Erwerb von Menschenkenntnis und deren exemplarische Bestätigung //2535

Als Nerd habe ich gewisse Defizite, was das richtige Einschätzen anderer Menschen angeht.
Aber durch Übung kann man einiges lernen und Erfahrung sammeln. Ich bin da inzwischen schon deutlich weiter, als ich es früher einmal war, und versuche aktiv, mich weiter zu verbessern.
Freilich besteht ein großer Unterschied zwischen Leuten, die man IRL trifft, und Personen, die man nur online kennt. Im persönlichen Kontakt sieht man Mimik, Gestik, Körpersprache, und per Telefon hört man immerhin die Stimme, und kann kleine Änderungen oder Verzögerungen wahrnehmen. OK – als Nerd hilft das auch nicht so sehr viel weiter.
Da ist es gut, dass die sozialen Medien umfangreiche Übungsmöglichkeiten bieten.
Gerade Twitter ist sehr geeignet, andere User (über längere Zeit) zu beobachten. Voraussetzung ist lediglich, dass sie einigermaßen häufig twittern. Da gibt es mehrere SUTs, die ich zumindest zeitweise beobachtet habe (ohne ihnen folgen zu müssen und ohne zwingende Interaktion), um so meine Menschenkenntnisse zu erweitern.

Ich habe da einige Kriterien gefunden, von denen ich versuchen werde, die wesentlichen zu beschreiben.
Personen, die übertrieben und überschwänglich auf Kleinigkeiten reagieren, waren mir schon immer suspekt. Da wird das Mittagessen oder ein paar neue Schuhe in den allerhöchsten Tönen und Elativen gelobt, gerne mit Herzchen und Unmengen anderer verspielter Emojis sowie animierter GIFs dekoriert. Aber wer sich so schnell begeistern lässt, verliert diese Begeisterung erfahrungsgemäß noch schneller.
Es ist ein ernsthafter Warnhinweis, wenn Personen immer wieder etwas ankündigen, ihre Zusagen aber dann wiederholt nicht einhalten. Klar kann jedem mal etwas dazwischen kommen. Das ist in Ordnung, solange es die Ausnahme bleibt, und mit angemessenem Bedauern kommuniziert wird. Aber wenn mehr Versprechen gebrochen als gehalten werden, dann sollte man von solchen Personen besser Abstand halten.
Auf Twitter ist sehr gut zu sehen, wie jemand mit anderen Personen umgeht. Beantwortet er Replies konstruktiv oder unsachlich? Blockt er alle Kritik und Widersprüche weg? Umgibt er sich nur mit Bewunderern und Ja-Sagern? Veröffentlicht er vertrauliche Nachrichten mit dem Ziel, den Absender vor seiner Fanbubble bloßzustellen? Nutzt er seine Reichweite (sofern vorhanden) zum Schaden anderer? Hetzt er seinen Mob auf Kritiker und wirft sie jenem zum Fraß vor?
Es sollte einem auch zu denken geben, wenn sich die Beschreibung sehr außergewöhnlicher Erlebnisse häuft. Seltene Ereignisse kommen zwar vor, aber eben nur selten. Wenn jemand fast täglich unplausibel anmutende, angeblich selbst erlebte Geschichten erzählt, ist eine gewisse Skepsis angebracht.
Twitter macht es durch die Zeichenbegrenzung schwierig, seine Position nuanciert und ausgewogen darzulegen, und ermuntert zugespitzte, plakative Darstellungen. Trotzdem ist es möglich, seine Meinung nicht holzschnittartig und als absolute Wahrheit pauschaliert kundzutun. Wenn bestimmte Personen dennoch Äußerungen anderer User sezieren, dabei jedes Wort auf die Goldwaage legen, ohne andere Deutungsmöglichkeiten im geringsten zuzugestehen, sollte man jenen gegenüber vorsichtig sein. Insbesondere wenn sie für sich selbst in Anspruch nehmen, den vollen Durchblick zu haben, und keinen Zweifel daran zulassen.
Leute, die wiederholt anders handeln, als sie es selbst immer wieder propagieren, oder sich ganz anders darstellen, als es ihrem wahren (narzistisch-neurotischen) Wesen entspricht, erkennt man nicht auf Anhieb, aber im Laufe der Zeit eben doch. Schon erstaunlich, wie manchmal das Selbstbild so überhaupt nichts mit der Außenwahrnehmung durch Dritte zu tun haben muss.

Bei einem bestimmten Beobachtungssubjekt, bei dem ich längere Zeit, wenn auch nur sporadisch las, kam dies alles zusammen.
Diese Person hatte innerhalb kürzester Zeit eine fünfstellige Anzahl von Followern erreicht. Ich fand sie anfangs noch interessant und cool, aber je mehr ich von ihr erfuhr, desto unsympathischer wurde sie mir.
Ich habe keinerlei persönlichen Bezug zu ihr. Im Grunde ist sie mir gleichgültig. Sie dient lediglich als Beobachtungssubjekt, dem ich weder positive noch negative Aufmerksamkeit verschaffen will, weshalb ich weder Namen noch bestimmte Einzelheiten nenne, noch verlinke, und diesen Text mit Zeitverzug veröffentliche (wenn die betreffende Angelegenheit bereits wieder abgeflaut ist), so dass keine Rückschlüsse auf ihre Identität möglich sein sollen.
Als Wissenschaftlerin versuche ich, empirische Erkenntnisse aus Beobachtungen zu ziehen, was mir in einigem Ausmaß durchaus gelingt. Gerade die Kommunikationsdynamiken mit anderen Twitter-Usern erwiesen sich dabei als äußerst lehrreich. Ich sehe das als Weiterbildung für meine sozialen Skills.

Diese betreffende Person gibt falsche Ratschläge, problematisiert Harmlosigkeiten, beharrt uneinsichtig auf ihrer Meinung, macht Zusagen, die sie nicht einhält. Sie projiziert und überträgt ihre persönlichen Erfahrungen völlig kontextlos auf alle anderen, so als würde jeder Mensch ganz genauso empfinden wie sie.
Sie hat so eine selbstherrliche Art, ist kompromisslos, unbelehrbar, bigott und manipulativ. Ihre Gefolgschaft bejubelte und feierte sie wegen jeder Kleinigkeit. Sie sonnte sich in der Bewunderung, wurde aber schnell pampig, wenn ihr etwas missfiel.
Sie blockte alle, die es wagten, sie zu kritisieren, weg, und behielt nur die Fans und Ja-Sager. Sie nutzte ihre Popularität, um finanziell zu profitieren, indem sie sich von ihren Followern ihren Lebensunterhalt bezahlen ließ (da muss einiges zusammengekommen sein, denn sie konnte sich einige größere Anschaffungen leisten).
Es wird mir immer unverständlich bleiben, wie es solche Personen schaffen, eine große Zahl Anhänger um sich zu scharren, obwohl sie denen keinerlei Substanz zu bieten haben, die über ihre Selbstinszenierung hinausgeht. Sonst benutze ich (im Gegensatz zu ihr) den Begriff „toxisch“ nicht, aber auf das Auftreten dieser Person passt er. Sie ist gefährlich, weil viele ihrer Anhänger völlig unhinterfragt ihre substanzlosen Behauptungen glauben, und wichtige Entscheidungen davon beeinflussen lassen oder gar abhängig machen. Es ist höchst bedenklich, dass so viele Leute auf ihre unfundierten und mehr als fragwürdigen Äußerungen hören.

Innerhalb relativ kurzer Zeit gab es kürzlich einige Vorfälle, in denen frühere Fans berichten, wie sie mit ihnen umgesprungen ist. Von mehreren Seiten kamen durchaus glaubwürdige Vorwürfe ihres teils massiven Fehlverhaltens, die auch von mehreren anderen Personen bestätigt wurden. [Und vor allem passen diese Anschuldigungen haargenau zu dem Eindruck, den ich schon lange vorher von ihr gewonnen hatte.] Das Blatt hat sich gewendet. Sie ist nicht mehr die erhabene Diva. Mehr und mehr Follower wenden sich angewidert von ihr ab. Andere halten noch unverdrossen zu ihr, und leisten ihr Zuspruch.
Ich bin nicht schadenfroh, aber zufrieden, dass sich meine Einschätzung von ihr letztendlich doch bestätigt hat. Ich will ihr nichts Schlechtes, aber es ist nur fair, wenn ihr jetzt die Gefolgschaft wegbricht. Insbesondere diejenigen, die ihr Geld zukommen ließen, werden dies hoffentlich künftig bleiben lassen. Auch wenn sie das als erwachsene Menschen bewusst und freiwillig getan haben, es verschmerzen konnten, und dafür selbst keine Entbehrungen auf sich nehmen mussten, ist bestimmt so ziemlich jede Verwendung des Geldes besser, als damit diese Person zu alimentieren. Vielen Menschen hat sie direkt oder indirekt Schaden zugefügt, wird aber selbst niemals ein eigenes Verschulden oder Fehlbarkeit eingestehen.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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39 Antworten zu Erwerb von Menschenkenntnis und deren exemplarische Bestätigung //2535

  1. Sempersolus schreibt:

    „Sie nutzte ihre Popularität, um finanziell zu profitieren, indem sie sich von ihren Followern ihren Lebensunterhalt bezahlen ließ“

    Das interessiert mich sehr (und das ist dann auch schon das Einzige).

    Was muss ich dafür tun (beachte: Meine Ansprüche sind hoch und meine Lebensführung kostspielig)?

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  2. keloph schreibt:

    meines erachtens bietet gerade twitter einen lupenreinen einblick in die seele der twitterer, da das „schriftliche“ verhalten übersteigernd wirkt, auch das ein mechanismus des mediums, um schwanzlänge (=follower) zu erreichen. leider gibt es dort dennoch einige echte perlen, weswegen ich mich noch nicht verabschiedet habe. ansonsten purer populismus, ablehnenswert.

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  3. lawgunsandfreedom schreibt:

    Ähnlich wie Du nutze ich Twitter um meine social Skills zu trainieren. Da mich IRL die vielen Kanäle, die ich gleichzeitig verarbeiten muß (Augen, Mimik, Gestik, sprachlicher Ausdruck, Betonung, etc.) häufig mal überfordern und ich mich deshalb rein auf den Inhalt der Worte konzentriere (und damit halt öfters mal auf die Nase falle, weil mir wichtiger non-verbaler Kontext entgeht) – fällt mir die Bewertung von „Persönlichkeiten“ auf Twitter erheblich leichter.

    Figuren, wie Du sie beschreibst, sind mir da schon häufiger aufgefallen. Narzisstische, hochmanipulative Persönlichkeiten, die sich eine Herde von Dumpfschafen ziehen und von denen bewundern/anbeten lassen. Das ist für mich wie eine Massenkarambolage. Es ist schrecklich, was da abgeht, aber man kann auch nicht wegsehen.

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    • Wegschauen könnte ich schon, aber ich bilde mir wirklich ein, dass ich dabei etwas lernen kann – und sei es bloß, wie man es nicht machen soll.
      Es ist so faszinierend, welcher Persönlichkeitstyp es schafft, Tausende von Anhänger – fast wie ein Guru – um sich zu scharren, obwohl nichts Belastbares dahinter ist.
      Was macht diese Anziehungskraft, dieses Charisma aus? Das würde ich gerne verstehen. Und warum sind manche Leute für so etwas so sehr empfänglich, andere aber kaum oder gar nicht?

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      • lawgunsandfreedom schreibt:

        Nach meiner Erfahrung folgen die Leute solchen „Promis“ wie Groupies, wohl in der Hoffnung selbst was von dem Glamour oder der Bekanntheit abzubekommen. „Folget der Sandale“ – da gibt’s bändeweise psychologische Abhandlungen über blinde Gefolgschaft.

        Bei Twitter gibt’s bei solchen Gestalten ja auch Goodies in Form von direkter Interaktion und Ansprache. „Gute Follower“ werden belobigt und fühlen sich bestätigt. Das stimuliert das Belohnungszentrum im Gehirn. Sehr low-level primatenhaft, aber ein wirksamer Selbstbetrug.

        Funktioniert aber auch unter intelligenten, gebildeten Leuten (ob auf Twitter oder nicht). Bestätigung, Lob, Unterstützung … das findet man dort auch, ein paar Ebenen höher. Dennoch kann man auch da auf die Nase fallen.

        Mir geht dieses „Gruppengefühl“ allerdings größtenteils ab. Ich kann das intellektuell nachvollziehen, aber „mitfühlen“, „einfühlen“ … das geht nicht.

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  4. Whip it! schreibt:

    O .. well .. äh. Die gute Lina ohn Fehl und Tadel.

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  5. Sabrina Seerose schreibt:

    Ich freue mich für Dich, daß Du als (bekennender) Nerd auch an Deinen Sozialen Kompetenzen arbeitest, und dabei anscheinend auch schon einige grundlegende Erfahrungen gemacht hast, die hilfreich sind, künftige krasse personelle Fehlentscheidungen zu reduzieren.
    Ob Twitter und andere sozial-reduktionistische Plattformen auf Dauer da „gute Lehrmeister“ sein können, wage ich zu bezweifeln.
    Vielleicht sollten sich Diejenigen, die Probleme mit der Komplexität der realen Wahrnehmung haben, sich sukzessive mit der je erlangten Kompetenz an „Kanal-Erweiterungen“ heranwagen…

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  6. Mia schreibt:

    Und dann gibt es noch die, die sich anfangs doch sehr vollmundig und polarisierend auslässt, sich in ihren Äußerungen aber immer weiter relativieren muss, je mehr nach- und hinterfragt wird.
    Da ist die thematisierte Sache, die einen halben Roman wert war, auf einmal gar nicht mehr so wichtig. Das Würmlein windet sich …
    Gerade das finde ich dann besonders drollig. Fast tut sie mir dann leid, weil sie sich doch so viel Arbeit mit der Schreiberei gemacht hat. Woher nimmt sie nur die viele Zeit?

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  7. ednong schreibt:

    Geld scheffeln, hm. Das wäre natürlich auch noch ne Möglichkeit, zumindest die Miete reinzubekommen …

    Also: Wer hat Lust und finanziert mich?
    Kontodaten auf Anfrage.

    Gefällt 2 Personen

  8. Leser schreibt:

    Ach, da kann ich doch auch gleich mal schreiben: Ich nehme Geld immer offen und mit Freuden an! Es wird mir ermöglichen, Dinge anzuschaffen, die mein derzeitige Lebensunterhalt nicht erlaubt, und viel wichtiger, es gibt DIR (=wer auch immer das liest) das gute Gefühl, einem anderen Menschen eine Freude gemacht zu haben! Jaaa! Altruismus!! Lasst uns einen neuen Trend gründen! Ich werde davon nur profitieren!

    Wie bei ednong: Kontodaten auf Anfrage. Gerne auch meine und nicht seine 😉

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