Radiopassiv //2546

In unserer Küche hatten wir ein altes Radio, das ziemlich oft in Betrieb war.
Mein Vater wollte dort Nachrichten hören, bevorzugte dafür aber einen Radiosender eines anderen Bundeslandes, der sich recht gut bei uns empfangen ließ. Manchmal hörten wir auch Bayern 1, aber das gefiel mir gar nicht – Volksmusik und Schlager – bäh!
Gelegentlich besuchten wir eine Tante, bei der gute Musik lief – das müssen meistens so Songs aus den 60er oder 70er Jahren gewesen sein.
Mit zehn oder elf Jahren bekam ich zu Weihnachten einen eigenen Radiorecorder geschenkt. Ich hörte damit gerne Musik. Die Musikauswahl von Bayern 3 gefiel mir und das Programm ließ sich bei uns stabil empfangen.
Einige Jahre später begann ich, gelegentlich AFN zu hören. Am Sonntag Nachmittag kamen immer die American Top 40 (wo ich auch einige Stücke zu hören bekam, die in Deutschland gar nicht veröffentlicht waren).

Jahrzehntelang bin ich Bayern 3 treu geblieben. Inzwischen höre ich es aber nicht mehr über Funk, sondern streame es über Internet. Die Mischung aus Musik, Unterhaltung und aktuellen Nachrichten gefällt mir leider zunehmend weniger. Die Moderatoren sind für meinen Geschmack zu politisch korrekt und auf Linie, beginnen teilweise sogar zu gendern. Ich habe den Eindruck, dass viele Informationen selektiv und einseitig sind. Bis zu einem gewissen Punkt kann ich darüber hinwegsehen, aber die Neuigkeiten die speziell auf mein Bundesland zugeschnitten sind, sind mir halt doch wichtig, um auf dem Laufenden zu bleiben.
Ich habe mal alternativ bei Antenne Bayern vorbeigehört, aber so richtig haben die mich auch nicht überzeugt, zumal es mir sehr schwer fällt, langjährige Gewohnheiten zu ändern.
Dann die Musikmischung .. ja, es gibt immer wieder einzelne Songs, die ich nicht leiden mag, aber im Grunde genommen gefällt mir die Musik schon, bloß werden praktisch gar keine älteren Stücke gespielt. Ich vermisse die Lieder meiner Kindheit und Jugend, oder sogar noch Oldies aus früheren Zeiten. Bei so vielen kenne ich den Text auswendig und kann direkt mitsingen.
Freilich könnte ich mir diese Musik auf Youtube anhören, aber ich will mich einerseits gar nicht selbst um die Musikauswahl aktiv kümmern müssen, wenn ich Musik nur als Geräuschkulisse hören will, zum anderen fehlt mir da die Informationsquelle, und schließlich nervt mich die Werbung dort schon ziemlich.
Radio ist für mich entspannende Hintergrundunterhaltung und in geringerem Maße Quelle für (insbesondere regionale) Nachrichten. Hörbücher, Hörspiele, Podcasts u. dgl. mochte ich noch nie. Auf die Nachrichten kann ich mich mal fünf Minuten lang konzentrieren, aber meine Aufmerksamkeit länger nur darauf zu richten, Information aus akustischen Signalen herauszufiltern, strengt mich schon schnell unangenehm an.

Carsten hört – wenn überhaupt – nur Bayern 5. Da gibt es überhaupt keine Musik. Als er kürzlich Empfangsprobleme hatte, verstellte er die Empfangsfrequenz und landete bei Bayern 1. Bayern 1 hatte ich negativ in Erinnerung, aber jetzt spielten sie gute Musik.
Daraufhin habe ich recherchiert. Tatsächlich kommen auf Bayern 3 praktisch nur noch Songs ab 2000. Die älteren Sachen sind mittlerweile auf Bayern 1, von wo die unsägliche Volksmusik und Schlager auf andere Sender ausgelagert wurden. Warum habe ich die Änderung des Musikangebots nur früher nicht mitgekriegt? Jetzt spielen sie auf Bayern 1 die wunderschönen Klassiker. Ich hatte gar nicht geahnt, wie sehr ich sie vermisst hatte – Songs, die ich seit Jahrzehnten nicht gehört hatte, aber die ich immer noch auswendig mitsingen kann.

Also werde ich jetzt öfter Bayern 1 hören. Das Blöde daran ist, dass man dort praktisch nie neue und aktuelle Hits hört. Ich bräuchte eine Kombination von beidem.
Bei Bayern 1 kann ich sogar einen Stream wählen, auf dem es mehr Informationen gibt, die sich speziell auf die hiesige Region beziehen, u.a. auch Wettermeldungen. Was in München ist, interessiert mich schließlich herzlich wenig.
Bis auf weiteres werde ich abwechseln. Einen Tag so, einen Tag so. Blöd, dass es kein kombiniertes Radioprogramm gibt mit einem ausgewogenen Mix aus alt und neu.
Oder ich switche immer dann, wenn ein Lied kommt, das mir nicht gefällt.



Reminiszenz an Jim Steinman († 19. April 2021)



Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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28 Antworten zu Radiopassiv //2546

  1. keloph schreibt:

    ich höre radio ausschliesslich im auto, die normale kurzfahrt mit radio 21 weil die musik eine für mich gute mischung ist und auf langstrecke, wenn ich alleine fahre, deutschlandfunk. dort gibts es quasi keine musik, nur interssante infos zu themen, nett aufbereitet. lokale nachrichten gibt es bei mir aus der zeitung.

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  2. Mia schreibt:

    Zuhause hören wir immer denselben regionalen Radiosender. Da darf ich auch nichts verstellen, sonst wird der Herr des Hauses sauer.
    Im Auto wechsle ich zwischen 3 – 4 mehr oder weniger regionalen Sendern hin und her. Die Musikauswahl und die Nachrichtendichte ist bei diesen Sendern fast gleich. Meistens lande ich aber immer wieder bei meinem Lieblingssender. Der spielt auch oft ältere Lieder aus den 1970er und 1980er Jahren. Ich habe aber festgestellt, dass das auch auf den jeweiligen Radio-Moderator ankommt.

    PS: The Carpenters höre ich auch sehr gerne. Bonnie Tyler jedoch ist ein Grund zum Senderwechsel.

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    • Meines Wissens wurde früher die Musik-Auswahl von den Moderatoren getroffen, während inzwischen (nicht immer, aber immer öfter) die Auswahl von einem Computer getroffen wird.
      Hängt aber wohl auch vom Sender ab.

      Über Bonnie Tyler’s Stimme kann man in der Tat geteilter Meinung sein. Karen Carpenter singt dagegen mit ruhiger, klarer und glatter Stimme.
      Darauf kommt es mir aber gar nicht an, da ich sowieso drübersinge.

      „Yesterday Once More“ hatte ich hier aufgenommen, weil es die im obigen Text beschriebene Nostalgie sehr schön trifft.
      Die anderen Songs sind zu Ehren von Jim Steinman, der vor wenigen Tagen verstorben ist, aufgeführt, weil ich dessen kraftvollen, dennoch melodischen „Wagnerian Rock“ sehr schätze.

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  3. Sempersolus schreibt:

    Die jugendliche Radiosozialisation hier begann mit den Charts der „Diskothek im WDR“ auf WDR2, die später in „Mal Sondocks Hitparade“ umfirmierte. Der Dienstagabend wurde zum „Jour fixe“, weil man da mit einer Hand an der Pausetaste und gedrücktem Aufnahmeknopf am heimischen Billig-Kassettenrekorder fieberte (Musikkassetten, das waren kleine Minitonbänder im handlichen standardisierten Plastikgehäuse, eine Art früher Vorläufer von CD und MP3, kennt heute keiner mehr 😉 ). Bespielte Kassetten waren unfassbar teuer, kaufte daher kaum jemand, LP, Maxi und Single waren zwar angesagt, aber natürlich war das Mitschneiden von Musik aus Radiosendungen deutlich preiswerter. Problem dabei: Der gute Mal (ein Überbleibsel von Army und AFN aus den 60ern) quatschte besonders gerne in Liedanfang und Ende hinein, dann galt natürlich die ganze Aufnahme als „versaut“.

    Besonders finanzstarke Schulfreunde hatten selbstverständlich zwei Kassetten“decks“ und galten schon deshalb als sehr beliebt. Man mischte aus verschiedenen Aufnahmen oder überspielten Schallplatten selbst zusammengestellte „Sampler“, die man der neuesten Flamme dann (womöglich inkl. mit mühevoller Kleinarbeit entworfenem und gezeichneten „Cover“) zum Angebinde machen konnte. Autoradios waren besonders anfällig für die Produktion von Bandsalat, besonders die preiswerteren aus der „Nicht-Blaupunkt-Liga“ (und wer konnte sich schon ein neues Blaupunktradio mit Cassettenslot leisten?).

    Die Musikauswahl galt dabei als ultimativ kritisch. Deutsche Texte? Erst als die „NDW“ sich Bahn gebrochen hatte, aber auch dann auf keinen Fall „Blümchen“, sondern „Ideal“. Queen, Deep Purple, Toto, ja, Alan Parsons oder Dire Straits, ok, aber schon Abba galt als Kommerz-Mainstream und war damals noch verpönt (auch wenn in den Charts natürlich in Wahrheit alles Mainstream war). Smokie, Supertramp oder Bonnie Tyler rangierten in der „geht gar nicht“ Kategorie. Daneben gab es immer schon eine Parallelwelt mit den „Wildecker Herzbuben“, „Bata Ilic“, „Jürgen Marcus“, „Marianne Rosenberg“, „Cindy und Bert“ und wer auch sonst noch von Dieter Thomas Heck, dem Schutzheiligen der deutschen Schlagerbranche gedeckt wurde. Entziehen konnte man sich diesem als Trash empfundenen Musikstil nicht, die Texte waren zu simpel, als dass man sie sich nicht ganz unfreiwillig gemerkt hätte. Halbwegs hoffähig machte diese Musikrichtung erst viel später die Persiflage durch Dieter Thomas Kuhn oder Guildo Horn. Über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten, jeder hat seinen eigenen.

    Besonders bei Fahrten in südlichere NRW-Gefilde gelang der SWR3-Empfang, Geheimtip unter Nerds vor allem auch der Comedy wegen. Serien wie „Höllentrip bei Feinkost Zipp“ waren, wie später ähnliche Sendungen z. B. von Onkel Fisch („Sataan der Höllenfürst“, „Grillstube Saloniki“) auch bei WDR2 Kult.

    Aus meiner Zeit in München kenne ich noch Antenne Bayern und Bayern III und Radio Charivari und wie sie heißen mögen, ich habe mich da radiotechnisch auch über mehrere Jahre nie zu Hause gefühlt.

    Heute spielt der „Oldie-Sender“ WDR4 erstaunlich viele genau der Songs, die damals in den Charts waren. Das hat aber nichts mit einer wesentlich veränderten Spartenzuständigkeit der Sender zu tun (auch wenn das immer ´mal gewechselt hat), sondern eher mit dem Alter der Klientel. Daneben interessiert mich tatsächlich auch das politische Tagesgeschäft und dafür zuständig ist WDR 5. Einslive bedient die Klientel U20, WDR2 ist ein Mainstream Mix und WDR3 sendet ausschließlich Klassik. Ergo hangele ich mich von WDR5 zu WDR4 zu meiner Playlist oder dem „Sender“, den Apple Musik mir aus meinem Musikportfolio auf dem Handy mixt.

    Quintessenz: „Heimat“ ist da, wo der Empfang des heimischen Radiosenders möglich ist. Bei mir ist das WDR.

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    • Auf Kasette haben ich auch einiges aufgenommen. Die Qualität war aber mies.
      Es gab da IIRC zwei Möglichkeiten, vomRadio aufzunehmen: in dem einem Modus wurde der Radioempfang direkt auf die Kasette aufgespielt, im anderen nahm der Rekorder auf, was er über das Mikrofon registrierte.
      Ich benutzte die zweite Option, weil man bei der ersten selbst gar nicht hörte, was man jetzt genau aufnahm.
      Die schlechte Qualität war mir aber eigentlich egal, weil ich ohnehin selbst mitsang und die Aufnahme dabei übertönte.

      Gefällt 1 Person

  4. idgie13 schreibt:

    Ich höre nur noch norwegisches Radio – da bin ich sicher vor den deutschen Besserwissern, Belehrern und Jammerbarden.

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  5. ednong schreibt:

    Hach ja …
    Hier wechselten vom ÖR 2 auf ÖR 1 die guten Lieder. Meine Eltern meinten damals noch zum „Rentnersender“, der sei prima, alles deutsche Lieder. Tja, war dann irgendwann Geschichte, nun sind es die Oldies, die ich kenne …

    Allerdings finde ich die Nachrichten beim 2. Programm besser als beim ersten – das ist mir zu regional. Aber gut, wir haben auch kein weit entferntes München (bzw. wohne ich dann halt recht nah an der Landeshauptstadt).

    Mal wieder entspannt Radio hören hatte ich lange nicht. Ich hab keine Ahnung, ob das mal wieder was wird gerade.

    Gefällt 1 Person

  6. Plietsche Jung schreibt:

    Was erwartest du? Öffentlich Rechtliche Sender haben einen (Meinungs-)Bildungsauftrag.

    Ich schaue mich gern bei SHOUTcast.Com um und höre zur Zeit gern RTL102.5 aus der Lombardei.

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  7. Leser schreibt:

    Ich höre seit bald 20 Jahren überhaupt kein Radio mehr. Das Dumme Geseier der Moderatoren weckt in mir ganz oft Aggressionen und ich bekomme Gewaltphantasien, will Katzenbabys quälen (sprichwörtlich! Niemals real!) – Musik höre ich eigentlich nur, wenn mir danach ist, und irgendwelches Hintergrundgeplätscher finde ich inzwischen auch nervig, weil es mich vom Konzentrieren abhält. Dementsprechend ist hier praktisch immer Stille, und im Büro genauso.
    Im Auto höre ich auf längeren Fahrten (0,75-1h Pendelstrecke) idR Podcasts, aber da nervt es mich auch schon, dass ich manchmal nichts davon mitbekomme, weil ich mich zu sehr auf den Stadtverkehr konzentrieren muss. Also eigentlich höre ich gar nichts, außer es ist halt eine Tonspur zu einem Video, aber das kann dann ja alles mögliche sein, vom Spielfilm bis zum Youtube-Clip. Da ist es auch ein Unterschied, ob man z.B: EEVBlog oder The Amp Hour Podcast hört, obwohl in beiden Dave Jones spricht…

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    • Es ist schon faszinierend, wie das menschliche Gehirn darauf spezialisiert ist, relevante Information zu entdecken.
      So ignoriere ich das „Dumme Geseier der Moderatoren“ ganz leicht. Aber bestimmte Stichworte lassen mich dennoch plötzlich aufhorchen und aktiv zuhören.

      Ich kann mir eigentlich keine Situation vorstellen, in der ich freiwillig einen Podcast hören würde. Das lese ich entweder (sofern Niederschrift verfügbar), oder ich lass‘ es ganz bleiben.

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      • Leser schreibt:

        Podcasts sind tatsächlich eher sowas wie das Füllen von überflüssiger Zeit. Wenn ich mit dem Auto fahre, was ich sehr gerne tue, dann kann ich nichts nebenbei lesen, und die Informationen aus einem Podcast sind jetzt, wenn auch nicht irrelevant oder uninteressant, aber eben auch unwichtig genug, um sie nicht zu 100% mitzubekommen, bzw. wenn ich ihn nicht hören würde, würde mir auch nichts fehlen, aber es füllt halt einen Leerraum ein Wenig auf. So wichtig, dass ich es zu einer anderen Zeit, wo ich die Möglichkeit dazu hätte, lesen würde, ist das in der Tat selten bis nie – zumindest noch kein einziges mal vorgekommen, soweit ich mich daran erinnere.

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  8. bluemidan schreibt:

    Bayern 1 ist sehr gut geworden, ansonsten kann ich Regenbogen 2 sehr empfehlen

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