Kritik des Kategorischen Imperativs //2062

Es gibt verschiedene Versionen des Kant’schen Kategorischen Imperativs. Aber alle laufen im Prinzip darauf hinaus, die Handlungsweisen einer einzelnen Person für alle anderen zu verallgemeinern. Mal davon abgesehen, welcher Verantwortungsdruck dieser Person dadurch aufgebürdet wird, ist es auch eine maßlose Vermessenheit, anzunehmen, dass das, was für diese eine Person gut und richtig ist, auch für alle anderen ebenso passend ist.

Beispielsweise trinke ich viel Kaffee. Soll dies nun auch für alle anderen so gelten? So gesund ist Kaffee nicht. Für diese hohe Nachfrage reicht das Weltmarktangebot an Kaffee nicht aus, so dass die Preise durch die Decke gingen. Und überhaupt – manche Leute mögen gar keinen Kaffee. Warum sollten sie dies im Rahmen eines allgemeinen Gesetzes tun sollen? Vielleicht auch noch alle zur selben Uhrzeit und am gleichen Ort?
Oder anders herum: Darf ich jetzt keinen Kaffee mehr trinken, weil mein Kaffeekonsum unpraktikabel für andere Leute ist? Ich schade doch damit niemandem (im Gegenteil – irgendein Kaffeebauer in Südamerika ist darauf angewiesen, und auch bei der Weiterverarbeitung der Kaffeebohnen sowie ihrem Transport und Handel sichert mein Konsum Arbeitsplätze).

Kant verkennt völlig, dass jeder Mensch andere Bedürfnisse hat. Was dem einen wichtig ist, ist für einen anderen bedeutungslos, und einem Dritten wäre es gerade andersherum am liebsten.
Individuelle Gegebenheiten lassen sich nicht einfach über einen Kamm scheren. Da könnten wir uns gleich ins Prokrustesbett legen.
Nicht jeder kann in derselben Stadt wohnen, nicht alle können den gleichen Beruf ergreifen. Gestehen wir jedem Menschen doch seine eigenen, individuellen Entscheidungen zu, ohne sie am Wortlaut des Kategorischen Imperativs zu messen.

Wer mal Kant’s moralinsaure „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ gelesen hat, sieht sich von Begriffen wie Moral und Sittlichkeit umgeben. Wenn man seine Pflicht erledigt, weil sie notwendig ist, so ist dies moralisch gut. Spaß daran darf man allerdings nicht haben. Völlig freudlos und puritanisch stellt sich diese Grundlegung dar.
Es ist Kant auch nicht wichtig, was am Ende für Konsequenzen herauskommen, Hauptsache, jeder hat die richtige, moralische Denkungsart. Das ist doch sehr kurzgegriffen, wenn einem mögliche Folgen egal sind. Gut gemeint ist ja häufig nicht gut getan. Und dann gibt es sogar noch die Leute, die über ihre an sich hehren Ziele mit ihrem Aktivismus meilenweit hinausschießen. Die sind sogar überzeugt davon, nach dem Kategorischen Imperativ (oder einem Äquivalent davon) zu handeln, sehen ihre eigene Hybris, Bigotterie und Borniertheit nicht, wenn sie anderen die eigene Moral aufzwingen wollen. (Ihr wisst, welchen Typus ich meine.)
Allerdings würde ich nicht so weit wie Machiavelli gehen, zu sagen, dass der Zweck das Mittel heiligt, halte es da eher mit „quidquid agis prudenter agas et respice finem“.

Die „Goldene Regel“, die da lautet „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ bzw. „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“ ist schon einiges besser, auch wenn der Gültigkeitsbereich eng gesteckt ist. Ihr dürft euch hier gerne mal selbst ein Beispiel ausdenken (genau das würde ich mir hier ja jetzt wünschen, wenn ich diesen Text erstmalig so lesen würde), in dem ihr die Goldene Regel nicht angewendet haben wolltet.
Na gut – ihr kriegt doch ein paar Beispiele: Carsten mag es gern, wenn ich ihm seinen Rücken kratze. So richtig ausgiebig, ein paar Minuten lang, oben, unten, kreuz, quer, links, rechts. Ich würde das bei mir überhaupt nicht wollen. Nach der Goldenen Regel dürfte ich seinem Wunsch also nicht nachkommen. Mein Stiefenkel Niklas mag es, so richtig durchgekitzelt zu werden. Ich lehne das für mich ab. Und auch wenn jemand noch so voll gerne Rosinen isst, möchte ich es mir dennoch verbitten, mir welche von den ekligen Dingern anzubieten.
Wir sind alle Individuen.
Die Anwendbarkeit pauschaler Regeln ist deshalb grundsätzlich beschränkt.

Meine ethischen Grundsätze lassen sich etwa so komprimieren, dass ich niemandem absichtlich schaden möchte. Manchmal ist es aber halt leider so, dass das, was dem einem nützt, für einen anderen schlecht ist. Seiteneffekte lassen sich nicht völlig vermeiden. That’s life.

Nach diesem ganzen Vorgeplänkel komme ich schließlich zum eigentlichen Kern meiner Ausführungen, und warum ich das alles schreibe.
Bevor ich Severin zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen hatte, hatten wir einen kurzen Mailwechsel. Ich hatte ihn in konkreten Zusammenhang gefragt, was seine Entscheidungen beeinflussen würde. Er antwortete, dass er nach dem Leitspruch „What would Spock do?“ vorgeht.
Dem schließe ich mich an.


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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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3 Antworten zu Kritik des Kategorischen Imperativs //2062

  1. keloph schreibt:

    ohne jetzt mir oder jemand anderen bestimmte intelligenzgrade zuzubilligen, glaube ich, dass die vermeintlichen widersprüche sich durch abstraktion eher einfach auflösen lassen. ob die genanngten autoren das so gemeint hatten, ist weitestgehend unbekannt. die gleichwertige ausübung von respekt im handeln dem anderen gegenüber muss nicht zwangsläufig in einer identischen behandlung, sondern in eier in der wertschätzung des anderen gleichwertigen handlung münden. damit wird den worten, so denke ich jedenfalls, genüge getan. den genannten leitspruch verstehe ich in diesem zusammenhang nicht.

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