Math and the Country //2435

Als ich zu Besuch bei meinen Eltern in der alten Heimat weilte, war ich an einem Abend bei Kathrin eingeladen.
Kathrin trifft sich immer noch einmal im Monat reihum mit einigen früheren Schulfreundinnen, die noch in der Gegend wohnen. Diesmal war (zufällig?) sie dran. Als wir telefonierten, meinte sie, dass es doch eine großartige Idee sei, wenn ich ebenfalls kommen würde. Ich hatte eigentlich keine Lust, wollte lieber die Abende in aller Ruhe und entspannt auf dem Sofa verbringen. Aber Kathrin gab nicht auf, rief mich täglich wieder an, um mich für dieses Treffen zu begeistern, was es doch für einen Spaß machen würde, bis ich schließlich zermürbt nachgab.

Teilweise stimmte Kathrin’s Freundeskreis in der Schulzeit mit dem meinen überein, teilweise auch nicht. Wie auch immer – die anderen Frauen waren mir noch aus der Schulzeit halbwegs bekannt.
Aber – du meine Güte! – was sind die alle alt geworden! Liegt es an meiner subjektiven Wahrnehmung, oder ist die Zeit mit meinem Aussehen tatsächlich großmütiger umgegangen? Ganz ohne ein paar graue Haare und ein paar Lachfältchen habe ich die Jahrzehnte auch nicht überstanden, aber ich bilde mir ein, noch ohne weiteres für Ende 20 durchzugehen.
Ganz besonders erschreckte mich eine der früheren Mitschülerinnen. Sie war damals wirklich hübsch gewesen, vielleicht das umschwärmteste Mädchen des Jahrgangs, hatte immer wieder neue Orbiter. Aber mittlerweile ist von ihrer Attraktivität nichts mehr übrig. Sie ist stark gealtert und ziemlich dick geworden. Da nützen auch die gefärbten Haare und die auf jugendlich gestylte Frisur mit Undercut nichts [eher im Gegenteil].

Eine andere der damaligen Mitschülerinnen hat Medizin studiert und arbeitet jetzt in einer Klinik in der Nähe. In unserer Schulzeit ist sie niemals über solides Mittelmaß hinausgekommen. Jetzt ließ sie keine Gelegenheit verstreichen, zu erwähnen, dass sie Ärztin sei und promoviert.
Irgendwann nervte das sogar Kathrin, der es plötzlich einfiel, darauf hinzuweisen, dass ich vor zwei Jahren ebenfalls promoviert habe. Daraufhin wollten alle wissen, worüber. Keine hatte damals Mathematik-Leistungskurs. Ihre MINT-Bildung beschränkt sich auf bestenfalls etwas Biologie. Hätte ich ihnen gesagt, dass sie es eh nicht verstehen werden, hätten sie es mir vielleicht nicht geglaubt, oder wären gar beleidigt gewesen. [Was z.B. Medizinstudenten im physikalischen Grundpraktikum machen müssen, ist höchstens auf dem Niveau: „Mischen Sie x ml Wasser mit y ml Alkohol, und notieren Sie das Volumen der Mischflüssigkeit.“]
Also bat ich Kathrin um einen Zettel Schmierpapier und einen Stift, um grob ein paar Formeln und Visualisierungen aufzuskizzieren. Wie erwartet, kapierten sie nichts. Aber möglicherweise tat es ihnen ganz gut, mal die eigenen harten Grenzen aufgezeigt zu bekommen.

Die Mütter unter meinen ehemaligen Mitschülerinnen versuchten sich mit Schauergeschichten über ihre Entbindungen und Wochenbetten gegenseitig zu übertrumpfen. Warum macht man so etwas (in Anwesenheit einer Hochschwangeren)? Das werde ich wohl nie verstehen. Und selbstverständlich hatten angeblich alle einen viel dickeren Bauch gehabt als ich jetzt.
Das Thema verlagerte sich endlich auf die (sofern aktuell vorhanden) Ehemänner oder Lebensgefährten. Die Gesprächsbeiträge waren eine merkwürdige Überlagerung aus Schwärmerei für den jeweiligen Göttergatten und Lästerung über denselben.
Ich hielt mich zurück, weshalb sich Kathrin wohl bemüßigt sah, mich mit in die Unterhaltung einzubinden. „Isser jedz eichendlich scho sechzich?“, fragte sie an mich gewandt.
„Noch lange nicht.“ Anderthalb Jahre sind eine lange Zeit. Bis dahin hat unser Nachwuchs voraussichtlich bereits seine ersten Schritte gemacht.

Ich fuhr schließlich mit dem (nur noch selten benutzen – aber das wäre fast schon wieder eine andere Geschichte) Auto meines Vaters, das ich mir ausgeliehen hatte, wieder zurück zu meinem Elternhaus.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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20 Antworten zu Math and the Country //2435

  1. sempersolus2 schreibt:

    Mein erster und letzter und damit einziger Aufenthalt auf einem Klassentreffen betrug aus vergleichbaren Gründen (unsägliche Strunzerei) genau vier Minuten. Schneller konnte ich das Bier leider nicht herunterkippen. Seitdem war ich nie wieder auf so einer Veranstaltung und eigentlich wäre doch das 35. Abiturjubiläum angesagt. Einladungen kommen oft und ungefragt, nur kann ich da nie, ich bin wohl zu oft verreist.

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  2. keloph schreibt:

    ich konnte den beitrag ganz normal lesen, er war in meinem reader und eine email bekam ich auch. klassentreffen hatte ich nie, es gab nur einmal ein abijahrgangstreffen, das so blöd war, dass ich mir schwor so etwas nie wieder in meinen kalender zu nehmen. alles andere beschriebene ist standard, wenn gleichaltrige in dieser generation zusammentreffen. die themen verschieben sich mit dem alter, aber die gesprächsdynamik bleibt immer ähnlich.

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  3. blindfoldedwoman schreibt:

    Alterungsspuren sind zum großen Teil genetisch bedingt. Ich gehöre auch zu den Glücklichen, die fast keine Falten und graue Haare haben. Andere erwischt es schon mit Ende 20.
    Braucht man für das Medizinstudium keinen NC? Oder ist sie dafür ins Ausland gegangen?

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    • sempersolus2 schreibt:

      Früher gab es noch Wartezeitsemester und Tests, die die prinzipielle Eignung zum Arztberuf herausfinden helfen sollten und mit einem Studienplatz belohnten. Das hat man mittlerweile abgeschafft. Stattdessen bekommt man diese Belohnung jetzt z.B., wenn man dem „Orden der Armen Landärzte von Laschets Gnaden“ betritt und drei Gelübde ablegt: blinder Gehorsam, ewige Armut und das Dritte fällt mir gerade nicht ein und war wohl auch nicht so wichtig wie die Armut, die auf jeden Fall. Irgendwas wie ausgeprägte Dummheit oder so …

      Gefällt 2 Personen

    • Da fragst du mich was ..
      Aber Zulassungsbeschränkungen können meines Wissens außer über Notenschnitt auch über Wartezeit, Losverfahren, oder was weiß ich erfüllt werden.
      Keine Ahnung, wie das damals bei ihr konkret war.

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  4. Mia schreibt:

    „Warum macht man so etwas (in Anwesenheit einer Hochschwangeren)?“
    Aus dem gleichen Grund, aus dem eine promovierte Physik-Fachkraft ahnungslosen Dorf-Muttis mittels aufgekritzelten Formeln und Visualisierungen ihr Nichtwissen unter die Nase reibt. Na?

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    • Das habe ich erst dann erklärt, nachdem sie mich ausdrücklich (und BTW ziemlich insistierend) danach gefragt hatten.
      Aus eigenem Antrieb hätte ich nicht damit angefangen.

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      • Mia schreibt:

        Sie haben dich darum gebeten, ihnen eine „Kostprobe“ deines physikalischen Doktor-Wissens zu geben?

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        • Sie wollten das Thema meiner Dissertation und Einzelheiten über ihren Inhalt wissen.

          Mit Physik hatte das nichts zu tun.

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          • Sabrina Seerose schreibt:

            Das finde ich auch erstaunlich unsensibel, daß man es einer hochschwangeren Frau so unnötig unangenehm macht, mit sich überbietenden Enntbindungs-Komplikationsgeschichten.

            Dass Du schließlich auch über Dein Dissertationsthema skizzierend gesprochen hast, nachdem Du darum gebeten wurdest, ist normal; Schweigen dazu hätte ich demgegebüber für unangebracht gehalten.

            Im übrigen geht es bei Treffen mit ehemaligen Mitschülern doch selbstverständlich auch immer um physische und soziale Vergleichsprozesse. Und da kannst Du als promovierte Physikerin zu Recht auch stolz sein auf diese Leistung!
            Ich war zwar auf einem naturwissenschaftlichen Gymnasium, fand Physik auch immer sehr faszinerend, und hatte auch durchaus passable Fachnoten. Ein Physikstudium, welches ich für das wahrscheinlich schwierigste Studium halte, hätte ich mir aber -ehrlich gesagt- nicht zugetraut.

            Ich gehe immer noch i.d.R. zumindest zu allen „Jubiläums“-Klassentreffen, weil ich es schön finde, mit den damaligen Klassenkameraden wieder einmal zuammenzukommen. Vielleicht liegt das auch daran, daß wir seinerzeit in NRW der letzte Jahrgang mit festem Klassenverband waren; danach wurde auf das Kurs-System umgestellt.
            In der Oberstufe waren wir nur noch eine überschaubare Gruppe von 17, gegenüer den Anfangsjahren im Gymnasium, mit ca. 45 Schülern.
            In drei Jahren steht unser 50-jähriges Abi an, was natürlich entsprechend gefeiert wird…

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  5. Pingback: Das ungewollte Auto //2447 | breakpoint

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