Irreguläre Impressionen, Teil 2 #breakpointUrlaub2019 //2192

Die Fortsetzung der Urlaubserinnerungen 2019:

Da das Hotel für Paare konzipiert war, gab es keine Kinder, was ruhig und angenehm war, dafür aber leider recht viele Raucher, die oft genug gerade die schönsten Fleckchen okkupierten. Da hat man gerade ein gemütliches, schattiges Plätzchen gefunden, da stinkt es schon wieder von nebenan. Diese Qualmerei ist die Pest! Ich werde es wohl nie verstehen, wie man so rücksichtslos sein kann, die Luft so zu verderben, so dass andere, die sie einatmen müssen, dadurch belästigt werden und ihre Gesundheit gefährdet ist. Vom entstehenden Kohlendioxid mal gar nicht zu reden.
Es muss auch wirklich nicht sein, gleich früh die besten Liegen und mehrere Sitzgelegenheiten zu belegen (wie das einige Hotelgäste machten), sie selbst aber höchstens sporadisch zu nutzen.
Am Anfang war es noch interessant, den Zikaden zuzuhören. Aber nach und nach nervten sie nur noch. Ebenso die Wespen, die effektiv verhinderten, dass wir mal eine Mahlzeit im Freien einnehmen konnten.
Am schönsten war es am Morgen oder am Abend am Strand. Da war die Sonnenstrahlung nur mäßig, und es waren kaum Leute dort. Ich verstehe nicht, warum die meisten Urlauber am liebsten in der knallheißen Nachmittagssonne sich am Strand braten lassen, statt im Zimmer Siesta zu halten. Immerhin hatten wir dann abends unsere Ruhe am Strand, und konnten gemütlich über die Wuchsrichtung und Fraktalität eines Ensembles von Pinien philosophieren, wenn wir nicht gerade nach Steinen suchten, die penisähnlich aussahen. Leider war es aber einfacher, Steinherzen zu finden.

Das tägliche Highlight war der Flirt mit einem bestimmten Bartender (außer an seinen freien Tagen), bei dem es den allerbesten (Latte-artigen) Cappuccino gab, und die begehrlichen Blicke einiger männlicher Urlauber. Feministinnen würden deshalb empört aufkreischen. Mich munterte es auf und gab mir Auftrieb. Und die Einheimischen haben zum Glück noch keine Hemmungen, einer „bellissima donna“ ein Kompliment zu machen.
Am Morgen war es mein tägliches Ritual, mich nackt auf der Terrasse zu kämmen.
Das tägliche Lowlight dagegen waren meine unfreiwilligen anthropometrischen Beobachtungen. Mehr sage ich lieber nicht dazu.
Bei den wenigen Gelegenheiten, in denen ich mal ein paar Minuten alleine war, konnte ich fast wetten, dass mich eine Engländerin oder Französin ansprechen würde, um Smalltalk zu halten. Was habe ich bloß an mir, dass so viele Frauen überhaupt keine Zurückhaltung haben, mich zu belästigen? Ich will nicht mit denen reden, sondern doch einfach nur meine Ruhe haben.

Ich wäre ja vollkommen zufrieden gewesen, relaxenderweise mit einem Cock tail in Griffweite auf dem Liegestuhl ein wenig vor mich hinzudösen. Zwischendurch mal ein wenig ins Meer oder in den Pool. Mal wieder ein Buch lesen, und ab und zu online (die Kombination von nicht immer zuverlässigem WLAN, technischen Problemen mit meinem Notebook, für die ich nicht den Nerv hatte, häufigen kurzen Stromausfällen und kaum unbeobachteter Gelegenheit verhinderte, dass ich ein Lebenszeichen auf Twitter geben konnte – ich war schon froh, dass ich es wenigstens schaffte, eine Handvoll beruflicher Mails zu beantworten) gehen.
Aber Carsten wusste nichts mit sich anzufangen. Es gab auch kaum Angebote geführter Touren oder Ausflüge, an denen er sich hätte beteiligen können – zumindest nichts, was ihn interessierte. Im weiteren Umkreis wäre er gerne spazierengegangen. Aber das Gelände war so unwegsam, so dass er mindestens streckenweise beide Arme gebraucht hätte, um sich abzustützen, festzuhalten oder zumindest auszubalancieren.
So hing er andauernd mies gelaunt in meiner Nähe herum.

Zum Schluss stritten wir fast nur noch. Ob die Fenster auf oder zu sein sollen. Ob die Zwischentüren auf oder zu sein sollen. Wie die Klimaanlage eingestellt sein soll. Ob wir zuerst an den Strand, in den Wald oder an den Pool gehen. Ob ich uns noch mal mit Sonnenschutz einschmieren soll. Wo seine Brille schon wieder abgeblieben war. Wann wir zum Mittagessen gehen ..
Im Grunde ist es mir ja ziemlich egal, wann genau wir essen. Aber ich will das vorher wissen. Wenn wir z.B. ausmachen, um 13 Uhr zu essen, und ihm fällt dann um halb eins plötzlich ein, dass er doch erst um zwei essen will, dann kann ich das einfach nicht ertragen! Da rebelliert mein innerer Aspie. Warum ‚zifix! muss er alles umändern, obwohl es dafür gar keine zwingende Veranlassung gibt? Normalerweise hätte ich dann ja die Option, getrennt essen zu gehen, genutzt. Ging aber nicht, weil er Hilfe und Unterstützung beim Essen brauchte.
Oder wir waren gerade im Begriff, aus dem Zimmer zu gehen. Er hatte mich fast angetrieben, dass ich mich beeilen solle, oder mir zumindest subtil das Gefühl gegeben, dass er nur noch darauf wartete, bis ich endlich fertig sei. Dann fällt ihm plötzlich noch etwas ein, so dass jetzt ich auf ihn warten muss. Oder er sucht seine Schlüsselkarte, die er gerade eben noch in der Hand gehabt hatte.
Ich will auch nicht zum soundsovielten Mal aufgefordert werden, mir zum Frühstück ein Omelett („mit allem, was du willst“) machen zu lassen. Ich will am Morgen – verdammt noch mal! – kein Omelett essen. Und auch in der Früh noch keinen Obstsaft trinken. Darf er alles machen, wie er will. Auch Joghurt, Porridge, oder Vogelfutter essen. Bloß mich soll er gefälligst damit verschonen. Mir reicht Kaffee und höchstens ein Käsebrötchen.

Die erzwungene Inaktivität war für Carsten ziemlich unerträglich. Damit hätte ich kaum ein Problem gehabt. Was mir zunehmend fehlte, war ungestörter Freiraum und Zeit allein für mich. Aber es gab keine Rückzugsmöglichkeit.

Es war schon ziemlich lästig, jeden einzelnen Kleinkram jedesmal aufs Neue miteinander abstimmen zu müssen. Daheim hat man für so etwas seine eingeschliffenen Routinen.
Im Urlaub ist es wirklich anstrengend, ständig Entscheidungen treffen zu müssen. Wann will ich wohin gehen, was machen, was essen, was trinken, ..? Schwierig genug, das wiederholt für sich selbst beschließen zu müssen. Immer wieder mit jemand anderem aushandeln und einen Konsens finden zu müssen, ist völlig der Stress. Da lobe ich mir meinen Alltag mit all seinen Vorgaben, an die wir gewohnt sind. Und wenn wir wollen, haben wir immerhin die Freiheit, auch mal spontan vom strukturierten Tagesablauf abzuweichen – müssen das aber nicht per default.

Erst am letzten Abend fanden wir noch einen Schleichweg zu einem anderen Strandabschnitt, der sonst durch Klippen vom Hauptstrand abgetrennt war. Hier waren viele Steine und Unmengen von Seetang – nicht der schönste Strand, aber dafür alles menschenleer. Da es an der Bar schon keinen Sex on the Beach gab, wollten wir das wenigstens hier nachholen. Aufgrund von Carsten’s Armschiene, die wie ein Abstandhalter fungierte, war das im Stehen reichlich beschwerlich – aber ubi voluptas, ibi via. Schließlich schafften wir es, als hinter einem großen Felsen ein Mann mit einem Hund hervorkam. Er sah nicht wie ein Einheimischer aus, eher wie ein Wikinger.
Carsten und ich lösten uns stante pene unauffällig voneinander (fragt bitte nicht!) und schauten auf das Meer hinaus.

Der Urlaub war viel zu lang. Nächstes Jahr muss höchstens eine Woche wieder reichen.
Vielleicht liefere ich demnächst noch das eine oder andere Vorkommnis aus dem Urlaub nach. Vorläufig war’s das erst einmal.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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26 Antworten zu Irreguläre Impressionen, Teil 2 #breakpointUrlaub2019 //2192

  1. Christian_who schreibt:

    Herrlich. Danke Anne. Ich liebe es wie pissig Du sein kannst 🙂

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  2. ednong schreibt:

    Sag ich ja – klingt nach vollkommener Erholung 😉

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    • *seufz*
      Bei unseren anderen Urlauben hatte Carsten sich einige Male einen ganzen oder wenigstens halben Tag abgeseilt, um irgendetwas alleine oder mit einer Ausflugsgruppe zu unternehmen.
      Ich blieb allein im Hotel zurück, und hatte Gelegenheit, mich ungestört zu regenerieren. Das fehlte mir jetzt.

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  3. MartinTriker schreibt:

    Ach, Wespen. Kleinzeug. Wir hatten orientalische Hornissen. Die Serviceleute vom Restaurant wussten aber mit denen umzugehen, als die Terrasse mal öffnete. Ein Tisch am Rand war der Hornissentisch. Dort stand eine Platte mit irgendwelchem grünen Süßkram. Und die Hornissen stürzten sich darauf und liessen die Gäste in Ruhe. Wir aßen trotzdem lieber drin.

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  4. keloph schreibt:

    ohje, das tut mir leid für dich. ich erinnere mich in diesem zusammenhang an den ersten urlaub nach 30 jahren mit kindern, diesmal ohne kinder. und die sorge, die wir beide davor hatten. und es war auf seine weise der schönste urlaub seit langem. eben weil wir die von dir beschrieben probleme gar nicht hatten. das war einfach wunderschön.

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  5. Plietsche Jung schreibt:

    Herrlich, dieser Zickenalarm 🙂

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  6. blindfoldedwoman schreibt:

    Puh. Du bist ganz schön schwierig. Mir wäre das viel zu anstrengend. Wer hatte das Hotel ausgesucht?

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  7. mijonisreise schreibt:

    Soll man sich im Urlaub nicht erholen? 🤔

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  8. idgie13 schreibt:

    Man kann sich das Leben auch selber unnötig schwer machen. Aber ihr schenkt euch da ja scheinbar nix … 😉

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  9. Pendolino70 schreibt:

    Sehr schön, dass du deinen exhibitionistischen Neigungen wenigstens auf dem Balkon und am Strand nachgehen konntest auch wenn das Boudoir zubleibt 😉.
    Ich stelle mir nur die Frage, warum ihr euch nicht die höchste Hotelklasse aussucht um Dinge wie geschlossene Bars, schlechte Verbindungen oder Kämpfe um schöne Plätze einfach sparen zu können. Bei 5 Sternehotels gehört das zum Service und das sollte euch doch eure wenige Freizeit wert sein?

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    • Am Strand war Textilpficht (dabei ist es BTW überhaupt nicht gesund, das nasse Badezeug noch anzubehalten).
      Wir haben diesmal eh kaum Fotos. Es gab ja keine Ausflüge und mit nur einem einsetzbaren Arm ist fotografieren schwierig.

      Geschlossene Bars oder reservierte Plätze waren an sich kein Problem – man musste halt eventuell umdisponieren. Das habe ich nur der Vollständigkeit halber, oder weil es mir aufgefallen ist, erwähnt.
      Ganz am Anfang unserer Beziehung hatten wir 4 Sterne als Kompromiss ausgehandelt.
      Normalerweise ist das auch völlig ausreichend, so dass wir dies auch in Zukunft beibehalten werden.
      Außerdem mag ich es nicht, vom Personal so betüdelt zu werden.

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