Singuläre Divergenz //2330

Von Benjamin hatte ich von der kleinen Veranstaltung erfahren. Er selbst hatte leider keine Zeit, so dass ich alleine hinfuhr.
Ich will gar nicht lange drum herum reden. Jedenfalls sah ich Philipp wieder.

„Hallo Anne“, sprach er mich ganz locker an, „wie geht’s?“
Alles andere hätte ich von ihm erwartet: dass er mich ignoriert, dass er mich beschimpft, dass er mir immer noch grollt, dass er verlegen ist, dass er mich weiterhin anhimmelt, ..
Aber diese völlig neutral-freundliche Gleichgültigkeit, die er mir gegenüber an den Tag legte, verwunderte mich schon. Er schien um einiges älter und reifer, wirkte selbstsicher und gefestigt in seiner Persönlichkeit.

„Gut, danke“, antwortete ich leicht perplex, „du warst im Ausland, habe ich gehört.“
„Ja. Das war eine interessante Erfahrung für mich“, antwortete er ruhig.

Inzwischen hatte ich mich wieder einigermaßen von der Überraschung erholt, und fragte ihn nach dem Status seiner Dissertation.
„Die nähert sich ihrem Ende.“
„Hoffentlich nicht asymptotisch“, erlaubte ich mir einen Scherz. Früher hätte er über den kleinen Witz gelacht. Jetzt bestätigte er seine Kenntnisnahme nur durch ein aufmerksames Nicken.
Ich fügte hinzu: „Ernsthaft, ich hatte dir versprochen, sie korrekturzulesen. Mein Angebot gilt noch. Mail mir den Entwurf gerne zu, sobald du soweit bist.“
„Das wird nicht nötig sein“, erwiderte er, „ich habe andere Kontakte, die meine Arbeit bereits bekommen haben.“
„Ganz wie du willst. Zusammen lernen wirst du dann wohl auch nicht wollen.“
„Nein, darin sehe ich keinen Sinn.“
„Na, dann wünsche ich dir jedenfalls viel Erfolg dafür und alles Gute“, leitete ich den Abschluss des Gesprächs ein. Er ging darauf ein, bedankte und verabschiedete sich.

So wie ich die Situation einschätze, hat er kein Interesse daran, wieder freundschaftlichen Kontakt zu pflegen.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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13 Antworten zu Singuläre Divergenz //2330

  1. Leser schreibt:

    Es ist doch vollkommen klar, dass er kein Interesse an weiterem freundschaftlichem Kontakt hat – für ihn hast Du ihn verschmäht, und bist es damit nicht wert, dass er sich weiterhin mit Dir abgibt. So denken bzw. fühlen Männer nun mal, ich kann das *sehr* gut nachvollziehen. Solche Kontakte habe ich auch immer abgebrochen bzw. einschlafen gelassen, einfach weil es auch immer schmerzhaft ist, an die Schmach des Verschmähtwerdens erinnert zu werden, nach dem Motto „für diese Frau war ich nicht gut genug als möglicher Partner“. Sowas passiert und ist ganz normal…
    (Ich sage nicht, dass es gesund ist, ein derart niedriges Selbstwertgefühl zu haben, dort nicht drüber stehen zu können, aber es ist leider sehr weit verbreitet, manchmal kommt es mir vor, wie die „Volkskrankheit Nr. 1“)

    Gefällt 1 Person

    • Es ist bedauerlich, dass er kein Interesse mehr an einer freundschaftlichen (oder meinetwegen auch nur fachlichen) Beziehung hat. Ich mochte ihn wirklich gern, und bedauere das.
      Aber ich akzeptiere es auch.

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      • Leser schreibt:

        Es ist eindeutig besser für ihn. Je mehr Wasser die Donau heruntergeflossen ist, desto leichter wird es für ihn werden – was auch hilft, wäre, wenn er selbst eine Freundin oder Ehefrau hat, dann sind die Fronten geklärt, und es tut nicht mehr so weh, verschmäht worden zu sein. In 10 Jahren kann er womöglich darüber lachen, aber jetzt halt noch nicht. Das heißt im Umkehrschluss: Wenn Ihr Euch alle 2-3 Jahre zufälligerweise auf einer fachlichen Veranstaltung über den Weg laufen solltet, siehst Du automatisch auch, wie sehr er es verwunden hat, und seine Verletzung verheilt ist (die er sich zwar von vornherein selbst hinzugefügt hat, aber das Bewusstsein dazu haben nicht viele Menschen). Vielleicht ist irgendwann dann ein Kontakt auch wieder möglich, aber jetzt halt noch lange nicht.

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        • Eigentlich hatte ich den Eindruck, dass er drüber hinweg ist.
          Er selbst hatte mich ja angesprochen und wirkte dabei völlig gelassen und souverän.
          Gerade das hat mich so verwundert und erstaunt.

          Ich hatte ja mal versucht, ihn mit Frau Altsang zu verkuppeln. Leider ohne Erfolg.

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          • Leser schreibt:

            Er hat sich in soweit wieder gefangen, dass es ihn nicht mehr komplett am Boden zerstört. Wirklich darüber hinweg sein ist was anderes. Dann wäre es ihm ohne Probleme möglich, eine Freundschaft oder zumindest professionellen Kontakt zu unterhalten. Den momentanen Zustand würde ich als „Wenn Du mich nicht so willst, wie ich Dich wollte, dann will ich Dich eben gar nicht mehr“ interpretieren, da steckt immer noch eine ordentliche Portion Gekränktheit und Trotz dahinter.

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            • Das sehe ich anders.
              Offenbar bin ich ihm inzwischen völlig egal. Er hat keine Probleme, mit mir zu sprechen. Sonst hätte er mich erst gar nicht angesprochen.
              Aber er will einfach keinen Umgang mehr mit mir haben, sieht keinen Vorteil darin. So bedauerlich ich das auch finde, muss ich es akzeptieren.

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  2. ednong schreibt:

    Uih,
    da hat es ihn damals wohl wirklich hart getroffen. Wenn denn sein Auslandsaufenthalt die für ihn einzige Lösung war.

    Ich habe auch eher den Eindruck, dass er es noch nicht verwunden hat. Klar, man kann neutral Small Talk machen – wenn er jedoch nachtragend ist, könnte es auch mit 10 Jahren noch knapp aussehen 😉 Ist halt so – manche machen da eher einen Haken dran als andere. Und vermutlich warst du für ihn die richtig große Liebe …

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    • Wenn er sich da wirklich so verrannt hatte, kann ich nichts dazu.
      Er wusste von vornherein, dass ich glücklich verheiratet bin. Ich war freundlich zu ihm, habe ihm Aufmerksamkeit geschenkt. Daran war er wohl nicht gewöhnt. Aber ich habe definitiv nichts dazu beigetragen, dass er das dermaßen überbewertet und sich romantisch hineingesteigert hat.
      Wenn er tatsächlich noch nicht drüber hinweg sein sollte, kann ich auch nicht helfen. Zeit heilt alle Wunden.

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      • ednong schreibt:

        Naja, war ja kein Vorwurf an dich.

        Man(n) verrent/verliebt sich manches Mal so stark in jemanden, da hilft auch Vernunft nicht gegen an. Ist einfach so.

        Zeit heilt alle Wunden – hm, von Heilen würde ich da manchmal nicht sprechen. Sie hilft aber dabei, drüber hinwegzukommen und erhöht irgendwann die Akzeptanz.

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  3. Plietsche Jung schreibt:

    Mensch Anne, wie konntest du das nur zwischen den gesagten Zeilen herauslesen ?
    Ich glaube, du machst große Fortschritte im Miteinander von Menschen 🙂

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