Mädchenhandel //2412

Begeben wir uns fast vier Jahrzehnte in die Vergangenheit.
Mein Vater ging gelegentlich abends nach Feierabend noch ein bisschen mit mir spazieren. Hin und wieder trafen wir Bekannte von ihm. Relativ häufig trafen wir Herrn Diehl, der in der Nähe unserer Spazierwege wohnte, und der nebenberuflich noch eine kleine Versicherungsvertretung innehatte.

Immer wieder bot er meinem Vater den Handel an, mich ihm für fünfzig oder gar hundert Mark zu verkaufen – angeblich als Gesellschaft für seine Tochter.
Mein Vater lehnte jedesmal kategorisch ab, gab ihm zu verstehen, ich sei unverkäuflich, und dass er „sei Annele“ keinesfalls hergeben werde. Ich fühlte mich sicher bei meinem Vater, und es gruselte mich bei dem Gedanken, bei fremden Leuten wohnen zu müssen [Genau diese Aussicht empfand ich so abschreckend, wenn meine Eltern mich warnten, ja nicht zu fremden Leuten ins Auto zu steigen, selbst wenn diese mir Eis oder Schokolade anböten. Und was würde dann mit meinen Kleidern, Spielsachen und anderen Habseligkeiten passieren?].
Daheim kam dieses Ansinnen wohl auch einmal zur Sprache. Meine Großmutter versprach mir hoch und heilig, mich zu verstecken, sollte Herr Diehl einmal hier auftauchen, und mich mitnehmen wollen.

Irgendwann war es dann soweit. Herr Diehl suchte unser Haus IIRC wegen einer Versicherungsangelegenheit auf. Ich weiß nicht mehr so recht, kann mich gar nicht erinnern, dass mein Vater dabei gewesen wäre.
Was ich aber noch ganz sicher weiß, ist, dass meine Großmutter keinerlei Anstalten machte, mich – wie sie es versprochen hatte – zu verstecken. Dadurch hat sie für alle Zeit mein Vertrauen in sie verwirkt.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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13 Antworten zu Mädchenhandel //2412

  1. keloph schreibt:

    nur zu recht. ich hasse solche inhaltsleeren sprüche auch. auch wenn sie ursprünglich mal trost spendeten.

    Gefällt 2 Personen

  2. blindfoldedwoman schreibt:

    Hattest Du große Angst? Und wie alt warst Du?

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  3. Leser schreibt:

    Das ist auch etwas, was aus den „alten“ Erziehungsmethoden herrührt: Die Kinder werden nicht ernst genommen, denn die phantasieren sich ja sowieso irgendwas zusammen. Einem Kind mag es vielleicht an Lebenserfahrung fehlen, aber gerade in einem so jungen Alter sind Kinder für gewöhnlich noch viel feinfühliger und bewusster, und nehmen Dinge wahr, die bei den Erwachsenen schon längst durch die Filtermechanismen im Hirn ausgeblendet werden.
    So könnte es zum Beispiel sein, dass dieser Versicherungsmensch womöglich seine Tochter sexuell missbraucht hat, und sich ein zweites Opfer gewünscht und deshalb diese geschmacklosen „Witze“ gemacht hat, und daher war er Dir auch so unsympathisch. Muss nicht sein, kann aber. Kinder spüren so etwas eher, als Erwachsene, wo da eine Gefahr lauert (und diese Verbrechen haben eine so hohe Dunkelziffer, die nie zur Anzeige gebracht wird, dass man durchaus in Betracht ziehen kann, dass dahinter etwas derartiges hätte stehen können). Natürlich sollte man den Menschen aber auch, solange nichts in der Form erwiesen ist, nicht verteufeln, und heutzutage im Nachhinein diesen Verdacht zu äußern soll nicht dazu dienen, dem nachzugehen (wenn, dann ist das jetzt die Aufgabe des Opfers im Erwachsenenalter, oder wenn es das nicht will, dann ist auch das zu akzeptieren), sondern es war als Ansatz einer möglichen Erklärung gedacht, warum er Dir als Kind so unsympathisch war.

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    • Was fantasierst du da zusammen? Für solche Unterstellungen gibt es keinerlei Anlass.
      Damals war es (zumindest in alten Heimat) völlig üblich, dass Männer mit Kindern von Bekannten solche Späßchen machen. Mein Vater hat den Nachbarskindern auch so einige lustige Bären aufgebunden.
      Es ist schade, dass es heutzutage so gar keine Kommunikation mehr zwischen Männern und Kindern ihrer Bekannten zu geben scheint. Da hat sich eine richtige Paranoia etabliert, die du nur bestätigst.

      Ich habe auch nichts von „unsympathisch“ geschrieben. So weit dachte ich gar nicht. Das war ein für mich völlig neutral ein Bekannter.
      Den Scherz fand ich zwar nicht gerade lustig, aber immerhin erhielt ich etwas Aufmerksamkeit. Wenn ich mit meiner Mutter unterwegs war, und sie sich stundenlang mit irgendwelchen Bekannten unterhielt, stand ich oft nur gelangweilt daneben und wurde ignoriert.
      Ich habe mich außerdem nie wirklich bedroht gefühlt, da mein Vater ja immer dabei war, wenn so etwas zur Sprache kam.

      Gefällt 1 Person

  4. Mia schreibt:

    „Es ist schade, dass es heutzutage so gar keine Kommunikation mehr zwischen Männern und Kindern ihrer Bekannten zu geben scheint.“
    Auf diese Kommunikation, die du in deinem Eintrag beschreibst, kann man ja dann auch getrost verzichten. Die Leute damals in eurer Gegend hatten schon einen seltsamen Humor. Fast so wie die Mär vom schwarzen Mann. Gruselig!

    Und was die angebliche fehlende Kommunikation betrifft: Das kann ich nun wieder gar nicht bestätigen. In meinem Bekanntenkreis ist es selbstverständlich und auch üblich, dass Männer mit Kindern ihrer Bekannten zu tun haben – ebenso wie es bei Frauen und Kindern von Bekannten üblich ist. Da bestehen keinerlei Unterschiede. Auch und vielleicht gerade deshalb, weil Männer mittlerweile gleichberechtigt in der Kindererziehung sind und somit mehr Kontakt zu anderen Kindern haben.

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