Ohne Abschluss //2422

Über Softwareschnorrer hatte ich schon mal gebloggt.
Es gibt aber auch das entgegengesetzte Phänomen: Leute, die eine Softwarelizenz kaufen, aber niemals abrufen.
Erst kürzlich ist mir wieder so ein Fall aufgefallen. Ich bearbeitete eine neue Softwarebestellung, und fand dabei in meiner Datenbank eine ähnliche offene Bestellung.

In meinen Anfangszeiten habe ich Kunden, die eine Lizenz gekauft, aber nicht in Anspruch genommen haben, nach vielleicht zwei Wochen nochmal daran erinnert. Es stellte sich dann jedesmal heraus, dass sie es gar nicht eilig haben, oder erst noch in Urlaub oder sonst was waren. Nach diesen Erfahrungen ließ ich die Erinnerung dann bleiben, und erlaubte mir, die Angelegenheit erst mal zu vergessen.
Die meisten Kunden rufen ihre bezahlte Lizenz ja innerhalb ein oder zwei Tagen ab, aber manche nehmen sich mehr Zeit, und einige tun es nie. Ob sie es vergessen haben, oder was immer der Grund dafür ist – ich weiß es nicht.

Dabei kann so eine Lizenz einiges an Geld kosten. Können die es sich leisten, das ohne Gegenleistung auszugeben?
Die Abwicklung kostet mich einiges an Zeit. Insofern habe ich kein Interesse daran, solche Geschäfte rückgängig zu machen. Käme ein Kunde ein Jahr später, würde ich ihm ohne weiteres die Lizenz ausstellen, aber das Geld gibt’s nicht zurück.

Im Laufe der Jahre dürften etliche solche Geschäfte zusammengekommen sein. Meine Datenbanken unterstützen es nicht, offene Verkäufe aufzulisten. Ich weiß also nicht, wie viele. Aber gelegentlich stoße ich mal auf so einen Zombie.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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4 Antworten zu Ohne Abschluss //2422

  1. sempersolus2 schreibt:

    Ich kann mir viele plausible Gründe dafür vorstellen, warum eine Softwarelizenz nicht abgerufen wird und meine Verwunderung gilt höchstens der Tatsache, dass man sich darüber wundern kann. Des Rätsels Lösung liegt schlicht und einfach in der Benutzertypologie:

    Der Langweilige – Er versteht sein Geschäft, analysiert seine Bedürfnisse, kennt Kosten-Nutzen-Relationen, studiert den Markt, trifft eine Kaufentscheidung und kauft die Lizenz für jenes Stück Software, das er zu brauchen glaubt, installiert Programm und Lizenz und nutzt die Software, bis Betriebssystemversion 11.0 ihn scheidet oder der Hardwarehersteller den dritten Prozessorumstieg plant. Normalzustand.

    Der Nicht-Kaufmann – Er hätte einfach gern ein anderes Programm. Das alte war nie so richtig schön oder die Bildschirmfarben nicht anpassbar und die Buttons zu abgerundet oder einfach schlecht. Also installiert er von allem, was er findet eine Testversion. Nach langem hin und her entscheidet er dann „nach Jeföhl“ und überweist schweren Herzens die teure Lizenzgebühr für Programm X. Zeitgleich stellt er aber fest, dass Programm Y sein Herz doch mehr anspricht. Zu spät. Von Umtausch- oder Rücktrittsrecht und anderem kaufmännischen Tand ist er völlig unberührt und so endet die gekaufte Lizenz völlig ungenutzt. Dieser Nutzer wird nie zufrieden, aber vielleicht insolvent.

    Der Schusslige – Den Schreibtisch überquellend von Unerledigtem, die Tastatur freut den Forensiker, kann er doch die konsumierte Nahrung der letzten zehn Tage einfach in Schichten davon abkratzen. Der Schusslige ist immer informiert und kennt die i86 Opcodes bis hin zu denen für die Coprozessormathematik des 8087 noch auswendig. Allein: ihm fehlt der Überblick. Klar, da hat er doch ´mal ´was angeklickt, ganz gut gemachtes Programm und eine Überweisung getätigt hat er auch dafür. War das für die Lizenz? Wo wör dat dann? Die Email dazu ist sicher auf einer der letzten Backupplatten vor dem Optimieren und Neuaufsetzen des Systems, was ja mindestens einmal wöchentlich notwendig ist. Beizeiten guckt er da ´mal nach. Bestimmt.

    Der Besitzer – Er ist die Ruhe in Person. Er hat jede Menge Zeit. Single! Sein System ist komplett aufgeräumt. Ordnerstruktur, Programme, Daten, alles im dafür zugewiesenen Bereich. Auch verfügt er über einen Schlüsselring mit aktuellen USB-Sticks, die ihn in Minutenschnelle sein System Bare-Metall wieder aufsetzen lassen. Mindestens Dreifach-Backup, wie sich das gehört. Computer braucht er eigentlich gar nicht, er ist Postbote. Aber die blinken so schön. Und warum soll man nicht auch ´mal die Enterprise-Version des neusten Windows-Servers-Systems ausprobieren? Beamter, wird natürlich gekauft, Lizenzdiebstahl ist illegal. Muss man halt ein wenig sparen. Aber man hat, nur für den Fall. Dann wird er auch die Lizenz für Programm Z abrufen, zum ausgiebigen Testen braucht es ja Zeit. Das kommt schon noch. Irgendwann.

    Der Potente – Jetzt ´mal zackig hier, Zeit ist Geld. Wir brauchen Umsätze. Wie geht nicht, das sollte doch schon letzte Woche fertig sein! Frau Meier, kommen Sie ´mal her, Sie machen das jetzt. Hier, kaufen Sie ´mal das Programm. Was? Wie lange? Da bin ich ja alt! Auf die Mail mit den Lizenzdaten warten wir jetzt NICHT. Sie kaufen das andere da, von dem Dings. Und schnell! Das vorherige legen Sie auf Halde, das verkaufen wir später ´mal.

    Der Reiche – Ja, ich bin Bäcker und mein Freund hat mir gesagt, wenn ich ´was Ordentliches haben will, dann ist es DAS. Geschäft läuft gut, ja. Mein Grundsatz: immer nur das Beste, das hat sich bewährt. Und wenn ich es mir leisten kann … . Sehen Sie: mein Mountainbike, das hat 12 Gänge, E-Bike, Boschmotor, versenkbare Sattelstütze, Schaltung mit Elektroantrieb. Ja gut, zum Fahrradfahren habe ich wenig Zeit, aber das Rad ist gut. Und das Programm hier, keine Ahnung was das kann, aber ich hab´ das ´mal gekauft. Kostet ja nur die Hälfte, Betriebskosten, kann ich doch absetzen. Und wenn wir das hier aufräumen, dann installiert mein Freund das auch. Man hat halt, was man hat.

    Der Verwirrte – Ah, das habe ich jetzt halbwegs kapiert. Die Serverlizenz ist eine eigene, und für jeden Client ist noch eine Lizenz erforderlich. Na klar, könnte ja sonst viel günstiger werden, als ein Standalonebetriebssystem für jeden Arbeitsplatz, das sehe ich ein. Aber jetzt … RDP-Client, nochmal zahlen, ich blick´ da nicht mehr durch. Was ist denn RDP? Aber das Zeug muss laufen, ich bestell´ das also am besten sofort mit. Clearingstelle bei Microsoft? Hach, ist das alles kompliziert!

    Der Untote – Ja, das hätte ich gerne noch erlebt. Aber dann, Herzinfarkt. Ich sitze so vor dem Rechner und – Zack. Umgekippt. Wenigstens ist meine Witwe abgesichert. Aber Computer vermisse ich hier oben (hoffentlich nicht unten) doch schon sehr.

    Und so geht die Reihe endlos fort. Wenn ich das recht bedenke: Eigentlich wundere ich mich, dass überhaupt noch Lizenzen abgerufen und Programme installiert und benutzt werden.

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    • Danke für diese amüsante Kategorisierung.
      Meine Software wird eigentlich in einer bestimmten Branche eingesetzt (und innerhalb dieser ist es nur ein Nischenmarkt, d.h. äquivalente Konkurrenzprodukte gibt es gar nicht). Privatanwender kaufen sie normalerweise nicht (gab’s auch schon, aber die haben AFAIK sogar die Lizenz abgerufen).
      Ich kann es noch einigermaßen nachvollziehen, wenn mehrere Lizenzen von einer großen Firma gekauft werden. Da gibt es immer einzelne Mitarbeiter, die aus irgendwelchen Gründen die Lizenz gar nicht wollen, oder oder vergessen, oder ..
      Aber bei kleineren Firmen oder gar Solo-Selbständigen ist es doch irgendwie verwunderlich.

      Liken

      • sempersolus2 schreibt:

        Die Nicht-Lizenabrufer scheinen tatsächlich vornehmlich Kategorie B-Klienten im fortgeschrittenen Stadium zu sein. Ein guter Aufhänger, um auch für mich noch einmal zu überprüfen, ob die Lizenz für die Datenbanksoftware in meinem Betrieb auch Teil der Konkurs- oder Verkaufsmasse ist. Ich denke schon, denn Lizenznehmer sind wir als GbR, aber das konsentiere ich jetzt nochmal.

        Und selbst bei uns ist es so, dass die Anzahl der gekauften und der tatsächlich genutzte Client-Lizenzen nicht identisch sind. Das hängt in diesem speziellen Fall mit der Marketingstruktur der Softwarefirma zusammen, die nur Pakete anbietet und dass die eigentlich damit verbundene Intention auf dem Weg zwischen Softwarehersteller und Klienten durch Zutun der installierenden Softwareverkaufsfirmen verloren geht. Eine reichlich nutzlose Schnittstelle, wie auch manches andere, was die Software angeht. Die Installationsprozeduren und die Wartungsoptionen des Programms sind nicht dokumentiert. Stattdessen verlangt der Softwarehersteller Installation durch ein zertifiziertes Softwarehaus und eine monatliche Wartungsgebühr, die den Kaufpreis des Programms innerhalb eines Jahres locker übertrifft, obwohl das in keinem Verhältnis zum Softwarepflegeaufwand steht. Meine Partner trifft dann regelmäßig zum Quartalsende, wenn die Wartungsrechnung kommt, fast der Schlag. Ich bin da ambivalent. Aus meinem „ersten Leben“ schlägt das Herz für das Softwarehaus, ich weiß, wie gering die Margen da manchmal sind, aus Sicht des Kunden verstehe ich aber auch manches an der Bananensoftware (noch grün ausgeliefert, reift beim Kunden) nicht. Ein wildes Konglomerat aus mit der Zeit gewachsenen ISAM-Resten und einer Hauptdatenbank, die in Orakeln spricht. Deren Fehlermeldungen kennt nichtmal der Support, genausowenig, wie seit Jahren bekannte Fehler in diesem System (z. B. Logdateiüberlauf des Listeners). Aber wir sind darauf angewiesen und fügen uns in unser Schicksal.

        Vielleicht ist ja das Prinzip der Nutzungsüberlassung von Software auf Zeit einfach zu abstrakt. Wer sonst etwas kauft, der hat es physikalisch in der Hand, im eigenen Verfügungsbereich und kann damit anstellen, was er will. Fehlerbehaftete Dongle, bunte Kartons und CDs erfüllten ebenfalls diesen Zweck, waren aber auch damals schon nur Verpackung für Nichtbesitz. Und ich erinnere, wie groß der Aufschrei war, als Adobe nur noch Zeitabos für die Programmsuite anbot. Lizenzen sind eben nichts haptisches, greifbares.

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    • Engywuck schreibt:

      du hast „heuer ist vom Budget noch was über, und die Software sieht aus als würden wir sie brauchen“, „eigentlich brauchen wir das (kommen nach dem Kauf aber nie dazu, es einzuführen, geschweige einzusetzen)“ und „Kollege X hat das gekauft und hätte es auch eingesetzt, aber dann hat er die Firma gewechselt/ist gegangen und die anderen wissen nicht, was damit anzufangen (ggf. nicht mal, dass es das gibt)“ vergessen.

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