La Chaperone //2291

Mein Zug hatte wenige Minuten Verspätung, als ich in der Zwiebeltreterstadt ankam. Ich ging zum vereinbarten Treffpunkt, wo Herr Sendel bereits wartete.
Wir begrüßten uns, wobei er wieder meine Hand mit beiden Händen ergriff, und mir dabei intensiv in die Augen blickte. Er erklärte, dass sein Auto in einer nahegelegenen Tiefgarage stünde, und wir machten uns auf den Weg dorthin. Dabei unterhielten wir uns darüber, wie unsere heutigen Tagesabläufe gewesen waren. Nichts von Bedeutung.

Die Tiefgarage war menschenleer. Gerade lachte ich über einen Scherz, den er gemacht hatte, als er mich gegen eine der Säulen schob und heftig küsste. Das kam unerwartet, und es gibt mir doch Hoffnung für die Gesellschaft, wenn es noch Männer gibt, die sich so etwas trauen, ohne erst langewig vorher deswegen herumzufragen.
Mein Herz pochte, mein Gehirn setzte aus. Einen Augenblick lang gab ich dem bedenkenlos nach. Er griff mit einer Hand zunächst nach meinen Brüsten, raffte dann meinen Rock nach oben, strich über meine Backen .. Ich trug eine Strumpfhose – hey, Leute, es ist Dezember und schon fast Winter! – und einen Slip, einschließlich ..

Tante Irma ist eine wirksame Anstandsdame und erbarmungslose Tugendwächterin, selbst wenn sie schon im Begriff ist, sich zu verabschieden. Mit Carsten wäre es (mit Einschränkungen) gegangen, mit einem fremden Mann dagegen nicht.
Er hielt inne. „Was ist los?“
Ich kam wieder zu Atem und zur Besinnung. Wortlos schüttelte ich zunächst den Kopf, während ich meinen Rock wieder zurechtzog. Dann sagte ich leise: „Es geht nicht, Gerard.“
Er schwieg, strich mir dann sanft über die Wange, und meinte schließlich: „Schade, Anne. Aber wir werden uns davon nicht den Abend verderben lassen.“

Er nahm mich an der Hand und führte mich zu seinem Auto. Wir stiegen ein und fuhren ein Stück bis zu dem Restaurant, wo er einen Tisch für uns beide reserviert hatte.
Wir unterhielten uns, als wenn nichts gewesen wäre. Es gibt ja nicht viele Menschen, mit denen ich gemeinsame Gesprächsthemen finde, zumindest wenn ich sie nicht schon lange kenne. Aber Gerard ist ein intelligenter, vielseitig interessierter, weltgewandter Mann mit nerdigen Zügen, so dass wir ganz zwanglos miteinander plaudern konnten.
Er erzählte noch einmal, dass die kürzliche Veranstaltung viele positive Reaktionen erhalten hätte, und er sich wirklich freuen würde, wenn ich bei der nächsten vorgesehenen Veranstaltung wieder mitmachen würde – vielleicht fände sich dann doch Gelegenheit, dass wir privat Zeit miteinander verbringen können. Er hatte eigentlich vorgehabt, im Frühjahr die Trichterstadt zu besuchen, aber es sei inzwischen nicht sicher, ob dies tatsächlich klappen würde. Er würde sich aber in jedem Fall bei mir melden, wenn er wieder in die EMN käme.
Zwischendurch legte er immer wieder seine Hand auf meine, oder nutzte auch sonst Gelegenheiten für dezenten Körperkontakt.

Eigentlich wollte ich mein Essen selbst bezahlen, aber er bestand darauf, meinen Teil der Rechnung mit zu übernehmen. Das sei auch sein Dank für meine Teilnahme am Diskussionspanel. Ich habe es mir längst abgewöhnt, in solchen Fällen herumzudiskutieren, also nahm ich dankend an.
Ich bat ihn dann noch, mich wieder zum Bahnhof zu fahren, damit ich mit dem nächsten Zug wieder heimfahren kann. Selbstverständlich, meinte er, wenn er mich schon nicht überreden kann, die Nacht in der Zwiebeltreterstadt zu verbringen. Er würde mich auch nach Hause fahren, wenn ich wolle. Ich lehnte ab.
Er ließ mich dann direkt am Bahnhof aussteigen, ohne selbst irgendwo eine Parkmöglichkeit suchen zu müssen. Als ich mich verabschieden wollte, gab er mir noch schnell einen Kuss auf die Wange. Ich sah zu, dass ich aus dem Auto herauskam, winkte ihm dann noch kurz hinterher, und machte mich auf den Weg zum betreffenden Geleis.

Carsten kam noch deutlich später heim, als ich angenommen hatte, so dass ich Zeit hatte, bereits mit diesem Blogeintrag zu beginnen.
Er war müde und abgespannt, weshalb er es nur unaufmerksam zur Kenntnis nahm, als ich das Abendessen in der Zwiebeltreterstadt erwähnte.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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31 Antworten zu La Chaperone //2291

  1. noch1glaswein schreibt:

    Den Tiefgaragenteil hast Du Dir ausgedacht, oder?

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  2. claudius2016 schreibt:

    Bin kurz davor, mich zu wiederholen.

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  3. Mia schreibt:

    Tante Irma sei Dank!

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  4. blindfoldedwoman schreibt:

    Huch. Das hat mich jetzt überrascht. Das passt so gar nicht zu Deiner vorangegangenen Beschreibung.

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  5. Christian_who schreibt:

    Ich wusste es! Großartig Anne 🙂

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  6. Leser schreibt:

    Ich weiß jetzt nicht, wie ich darauf reagieren soll. Versetze ich mich in Carsten, gäbe es zwei Möglichkeiten: Verletzt sein, oder die Exklusivitätsvereinbarung beiderseitig aufkündigen, aber trotzdem zusammen bleiben. Keine Ahnung, ob das eine Option ist. Ob ich (an seiner Stelle) dazu in der Lage wäre (oder ob er es ist). Ist ja schon auch bezeichnend, Tante Irma dafür nicht dankbar zu sein…
    Frage: Was machst Du, wenn er wieder in die Region kommt, Ihr Euch wieder trefft, und Tante Irma nicht als Hinderungsgrund zu Besuch ist? Und was macht Carsten, wenn er es erfährt?

    Wenn ich sowas lese, bin ich dann doch wieder ganz froh, ungebunden zu sein, denn derartige Situationen würden für mich nur unnötigen Stress erzeugen…

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  7. Plietsche Jung schreibt:

    Ich bewerte das nicht, du bist alt und schlau genug.
    Nur erzähle es Carsten nicht.

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  8. ednong schreibt:

    Oha. Es wird spannend.

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