Student gesucht, 3. Runde //2508

Die persönlichen Vorstellungstermine standen noch aus.
Einer der fünf Kandidaten sagte ab wegen Krankheit. Er hätte gerne einen anderen Termin gehabt. Das tut mir ja leid für ihn, aber ich will nicht noch einmal anfangen, sondern die Einstellung endlich hinter mich bringen, zumal ich auch die anderen Bewerber deshalb nicht hinhalten wollte. Wer nicht zur rechten Zeit am rechten Ort ist, den bestraft zuweilen auch ohne eigenes Verschulden das Leben.

Seit wann ist es eigentlich in Mode gekommen, wenige Minuten vor Ankunft zu einem bestätigten Termin noch mal anzurufen, um zu sagen, dass man gleich da ist? Das ist bestenfalls überflüssig, meistens aber eher nervig.
Wenn man absagen muss, oder sich verspätet, gibt man so bald wie möglich Bescheid, aber wenn der Termin fest bleibt, dann sollte man seinen Gastgeber wirklich nicht durch solch einen Anruf belästigen. So etwas stört einfach, weil ich normalerweise die letzten paar Minuten nutze, um mich auf das Gespräch vorzubereiten (ich weiß ja nicht, wie es anderen geht, aber wenn ich innerhalb relativ kurzer Zeit in ähnlichem Zusammenhang mehrere Leute kennenlerne, dann verschwimmt das alles ineinander, und ich habe Schwierigkeiten, sie auseinander zu halten, weshalb es für mich hilfreich ist, vorher noch einmal einen Blick in die Unterlagen über die jeweilige Person zu werfen). Da will ich nicht grundlos rausgerissen werden. Oder ich bin gerade noch anderweitig beschäftigt, und der Anruf unterbricht mich und lenkt mich ab. Je nach Situation erschrecke ich vielleicht sogar, weil ich erst mal annehmen muss, dass etwas dazwischen gekommen ist, oder sonst etwas passiert.
Sofern man den Termin pünktlich einhält, ist ein solcher Anruf unnötig und rücksichtlos.

Ich war mit allen vier verbliebenen Studenten im Entwicklungslabor und ließ sie dort etwas herumwerkeln. Dazu gehört auch, gelegentlich schwere Teile herumzuwuchten. Wenn ich muss, dann schaffe ich das notfalls alleine (zumal für mich entsprechende Arbeitsschutzregelungen nicht greifen). Für einen kräftigen Burschen sollte es kein Problem darstellen, weshalb alle vier das auch mehr oder weniger locker schafften.
[Zu normalen Zeiten findet sich im Labor ja immer jemand, der mal mit anpacken kann. Aber wegen Corona ist Abstandhalten angesagt, so dass sich gleichzeitig nur wenige Personen dort aufhalten dürfen. Das hat mich während der Schwangerschaft manchmal ganz schön ausgebremst, zumal ich Carsten versprochen hatte, die Gegenstände nicht selbst hochzuheben.]

Einer roch nach Zigarettenrauch. Gut, dass ich längst wieder normal riechen kann. Sonst wäre mir das entgangen. Der ist draußen. Ich beendete das Gespräch so schnell wie möglich.
Da waren’s nur noch drei, zwischen denen es mir schwerfiel, mich zu entscheiden. Also gab den Ausschlag, dass mich von ihnen zwei kurz vorher störenderweise angerufen hatten, nur um zu sagen, dass sie gleich da sind.
Den Job für das Praktikumssemester kriegt also der dritte.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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13 Antworten zu Student gesucht, 3. Runde //2508

  1. keloph schreibt:

    eine ungewöhnliche ansammlung von kriterien, aber in dieser sitruation scheinbar sehr passend, da hilfreich. dass jemand anruft, um mitzuteilen, dass er gleich pünktlich kommt, passt in das zeitalter der unverbindlichkeit, welches wir scheinbar gerade durchleben. ich finde das wie du mindestens überflüssig, denn grundvoraussetzung bei einem vereinbarten termin ist, dass beide ihn einhalten. heutzutage scheinbar ein irrglaube.

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  2. sempersolus schreibt:

    Besondere Zeiten erfordern u. U. besondere Verhaltensmaßnahmen. Ich kann mir daher schon vorstellen, dass man sich aktuell vor einem Treffen erkundigt, ob angesichts der geltenden Pandemie ungewöhnliche Abläufe erforderlich sind (z. B. spezielle Zutrittsmaßnahmen). Ich würde das sogar unter „besonders umsichtiges und interessiertes Verhalten“ verbuchen. Aber natürlich kann man sich darüber streiten, ob das ausgerechnet fünf Minuten vor dem Gespräch sein muss. Das wirkt dann schon wieder eher aufgesetzt.

    Nikotinmissbrauch ist auch für mich ein no-go. Wenn der entsprechende Bewerber schon beim Vorstellungsgespräch wie ein Aschenbecher stinkt, dann finde ich das abstoßend und kann mich von diesem Eindruck auch bei der möglichst objektiven Beurteilung der Bewerberqualitäten auch nur noch schwer trennen.

    Rohre, Kessel oder schwere Maschinenteile muss bei uns niemand stemmen, es kommt mehr auf feinmechanische Fähigkeiten an, darum interessiert mich z. B. die Handschrift eines Bewerbers. Da geht es dann aber weniger um Praktikanten, die bei uns nur wenige Tätigkeiten übernehmen können, sondern um ausgebildete Kräfte oder wenigstens potentielle Auszubildende. Die dürfen dann regelhaft für ein bis zwei Tage zum Probebetrieb kommen, denn Teamkompatibilität ist ein essentieller Bestandteil unseres Geschäfts.

    Wenn ich es mir recht überlege: Schon komische Kriterien, die bei mir über den Zuschlag entscheiden.

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    • sempersolus schreibt:

      ps:
      Wenn ich es mir genau überlege, dann sage ich den Bewerbern auch zu wenig über meine Auswahlkriterien, insbesondere, wenn ich sie ablehne.

      Das hat verschiedene Gründe:
      1. ich möchte niemanden grundlos verletzen, zumal wenn es nur eine flüchtige Bewerbungsbekanntschaft ist,
      2. meine Kriterien sind schon ein wenig „g’spinnert“ und ich möchte selbst nicht für verrückt gehalten werden,
      3. bei jeder Bewerbung läuft man als Stellenanbieter durch ein ziemliches Minenfeld an Gesetzen und Regelungen (AGG, etc.), da ist es hilfreich, wenn man möglichst wenig konkret bleibt.

      Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, dass ich so manchem Bewerber damit auch die Chance nehme, aus seinen (vielleicht nur vermeintlichen) Bewerbungsfehlern zu lernen.

      Andererseits nehme ich ihm auch die Gelegenheit, sich in Zukunft arglistig nur so lange zu verstellen und zu maskieren, bis er die Stelle hat.

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      • Es ist auch gar nicht üblich, dem Bewerber die Gründe zu nennen.
        Zum einen – wie du selbst schreibst – läuft man Gefahr, dann verklagt zu werden.
        Und selbst wenn nicht, hat niemand Lust sich auf eine eventuell längere Diskussion mit dem abgelehnten Bewerber einzulassen.

        Der kriegt nur die Info, dass wir uns für einen anderen Bewerber entschieden haben (je nach dem vielleicht noch, dass es eine schwierige Entscheidung war), und wir ihm aber alles Gute für die Zukunft wünschen.

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    • Die Abläufe hatten wir ja bereits ein bis zwei Wochen vorher bei einem Online-Meeting besprochen.
      Das war noch aktuell. Hätte es Änderungen gegeben, wären die Kandidaten selbstverständlich rechtzeitig per Mail informiert worden (auch das war kommuniziert worden).

      Hätte es zu wenige Bewerber gegeben, wären das Rauchen und die überflüssigen Anrufe kein KO-Kriterium gewesen. Aber wenn ein Konkurrent zumindest in diesen Punkten besser ist, dann kriegt er den Zuschlag.

      Was die Teamkompatibilität betrifft, stimme ich dir absolut zu.
      Vielleicht gibt es ja sogar Betriebe, in denen man noch einen Bestätigungsanruf erwartet. Dann passen solche Bewerber besser zu denen.

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  3. Mia schreibt:

    Die vier Bewerber hatten demnach die gleiche Eignung oder auch Qualifikation (wenn man bei Studenten überhaupt von irgendeiner Qualifikation sprechen kann)?
    Du hast schlussendlich aus persönlichen bzw. Sympathie-Erwägungen deine Entscheidung getroffen. 👌
    Good luck!

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    • Ja, die Qualifikation (Studienfach, -dauer, Noten, ..) waren alle recht ähnlich. Unterschiede im Detail glichen sich an anderer Stelle wieder aus.

      Freilich ist Sympathie wichtig. Wer hier arbeiten will, muss in das Umfeld passen und mit mir zurechtkommen.

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    • sempersolus schreibt:

      Natürlich ist Sympathie ein ganz wesentliches Entscheidungkriterium. Will ich jeden Tag in den Laden kommen und ein (auch noch von mir selbst ausgewählter) Mitarbeiter giftet oder ödet mich an? Ich bin der Chef, schlimm genug, dass andere mit meinen Launen zurechtkommen müssen, da braucht’s das nicht noch umgekehrt.

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  4. Plietsche Jung schreibt:

    Ich finde, du hast das genau richtig gemacht. Fachlich selektiert und dann kamen halt die Softskills zum Tragen. Und da hapert es heute bei vielen Menschen. Anstand, Fokus und keine übertriebenen Anwandlungen. Sachliche Sauberkeit. Basta.

    Nun kommt es auf die Probezeit an. Viel Glück und ein gutes Händchen.

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