Kein Ausweg //2086

Gestern habe ich erfahren (auch wenn es schon ein paar Wochen her ist), dass ein Bekannter von Carsten seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Ich selbst hatte ihn nie kennengelernt, aber ich mache mir trotzdem ein paar Gedanken darüber.
Solche traurigen Anlässe lassen einen halt erst mal innehalten, um wieder mehr das zu würdigen und schätzen, was man hat, statt einem unerreichbaren Phantom nachzujagen, was sein könnte.

Nach allem was Carsten mir erzählt hat, war der Bekannte mit seinem Beruf nie so wirklich zufrieden gewesen. Ich weiß nicht, was der Auslöser war, aber er kündigte irgendwann, um sich seinen „Traum“ zu erfüllen, Schriftsteller zu werden. Es muss wohl ziemliche Probleme an seinem Arbeitsplatz gegeben haben, sonst ist man doch nicht so leichtsinnig, um ohne realistischen Plan einen sicheren Job aufzugeben.
Anfangs muss es im betroffenen massenmarkttauglichen Genre recht gut gelaufen sein. Er verkaufte etliche Exemplare, so dass er gut davon leben konnte und erhielt sogar einige Auszeichnungen.
Aber dann stagnierten die Verkaufszahlen und gingen schließlich zurück (tja, ein Buch kauft man sich halt für gewöhnlich nur einmal. Dann hat man es, und früher oder später haben es alle Interessierten gekauft und der Markt ist gesättigt – bei Software ist der Effekt nicht ganz so krass, weil es doch immer wieder Bedarf für Updates, Upgrades oder sonstige Weiterentwicklungen gibt). Neue Bücher, die er veröffentlichte, konnten bei weitem nicht an den Erstlingserfolg anknüpfen. Er muss wohl noch ein paar Nebeneinkünfte gehabt haben, die seinen Lebensunterhalt sicherten. Ich weiß keine Details, aber als die auch noch wegbrachen, ging es mit ihm finanziell schnell bergab und bedrohten seine wirtschaftliche Existenz. Seine Familie zerbrach. Es gab Urheberrechtsstreitigkeiten und anderen Ärger.

Man sieht ja immer nur die Erfolgsgeschichten. Aber viele Selbständigkeiten scheitern auch. Nicht jeder hat ein metaphorisches Sicherheitsnetz, das ihn auffängt. Als ich mich damals selbständig gemacht habe, hatte ich durchaus Bedenken, ob die Programmierschlamperei meine Existenz dauerhaft trägt. Hat es, bis ich mich dann mehr und mehr hier an der Firma beteiligt habe. Im worst case hätte ich aber immer noch auf meine Eltern zählen können, selbst wenn meine Ersparnisse zwischenzeitlich verbraucht gewesen wären, und ich nicht wieder eine Anstellung gefunden hätte.
Ein früherer – sehr kompetenter – Mitarbeiter musste erst letztes Jahr einsehen, dass seine Selbständigkeit ein Fehlschlag war. Meines Wissens arbeitet er inzwischen bei einer Leihagentur und schreibt seinen Code nur noch als doppelt abhängig Beschäftigter.
Andererseits sieht man immer wieder Blender, bei denen eigentlich völlig die Substanz fehlt, die es aber dennoch irgendwie schaffen, Geldgeber für sich zu begeistern.

Es sind oft Kleinigkeiten, die den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen. Jeden kann es treffen. Selbständigkeit ist immer ein Risiko, das man nicht leichtfertig und aus einer Laune heraus eingehen sollte.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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12 Antworten zu Kein Ausweg //2086

  1. Leser schreibt:

    Ich kann es nicht verstehen, wie man seinem Leben wegen derartiger Sorgen ein Ende setzen kann. Ich meine, das ist doch sowieso alles nur Lametta, und wenn man das weg nimmt, bleibt darunter doch immer noch der eigentliche Mensch übrig…Man muss schon sehr grausam mit sich umgehen, wenn das nicht genügt.

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    • Ja, das ist schwer nachzuvollziehen.
      Er muss wohl sehr verzweifelt gewesen sein, und hatte die Hoffnung verloren, dass es auch wieder aufwärts gehen würde.

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    • ednong schreibt:

      „… darunter bleibt der eigentliche Mensch übrig. „. Ta, aber auch der braucht Nahrung, eine Wohnung und Beschäftigung. Und wenn man erst mal unten ist, geht es nur schwer wieder aufwärts. Für Viele schwer nachzuvollziehen, ganz besonders wenn man solche Erfahrungen noch nie gemacht hat.

      Ich kann ihn verstehen, habe selbst schon einige Male an dem Punkt gestanden. Er wird sich vermutlich vorher einige Gedanken zum Weiterleben gemacht haben.

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      • Leser schreibt:

        Hallo ednong, danke für Deine offene Antwort. Gerne führe ich das weiter aus: Bei solchen Gedanken kommt bei mir immer raus: Selbst, wenn ich alles verliere, bis hin zur Obdachlosigkeit und nur dem Besitz dessen, was ich am Leib trage, habe ich immer noch mein Leben: Meinen Körper und meinen wachen Geist – und das macht mich handlungsfähig, wieder etwas an meiner Situation zu ändern. Klar kann es erst mal einen „humbling“ Effekt haben (aber wer sagt, dass das schlecht ist?), man lernt dabei halt Demut…
        Jedoch wegen des Lebensstandards, oder eines Menschen, der einem nicht (mehr) wohlgesonnen ist, aufzugeben, das bleibt für mich nicht nachvollziehbar. Klar, man kann diese Gedanken haben, aber die gehen ja (zumindest bei mir bisher immer) nach kurzer Zeit vorbei. Im Grunde würde, selbst wenn ich es wollte, die Zeit nicht mal ausreichen, um es angemessen zu planen und durchzuführen, bis mir auffiele, was das für ein Unsinn ist 😉
        Zumal man hier in Deutschland ja auch das riesige Glück hat, von einem Sozialstaat, der seinesgleichen sucht, aufgefangen zu werden – man muss sich halt womöglich überwinden, und das Herabschauen auf diese Menschen, was man zuvor mitunter praktiziert hat, einstellen. Sich eingestehen, dass man Hilfe braucht (das ist für viele schwer, aber dennoch unerlässlich), und dann diese auch annehmen können – selbst wenn man nicht mal sagen kann, dass man „unverschuldet“ in die Situation geraten ist. Wichtig ist halt immer, dass man wieder auf die Füße kommt. Natürlich darf man dann auch nicht gleich wieder große Pläne schmieden, sondern muss sich womöglich mit einer Einraumwohnung begnügen, etc….

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        • ednong schreibt:

          Ich sag ja, man muss die Erfahrung erst gemacht haben. Nicht böse sein, aber vermutlich warst du noch nicht weit genug unten.

          Deutschland und soziales Netz? Ich könnte Bücher schreiben über die riesengroßen Löcher darin …

          Wie gesagt, man muss die Erfahrung erst mal machen.

          Laut Studien fällt der IQ übrigens um im Schnitt 13 Punkte, wenn man permanent mit dem überleben beschäftigt ist. Und ein wacher Geist bringt wenig, wenn du aufgrund Obdachlosigkeit erfrierst. Ich hatte sogar schon mal Gefängnis erwogen in solch einer Situation. Wie gesagt, ist man nie selbst unten gewesen, kann man es nicht nachempfinden.

          Und irgendwann siegt dann auch Emotion über Logik.

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          • Leser schreibt:

            Lieber Ednong, ich habe mich zu Beginn meiner Erwachsenenzeit als Protestform gegen die Tatsache, dass man sich hier auf der materiellen Ebene seine Existenzberechtigung verdienen muss, sofern man nicht zufällig als zukünftiger reicher Erbe geboren wurde, mit denen „ganz unten“ solidarisiert. War auch eine (wenn auch kurze) Zeit obdachlos – zugegeben im Sommer (im Nachhinein habe ich mich nie wieder so frei gefühlt), und ja, mir hat das Sozialsystem tatsächlich geholfen, bzw. hilft sogar bis heute noch, und ich bin gerade dabei, wieder auf die Füße zu kommen. Dazu eine psychische Erkrankung (nichts, was eine akute oder relevante Selbstmordgefahr mit sich bringt), und auch hier wieder Hilfen vom Sozialsystem. Man muss halt beharrlich sein und darf sich nicht abspeisen lassen.
            Und die Studien kenne ich auch – bzw. die Berichterstattung darüber. Hier fand ich aber am wichtigsten, wie die Grundhaltung der Menschen ist, also das mindset: Hat man eine positive Grundhaltung (d.h. auch in der Kindheit genügend Urvertrauen mitbekommen usw), dann fällt einem vieles viel leichter, als mit einer negativen Grundhaltung, durch die dann auch alles viel leichter in eine Negativspirale kippen kann.
            Ich gebe zu, dass „ganz unten“ kein leichter Punkt ist, um seine Grundhaltung um 180° komplett zu drehen – genauer gesagt, man muss dafür schon ein kleines Bisschen verrückt werden – aber wenn man dann erst mal diese (geistige) Befreiung erreicht hat, dann kann man auch wieder nach oben kommen (und macht sich nicht mal mehr einen Druck, sondern sieht es als Spiel an, oder als etwas, was nebenher läuft, während man sich – vollkommen ehrlich zu sich selbst – darum zu kümmern beginnt, dass man die zu einem erfolgreichen (Wieder)aufbau eines Lebens nötige Authentizität und „innere Ruhe“ erlangt und behält).

            Wenn bei mir Emotion über Logik siegt, denke ich jedenfalls nicht an Suizid…

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            • ednong schreibt:

              Gut, dann haben wir vermutlich bzgl. des Sozialsystems sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Es freut mich, wenn deine so positiv waren.
              Bzgl. des Urvertrauens hatte ich sicherlich auch einen guten Grundstock. Allerdings bin ich sehr kopflastig und versuche realistisch in meinen Abschätzungen zu bleiben. Und die sind dann halt nicht immer positiv.

              Und davon ausgehend meinte ich, dass vielleicht irgendwann der Punkt kommt, wo dann doch eher die Emotion über die Logik „siegt“ – und dann sieht man ggf. den Suizid als letzten Ausweg. Denn logisch betrachtet ist es eben kein Ausweg noch eine Lösung des Problems.

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            • Leser schreibt:

              Ich sage es mal so: Zu sagen „Ist doch nur Geld“ ist leicht, wenn man viel davon hat. Wenn man es sagen kann und wenig bis keins davon hat, dann ist man frei (bzw. der Freiheit ein ganzes Stück näher) 🙂

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            • ednong schreibt:

              Naja, „ist nur Geld“ kann ich durchaus sagen. Mir ist das eh egal. Problem ist: es ist überall nötig. Für den Einkauf, für die Miete, etc. Und wenn man davon nix hat, dann hat man auch nix von dem anderen. Und nichts zu essen zu haben oder kein Dach über den Kopf ist schon viel schwerwiegender, meiner Meinung nach.

              Und was ich dann ebenfalls nicht mag: ungerecht/unfair/unangemessen bezahlt zu werden für Arbeit/Dienstleistung.

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            • Leser schreibt:

              Hui, die Antwort hatte ich total übersehen.

              Einerseits ist das alles natürlich richtig, andererseits bekommt man sehr viel auch ohne Geld. Gerade Essen kann man sich wunderbar besorgen, ohne dafür zu bezahlen. Für andere Dinge, wie ein Dach über dem Kopf, gibt es zum Glück den Sozialstaat, weshalb jeder die Möglichkeit hat, ein Dach über dem Kopf auch ohne Geld zu haben – aber man muss sich halt kümmern, was mitunter aufwändig sein kann, und manche Menschen in ihrer Situation auch überfordern kann. Doch auch hier gibt es dann wieder Hilfsangebote…

              Mit der ungerechten/unangemessenen Bezahlung stimme ich Dir auch zu, aber dann gibt es auch da wieder Faktoren, die das Ganze ebenfalls „aufweichen“ können – z.B. wenn das Firmenklima ansonsten so gut ist, dass man sich denkt „woanders möchte ich gar nicht arbeiten, weil ich da nicht so gut behandelt werden würde“ – oder wenn man ohne Arbeitgeber arbeitet, dann kann man sich mit der Einstellung „Geld ist eigentlich egal“ auch die „Wohltätigkeit“ leisten, Menschen auch zu helfen, wenn sie sich keine angemessene Bezahlung leisten kann, solange es genug gibt, die auch angemessen bezahlen, usw…

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            • ednong schreibt:

              Vermutlich würden wir uns im Kreis drehen, weil deine Erfahrungen mit dem Sozialstaat merklich bessere sind als ich sie hatte und derzeit habe. Da werden wir vermutlich nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Ist aber nicht schlimm.

              Bei der Bezahlung, die du evtl. abhängig vom Arbeitsklima machst, kann ich natürlich auch zustimmen. Bis zu einem gewissen Grade hat das natürlich auch Einfluß. Allerdings würde es im Umkehrschluß bedeuten, dass die höhere (oder gerechte) Bezahlung die ist, die quasi ein „Schmerzensgeld“ für schlechte Arbeitsbedingungen enthält. Normalerweise wird so etwas aber immer separat zusätzlich gezahlt 😉

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  2. Plietsche Jung schreibt:

    Ein guter Programmierer ist noch lange kein guter Verkäufer und genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen.

    Das gilt genau so für Schriftsteller. Wer die Netzwerke nicht hat, sollte es sein lassen.

    Paradebeispiel: Dieter Bohlen. Konnte nicht singen und hat trotzdem xxx Millionen auf dem Konto. Warum wohl ? Er ist Diplomkaufmann. Noch Fragen ?

    Es tut mir leid um deinen Bekannten. Nie nie nie darf man so verzweifelt sein, sein Leben wegzuwerden und selbst ein Versuch, der Aufmerksamkeit erregen soll, gelingt statistisch mal.

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