Zum #Vatertag: Danke, Papa! //2133

Diesen Text wirst du niemals lesen. Trotzdem schreibe ich hier auf, wie du meine Kindheit beeinflusst und mich geprägt hast.

Da gibt es ein uraltes Foto von mir und dir. Ich war noch ein Baby, vielleicht ein halbes Jahr alt. Von der Perspektive her muss es die Mama aus dem ersten Stock aufgenommen haben. Du hebst mich weit hoch über den Kopf. Ich lache. Man sieht dir den Stolz auf dein Kind an. Dieser Stolz hat dich niemals verlassen.
Weißt du noch, wie wir zusammen gerechnet haben? Du wurdest nicht müde, mit mir auf spielerische Weise Rechenaufgaben zu üben. Die Mama mag mir mehr vorgelesen haben, aber du hast meine Liebe zu Zahlen gefördert. Du hast mir auch beigebracht, analoge Uhren zu lesen. Eine alte Küchenuhr musste dafür herhalten.
Wie oft saßest du abends vor dem Fernsehen, die Beine hochgelegt. Es war unsere gemeinsame Zeit, in der ich auf deinen Schoß kletterte, und du mein „Fernsehsessel“ warst. Wenn wilde Tiere im Fernsehen auftauchten, tatest du so, als hättest du Angst und verstecktest dich hinter meinem Rücken, bis ich dich beruhigt hatte, dass das Ungeheuer doch nur im Fernsehen ist, und dir nichts antun kann.
Als ein paar böse Kinder mich ärgern wollten, drohtest du ihnen, ihnen „alle Ohren auszureißen – bis auf zwei“. Danach war Ruhe.

Tagsüber warst du aus dem Haus, „auf Arbeit“. Aber Abends gingst du dann mit mir ab und zu ins Hallenbad und lehrtest mich das Schwimmen.
Manchmal hast du mit mir Mühle gespielt. Deine Spezialität war, meine Steine bis auf vier aus dem Spiel zu nehmen, und die dann so einzusperren, dass ich keinen Zug mehr machen konnte.
Wenn du Urlaub hattest, hast du mich manchmal mit dem Auto von der Schule abgeholt. Das war nur selten und nicht regelmäßig, aber gerade deshalb etwas besonderes, und ich habe mich immer darüber gefreut.
Später, als ich im Gymnasium Nachmittagsunterricht hatte, hast du es oft eingerichtet, mit mir die Mittagspause zu verbringen, obwohl das für dich umständlich und aufwendig war. Aber du wusstest, dass ich sonst keine Gelegenheit gehabt hätte, mehr als ein mitgebrachtes Pausenbrot zu essen, deshalb holtest du mich ab, um mit mir im Restaurantbereich eines Supermarktes zu essen.
Du warst so stolz, als ich das Abitur machte. Erst recht, als ich studierte, obwohl es dich einen nicht unerheblichen Teil deiner Ersparnisse kostete. Du lerntest schließlich den recht sperrigen Titel meiner Diplomarbeit auswendig, obwohl du selbst mit der Thematik überhaupt nichts anfangen konntest, und keine Vorstellung davon hattest, um was es dabei geht.

Du hast mich immer unterstützt, wenn ich Hilfe brauchte. Du hast mich ermutigt, wenn ich mal niedergeschlagen oder verzagt war. Ich konnte mich immer auf dich verlassen. Du hast mir immer Rückhalt gegeben.
Danke, Papa, für alles, was du für mich getan hast.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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21 Antworten zu Zum #Vatertag: Danke, Papa! //2133

  1. Martin H. schreibt:

    O.K. Wer schneidet hier Zwiebeln?

    Sehr schöner, positiver Text!

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  2. idgie13 schreibt:

    Warum wird er den Text nie lesen? Er lebt doch noch, oder?
    Er würde sich sicher sehr freuen.

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  3. Carnofis schreibt:

    Ob meine Söhne auch über mich sowas schreiben würden?
    Vermutlich nicht. Ich wurde schon entsorgt, als sie noch zu klein waren, um eine nennenswerte Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit zu haben.
    Meinem Vater zu danken, fällt mir schwer. Er war eine tragische Figur, dessen Leben überhaupt nicht so verlief, wie er es sich bestimmt als Jugendlicher gewünscht hatte.
    Schiffbauingenieur wollte er werden, Arbeiter ist er geworden.
    Seinen Frust hat er an zwei seiner ungewünschen Kinder ausgelassen, eines davon war ich. Er hielt mich immer für den Versager der Familie, auch dann noch, als ich – als Einziges von vier Kindern – mein Ingenieursdiplom präsentieren konnte.
    Und je älter er wurde, desto mehr isolierte er sich in der Familie, bis er nach einem Herzinfarkt allein in einer Klinik starb.
    Meine Trauer hat sich immer in Grenzen gehalten, ich habe meine eigene Bürde zu tragen – und in der hat der Vatertag keinen Platz.

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    • Jeder hat seine individuelle Familiengeschichte.
      Ich hatte das Glück – auch wenn es manchmal nervt(e) – sehr behütet in einem intakten Elternhaus aufzuwachsen.
      Dich hat das Schicksal leider nicht so begünstigt, aber du hast trotzdem etwas aus deinem Leben gemacht, und hast später noch zu deinen Kindern ein gutes Verhältnis aufgebaut.

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      • Carnofis schreibt:

        Ja, zumindest hoffe ich es.
        Die Zeit der Trennung ist nicht spurlos an uns vorbeigegangen, und für eine knappe Handvoll Jahre brach der Kontakt vollkommen zu ihnen ab, weil sie sich in der Pubertät von ihrem Papa verraten fühlten, aber inzwischen ist es besser.
        Auf jeden Fall bin ich etwas stolz, nicht die Erziehung, die ich „genossen“ hatte, an meinen Kindern fortzusetzen. Ich war vielleicht streng, aber nie gewalttätig – und hoffentlich immer fair.
        Jetzt müssen die beiden sehen, was sie daraus machen.

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  4. Leser schreibt:

    Mein Vater wird das hier auch nicht lesen, und auch wenn der „Vatertag“ von der Datumsgrenze unserer Zeitzone wohl vorbei sein wird, wenn ich mit dem Schreiben fertig bin, so möchte ich dies hier dennoch in aller Anonymität zum Besten geben:
    Ich hatte mit meinem Vater in der Kindheit immer ein mehr oder minder angespanntes Verhältnis, auch aufgrund der Nachkriegsgeneration, in der er aufgewachsen ist. Wie auch schon in den Kommentaren des verlinkten 2017er Vatertags-Posts erwähnt, haben wir Kinder nicht direkt gesehen, dass er mit seiner Arbeit das Geld nachhause bringt. Und doch war dies die einzige Art und Weise, wie er uns seine Liebe zeigen konnte – schön „unpersönlich“, wie man das von einem Mann damals erwartet hat, bzw. wie die Erziehung damals nunmal war. Und doch hatte ich im letzten Jahr ein schönes Erlebnis, was mir einen Großteil dieser Belastungen aus meiner Kindheit genommen hat: Bei einem meiner seltenen Besuche in der viele hunderte km entfernten alten Heimat kam es zur Sprache, dass sein Laptop heiß laufen würde, und er deshalb darüber nachdachte, ihn zu ersetzen. Daraufhin habe ich mein Werkzeug ausgepackt, und das Gerät mit seiner Assistenz zerlegt, um den Lüfter zu reinigen und die verhärtete Wärmeleitpaste zu erneuern. Das ist bei Laptops meist mit einem Abnehmen des Bildschirmes und dem Ausbau des Mainboards verbunden, was je nach Modell schon einiges an feinmotorischer Bastelarbeit erfordert, aber auch eine sinnvolle Wartungsarbeit, welche einem älteren Gerät durchaus einige Jahre mehr an Lebensdauer ermöglicht (zumal, wenn man es privat, sozusagen als „Hobby“ macht). Als der Rechner danach – trotz der Ansage „ohne Garantie“ – wieder hochfuhr, habe ich gemerkt, dass ich meinem Vater damit auf die einzige von ihm verständliche Weise meine Wertschätzung ausgedrückt und sozusagen zurückgegeben habe. Dies war für mich ein sehr berührender Moment, und ich bin äußerst dankbar, dass ich zu seinen Lebzeiten diese Chance hatte. Es hat unsere Beziehung auch auf eine neue Ebene der gegenseitigen Wertschätzung gehoben.

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  5. Mia schreibt:

    Schöne Zeilen, liebevoll geschrieben.
    Gab es zum Muttertag auch so einen dankenden Eintrag?

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  6. blindfoldedwoman schreibt:

    Wie schön. Ich hab leider keine Kindheitserinnerungen.

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    • Gar keine Erinnerung?
      Auch nicht an der ersten Schultag oder ein besonderes Erlebnis?
      Wann setzt deine Erinnerung denn ein?

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      • blindfoldedwoman schreibt:

        Ich hab nur sehr wenige Erinnerungen. Die Kindheit ist völlig weg. Von der weiterführenden Schule gibt es ein paar kleine Momente. Etwas mehr wird es bei den letzten 4 Jahren. Aber längst nicht alles.

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        • Das Gedächtnis ist schon ein seltsames Gebilde.

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        • Carnofis schreibt:

          „Die Kindheit ist völlig weg.“

          Ist das, weil sie so schlimm war, oder einfach nur banal. Ich kann mir kaum vorstellen, dass man keine Erinnerung an seine Kindheit hat. Ich kann mich an sehr viele Dinge noch erinnern. Mag sein, dass die eine oder andere Erinnerung von der Zeit „manipuliert“ wurde, aber grob dürfte es stimmen.
          Meine früheste Erinnerung reicht etwa in mein drittes Lj zurück.

          Ich muss etwa 5 Jahre alt gewesen sein, als mich meine Mutter an einem Sommermorgen zum Milchholen mit der Blechkanne losschickte. Wir wohnten zwar ziemlich zentral in der Stadt, aufgrund der besonderen Topographie aber mitten im Wald am Ende einer Sackgasse.
          Als ich also am besagten Morgen mit meiner Milchkanne vor die Tür trat, starrte ich direkt auf einen Elefanten, der hinterm Grundstück am Gartenzaun stand und zu mir zurückblickte.
          Ich ging wieder ins Haus und beschloss, den Milchkauf auf später zu verlegen. Bei meinem zweiten Anlauf war der Elefant weg.
          Gesagt hatte ich niemanden etwas. Im Verlaufe der Jahre entschied ich zusehends, die Geschichte in überbordender kindlicher Phantasie mir nur eingebildet zu haben.
          Als ich dann trotzdem vor einigen Jahren meiner Mutter von dem Ereignis erzählte, bestätigte sie, dass damals in den 60ern ein Zirkuselefant ausgerissen war.

          Manchmal überlege ich, ob ich all diese kleinen Geschichtchen nicht mal aufschreiben sollte. Vielleicht fragen meine Kinder irgendwann mal, wer ihr Vater war.
          Oder meine Enkel.
          Ich habe leider diese Fragen bei meinen Großvätern zu spät gestellt, sie waren bereits beide tot.

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