Steter Tropfen //2202

Im Urlaub hatte es ja durchaus einige Spannungen und Konflikte zwischen Carsten und mir gegeben. Das waren alles Kleinigkeiten gewesen, die unsere Beziehung zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt haben. In einer guten Beziehung nimmt man so etwas dem anderen nicht übel (zumindest nicht lange). Wenn es keine schwerwiegenden Diskrepanzen gibt, bleiben nur läppische Lappalien, über die man streiten kann.
Ich wundere mich aber halt, wieso zwei Menschen so völlig unterschiedlich auf verschiedene Faktoren reagieren können. Was den einen stört, lässt den anderen völlig kalt.

Da kam es etwa im Urlaub gelegentlich vor, dass spätabends noch Musikfetzen von der Bar durch unsere geöffnete Terrassentür drangen. War mir egal, während Carsten davon gestört war. Ähnlich ist es manchmal, wenn wir spazieren gehen. Da kommt es vor, dass ein Motorgleiter über unseren Köpfen dröhnt. Carsten nervt das jedesmal unsäglich. Ich nehme es kaum wahr, und blende es vollständig aus. Mich stört viel mehr, wenn Carsten sich darüber aufregt. Ich kann es nicht nachvollziehen, wie man sich von solch leisen, relativ gleichmäßigen Tönen oder unwichtigem Hintergrundrauschen stören lassen kann.

Umgekehrt hört Carsten während des Essens gerne Nachrichten auf dem Radio. Das kann ich nun wieder kaum ertragen. Beim Essen will ich Ruhe haben, oder mich höchstens mit meinem Tischgenossen unterhalten. Ich will keinesfalls, dass informationshaltige Geräusche an mein Ohr dringen. Mit Musik wäre das etwas anderes. Die reißt mich nicht aus meinen Gedanken. Ich will nicht den Nachrichten zuhören müssen. Nicht beim Essen. Aber Satzfragmente drängen sich erbarmungslos in mein Bewusstsein. Das ist eine Qual!
Zu allem Überfluss ist der Empfang des alten Analogradios manchmal stark verrauscht. Leicht verständliche Sätze wechseln ab mit vowfstuäoemjdift Hftubnnfm. Carsten macht das gar nichts aus.
Wie oft habe ich Carsten schon gebeten, beim Essen auf die Nachrichten zu verzichten. Er kann sich doch auch ein andermal über die Neuigkeiten informieren. Aber nein! Sonst hat er keine Zeit dafür, und er hört ja nur zehn Minuten lang die Nachrichten. Dann sind wir meist auch mit Essen fertig. Das sei nun mal seine Art von Multitasking, indem er die Essenszeit gleichzeitig effizient zur Informationsgewinnung nutzt. Rational kann ich das nicht widerlegen.
Ist ein friedliches, unabgelenktes Essen denn zuviel verlangt? Ich habe ihm schon öfter vorgeschlagen, dann halt getrennt zu essen, aber das will er auch nicht. Höchstens schaltet er dann halt mal missmutig ab. Ein Pyrrhussieg. Wegen solchen im Grunde genommen Bagatellen will ich keine Machtkämpfe. Und auch nicht immer wieder rumnörgeln müssen.
Für mich ist dieses Gelaber im Hintergrund Stress! Ich will in Ruhe essen, oder eventuell meine Gedanken mit dem Gegenüber austauschen. Aber der hört nur dem Radio zu, und ich kann deshalb nicht entspannen.
Je nach dem, wie ich sonst drauf bin, gelingt es mir, das ganze mit stoischer Gelassenheit über mich ergehen zu lassen. Oder aber der letzte Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen.

OK – jetzt bin ich etwas vom Thema abgekommen. Aber das war halt ein Beispiel dafür, dass es unterschiedliche Nervfaktoren gibt. Ich finde es einfach erstaunlich, wie jeder so ganz anders reagiert.
Warum mögen viele Leute solche Scheußlichkeiten wie Rosinen? Wieso hat jeder andere No-gos? Weshalb legen der eine sehr viel Wert auf etwas, das einem anderen völlig gleichgültig ist, und das ein dritter sogar definitv ablehnt?
Es ist immer wieder verwirrend, wie weit auseinander Vorlieben und Abneigungen verschiedener Menschen auseinanderklaffen können – sogar wenn sie sich ansonsten gut verstehen.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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22 Antworten zu Steter Tropfen //2202

  1. blindfoldedwoman schreibt:

    Menschen sind halt so unterschiedlich wie ihre Wahrnehmung.

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  2. Athropos schreibt:

    Der Herrgott hat einen großen Tiergarten – wenngleich für den Blogeintrag wahrscheinlich overkill.
    Und sonst wärs ja fad 😉

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  3. mijonisreise schreibt:

    Wenn noch nicht mal Schneeflocken identisch sind, wie könnten es dann so hochkomplexe Lebewesen, wie der Mensch es sein?

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  4. Plietsche Jung schreibt:

    Die Liebe hält alles zusammen !

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  5. keloph schreibt:

    Deswegen, also Radio zum Essen mag ich keine deutsche Musik. Es lenkt mich ab. Wo ich doch einfach entspannen will. Aber ein Kompromiss sollte möglich sein.

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  6. ednong schreibt:

    Tja, die Menschen sind unterschiedlich. Ebenso ihre Schwellwerte.
    Geräusche beim Essen – sofern nicht leise Musik, der man nicht vom Text her zuhören muss oder kann – mag ich auch nicht. Ganz besonders keine Infosendungen. Und bei Toiletten schaue ich im Hellen direkt nach dem Einschließen, wie ich das wieder öffnen kann. Und ob ich es geöffnet bekomme. Denn manche Türen öffnen nach innen, manche nach außen. Schieber oder Schleßer, mal rechts, mal links herum. Sollte es eine Norm für geben …

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  7. John Reed schreibt:

    Liebe überdauert Alles !

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