Familienausflug [mit Rückblenden] //2576

Gestern um 5:52 UTC+2 hat der Sommer begonnen. Sonst sind um diese Zeit der kurzen Nächte überall in der Gegend am Wochenende Sonnwendfeuer. Wegen Corona fallen sie schon im zweiten Jahr in Folge aus. Ich vermisse sie nicht. Da sind immer viel zu viele Leute. Ich bleibe lieber alleine für mich, bzw. nur mit meiner Familie zusammen.

Carsten und ich beschlossen, statt nur in der Nähe spazieren zu gehen, wieder einmal einen etwas längeren Ausflug zu machen. Wir hatten uns einen freien Tag ohne geschäftliche Belange wieder mal redlich verdient. Aufgrund der im Tagesverlauf zu erwartenden Hitze wollten wir schon am zeitigen Vormittag los, um zunächst ein Stück mit dem Auto zu fahren.
Als wir geparkt hatten, entschieden wir, den Buggy doch besser im Auto zu lassen. Die Wege waren zu steinig, teilweise Steigungen und Stufen. Carsten würde Johannes tragen. Für ihn kein Problem, auch ohne Tragetuch, zwischendurch könne ich ihn ja auch mal nehmen zur Abwechslung.
Als es bergauf ging, konnte ich bald Carsten’s Tempo nicht halten. Unser Abstand erhöhte sich.

[So ähnliche Geschichten hat mir meine Mutter von früher auch erzählt. Wir sind in meiner Kindheit am Sonntag bei schönem Wetter ja meist in die Gegend gefahren (üblicherweise eine Viertel- bis halbe Autostunde entfernt – bei längeren Fahrten wurde die Wahrscheinlichkeit zu groß, dass es meiner Mutter reiseübel wurde – aber auch innerhalb dieses Radius gab es viele schöne Ziele), haben dann einen Spaziergang gemacht, und sind zum Abschluss in ein Café eingekehrt. Das ist ja alles Touristengebiet, so dass wir etliche nette Cafés kannten, die wir immer wieder gerne besuchten.
Nun ja, viele der Wege sind zwangsläufig steil, felsig und unwegsam. Bei manchen Zielen hat – laut meiner Mutter – mein Vater mich als Kleinkind einfach geschnappt, und ist mich tragend hoch gerannt. Sie musste dann sehen, wie sie hinterherkommt. Déjà vu – wenn auch jetzt aus anderer Perspektive.
So richtig heiß war es da übrigens nie. Sogar im Hochsommer empfahl es sich, eine leichte Jacke mitzunehmen, da es zumindest oben auf den vulkanischen Bergen kühler und immer windig war.]

Es waren nicht viele Leute unterwegs, aber einige halt doch.
Carsten lief vielleicht zehn bis zwanzig Meter vor mir, als uns ein älteres Paar mit zwei Kindern entgegen kam. Sie hatten Carsten bereits passiert, als ich die Frau zu dem kleinen Mädchen sagten hörte: „Schau, das Baby ist auch mit seinem Opa unterwegs.“
Ich glaube nicht, dass Carsten das auch gehört hat. Zumindest erwähnte er später nichts davon. Schon irgendwie paradox, dass er für den Großvater seines Sohnes gehalten wird, aber für den Vater seiner Enkel, wenn er mit denen unterwegs ist. Naja, da sind schon noch ein paar Jahre dazwischen.

Während ich Carsten so hinterher ging, schweiften meine Gedanken weiter ab, und ich erinnerte mich an weitere Begebenheiten in meiner Kindheit.
[Eine Verwandte im Kloster verbrachte jedes Jahr zumindest einen Teil ihres Urlaubs bei uns. Ich nenne sie hier Tante Liese, obwohl das ihrem Deadname entspricht, denn beim Ordenseintritt hat sie ihren Vornamen, nach dem mein zweiter Vorname benannt wurde, gewechselt. Ihr wisst ja, dass ich nichts mit Religion am Hut habe. Trotzdem verstand ich mich gut mit ihr. Wir hatten schließlich noch genügend andere Themen, so dass man nicht über Dinge reden muss, bei denen man unvereinbare Meinungen hat.
In meiner Jugend machten wir fast jedes Jahr zusammen eine Wanderung auf einen nahen Berg. Das dürfte so eine Höhendifferenz von rund einem halben Kilometer gewesen sein. Mir sind drei Wege bekannt. Es gibt einen sehr steilen Pfad (ca. 5 km), einen mittleren Wanderweg (ca. 6 km) und die Straße entlang (ca. 7 km – allerdings mit Autoverkehr). Das sind schon ziemliche Herausforderungen bei mittleren Steigungswinkeln von 4° bis fast 6°, und stellenweise noch erheblich steiler. In manchen Jahren wählten wir die steilste Route, in anderen die mittlere für den Aufstieg. Oben machten wir dann eine Brotzeit, und schauten uns ein wenig im Gipfelbereich um.
[Ich muss zugeben, dass ich als kleines Kind glaubte, da oben sei das Ende der Welt. Wir fuhren (ich war da auch öfters mit meinen Eltern) oder stiegen (das war auch ein beliebtes Ziel für Wandertage in der Schule) immer nur aus einer Richtung den Berg hinauf. Die andere Seite war mir unbekannt, so dass ich annahm, dass es da oben nicht weiterginge. Naja, es ging ja auch nicht weiter nach oben.]
Beim Rückweg gingen wir meist den mittelschweren Weg hinunter, ein- oder zweimal auch die Straße. Der steile Weg belastet die Knie beim Abstieg zu sehr. Das war keine Option. Ein- oder zweimal nahmen wir auch den Bus, der am Nachmittag wieder nach unten fuhr.]

Als Carsten und ich am Gipfel angelangt waren, genossen wir die Aussicht ins weite Land, das BTW deutlich flacher ist als in der alten Heimat. Das Wetter hatte sich etwas eingetrübt, aber das ist immer noch besser, als wenn die Sonne so grell runterknallt. Carsten hielt mit dem einen Arm Johannes, der vergnügt vor sich hin zappelte, den anderen hatte er um mich gelegt.
Und mir wurde deutlich bewusst, wie zufrieden ich mit meinem Leben bin, und wie glücklich ich mich doch schätzen kann – ein großartiger, sexuell kompatibler, zuverlässiger Mann, der mit meinen nerdigen Marotten und sonderbaren Anwandlungen souverän klarkommt, und von mir keine romantischen Gefühle erwartet, weil er ganz genau so prosaisch drauf ist wie ich, sowie ein quietschfideles, fröhliches, kerngesundes Kind, dessen Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit zu beobachten so spannend ist. Hätte mir das jemand vor zehn Jahren prophezeit, hätte ich ihn für verrückt gehalten. Dabei hat mir mein schlampiges Leben damals auch gefallen.
Spontan rutschte es mir heraus: „Es ist, als säßen wir zwei (samt unserem Jonior) schön stabil und sicher in unserem Potentialtopf, den wir nie erreicht hätten, wären wir nicht einfach durch den bergigen Wall durchgetunnelt.“
Carsten lachte: „Dir ist schon klar, dass es nur ein lokales Minimum ist, kein globales.“
„Sicher. Aber es ist weit und breit von allen Minima der höchste Wert, und die Potentialwälle außenrum sind hoch genug für ein stabiles Confinement, innerhalb dessen wir uns frei bewegen können.“
„Dann mach‘ besser keine Tunnelspielchen mehr, Samtpfötchen. Sonst kullerst du runter ins nächste Minimum“, meinte er trocken.

Auf dem Rückweg zum Auto kamen wir an einer Wallfahrtskapelle vorbei.
[Wieder ein Flashback. Mit meinen Eltern war ich sonntags auch gelegentlich an einer Wallfahrtskirche. Ich erinnere mich an einen großen Stein als Außenaltar, auf dem meine Schwester Sabine und ich gerne herumkletterten. Es gibt davon sogar ein paar niedliche Fotos – ich mit offenen Zöpfen, vielleicht 5 Jahre alt, Sabine kleinkindhaft mit Annalenafrisur ..]

Carsten warf Johannes hoch in die Luft, und fing ihn wieder auf. Johannes quiekte vor Spaß laut auf. Die beiden haben ja einen so tollen, vertrauensvoll-unkomplizierten Umgang miteinander.
„Du machst ja ganz schön wilde Bubenspiele mit unserem Filius“, meinte ich amüsiert, „hast du das mit Verena oder Fiona auch so gemacht?“
„Ingrid hätte mich bestimmt nicht gelassen“, erklärte Carsten, „davon abgesehen waren die Mädchen viel zierlicher, wirkten empfindlicher und fast zerbrechlich. Nicht so robust wie dieser unser Zehn-Kilo-Brocken.“
„Kilo was?“, konnte ich mir nicht verkneifen, streng nachzuhaken, „zehntausend Brocken?“. Schließlich sollte er solche Termini präzise und korrekt formulieren.
„Kilogramm, Anny“, antwortete er gelassen, „als ob du das nicht genau wüsstest.“
Gnädig nickend nahm ich seine Korrektur zur Kenntnis, und verzichtete auf weitere Besserwissereien.

Wir fuhren dann wieder ein Stück mit dem Auto, um einen geeigneten Picknick-Platz zu finden. Eine Decke für gewisse Outdoor-Aktivitäten haben wir sowieso im Gepäckraum. Außerdem hatten wir Verpflegung dafür eingepackt.
Das Picknick verlief in angenehm entspannter Atmosphäre, wenn man davon absieht, dass es Johannes gelang, Carsten’s Glas zu erwischen und auf die Decke auszukippen. Zum Glück nur Wasser. Das trocknet rückstandslos.
Später machten wir ein paar Fotos, hauptsächlich von Johannes auf einem zylindrischen Heuballen sitzend. Die Heuernte ist heuer wirklich rekordverdächtig. So viele Ballen habe ich noch nie gleichzeitig gesehen.
Wir überlegten dann, ob wir auf dem Rückweg noch einen Zwischenstopp beim Badesee einlegen wollten. Es könnte dort halt immer nur höchstens einer gleichzeitig schwimmen. Der andere müsste bei Johannes bleiben und auf ihn aufpassen. Ich kann aber nicht oben ohne in Johannes‘ Nähe sitzen, da dieser das sofort als Aufforderung deutet, und dann äußerst hartnäckig sein kann. Und da wir kein Badezeug dabei hatten, war der Textilbereich auch keine Option, so dass wir uns dagegen entschieden.

Als Johannes etwas später schlief, nutzten wir die Ruhe zu einem Stelldichrein.
Auf der Heimfahrt kamen wir in ein Gewitter. Das störte uns aber nicht weiter, da wir sicher in unserem Faradaykäfig saßen.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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4 Antworten zu Familienausflug [mit Rückblenden] //2576

  1. Mia schreibt:

    Ihr habt ja einen Elan, in dieser Hitze mit einem Säugling in der Botanik herumzukraxeln..
    Wir haben uns nur im Garten in den Schatten verkrochen. Es war ja kaum auszuhalten.

    „Ich kann aber nicht oben ohne in Johannes‘ Nähe sitzen, da dieser das sofort als Aufforderung deutet, und dann äußerst hartnäckig sein kann.“
    Seit wann macht es dir etwas aus, wenn dich fremde Leute beim Stillen beobachten können?

    Gefällt 1 Person

    • Es war gar nicht so heiß, wie wir befürchtet hatten, da der Himmel teilweise bedeckt war. Außerdem verlief der Weg großteils im Wald. Da war es angenehm kühl.

      Ob mich fremde Leute beobachten, ist mir in der Tat egal. Das Verhalten des Säuglings, der mich in solchen Situationen unablässig bedrängt, auch wenn ich einfach mal meine Ruhe haben und bequem dasitzen will, dagegen nicht. Die einfachste Lösung ist, mir etwas überzuziehen, denn aus den Augen, aus dem Sinn.

      Gefällt 1 Person

  2. Michael schreibt:

    Meine Frau wurde in der Schule auch immer gefragt, ob sie von ihrem Opa abgeholt wird/wurde. Bei 38 Jahren Altersunterschied aber auch kein Wunder. Die Glatze vom Stahlhelm tat ihr übriges. Es hat übrigens viele Jahre gebraucht, bis meine Frau kapiert hatte, dass ihr Vater aufgrund seiner Behinderung gar nicht „im Krieg“ war.

    Gefällt 1 Person

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