Wer hat den Größten? //2423

Den Geburtsvorbereitungskurs hatte ich größtenteils online absolvieren können, aber es war auch ein Termin mit persönlicher Präsenz vorgesehen. Ich weiß schon, warum ich reine Frauenveranstaltungen nicht mag, und eigentlich nie wieder eine besuchen wollte.

Stellt euch eine Gruppe hochschwangerer Frauen vor, die auf (2 Meter voneinander entfernten) Matten liegen. Wenn ihnen befohlen wird, sich auf die andere Seite zu drehen, geht ein Ächzen und Stöhnen durch die Gruppe, und es dauert .. und dauert .. und dauert .. bis alle schließlich ihren Bauch auf die andere Seite gewuchtet haben.
Es ist wohl nicht zu vermeiden, dass (Abstandsregeln hin und her) die hochschwangeren Frauen versuchen, miteinander Kontakt aufzunehmen. Da geht es darum, wer wann Termin hat, wo sie entbinden wollen, wer die schlimmsten Beschwerden hat, aber vor allem darum, wer den größten Bauch hat. Eine Frau, die Zwillinge erwartet, war da unstrittig führend. Das ist wohl auch eine Art intrasexueller Konkurrenz, obwohl man eigentlich glauben sollte, dass geschwängerte Frauen das temporär nicht nötig haben.

Ich muss zugeben, dass es mich schon traf, als irgendsoeine Tussi, die ich vorher noch nie gesehen hatte, behauptete, mein Bauch sei ziemlich klein. Dabei ist mein Bauch enorm. Aber weil ich groß bin und ein breites Becken habe, kann sich sein Volumen besser verteilen. Der Fötus ist ganz normal groß, sogar etwas überdurchschnittlich (blöderweise habe ich selbst nicht die Möglichkeit nachzumessen, sondern bin auf den Gynäkologen mit seiner doch recht veralteten Ultraschalltechnologie angewiesen). Außerdem habe ich ja noch mehrere Wochen bis zur Gebärung vor mir.
Warum sagt man so etwas zu einer Frau, die man noch nicht einmal kennt? Viele andere Frauen wären durch diese völlig unnötige und unsensible Bemerkung verunsichert worden, impliziert sie doch, dass möglicherweise etwas mit dem Baby nicht in Ordnung ist, es nicht zeitgemäß entwickelt ist, oder ein Mangel besteht.
[Überhaupt muss man als Gravida immer damit rechnen, dass einem jede noch so harmlose Handlung von mehr oder weniger wohlmeinenden Personen als potentiell fruchtschädigend vorgeworfen werden kann. Hey, ich hab‘ mich einigermaßen ausgewogen ernährt, keinerlei Alkohol zu mir genommen, mich von Katzen ferngehalten und sogar meinen Kaffeekonsum reduziert. Trotzdem versuchen einem unbeteiligte Personen in ihrer prosozialen Dominanz unerbetene Ratschläge aufzudrängen, oder stellen durchdachte Entscheidungen in Frage, die sie selbst überhaupt nichts angehen. Ohne Social Distancing infolge von Corona wäre ich bestimmt noch erheblich öfter in solche Situationen geraten.]

Ich war froh, als die Stunde vorbei war, und ich wieder heim durfte.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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20 Antworten zu Wer hat den Größten? //2423

  1. mijonisreise schreibt:

    😁 … Warte mal ab, was da in Krippe, Kindergarten und Schule noch kommt. Da ist das leichte „Zicken“ unter Schwangeren noch ein geruhsamer Spatziergang.
    Ich persönlich war nur 2x bei dem Kurs. Ich hatte schon nach dem ersten Termin keine Lust mehr und nach dem zweiten war mir klar, das es nicht an den Hormonen lag, sondern tatsächlich an den anderen Frauen, die mir mit ihren Auftreten, Jammern und Vergleichen einfach nur den Nerv raubten.

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  2. Mia schreibt:

    Ist man als Schwangere denn dazu verpflichtet, zu einem Geburtsvorbereitungskurs zu gehen?

    „Warum sagt man so etwas zu einer Frau, die man noch nicht einmal kennt?“
    Nun, da seid ihr Zwei ja nicht so sehr weit auseinander, was die „Verletzung“ von Gefühlen angeht: Sie spricht dich auf deinen mutmaßlich ziemlich kleinen Babybauch an, und du adelst sie für dich als „irgendsoeine Tussi“. ^^

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  3. quasimodo4884 schreibt:

    Die war nur neidisch, weil sie selbst wahrscheinlich zu viele unnötige Pizzen und anderes Zeugs in sich reingefressen hat und nach der Geburt für Jahre wie vor der Geburt aussehen wird. 😉

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  4. sempersolus2 schreibt:

    Auf zum letzten Gefecht …

    „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.“ – Franz Kafka, Die Verwandlung

    Wie sonst könnte man das „Wunder der Mutterschaft“ ertragen, wenn nicht durch völlige Aufgabe der Selbstreflexion und Heroisieren der eigenen Person bis zur „Mutterkreuzträgerin mit Eichenlaub“? Und weil dabei andere Mütter durchaus störend wirken, mache man sich rechtzeitig gefechtsbereit, damit man aus dem Schützengraben der Voksfront der Schwangeren mit allerlei zündenden Worthülsen, Verunsicherungskartätschen, Denunzierugsgranaten und notfalls auch simplen Dreckklumpen auf die ungeliebte Konkurrenz feuern kann. Da kommt es auch grad´ zu Pass, dass selbst die Größe der Ansammlung ansonsten eher unbeachtlicher, simpler Flüssigkeitsmengen im Unterleib, im Volksjargon oft auch viel zu despektierlich „Fruchtwasser“ genannt, (daneben auch weitere unwichtige Kleinigkeiten, wie Mutterkuchen oder Fötus) als patenter Ausweis jeder Form von unendlichem Leid und heldenhafter Opferbereitschaft dienen kann. Natürlich muss man aufpassen, dass man die rechten Benennungen wählt. „Mein Wasserbauch ist aber der Größte“ – kommt also nicht gut. Ein Hinweis auf diffuse pränatale Untersuchungsmethoden des Unterleibs und deren Verknüpfung mit späteren Eigenschaften dagegen (am besten aus den USA oder aus Israel): Genial. „Mein Thorben ist jetzt schon 4 Dez größer als der Bevölkerungsdurchschnitt, das weist auf einen überdurchschnittlich großen Furzquotienten hin und die Arschfalte ist auch schon viel tiefer als bei Anderen. Und die Bedeutung des hohen Flatulenzgrades und des begehbaren Hinterteils für den späteren beruflichen Erfolg, die kennt man ja.“. Wie wahr. Der cerebrale Flatus ist in unserer Gesellschaft Qualitätsbeweis. Darum üben auch wahrhaft pflichtbewusste Mütter möglichst eindringlich dessen Anwendung, schon da: Eine sehr schöne Parallele zur Karriere beim echten Militär.

    Und natürlich ist die pränatale „Art of War“ nur Phase eins. Zu vielfältig sind auch die in Folge messbaren und vergleichbaren Parameter. Weite des Muttermundes bei Entbindung (am liebsten ja auch schon bei der Konzeption, aber wer misst da schon, verflixt), Dauer der Wehentätigkeit, vorzeitiger Fruchtwasserabgang gibt einen Bonuspunkt, Kaliberumfang des Kindsgeschosses, der gleichzeitig die Weite des Mündungsrohrs bestimmt, Austrittsgeschwindigkeit (vulgo: Dauer der Wehentätigkeit) oder Lage der Geschossspitze zur Zeit des Abfeuerns, all das lässt nur vage erahnen, was für eine Kanone diese Mutter ist. Zumindest verdient sie das Purple Heart.

    Reicht dann in Phase zwei als Ausweis der soldatischen Qualitäten noch der dreirädrige Hartan-Strandbuggy, der den Soldaten weder auf glühendem Asphalt, noch am Strand oder im tiefen Gelände der Lüneburger Heide jemals im Stich lassen wird, so muss ab Phase drei schon schwerere Artillerie, mindestens in Gestalt der allseits beliebte Hausfrauenpanzer her, Porsche Cayenne. Nur er sichert das Überleben im Kampf um den Parkplatz vor der Kita und später im unwegsamen Dschungel der Schullandschaft und auch da natürlich: Nur Reihe eins.

    In dieser spätere Phasen, von denen noch viele kommen, fordert die mittlerweile zur Familienobristin aufgestiegene Kämpferin natürlich längst auch Luftunterstützung an. Helikopter. Sehr beliebt und strategisch vorteilhaft.

    Und am Ende des gewonnen Gefechts, Thorben hat längst selber eine militärische Karriere begonnen und scheint doch höchst effektiv und erfolgreich zu sein, die Gene halt, am Ende sitzt die Frau General a.d. (Wer gendert schon militärische Ränge? Generalissima? Klingt doch doof!) versonnen auf der Terrasse in der Schaukel ihrer Südstaatenvilla, blickt in den Sonnenuntergang, nippt an ihrem Planter’s Punch und denkt an ihre wunderbare Zeit beim Militär.

    Natürlich kann man auch einfach nur ein Kind kriegen. Igitt, wie langweilig.

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  5. ednong schreibt:

    Ah fein,
    es wird spannend…

    Vergleiche scheint s überall zu geben. Und schneidet man dabei nicht so gut ab, dann hilft das Verletzen der anderen vielleicht auf den Sockel hinauf…

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  6. blindfoldedwoman schreibt:

    „Ich muss zugeben, dass es mich schon traf, als irgendsoeine Tussi, die ich vorher noch nie gesehen hatte, behauptete, mein Bauch sei ziemlich klein. “
    Es erstaunt mich immer wieder, wie sensibel Du doch bist. Das passt (glücklicherweise) nicht zu dem sonstigen Bild von Dir, was Du zeichnest.
    Ich komme da mal wieder an meine Grenzen. Mr fiele im Traum nicht ein, mir über eine solche Bemerkung Gedanken zu machen. Dahinter würde ich auch keine Spitze suchen. Wobei ich eher glaube, mir fehlt da etwas, anstatt bei Dir zu viel ist.

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  7. keloph schreibt:

    das ist ätzend. und tut mir leid, dass es dir passiert. aber aus eigener erfahrung: es ist unvermeidlich. halt durch. das lächeln des kindes wird dich entlohnen, 1000fach.

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  8. Sandy schreibt:

    Vielleicht wollte sie nur ein Kompliment machen

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  9. Pingback: Math and the Country //2435 | breakpoint

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