Kein Nachtrag //2491

Das Verhältnis zu meiner Mutter ist immer noch recht angespannt.
Ich muss mir wirklich vergegenwärtigen, was sie in der Vergangenheit alles Gutes für mich getan hat.
Sie hat mich von klein auf aufgezogen, mir zu essen gegeben, dafür gesorgt, dass ich immer saubere Kleidung (aus der ich ruckzuck herausgewachsen war) hatte, mir niedliche Frisuren gemacht, meine Haare nach dem Baden geflochten, damit sie schön lockig wurden, .. und vieles dergleichen mehr.

Gestillt hat sie mich nur sechs Wochen lang, weil ich danach angeblich einfach nicht mehr an die Brust wollte. Daran erinnere ich mich nicht mehr, kann es auch nicht nachprüfen, aber wenn sie es sagt, wird es schon stimmen.
Als kleines Kind hat sie mir so viel vorgelesen. Ich mochte besonders die rhythmischen Reime von Willhelm Busch.
Ich saß so gerne auf ihrem Schoß, und diktierte ihr manchmal kleine Geschichten, die sie in ein Heftchen niederschrieb.

Früh ist sie eine halbe Stunde vor mir aufgestanden, damit ich am Morgen wenigstens einen heißen Tee trinken konnte, wenn ich sonst schon kaum Appetit hatte, bevor ich zur Schule aufbrach.
Beim Kochen hat sie immer meine Vorlieben berücksichtigt. Wenn es mal etwas gab, das ich nicht mochte, achtete sie darauf, dass es für mich eine Alternative gab. Beispielsweise backte sie einen Teil des Apfelstrudels extra für mich ohne Rosinen, oder ließ auch auf dem Käseblooz einen Bereich rosinenfrei.
Wenn ich später während Studium oder Beruf heimkam, kochte sie speziell meine Lieblingsspeisen.
Unzählige Male hat sie abends für mich, wenn ich noch Hunger hatte, noch etwas Warmes gekocht. Sie hat immer darauf geachtet, dass meine Lieblingsnaschereien und -Snacks vorrätig waren. Wie oft hat sie mir vom Bäcker bestimmtes Gebäck mitgebracht, nur weil ich es gerne aß.

Wenn ich etwas für die Schule brauchte, tat sie, was sie nur konnte, um mir dieses zu besorgen oder mich sonst dabei zu unterstützen. Von den ersten Grundschuljahren abgesehen, konnte sie mir aber nicht helfen. Ich hätte das auch nicht gebraucht.

Sie wurde es nicht müde, meine ersten Strickversuche wieder in Ordnung zu bringen, und verhederte Wolle aufzutröseln.
Sie hat mit mir in der Freizeit gebastelt und Karten gespielt (meine Schwester hat auch meistens mitgespielt, während mein Vater nur selten zu überreden war). Eine Zeitlang lösten wir gerne gemeinsam Kreuzworträtsel.
Dann ist mir noch eingefallen – eigentlich ist das nur eine Kleinigkeit, aber es hat mir viel bedeutet: Die Samstagsausgabe unserer Tageszeitung enthielt damals eine Seite für Kinder. Dabei gab es immer auch zwei sehr ähnliche Zeichnungen, die sich aber in zehn kleinen Fehlern voneinander unterschieden. Meine Mutter und ich haben jedesmal diese Unterschiede abwechselnd gesucht.
Oder wie wir zusammen Heidelbeeren sammelten. Mir war nach spätestens zehn Minuten langweilig, und nach einer halben Stunde tat mir der Rücken weh. Aber meine Mutter pflückte trotz zweier quengelnder, ungeduldiger Kinder unermüdlich weiter. Wie ich damals ihre Ausdauer bewunderte.
Wie wir uns einmal im Wald verliefen. Wie sie sich um mich kümmerte, wenn ich krank war. Wie sie aufgeschlagene Knie versorgte. Wie sie mir beim Nasenbluten half. Wie sie klaglos die Bettwäsche wechselte, wenn mich nachts Tante Irma überrauscht hatte.

Noch unzählige kleine Begebenheiten fallen mir ein, in der sie mich unterstützte und mir beistand. Für den Kontext, um sie hier zu beschreiben, müsste ich jeweils weiter ausholen. Das werde ich jetzt nicht. Es genügt, dass ich mich selbst wieder daran erinnere, und mit der Erinnerung zunehmend mein Groll schwindet .. schwindet .. schwindet ..
Ich will die Verärgerung nicht mit ins nächste Jahr nehmen.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Antworten zu Kein Nachtrag //2491

  1. keloph schreibt:

    das ist gut so. mein vater war wichtig in meinem leben, weil er mein denken und handeln geprägt hat, meine mutter hat sich gekümmert. im wortsinn, und tut es heute noch. sie ist weit weg, aber immer in meinen gedanken. sie ist wichtig, weil sie mutter ist. und chefchen braucht das genauso wie du und ich und alle anderen. groll sollte nur anlassbezogen auftauchen und wieder verschwinden. ein guter vorsatz für das neue jahr. damit wird es ein wenig besser.

    Gefällt 2 Personen

  2. Sabrina Seerose schreibt:

    Als Menschen sind wir alle nun mal nicht „unfehlbar“. Und so finde ich es eine gute Bewältigungs-Strategie von Dir, Dir die vielen positiven Eigenschaften und Verhaltensweisen Deiner Mutter wieder bewußt zu machen.
    Wenn sie dereinst nicht mehr lebt, wirst Du damit und vor allem mit Dir und Deinen eigenen Verhaltens-Reaktionen besser „abschließen“ können, als so manche, die dann daran nichts mehr ändern können…

    Gefällt 2 Personen

  3. Danke. Der Beitrag hat bei mir auch gleich diese wohlige Erinnerung an viele kleine Kindheitsmomente geweckt. Ich bin nun voller Dankbarkeit für meine Eltern, egal wie es gerade zwischen uns steht. Und ich erinnere mich daran, dass ich als Mutter die Beziehung zu meinen Kindern über die vielen Kleinigkeiten präge. Danke.

    Gefällt 2 Personen

    • Sabrina Seerose schreibt:

      Mir geht es ebenso! Und auch ich bin sehr glücklich und dankbar für meine Kindheit, die mir meine Eltern ermöglicht haben, und die Erfahrung vom Umgang mit Geschwistern. Ich bin davon überzeugt, daß unser menschliches Miteinander im weiteren Leben und letztlich unser Lebensglück ganz entscheidend in unserer Kindheit geprägt werden. Da darf man sich wirklich glücklich schätzen, wenn man diesbezüglich auf schönen Kindheitserinnerungen aufbauen kann.
      Als Kind konnte ich mir gar nicht vorstellen, wie es dazu kommt, daß andere Kinder so gespannte Beziehungen zu ihren Eltern hatten. Ich habe immer wieder erlebt, daß aber auch deren weiteres Leben von diesen Spannungen geprägt war und ist.

      Gefällt 2 Personen

    • Es ist schon irgendwie seltsam, dass es gerade diese unzähligen Kleinigkeiten sind, die das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ausmachen.
      Ich versuche mich daran zu erinnern, wenn mein Kind mal wieder anstrengend ist, aber auch in den schönen Momenten, die hoffentlich länger in der Erinnerung bleiben.

      Gefällt 2 Personen

  4. Mia schreibt:

    Deine Mutter hat alles getan, was eine gute Mutter eben ausmacht.
    Vielleicht solltest du ihr genau diese Zeilen persönlich auch mal sagen. Und wenn du es nicht so mit „persönlich“ hast, dann schreibe ihr einen schönen Brief als deinen ganz persönlichen Neujahrsgruß.
    Du solltest ihr die Sache mit der „Taufe“, die keine war, nicht nachtragen. Vergegenwärtige dir immer, da sie ja auch nicht mehr die Jüngste ist, dass man nicht im Streit auseinander gehen darf. Es könnte endgültig sein.

    Gefällt mir

  5. mijonisreise schreibt:

    Eine sehr schöne Sammlung an positiven Dingen. Ich hoffe, dein Groll verschwindet dadurch tatsächlich.
    Kommt gut ins neue Jahr 🍀

    Gefällt 1 Person

  6. Plietsche Jung schreibt:

    Blut ist dicker als Wasser oder auch: Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht.
    Akzeptiere es besser wie es ist, es gibt nur eine Mutter.
    Guten Rutsch, Anne.

    Gefällt 1 Person

  7. Pingback: Jahrestweechsel //2585 | breakpoint

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.