder mal geben – klar. Trotzdem scheint mir, dass es einen bestimmten Typus Mensch gibt, mit dem sich solche Missverständnisse häufen.
Streng nach Hanlon’s Razor will ich denen ja noch nicht einmal Böswilligkeit unterstellen. Diese Leute denken einfach anders. [Erfahrungsgemäß gibt es ein paar Kriterien, an denen man solche Personen mit hoher Wahrscheinlichkeit erkennen kann. Aber diese Kriterien sind eben nur plausible Hinweise oder Indikatoren, und treffen nicht in jedem Fall zu, so dass ich sie hier auch gar nicht nennen werde. Ihr dürft mir genügend Besonnenheit zutrauen, dass ich in dieser Hinsicht aufgeschlossen genug bin, diese Menschen nicht unwiderruflich in Schubladen einzukategorisieren.]

Nun, dieser spezielle Typus, den ich gerade im Sinn habe, beschränkt sich nicht darauf, auf meine Worte zu reagieren, sondern ergänzt diese um irgendwelche ausgedachten Zusammenhänge, die meistens überhaupt nichts mehr mit meiner Intention zu tun haben. Da werden meine Äußerungen in einen rein spekulativen, erratenen Kontext gebracht.
Dann gibt es Unterstellungen, Strohmänner, Derailings, Fehlschlüsse und die Kommunikation driftet zunehmend vom ursprünglichen Thema ab. Ich sehe mich immer weiter im Zugzwang, mich rechtfertigen zu müssen – für etwas, das ich so doch überhaupt nicht gesagt habe. Mag sein, dass ich mich hin und wieder ungeschickt ausgedrückt habe, aber selbst wenn ich jeden einzelnen Satz klarstellen würde, dann käme von den betreffenden Personen wieder ein neuer Schwung solcher Behauptungen. Für diesen zermürbenden Gish-Galopp ist mir meine Zeit zu schade.

Und wenn mir selbst dann einmal eine nachlässige Formulierung durchrutscht, wird die prompt zerhackt, und völlig entstellt und verdreht dargestellt. Es ist wirklich anstrengend, wenn man jedes Wort auf die Goldwaage legen muss, damit es einem nur ja nicht ins Gegenteil verkehrt wird.
So macht das keinen Spaß. Kann man nicht einfach nur ein wenig locker plaudern, ohne dass damit gleich der Anspruch von Wissenschaftlichkeit verbunden wird? Gibt eine Äußerung, die ich rein privat (und auf das Wesentliche verkürzt) tätige, anderen das Recht, mir meine Kompetenzen abzusprechen, nur weil ich nicht in jedem Halbsatz den kompletten Kontext samt Nebenbedingungen und Relativierungen wiederhole?
Wohl gemerkt – nicht meine Statements werden angegriffen, sondern ich als Person und Wissenschaftlerin. Statt sachliche Argumente zu bringen, versucht man, mich zu verunglimpfen. Manche Leute können es nicht ertragen, wenn jemand andere Ansichten hat, und nehmen das übel.

Weder Blog und noch viel weniger Twitter sind geeignete Medien, um Sachverhalte ausführlich, nuanciert und ausgewogen unter Berücksichtigung sämtlicher Nebenaspekte darzustellen. Stattdessen werden sie dort kompakt und prägnant auf die wichtigsten Aspekte verdichtet. Wer kurz formuliert, kann nicht sämtliche denkbaren Implikationen berücksichtigen und mitnennen.
Meine (allgemein formulierten) Aussagen haben nicht den Anspruch 100%-iger Gültigkeit. Bei statistischen Verteilungen bin ich zufrieden mit ca. 80% (das entspricht etwa 1.3 sigma bei der Gauß’schen Glockenkurve) Trefferquote, und weise nicht eigens auf Ausnahmen hin. Es wäre ja zu ermüdend, dazu jedesmal einen ausführlichen Disclaimer zu bringen. Normalerweise verstehen das die Leser auch richtig (d.h. mindestens 80% davon tun es).
Aber jede noch so kleine Unterlassung oder Ungenauigkeit rächt sich, weil sich ganz bestimmt jemand findet, der es als seine Mission betrachtet, mir diesen Schnitzer unter die Nase zu reiben. Ja, ich weiß auch so, dass ich nicht unfehlbar bin. Was sagt es wohl aus, dass die meisten Kritikpunkte irgendwelcher bedeutungsloser Pipifax sind?

Es gibt ein paar Themen, mit denen ich mich sehr gut auskenne, weil ich mich seit Jahren fachlich damit beschäftige. Hin und wieder lese ich Aussagen, die damit zu tun haben, die aber völliger Schwachsinn sind. Meistens gelingt es mir ja sogar, mich zurückzuhalten, weil mir bewusst ist, dass Offenlegung meiner Expertise meine Annenühmität unwiederbringlich aufdecken würde. Es kam aber auch schon vor, dass ich mich dennoch dazu äußerte, um den Blödsinn klarzustellen. Dann wird mir nicht geglaubt, aber ich kann auch keine Belege verlinken (d.h. ich könnte schon, aber das wäre gleichbedeutend mit der Bekanntgabe meiner Identität, und das ist es mir nicht wert).
Zu gewissen anderen Aspekten habe ich zuverlässige Insiderinformationen, wo ich aber absolute Vertraulichkeit zugesichert habe, und diese auch nicht brechen werde.
So darf ich halt nicht erwarten, dass andere Personen mir glauben werden. Ich würd’s ja umgekehrt auch nicht tun. Es ist nur schade um diejenigen, die ich sonst als vernünftig und besonnen kenne, und die leider irgendwo falsch abgebogen sein müssen, und sich dort verrannt haben.

Bei anderen Themen habe ich selbst nur laienhafte Kenntnisse. Wenn ich mich dazu äußere, dann nach bestem Wissen und Gewissen. Einwände dagegen können durchaus berechtigt sein. Mir fehlt aber meist die Zeit, da noch einmal zu recherchieren. Ich bin total mies darin, Quellen wiederzufinden, die ich einmal gelesen habe. Die Schwemme mit Teilwahrheiten, die man auch bei vermeintlich seriösen Quellen findet, macht es nicht leichter.
Rohdaten dagegen sind meist nicht frei zugänglich, und selbst wenn doch, ist der Laie mit ihrer Auswertung, Interpretation und Einordnung weit überfordert.

Es gibt keinen Blödsinn, von dem manche Leute nicht felsenfest überzeugt sind, und von dem man sie nicht abbringen kann. Bestimmt würden auch noch so gut fundierte Belege und seriöse Quellen nichts nützen, wenn sich jemand mal so sehr in eine fixe Idee verrannt hat.
Leider, leider wird Wissenschaft inzwischen missbraucht und instrumentalisiert. Aber gerade wer sich auf die Wissenschaft beruft, muss sich auch Nachfragen und begründeten Gegenargumenten stellen können. Stattdessen wird Wissenschaft als Autoritätsargument genutzt, ohne jedoch dies weiter belegen zu können, und bei Detailfragen keine Ahnung zu haben. Nicht überall wo Wissenschaft draufsteht, ist auch Wissenschaft drin. Allzu oft ist es stattdessen populistische Panikmache unter einem aufmerksamkeitsheischenden Deckmäntelchen, das nur den Anschein von Redlichkeit und Authentizität erweckt, aber keine belastbare Substanz enthält.
Ein Laie kann nicht unterscheiden, ob es sich um seriöse Wissenschaft handelt, oder um Scharlatanerie. Und ja – auch Journalisten, Politiker, Influencer, .. sind praktisch immer lediglich Laien (oft genug dafür mit Beweggründen, die nicht nur auf das Wohl der Allgemeinheit abzielen).

Wenn völlig unspezifische Kritik kommt, in der nicht konkret gesagt wird, um was es denn nun überhaupt geht, kann ich nichts damit anfangen. Sticheleien, subtile Andeutungen und weniger subtile Abwertungen erscheinen eher als Pöbelei denn als ernsthafter Versuch, eine konstruktive Diskussion in Gang zu bringen. Da frage ich mich schon, was der Kritiker damit bezweckt. Erkenntnisgewinn kann es nicht sein, genauso wenig wie auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Viel plausibler ist doch, dass es sich um Stänkerei und Getrolle handelt.
Ich habe ja nun wirklich ein dickes Fell, aber so etwas ist auf Dauer einfach zermürbend. Eigentlich möchte ich mich online doch nur etwas entspannen (und gelegentlich vielleicht auch ein wenig Dampf ablassen).
Man kann sich kaum vorstellen, auf wie viele Weisen ein einfacher Satz missverstanden werden kann.

Solche Angelegenheiten kranken daran, dass unsere Sprache bei weitem nicht eindeutig, sondern ziemlich unklar und verwaschen ist.
Auch einfachste Begriffe tragen in sich eine Semantik, die jeder so interpretieren kann, wie er gerade lustig ist. Und so rutschen manche Diskussionen auf eine Metaebene ab, in der es dann nur noch um Begrifflichkeiten geht.
Sogar unter ganz einfachen Wörtern wie „Stuhl“ stellt sich jeder etwas anderes vor. Der eine sieht einen einfachen Holzstuhl, der nächste einen gepolsterten Sessel, der dritte einen Klappstuhl, wieder ein anderer einen bequemen Drehstuhl, und schließlich findet sich bestimmt einer, der kein Möbelstück im Sinn hat, sondern Exkremente assoziiert.

Oft kann man im Internet Diskussionen verfolgen, in denen um belanglose Hyperfeinheiten erbittert gestritten wird. Sogar wenn die Teilnehmer eigentlich ähnliche Ansichten haben und ihre Argumente durchdacht vorbringen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie leicht gleiche Begriffe ganz unterschiedlich aufgefasst werden und es zu Fehleinschätzungen kommt.

Da lobe ich meine Programmiersprachen. Weder Compiler noch Prozessor deuten irgendetwas hinein, was ich nicht selbst geschrieben habe. Alles völlig eindeutig und klar (auch die Fehler, die unbestritten zu meinen Lasten gehen). Der Computer würde niemals Instruktionen ausführen, die ihm nicht aufgetragen wurden.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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17 Antworten zu Cummunikation grano salis //2604

  1. keloph schreibt:

    vieles davon ist beobachtbar. ich habe in dem zusammenhang mit deinem blog und meinen kommentaren insbesondere das derailing erlebt. und es ist eigentlich müssig, darauf einzugehen, so meine erfahrung. manchmal aber ist es dennoch zumindest interessant, wie sich gedanken entwickeln.

    Gefällt 2 Personen

  2. Mika schreibt:

    Take it easy 🙂
    Das ist das Internet, hier gibt es Leute, die würde man nicht in sein Wohnzimmer einladen. Aber wer ne Kneipe aufmacht, bekommt halt Gäste und nicht alle Gäste sind nett. Kannste nix machen.

    Gefällt 2 Personen

  3. pirx1 schreibt:

    Man wird wohl vor allem dann als Wissenschaftler wahrgenommen und danach beurteilt, wenn man selber als solcher auftritt und nicht explizit kennzeichnet, dass man gerade groben Unsinn von sich geben will. Wenn dann Kritik geäußert wird, so muss man den Disput wohl aushalten.

    Der Papst macht das dagegen genau umgekehrt: Extra für ihn wurde beim Ersten Vaticanum im Jahre 1870 die Unfehlbarkeit eingeführt, wenn er „ex cathedra“ spricht. Seine sonstigen Aussagen können somit auch gehaltvoll sein, müssen aber nicht …

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  4. idgie13 schreibt:

    Den Eindruck, dass Kommunikation komplizierter geworden ist, habe ich auch.

    Jeder versucht jeden in eine Schublade zu pressen und wehe, jemand hat noch eine andere Schattierung, die nicht in das einmal gemachte Gesamtbild passt. Dann kann es schon mal persönlich werden. Dabei ist doch jeder Blogschreiber und -kommentierer auch nur ein Mensch, hat Gefühle, Emotionen, Stimmungen.

    Rechthaberei und Unterstellungen haben sich IMHO auch sehr verbreitet. Auf manchen Blogs mag ich schon gar nicht mehr kommentieren, wenn auf eine kurze, völlig neutrale Verständnisfrage gleich ein Sermon kommt, was ich damit wohl unterstellen / sagen wollen würde. Früher fühlte ich mich da zu Rechtfertigungen genötigt, heute klink ich mich an der Stelle aus. Dafür ist mir meine Zeit echt zu schade.

    Viele kreisen wohl einfach zu sehr um sich selbst (ich nehme mich da nicht aus). Ich für meinen Teil bin einfach leiser geworden und behalte viele Gedanken für mich.

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  5. Leser schreibt:

    Ich sag ja immer, Sprache ist eigentlich ein Wunder. Ein offenes Kommunikationsprotokoll, was 8 Mrd. proprietäre Black Boxen miteinander vernetzen können muss. Das kann einfach nur maximal unpräzise sein…

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  6. Plietsche Jung schreibt:

    Die gefühlte Expertise von Kommentatoren ist riesig und doch meist nicht mehr als angelesenes Laienwissen. Oft auch nur Bullshit.

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  7. Pingback: Tweets vom letzten Sommer //2715 | breakpoint

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