„Es hört doch jeder nur, was er versteht.“ //2266

Kann sein, dass das jetzt ein Rant wird. Vielleicht wäre es besser, den Eintrag einfach zu überspringen.
Nachdem meine Aktivitäten bei Twitter in den letzten paar Monaten eher gering waren, bin ich inzwischen wieder ein wenig öfter dort. Kürzlich ergab es sich, dass ich mir wieder mal einen aktuellen Häschtäg ansah.

Bei #joyfails* geht es darum, dass Frauen, die ein Profil auf Social Media, insbesondere Datingwebsites o.ä., haben, öffentlich posten, wenn ihnen ein Anschreiben eines Mannes nicht gefällt. Sicherlich gibt es derartige Kontaktaufnahmen, die nicht angemessen sind. Den Mann deswegen öffentlich am Internetpranger bloßzustellen und vorzuführen, finde ich trotzdem nicht in Ordnung. Das lässt Respekt und Anstand vermissen.
Es geht mir aber weniger um das allgemeine Phänomen, sondern nur um einen speziellen Subaspekt davon.

Ich stieg in eine Diskussion ein, bei der es darum ging, dass Männer die Selbstdarstellung der Frau aufgenommen hatten, und sie in entsprechender Diktion angeschrieben hatten, der die Eigenbezeichnung sowie einen ähnlichen Sprachduktus der betreffenden Frau benutzte, und so nur die gegebene Information und Wortwahl spiegelte, bzw. sich an dieser Vorgabe orientierte. So wie ein Client, der die bereitgestellten Schnittstellen des Servers nutzt.
Hey – was erwarten die denn? Wenn sie sich selbst mit vulgären, unflätigen Ausdrücken bezeichnen, wird kein Mann mit Niveau und kultivierter Persönlichkeit überhaupt darauf eingehen, und sie stattdessen ignorieren. Wer sich selbst öffentlich $ordinaererAusdruck nennt, sollte doch kein Problem haben, als ebensolche angesprochen zu werden. Alles andere wäre Scheinheiligkeit und Heuchelei. Sagen wir mal so: garbage in, garbage out.
Aber gerade darüber empören sie sich. Diese doppelten Standards widern mich an – Personen, die sich nicht an ihren eigenen Maßstäben messen lassen.

Twitter-Diskussionen können ganz schnell unübersichtlich werden. Wenn da mehrere Personen antworten, verzweigt sich die Diskussion, und zwei Tweets weiter ist der Kontext auch schon verloren. Die Beschränkung auf 280 Zeichen tut ihr übriges, und verhindert nuancierte Antworten. Kein Wunder, dass es immer wieder zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen kommt.
Trotzdem brauche ich mir nicht von jemandem, der wiederholt den diskutierten Scope ausweitet, wechselt, oder gar ganz verlässt, und meine Äußerungen in einen nie von mir vertretenen Bezug stellt, vorhalten zu lassen, ich könne nicht differenzieren.
Wenn innerhalb kurzer Zeit viele Antworten kommen, eventuell einander überholend, kann ich nur kapitulieren. Ich habe auch noch ein Offline-Leben, so dass ich unmöglich auf jeden Strohmann, jede Verdrehung, und jedes Derailing eingehen kann. Außerdem habe ich eh den Eindruck, dass Twitter mir manche Antworten unterschlägt. Manche konnte ich auch gar nicht lesen, weil ich unterdessen wohl geblockt wurde. Ich werde nie verstehen, wie man auf die Idee kommt, jemandem zuerst eine Antwort zu schreiben, bloß um ihn unmittelbar danach zu blocken. „Der Feige droht nur, wo er sicher ist.“

Nun ja, ich bemühte mich anfangs noch, auf alle Antworten einzugehen, später nur noch auf einzelne, und schließlich asymptotisch gar keine mehr.
Dieser Unwillen, von den eigenen Befindlichkeiten weg zu abstrahieren, und auch mal eine andere Perspektive einzunehmen, verleidet so manche sachliche Diskussion. Da ist oft keinerlei Fähigkeit vorhanden, seine eigenen Voreingenommenheiten zu reflektieren, geschweige denn, sich in andere hineinzuversetzen. Sinnerfassendes Lesen, ohne anderen das Wort im Mund herumzudrehen, ist eine aussterbende Kompetenz. Einige Diskutanten (nicht alle!) scheinen bei der geistigen Reife eines Kindergartenkindes stehengeblieben zu sein.
Und nein! – ich diskutiere nicht auf der moralisierenden Ebene von Schuldzuweisungen und Beschämungen. Mir geht es um Ursächlichkeit und Verantwortung.

Ist es denn zu schwierig für eine erwachsene Frau, ihr Profil derart zu gestalten, dass sie sich selbst auf die Weise darstellt, wie sie von Fremden beim Erstkontakt angeschrieben werden möchte? So, dass es ausdrücklich ihre Zielgruppe anspricht? Nach einigem Nachrichtenaustausch kann sie ja dann trotzdem einen vertraulicheren Ton gestatten. Wer ein Profil zum ersten Mal liest, erhält nur die Information, die ausdrücklich dasteht. Wer genau das aufnimmt und darauf eingeht, hat es nicht verdient, dermaßen runtergemacht zu werden. „Doch der den Augenblick ergreift, das ist der rechte Mann.“
Selbst ein ergebnisoffenes Ersuchen um sexuelle Gefälligkeiten, ist nicht verwerflich. Man kann es bei Missfallen ablehnen, oder gar nicht erst zur Kenntnis nehmen. Wenn die Wortwahl dabei ähnlich vulgär ist wie der eigene Profiltext – tja, genau das war doch zu erwarten. Kein legitimer Grund sich zu echauffieren.

Möglicherweise kommt da auch wieder mal zu sehr mein innerer Sheldon durch. Kann sein, dass mir das Verständnis für solche emotionalen, neurotypischen Verhaltensweisen fehlt.
Den anschreibenden Männern geht es vielleicht ähnlich, insbesondere, wenn sie selbst noch jung und unerfahren sind, und sie können die Entrüstung über ihre Nachrichten nicht verstehen. Schließlich mussten sie angesichts des jeweiligen Profils davon ausgehen, dass genau solche Äußerungen erwartet werden.
Solche Aktionen verunsichern gerade die anständigen, schüchternen Männer, und schrecken sie ab, zukünftig Kontakt zu Frauen zu suchen. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern wird dadurch unnötig belastet.
Außerhalb expressis verbis feministischer Kreise habe ich schon lange keine derartig männerfeindliche Haltung erlebt. Obwohl die weißen Ritter und kernlosen Pudel nicht fehlten.

Wenn die Programmierschlampe Newton mit „reactio = actio“ zitiert, ist das offenbar schon wieder Anlass genug für eine Meldung an Twitter. Immerhin hat es diesmal nicht für eine Sperrung gereicht. Hoffen wir doch, dass das Verweisen auf die Naturgesetze noch lange geduldet wird.
Vielleicht zitiere ich das nächste Mal besser Gödel.

[Und noch mal ganz ausdrücklich zur Klarstellung – nach all meinen Interneterfahrungen scheint das bitter nötig zu sein:
Es geht bei diesem Blogpost _nicht_ um Frauen, die ein geschmackvolles, dezentes Profil pflegen, und dann rüde und abstoßend derb angeschrieben werden, obwohl sie dafür überhaupt keinen Anlass gaben. Das kommt vor, ist aber hier nicht Thema.
Es geht ausschließlich um diejenigen, die durch den Stil ihres Profiles zu unflätigen Mitteilungen ermuntern und provozieren, sich aber dann darüber aufregen und entrüsten.]

[* Abschließend doch noch eine Fußnote, die ansonsten nichts mit dem Text zu tun hat:
Es begab sich zu einer Zeit, dass ich auch mal einen Account beim Joyclub hatte, bin dort mit den Leuten aber nie warm geworden.
Gleich am Anfang schrieb mich ein Typ an – lange Haare und tätowiert – entsprach also schon rein optisch so überhaupt nicht meinem Beuteschema, obwohl es damals dafür reichte, bei mir keinen Ekel auszulösen.
Der schrieb ziemlich ungehobelt und unzivilisiert, dass er es mir besorgen würde, aber nur ohne Kondom – ein absolutes No-go!
Ich bin nicht darauf eingegangen, habe ihn ignoriert, und fertig. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, ihn deshalb in irgendeinem öffentlichen Medium niederzumachen.]

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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31 Antworten zu „Es hört doch jeder nur, was er versteht.“ //2266

  1. mijonisreise schreibt:

    Ich mag deine Texte. Vor allem die sehr klare Differenzierung von Ursache und Wirkung.
    Diese herrschende „Kindergarten-Mentalität“ scheint doch von der Gesellschaft gewollt zu sein. Menschen, die nicht oder kaum verstehen, was ursächlich das Problem ist, haben auch keinen Blick für die größeren Zusammenhänge.

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  2. blindfoldedwoman schreibt:

    Dem ist nichts hinzuzufügen. Volle Zustimmung. Einzig würde mich noch interessieren, zu welcher Altersgruppe die Betreffenden gehören?

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  3. Plietsche Jung schreibt:

    Jede Person hat das Recht, sich selbst zu disqualifizieren.
    Fertig.

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  4. claudius2016 schreibt:

    Das scheint ein derzeitiges, gesellschaftliches Grundproblem zu sein.

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  5. Leser schreibt:

    Also wenn ich auf solchen Seiten unterwegs wäre, und ein derartiges Profil einer Frau sehen würde, gäbe es zwei Möglichkeiten, das zu interpretieren: 1. Trollprofil, was dazu gedacht ist, unflätige Reaktionen anzuziehen, aber keinesfalls ernstgemeint ist. Oder 2. Eine Person, die sich selbst nicht im Geringsten respektiert, warum sollte ich mit so jemandem etwas zu tun haben wollen?
    Jetzt mal so völlig von außen betrachtet, ohne dass ich mehr Informationen darüber hätte, als in diesem Blogbeitrag geschrieben steht (ich habe auch auf keine Links zu Twitter u.ä. geklickt).

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    • Ja, das meinte ich ja oben ebenfalls.
      Wer tatsächlich solch ein Profil führt, darf sich nicht zu wundern, Leute anzuziehen, die dann auch entsprechend antworten. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

      (Auf den Link zu Twitter darfst du ruhig klicken. Da ist nur mal wieder mein Nerdhumor mit mir durchgegangen.)

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    • Noch ein Nachtrag (zu 1.):
      Ich glaube, dass viele dieser Frauen ihren Account als eine Art Honeypot oder Köder nutzen.
      Sobald ein Mann darauf anspringt, veröffentlichen sie schnell seine Zuschrift, um dafür Aufmerksamkeit, Beachtung und Applaus aus ihrer Echokammer zu erhalten, aber vor allem Selbstbestätigung zu bekommen.
      Irgendeinen Grund, sich aufzuregen, finden sie immer, und wenn’s nur ein vergessenes Komma ist.

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  6. keloph schreibt:

    es wurde ein rant. aber ein erlaubter. bloggen wird schon manchmal unübersichtlich, aber bei twitter ist es fast zwangsläufig unübersichtlich. und ganz im ernst, bei den 280 zeichen haben viele twitterer bereits ihr komplettes hirn ausgelaugt 🙂

    Gefällt 1 Person

  7. Marmor schreibt:

    Gefunden!
    [editiert: Twitter-Link entfernt, stattdessen Text verfremdet eingefügt:

    In meiner Bio hier steht „$deutscherDichter zitierendes $vulgaereBezeichnung“. Wenn ein Typ mich anschreibt mit „hey du kleines $vulgaereBezeichnung, Lust auf meinen $Körperteil?“ hat er etwas GANZ Grundlegendes nicht verstanden.

    ]
    Was hat er denn nicht verstanden?

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    • Dass dort mit zweierlei Maßen gemessen wird.

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    • Marmor schreibt:

      Nanu? Warum hast Du den Link raus und geändert?

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      • 1. Führe ich niemanden öffentlich vor. Ich will da keine Dritten mit hineinziehen, die noch nicht wissen, um wen es sich handelt. Ich gewähre Vertraulichkeit und Diskretion.
        2. Möchte ich der Twitterin keine zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen – weder positive noch negative.
        3. Mag ich mein Blog nicht mit solcher Gossensprache besudeln lassen. Das haut sonst wieder voll in meine Suchergebnisse rein. #SEO

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        • Caro schreibt:

          WTF? Nur weil diese Frauen sich selbst nennen, wie sie wollen darf sie jeder Typ so respektlos behandeln oder Dickpics schicken?
          Echt abartig wie Du Dich an der VULGÄREN GOSSENSPRACHE festbeist.

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          • Keep your shirt on! Erst mal tief durchatmen.

            Männer mit Niveau werden solchen Unflat ignorieren. Diejenigen, die von solchen Accounts angezogen werden, antworten dann halt im gleich Stil. Deal with it. Wie kommt man nur auf die Idee, etwas anderes zu erwarten? Warum sollten fremde Menschen mehr Respekt vor einer Person haben, als sie vor sich selbst?

            Meinetwegen darf jeder seinen Account gestalten, wie er will. Ich mache niemandem Vorschriften.
            Aber ebenso braucht mir solch ein Schmuddlaccount nicht zu gefallen, und ich darf meine Meinung dazu sachlich äußern, und auf Widersprüchlichkeiten zwischen Erscheinungsbild und der Reaktion auf Nachrichten hinweisen – insbesondere, wenn übertriebene Reaktionen anderen Personen schaden können.

            Was die von dir zur Sprache gebrachten Dickpics betrifft: Just don’t look, wenn du sie nicht sehen willst.

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  8. Cameo schreibt:

    Muß das nicht actio=reactio heißen?
    Der kernloser Pudel ist supercool. LOL.

    Gefällt 1 Person

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