Der Moment vor dem Schlucken //2226

Auch dieses Jahr wieder waren wir bei Sonja zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen. Dass Verena mit ihren Kindern da sein würde, war klar. Ich war erleichtert zu erfahren, dass Patrick nicht anwesend sein würde. Fiona und Corinna waren sowieso nicht zu erwarten, da sie schon länger nicht mehr in der Gegend wohnten. Norbert hatte heuer keine Zeit, und war deshalb auch nicht gekommen.
Im Vorfeld hatte Sonja bereits angekündigt, dass sie ihren Gästen ihren Freund Gideon vorstellen wolle, sofern sie ihn nicht bereits kennen.

Carsten und ich richteten es zeitlich ein, dass wir nicht zu früh auf der Party erschienen. Ich klingelte bereits an der Tür, während Carsten noch im Auto etwas zu erledigen hatte.
Sophie öffnete die Tür und ließ mich eintreten. Es waren bereits etliche Gäste da. Bevor ich Sonja gratulieren konnte, begrüßte mich Gideon: „Grüß dich, Anne, schön dass du da bist. Darf ich dir meine Schwester Beate vorstellen?“ Sie war äußerlich ein ähnlicher Typus wie ich, wenn auch älter und nicht ganz so groß.
Inzwischen war Carsten ebenfalls hereingekommen und hinter mich getreten. Beate blickte auf, und hauchte mit melodischer Altstimme: „Hallo, Carsten ..“
Ich muss zugeben, dass sie nicht wie Mitte Fünfzig aussah. Eher wie die Lottofee in Brünett.
Carsten nickte ihr kurz zu, wandte sich aber dann sofort an Gideon, den er ebenfalls von früher kannte, wie sich herausstellte.
Carsten vermied es, noch einmal mit Beate zusammenzutreffen, und wir verließen die Party auch schon ziemlich früh.

Ich gehe ja ziemlich sicher davon aus, dass es sich tatsächlich um jene Beate handelt, mit der Carsten früher kurzzeitig verbandelt war, aber weiß es nicht hundertprozentig. Ich habe mit Carsten nicht darüber gesprochen. Alle Indizien deuten darauf hin: Der (IRL relativ häufige) Vorname stimmt überein; das Alter dürfte hinkommen; dass er auch Gideon von früher kennt, passt dazu; und sein Verhalten gegenüber Beate scheint es zu bestätigen.
Nach all diesen Jahren ist es eigentlich völlig bedeutungslos und unerheblich.

Die rote Pille der Erkenntnis ist oftmals unbekömmlich.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich Gewissheit haben will, und die Pille schlucken soll.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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30 Antworten zu Der Moment vor dem Schlucken //2226

  1. keloph schreibt:

    die vergangenheit eines menschen gehört dazu, ob man es mag oder nicht.

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  2. Marmor schreibt:

    Wann beisst Du in den Apfel?

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  3. blindfoldedwoman schreibt:

    Er hat sich ihr wohl damals gegenüber sehr unfair verhalten. Das wird der Grund gewesen sein, ihr auf der Party aus dem Weg zu gehen. Es gibt keinen Grund eifersüchtig zu sein, denke ich. Aber wie klein die Welt ist…

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  4. blindfoldedwoman schreibt:

    Ok, ich wusste nicht, wie die Lottofee aussieht . Sehr attraktive Frau. Aber er ist mit Dir zusammen und hat sie damals verlassen. Ausserdem ist das Jahrzehnte her.

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  5. ednong schreibt:

    Warum bittere Pille? Gehört halt dazu. Muss man doch nicht bewerten. Nur zur Kenntnis nehmen.

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  6. Plietsche Jung schreibt:

    Ein Mann ohne Vergangenheit ist wie ein Auto ohne Räder.
    Ein jungfräulicher Carsten würde mir sehr viel mehr Sorge machen.

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  7. Pingback: Wurmloch im Paradies //2229 | breakpoint

  8. Pingback: Topologie einer Begegnung (vorletzter Teil) //2313 | breakpoint

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