Sexismus im Kindergarten //2441

Eines der letzen Gespräche mit Sophie und Niklas habe ich noch aufgeschrieben. Es ist schon eine Weile her, so dass mich mein Gedächtnis teilweise bei der Rekonstruktion im Stich gelassen haben könnte, aber zumindest so ähnlich lief es ab.

Normalerweise vertragen Sophie und Niklas sich gut, und spielen auch gerne zusammen. Einmal jedoch waren sie trotzdem in Streit geraten, und im Begriff handgreiflich zu werden.
Niklas hob die Hand, offenbar mit der Absicht, Sophie zu schlagen, zögerte aber dann doch und hielt inne.
„Du traust dich nicht,“ provozierte ihn Sophie weiter.
„Ich trau‘ mich schon, aber im Kindergarten haben die Erzieherinnen gesagt, dass man Mädchen nicht schlagen darf.“
Ich war auf dem Weg zu ihnen, um einzugreifen, und fragte Niklas, ob man denn Jungen schlagen dürfe.
„Da sagen die Erzieherinnen nichts.“
„Und warum meinst du, darf man gerade Mädchen nicht schlagen?“
„Naja“, überlegte er, „die sind so viel schwächer und empfindlich.“
„Ha!“, rief Sophie, „als ob ich schwächer wäre als du!“ In der Tat hat sie sich von ihrer schweren Krankheit gut erholt, und die fast drei Jahre, die sie älter ist als Niklas, geben ihr einen deutlichen Vorsprung.
„Findet ihr es fair“, fragte ich beide, „dass man Mädchen nicht schlagen darf, aber Jungen schon?“
Während Niklas noch überlegte, schüttelte Sophie heftig den Kopf.
Wir kamen überein, dass man überhaupt niemanden schlagen darf, außer in Notwehr, wenn man selbst angegriffen wird.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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28 Antworten zu Sexismus im Kindergarten //2441

  1. sempersolus2 schreibt:

    Glückwunsch. Diese Erkenntnis haben die Lütten jetzt also schonmal einer ganzen Reihe anderer Leute (sog. „Erwachsener“ in teilweise grotesk mächtigen Positionen) voraus. Ob die im Sandkasten niemand so aufgeklärt hat?

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  2. mijonisreise schreibt:

    Hauen, schlagen, kneifen, spucken, Haare ziehen und sämtliche „bösen“ Worte haben wir den Kindern geschlechtsneutral verboten. Die Liste musste erweitert werden und das gesamte Spektrum umfassen, weil man sich sonst damit konfrontiert sah, das man eben diese eine Handlung nicht verboten hatte (kleine Wortakrobaten 😁)
    Der damalige Kindergarten, bzw. die Erzieherinnen änderten ihre Aussagen auch erst, nachdem man sie darauf aufmerksam machte. Ähnlich dem Bild, das raufende Jungs „normal“ seien und mehr oder weniger akzeptiert wurden, raufende Mädchen aber getadelt. Da liegt echt noch viel Arbeit vor den Leuten, solche Rollenbilder abzulegen.

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    • Was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt. 😈

      Wobei man zugestehen muss, dass Jungen im Mittel einen stärkeren Bewegungsdrang als Mädchen haben.
      Dies und anderes wird ihnen dann spätestens in der Schule zum Nachteil, weil diese besser auf die Bedürfnisse von Mädchen ausgerichtet ist.

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      • sempersolus2 schreibt:

        Aus einem Lehrfilm für Sprachphilosophie und Bias psychologischer Tests, 1960

        „Och guck, der kleine Donald und der kleine Vladimir, wie süß die raufen.“ – „Tja, Jungen haben nunmal im Mittel mehr Bewegungsdrang als Mädchen, schau ‚mal, wie brav die kleine Angela dagegen in der Laborecke mit den Elektronen spielt.“

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  3. Plietsche Jung schreibt:

    Was in der Kindheit nicht ausgelebt wird, bricht dafür im Erwachsenenalter umso massiver aus. Die Uniformität der Geschlechter ist ein Idealismus, den es in der Natur nicht gibt.

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    • sempersolus2 schreibt:

      Keine Rivalitäten vermittels körperlichen Einsatzes auszutragen ist auch ein Idealismus, den es in der Natur nicht gibt. Erstaunlicherweise ist das aber in der Natur übrigens eine geschlechterspezifische Eigenschaft, sogar die Mittel dazu (Hörner, bunte Federn, unterschiedliche lange … Gliedmaßen) werden von Mutter Natur bisweilen geschlechterspezifisch verteilt.

      Andererseits stellt sich die Frage, ob allein die Anwesenheit in einem Sandkasten mehr als in einem Boxring oder im Ehebett schon rechtfertigt, dass man den kompletten interindividuellen Umgang von Menschen wieder auf reine Naturgesetze umstellt.

      Vielleicht also doch: Dat Tanja hauen – völlig ok, wenn sie dä Pitter dafür anne Haare ziehen darf?

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      • Plietsche Jung schreibt:

        Naja, kindliche Schläger will man auch nicht, aber eine kleine Klopperei bei ähnlicher Größe oder Alter hat noch niemandem geschadet.

        Der Mensch fühlt sich der Kreatur überlegen und meint, moralisch einwandfrei zu werden/zu sein. Ein Irrtum, den die Realität bald revidiert.

        Wenn der Wohlstand hingerichtet ist (Krieg, Fall der Industrien, Masseninvasion) gilt wieder das Faustrecht. Dann dürfen sich die weinerlichen und lebensuntüchtigen Weltretter an Muttis Rockzipfel ausheulen.

        Wir sind auf einem guten Weg dahin.

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  4. Sören schreibt:

    Wie sollen sie lernen, die innere Hemmschwelle, Gewalt auszuüben, zu überwinden? Doch wohl bei kindlichen Raufereien.

    Und wie soll Sophie Respekt gegenüber Jungen und Männern entwickeln, wenn die eine Sache die Respekt erzeugt (d.h Androhung körperlichen Unwohlseins) ins nichts abgemildert wird?

    Das ist mein erster Kommentar hier, ich lese aber den Blog seit einer Weile.

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  5. SG schreibt:

    Es muss irgendwo um das Jahr 1990 gewesen sein. Ich war Kind. Da kommt eine meiner Schwestern an: „Gell, Frauen schlägt man nicht?'“ Ja“ Da habe eine ‚Schelle‘ sitzen gehabt (nicht körperlich schlimm) „Frauen schlägt man nicht!“ Ich total irritiert ‚Ähhh‘. Die nächste versuchte Backpfeife. „Frauen schlägt man nicht!“ Danach bin ich doch handgreiflich geworden.. Meine Schwester hat nach der Geschichte nur einen sehr milden Tadel erhalten – nachdem meine Eltern gelacht haben.

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    • Es wäre interessant für die Einordnung, wie alt du und deine Schwester damals wart.

      Aber klar, es werden sich immer Personen finden, die solche „Regeln“ gezielt ausnutzen.

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      • SG schreibt:

        Keine Ahnung wie alt ich war. Kind / Teeme oder so. Aber die Reaktionen der Erwachsenen war auch nicht pralle. Auch wenn ich in vielen Situationen mit dem Zeitgeist argumentiere (z.B. Einen Wissenschaftler aus dem 18 Jahrhundert seine Leistungen abzuerkennen weil er auch eine Frau zuhause hatte die für Ihn gekocht und geputzt hatte.. Nein.. ) Aber so lange nach der Gleichberechtigung so etwas?

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      • Ich schreibt:

        „Aber klar, es werden sich immer Personen finden, die solche „Regeln“ gezielt ausnutzen.“
        „‚Du traust dich nicht‘, provozierte ihn Sophie weiter.“
        qed

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        • Ich glaube nicht, dass Sophie dieses Mädchenschlagverbot in diesem Augenblick bewusst war.
          Dagegen war ihr bestimmt klar, dass sie ihrem jüngeren Bruder körperlich deutlich überlegen ist.

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          • Ich schreibt:

            Nein, bewusst sicherlich nicht, aber gezielt != bewusst.
            Natürlich kann es sein daß hier ein „Wirst schon seh’n wie’s dir bekommt“ dahintersteckt, das kann ich von hier aus nicht beurteilen.
            Ich habe aber nur allzu oft mitbekommen wie unter dem Schutz des „Mädchen/Frauen schlägt man nicht!“ das männliche Gegenüber bis zur Weißglut provoziert wurde – und darüber hinaus.
            Das ist einfach ein Verhalten das schon in ganz jungen Jahren funktioniert, also wird es weiter betrieben ohne sich dessen überhaupt bewusst zu werden.
            Im Fall Tugce hat ja auch keiner gefragt warum sie den Schläger nicht einfach in Ruhe gelassen hat nachdem die Angelegenheit zumindest für ihn erledigt war.

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