Familientag //2145

Für die geplante Betriebsbesichtigung hatten sich elf meiner Verwandten angekündigt, neun sind gekommen. Außer Heidi war auch noch eine Tante krank, so dass die beiden nicht mitgefahren waren. Die jüngeren Kinder von Sabine und Kathrin hätten ohnehin daheim bleiben sollen.
Es war ausgemacht worden, dass die Verwandtschaft so zwischen neun und halb zehn bei der Firma eintrudeln sollte. Natürlich hätte ich selbst bereits unten warten können, aber ich zog es vor, dass sie sich erst beim Pförtner anmeldeten, der mich dann über ihre Ankunft informierte. Bei anderen Besuchern ist das das übliche Procedere (wie Kathrin bestätigen könnte), und ich wollte schon ein wenig Eindruck machen, dass wir hier keine kleine Klitsche sind, sondern ein solides Unternehmen.

Der Pförtner rief also an. Ich ließ meinen Rechner in aller Ruhe einschlafen und schnappte mir mein Notebook, bevor ich hinunterging, um meine Verwandten zu begrüßen.
Ich führte sie zunächst in ein geeignetes Besprechungszimmer, in dem Kaffee und Gebäck bereits bereitstanden. Kathrin wollte kurz beim Vorzimmer vorbeigehen. Aber ich erklärte ihr, dass das Sekretariat sich jetzt in Standort 1a befindet, und das Vorzimmer hier nur noch ausnahmsweise besetzt ist.
Nach ein paar einleitenden Worten führte ich die neue Firmenpräsentation vor. (Mir kam dann später die Idee, dass es zweckmäßig wäre, wenn wir einen eigenen Imagefilm von fünf bis zehn Minuten Länge hätten. Darum soll sich mal das Marketing kümmern, und eine geeignete Agentur suchen.)
Es gab kaum Rückfragen. Alle waren auffällig ruhig. Ich versuchte, Firmenbroschüren zu verteilen, aber meine Mutter meinte: „Lassner, Annele. Mei Aache, die wölle hald nimmer so richdich“.

Also machten wir uns auf den Weg in die anderen Räumlichkeiten. Ich ließ meine Verwandtschaft einen kurzen Blick ins Nerdtopia werfen, wo meine Mannen fleißig am Coden waren. Dann führte ich sie durch das Entwicklungslabor, wo Firmenfremde sonst keinen Zutritt haben (was ich ausdrücklich betonte), und demonstrierte ihnen unsere neuesten Geräte.
Als wir uns auf den Weg zur Fertigung machten, fragte mein Vater, ob es denn keine [kaufmännischen] Angestellten gäbe. Ich erklärte, dass die in Standort 1a seien, ein paar hundert Meter entfernt. Er meinte, dass er das gerne sehen würde. Das sind ganz normale Büroräume. Da sitzen die Mitarbeiter an ihren Schreibtischen, ohne dass es irgendwas speziell interessantes zu sehen gäbe. Aber wenn mein Vater unbedingt dort hinwollte, dann ließe sich das später noch arrangieren.
Dann zeigte ich allen die Fertigung, erklärte den Produktionsprozess und Funktion einiger Maschinen. Ach, ich glaube, sie haben nicht viel verstanden, und ich hätte mir den Aufwand auch sparen können.

Eigentlich hätte ich alle noch zum Essen einladen wollen. Aber sie hatten bereits andere Pläne, die sie eilig hatten umzusetzen. Ein Teil wollte auf das Volksfest, das zur Zeit in unserer Stadt stattfindet, die anderen wollten zu einem Freizeitpark eine halbe Autostunde entfernt.
Ich wollte und konnte nicht mit. Carsten war schon wieder geschäftlich unterwegs, so dass ich später noch einen anderen Termin für ihn wahrnehmen musste.

Mein Vater wollte ja noch zu Standort 1a. Die anderen brachen bereits auf, bzw. wollten auf ihn warten.
Ich zeigte ihm die Räume von Standort 1a, aber da ist wirklich nichts besonderes zu sehen.
Auf dem Rückweg fragte er dann: „Ich mussämol ganz dumm gefroch: der Bedrieb do, des ‚Nofosüggs‘, wem ghörd der denn?“
Das hatte ich alles in der Präsentation beschrieben gehabt. Hatte er da nicht aufgepasst?
„Das gehört größtenteils Carsten“, erklärte ich leicht ungehalten, „und ein kleinerer Teil mir.“
„Wuher haddädesdenn?“
„Er hat vor bald dreißig Jahren gegründet und seither kontinuierlich ausgebaut und vergrößert.“ Nicht zu vergessen meinen innovativen, konstruktiven Beitrag in den letzten Jahren.

Den Rest des Weges war mein Vater schweigsam, aber es war ja eh nicht weit, und wir trafen gleich wieder die anderen.
Ich verabschiedete mich von ihnen, weil sie jetzt endlich zum Freizeitpark (für Ortskundige: ST bei H) fahren wollten.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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10 Antworten zu Familientag //2145

  1. blindfoldedwoman schreibt:

    Das wird Zeit brauchen, bis sie das verdaut haben. 😅

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  2. Mia schreibt:

    Schon traurig: Deiner Familie ist das, womit du dein Geld verdienst, praktisch egal, du bezeichnest deine Familie als Hinterwäldler und alle Beteiligten jammern um die vergeudete Zeit. Ein Trauerspiel!

    Gefällt mir

  3. Pingback: Kausalkette //2171 | breakpoint

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