sqrt(50) Tage des Grauens //2392

Die schlimmste Woche meines Lebens (zumindest wenn man mal Krankheiten unberücksichtigt lässt) liegt inzwischen fast dreißig Jahre zurück. Ich muss damals 13 Jahre alt gewesen sein, und ging in die 8. Klasse. Lange wollte ich nicht darüber bloggen, aber .. tja .. warum eigentlich nicht? Dann kann ich dieses Thema auch endlich abhaken.
In meinem Gymnasium war es üblich, dass die achten Klassen eine Woche lang auf einen Skikurs fahren. Ich war im Zwiespalt, ob ich daran teilnehmen wolle. Es war eine Pflichtveranstaltung, also machte ich halt mit. Hätte ich die freie Wahl gehabt, wäre ich wohl lieber daheim geblieben, aber diese Frage stellte sich gar nicht. Begeistern tat mich das Vorhaben zwar nicht, aber es blieb mir auch nichts anderes übrig. [Es gab da wohl auch einen Druck (ich erinnere mich nicht mehr sicher, aber so ähnlich muss es wohl gewesen sein), dass wenn mehrere nicht mitkommen, der Kurs für die ganze Klasse ausfällt. Im Rückblick halte ich das für einen Bluff, aber es war effizient, so dass auch diejenigen, die unentschlossen waren, halt mitkamen.]

Ich erinnere mich, dass wir einige Zeit vorher einen Zettel abgeben mussten, auf dem Körper- und Schuhgröße angegeben werden mussten, um passende Ski vorzubereiten.
Es war schwierig, einen passenden Skianzug zu finden, weil ich sehr groß und schmal war. Schließlich fanden wir (meine Mutter und ich) einen. Der gefiel mir zwar nicht besonders, und es war mir unangenehm, wie die Träger auf meine Brüste (bzw. was ich damals davon hatte) drückten, aber wenigstens war er nicht zu kurz. Beim Skikurs dann allerdings schon, denn ich war in den Wochen dazwischen schon wieder ein Stück gewachsen.
Auch mit den Skischuhen, die wir von Bekannten gebraucht gekauft hatten, gab es irgendwelche anderen Probleme, so dass ich beim Skikurs dann gezwungen war, mir kostenpflichtig andere Skischuhe auszuleihen. Aber das nur so am Rande.

Wir fuhren mit einem Reisebus in die Alpen, und kamen in einem Schullandheim unter. Die Mehrbettzimmer waren soweit OK, halt mit Etagenbetten und so. Etwas anderes kann man da nicht erwarten. Das alte, abgenutzte Mobiliar war für mich persönlich kein größeres Problem. Andere kritisierten es dagegen schon deutlich.
Ich erinnere mich nicht mehr, was genau das Problem war, aber das Essen dort hat mir überhaupt nicht geschmeckt. Dazu kam, dass Getränke extra bezahlt werden mussten. Das hätte meinen Etat gesprengt, wenn wir nicht nach ein paar Tagen Gelegenheit gehabt hätten, in einem Supermarkt einzukaufen. Das Leitungswasser war übrigens kaum genießbar.
Die einzigen Getränke, die es kostenlos gab, war pappsüßer, lauwarmer Kakao am Morgen zum Frühstück, den ich einfach widerlich fand.

Aber das Allerschlimmste war das Skifahren.
Wir waren in mehrere Gruppen eingeteilt, die von jeweils einem Lehrer betreut wurden. Mit meiner Gruppe von Anfängern gingen wir zum „Idiotenhügel“ (BTW empfinde ich diese Bezeichnung als äußerst respektlos: nur weil jemand noch Anfänger und ohne Erfahrung ist, ist er noch lange kein Idiot) und schnallten uns die Ski an die Füße. Heute ist mir die Dynamik bewusst, aber damals kannte ich mich noch nicht mit den wirkenden Kräften aus. Wie also hätte ich von selbst drauf kommen sollen, dass man die Skier „parallel zum Hang“ ausrichten muss, um nicht wegzurutschen? Für mich kam es einfach überraschend, wie glitschig die Skier waren. Naja – ich war nicht die einzige, die sich da ungeschickt anstellte.
Dann fand ich es einfach anstrengend, mit den Skiern an den Füßen herumzulaufen, insbesondere, aber nicht nur bergauf. Bergab gab es zum Glück wenigstens die Backenbremse. Ich kann es bis heute nicht verstehen, wie das irgendjemandem Spaß machen kann.
Auf dem Rückweg, mussten wir die Skier ein ziemliches Stück tragen, um zum Bus zu kommen. Meine Klassenkameradin jammerte ein wenig herum, dass die Skier so schwer seien, und sie so müde, so dass der Lehrer schließlich ihre Skier auch noch schulterte.
Ich hätte etwas Hilfe mindestens ebenso nötig gehabt, biss aber klaglos die Zähne zusammen, und quälte mich ab. Ich war erschöpft. Meine Zunge klebte am Gaumen, wie ich es sonst noch nie erlebt hatte. Der Flüssigkeitsmangel schwächte meinen ohnehin schon labilen Kreislauf.

So ging das jeden Tag. Nur einen oder zwei Nachmittage hatten wir mal zur freien Verfügung, die die meisten von uns nutzen, sich Getränke in einem Supermarkt zu kaufen.

Dann gab es irgendwann das Gerücht, dass die Zimmer kontrolliert werden sollten, und dass diejenigen mit dem am unordentlichsten aufgefundenen Zimmer am nächsten Tag dableiben und Kartoffeln schälen müssten. In der damaligen Situation erschien mir alles besser, als Skifahren gehen zu müssen. Im Gegenteil – die Aussicht, zurückbleiben zu dürfen und Kartoffeln zu schälen, erschien mir vergleichsweise sogar paradiesisch. Ich war also nicht besonders eifrig, als meine Zimmergenossinnen begannen, das Zimmer aufzuräumen. Es kann sogar passiert sein, dass versehentlich Stücke von Papiertaschentüchern unter mein Bett fielen.
Naja, die Bewohner eines anderen Zimmers waren schließlich die Glücklichen.
Die Aussicht, noch einmal mit zum Skifahren fahren zu müssen, erschien mir als unerträgliche Qual. Ich sah in meiner Verzweiflung keinen anderen Ausweg, als mich krank zu melden. So richtig wohl fühlte ich mich ohnehin nicht, und mein Kreislauf schwächelte auch. Es war also keine wirkliche Lüge, obwohl ich Magenprobleme vorschob. Trotzdem packte mich hinterher immer wieder das schlechte Gewissen, wenn ich daran denke. Aber dieses Skifahren .. Schnee, Kälte, Sport .. davon wird mir eben übel. Dazu genötigt zu werden, etwas mit meinem Körper zu tun, was ich nicht will, ist furchtbar. Diese Zwänge grenzen an Folter.

Endlich, endlich! fuhren wir wieder heim. Meine Eltern holten mich vom Bus in der Kreisstadt ab. Ich war so unermesslich froh, wieder heimzukommen!
Sie erzählen mir später, dass sie, während sie auf mich warteten, gehört hätten, wie ein Junge, der ebenfalls von seinen Eltern abgeholt wurde, gesagt hätte, es wäre so toll gewesen, und das Essen so gut. Mir ging es ganz anders, und ich wollte nie mehr dahin!

In meiner Schule war es üblich gewesen, dass in der 10. oder 11. Klasse noch einmal ein Skikurs stattfand. Zum Glück war das geändert, als ich soweit war. Aber nichts auf der Welt hätte mich dazugebracht, noch einmal mitzufahren. Ich hätte mich dagegen mit Händen und Füßen gewehrt, und wenn es noch so sehr Pflichtveranstaltung war. Wäre ich halt solange in den Unterricht einer Parallelklasse gegangen. Mir egal. Alles besser als Skilaufen.

Jetzt könnt ihr vielleicht besser nachvollziehen, warum ich damals nur mit großen Vorbehalten mit zur Skihütte gefahren bin.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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26 Antworten zu sqrt(50) Tage des Grauens //2392

  1. MartinTriker schreibt:

    Ich kann dich so verstehen. Alleine der Gedanke Ski fahren zu müssen. Da ist es kalt. Da braucht es die anderen Umstände wie bei dir gar nicht. Aber dass Teenager ihre Getränke bei einem Schulausflug selbst kaufen müssen. Das ist ja schon böswillig. Mich wundert, dass du und deine Mitschüler nicht reihenweise dehydriert umgekippt sind.

    Gefällt 1 Person

    • blindfoldedwoman schreibt:

      Ausserhalb der Mahlzeiten gibt es nie Getränke. Dafür und für Essen zwischendurch nimmt man genügend Geld mit. Deswegen gibt es oft eine Taschengeldempfehlung.

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      • Es gab auch keine Getränke beim Mittag- oder Abendessen. IIRC bekamen wir eine Brotzeit zum Skifahren mit. Da war ein Tütchen Caprisonne dabei oder so ähnlich. Das war viel zu wenig.
        Wenn es eine Taschengeldempfehlung gegeben hatte, so war die viel zu gering bemessen gewesen. Es gab noch mehr unvorhergesehene Ausgaben (Gebühren für Bettwäsche, Leihgebühren für Skischuhe). Da wird eine Limonade zum Abendessen zum Luxus.

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    • Das mit den Getränken war wirklich dreist. Die Himbeerlimonade war lecker, hatte ich sonst noch nirgends bekommen, aber eben auch teuer.

      Ich erinnere mich, dass wir abends mit Getränken handelten, und z.B. gegen Süßigkeiten tauschten. Da hatte jemand z.B. eine Flasche mit Fruchtsirup, die sehr willkommen geheißen wurde.
      Ja, wundert mich auch, dass niemand dehydriert umkippte. Ich war zeitweise kurz davor.

      Und jetzt fällt’s mir wieder ein: Sogar für die Bettwäsche mussten wir extra bezahlen. War schon eine gewisse Abzocke. Schließlich hatten alle Eltern ja bereits im Voraus einen nicht unerheblichen Betrag überwiesen.

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  2. keloph schreibt:

    ich kann verstehen, dass du dass so gar nicht magst, auch wernn ich ein riesenfan bin und jedes jahr MINDESTENS eine woche eben skifahre. dafür kann ich wandern nicht ertragen. so ist es halt im leben.

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  3. blindfoldedwoman schreibt:

    Ich mochte das Skifahren auch nicht besonders. Es war kalt und nass und anstrengend. Aber glücklicherweise war das Essen sehr gut.
    Bei den anderen Klassenfahrten war das ungenießbar. Aber meine Eltern haben mir immer so viel Geld mitgegeben, dass ich mir bei Gelegenheit etwas anderes kaufen konnte.
    Die Wanderungen fand ich auch nicht prickelnd, weil viel zu anstrengend.
    Für mich jedenfalls waren Klassenfahrten völlig überflüssig und keine birgt eine schöne Erinnerung.
    Bei meiner Tochter ist immer das Problem, dass sie seit der 2ten Klasse Vegetarierin ist. Auch wenn ich immer extra darauf hingewiesen habe oder sogar im Vorfeld anrief, oft hatte man sie vergessen oder kaum Rücksicht genommen, was ich anhand der Preise unverschämt fand.
    Von dem Geld, was heute verlangt wird, könnte man die Klasse eine Woche all inclusive nach Mallorca 4 Sterne fliegen lassen.

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    • Die anderen Klassenfahrten, die wir noch hatten, waren schön und interessant.
      Da besichtigten wir Museen und andere Sehenswürdigkeiten. Auch das Essen war in Ordnung.

      Ich hatte normalerweise auch genug Geld dabei, aber beim Skikurs gab es mehr Ausgaben als erwartet, und alles war so teuer.

      Vegetarier haben es wohl schwer, aber auch Personen, die an Allergien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten leiden.
      Ich kann schon verstehen, dass es praktisch unmöglich ist, auf alle Einschränkungen und Sonderwünsche Rücksicht zu nehmen.
      Da ist ein vielseitiges Buffet sicherlich die beste Lösung. Da kann sich jeder aussuchen, was er mag, bzw. einzelne Speisen einfach ausschließen.

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  4. Pingback: Schule des tages | Schwerdtfegr (beta)

  5. Plietsche Jung schreibt:

    Ich habe nie verstanden, welchen schulischen Wert solche Veranstaltungen haben. Für mich ist das ein Zusatzurlaub für Lehrer und Schüler und ein Riesen-Bullshit.
    Wenn es um Bildung, Politik, die Geschichte Berlins beispielsweise gehen würde, hätte es für mich einen Zusatzwert, aber Skifahren, Malle-Besuche, etc sind für mich einfach Nonsens.

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