Der Schützling //2128

Es ist immer ein Warnzeichen, wenn mich der Chef kurzfristig in sein Büro zitiert.
Auch diesmal redete er nicht um den heißen Brei herum, sondern kam sofort zur Sache.
„Es hat Beschwerden gegeben. Einige Mitarbeiter fühlen sich durch Herrn $Severin.Nachname gestört.“
„Könntest du bitte etwas konkreter werden?“
„Mir wurde zugetragen, dass mehrere Mitarbeiter die Anwesenheit von ihm beunruhigend finden. Er ist ihnen unheimlich.“
„Hier am technischen Standort?“, fragte ich nach.

„Bekannt ist es mir nur von Standort 1a.“
„Dort arbeitet er aber nicht, sondern nur hier.“ Und soweit ich weiß, hat er mit den Techies hier keine Probleme. OK – er ist schon ein wenig der Außenseiter und so richtig enge Beziehungen hat er mit ihnen zwar nicht, aber schließlich ist er noch nicht so lange hier. Und er ist HET, kein Dev. Dagegen sind die Entwickler halt auch keine Theoretischen Physiker. Das sind nun mal unterschiedliche Nerdstämme, die nicht die ganz gleiche Sprache sprechen. Dennoch gibt es hier keine Schwierigkeiten.
„Er war wohl öfters drüben bei Standort 1a“, erklärte der Chef weiter.
„Es gab da halt einigen Bürokratiekram mit der Personalabteilung zu regeln“, zuckte ich mit den Schultern.
„Wie auch immer, dort haben sich einige Mitarbeiter über ihn beschwert.“
Ich kann mir schon denken, wer. Es ist mir auch nicht entgangen, dass der hiesige Standort von gewissen Personen als „Autistenwerk“ bezeichnet wird.

„Hat er sich irgendwie daneben benommen, oder sich konkret etwas zu Schulden kommen lassen?“, fragte ich weiter, „oder sind das nur vage Befindlichkeiten?“
„Es hieß, er sei respektlos, schroff und unfreundlich gewesen.“
„Also im Prinzip genauso wie du: Sachlich-nüchtern und distanziert-höflich, aber ohne Rumgeschleime.“
„Das mag sein“, gab er zu, „es ist dennoch meine Aufgabe, dir das als seiner direkten Vorgesetzten mitzuteilen. Ich musste dem nachgehen.“

„Und was erwartest du jetzt von mir?“
„Sprich mit ihm. Er soll sich im eigenen Interesse möglichst von Standort 1a fernhalten.“
„Das ist lächerlich! Er hat nichts gemacht, das irgendeine Maßnahme rechtfertigen würde. Ich weiß, dass er etwas creepy wirkt, aber das ist kein Grund, ihn deshalb zur Rede zu stellen.“
„Es sollte auch in deinem Interesse sein, dass es keine Konflikte innerhalb der Belegschaft gibt. Bei Standort 1a braut sich etwas zusammen, dem wir Einhalt gebieten müssen. Dein Protegé soll nicht mehr alleine dorthin. Wenn er dort unbedingt etwas zu erledigen hat, wozu er persönlich erscheinen muss, dann begleite ihn meinetwegen, oder schicke einen anderen Mitarbeiter mit ihm. So oft wird er ja nicht dorthin müssen.“

Ich schüttelte verständnislos den Kopf. „Er ist gerade mal nur noch wenige Monate hier. Die Marketing-Tussis sollen sich nicht so anstellen und sich solange gefälligst zusammenreißen.“
„Ich habe dir gesagt, was los ist. Kümmere dich darum. Das Gespräch ist beendet.“
Er wandte sich dem Stapel Akten auf seinem Schreibtisch zu, ohne mich weiter zu beachten.

Ich war nicht gewillt, mich einfach so abspeisen zu lassen, und blieb sitzen, bis er wieder aufsah.
„Hast du noch ein Anliegen, Anne?“, fragte er scharf.
Ich beschloss, den Spieß einfach umzudrehen: „Ja. Wie wäre es denn mal mit einer Standpauke an die Market.. an die betreffenden Mitarbeiter?“
„Wie kommst du jetzt darauf?“
„Ich werde nicht dulden“, erklärte ich, „dass sie meinen Mitarbeiter mobben.“
„Von Mobbing war doch gar nicht die Rede.“
„Ach, nein? Sie wollen ihn nicht dort haben, und diffamieren ihn bei der Geschäftsleitung. Dann gibt es subtile Drohungen, dass er ‚im eigenen Interesse‘ fernbleiben soll. Wenn das nicht zumindest eine Vorstufe von Mobbing ist, dann weiß ich auch nicht.“
Er sah mich mit gerunzelter Stirn an.

Schließlich meinte er: „Wenn du bereit bist, für ihn zu bürgen, belassen wir es dabei.“
„Kein Problem!“, erwiderte ich stoisch, „und du bürgst im Gegenzug für die Market.. für die betreffenden Mitarbeiter.“
Er überlegte einen Augenblick, dann ließ er sich zu einem weiteren Zugeständnis herab: „OK, Ich werde veranlassen, dass ihr Vorgesetzter mit ihnen ein Gespräch über Kollegialität, Fairness und dergleichen führt. Und jetzt verschwinde, bevor ich es mir anders überlege!“
Ich stand auf, tänzelte graziös zur Tür und warf ihm beim Hinausgehen noch einen Luftkuss zu.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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13 Antworten zu Der Schützling //2128

  1. MartinTriker schreibt:

    Gut gemacht. Manchmal muss man den Market… den Mitarbeitern halt sagen sie sollen sich nicht so anstellen.

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  2. Christian_who schreibt:

    Großartig !

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  3. Plietsche Jung schreibt:

    Hey, gut gemacht !
    Bald bist du ne tolle Cheffin.
    Und diplomatisch dazu…

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  4. Alex ii schreibt:

    Tja, gelebte Diversity 🙂

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  5. Irenicus schreibt:

    hmm, bevor du ein Fass aufmachst, solltest du aber auch deinen Mitarbeiter fragen, ob er sich irgendwo falsch verhalten hat. Auch wenn das wahrscheinlich nicht der falll war, sollte man das wenigstens abklären.

    Wieviel hat er denn eigentlich mit der Marke.. mit den anderen Mitarbeitern zu tun, wenn er da ist. Ich meine er wird ja da kaum im Marketing rumrennen.

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    • Wenn etwas konkretes vorgefallen wäre, hätte er es mir gesagt. Ich habe da inzwischen schon ein wenig nachgehakt.

      Es gab aus Gründen verschiedene Formalitäten zu erledigen, für die er mehrmals zur Personalabteilung musste.
      Das hat sich teilweise hingezogen, er musste warten, und hat sich dann in der Zeit halt ein wenig in Standort 1a umgeschaut – absolut nichts ungebührliches.
      Aber die Market.. gewisse Mitarbeiter hat das offenbar gestört.

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