Ein Ring sie zu knechten //2037

Sophie hat bald Geburtstag.
Um ihr wenigstens ein schönes Geburtstagsfest (soweit in der Klinik möglich) zu bereiten, hatten Sonja und ich uns in der Stadt getroffen, um zu diesem Zwecke etwas zu erledigen und einiges andere für die Vorbereitungen zu besprechen.

Wie wir da so durch das Einkaufszentrum liefen, rief Sonja plötzlich: „Oh, du mein Gott – da vorne kommt eine Kollegin von mir. Die, von der ich dir schon erzählt hatte. Total zickig und überspannt. Ich glaube, wir werden sie begrüßen müssen.“
Sie kam uns direkt entgegen. Schwarzer Wollmantel, hohe Stiefel, die Haare irgendwie nach oben gewurschtelt, geschminkt und offenbar ihre Wall schon hinter sich (das aber anscheinend noch nicht realisiert).
Manchmal habe ich so Anwandlungen. Ich nahm mir vor, sie – auch stellvertretend für Frau Offenbluß und eine andere Lehrerin, die ich mal kannte – etwas hochzunehmen, wenn sich mir die Gelegenheit bieten sollte.

Sonja und sie begrüßten sich, dann stellte Sonja sie mir vor. Als sie mir ihre Hand gab, fiel mir gleich der große Ring auf. „Oh, das ist aber ein interessanter Ring“, rief ich, „dreizählige Symmetrie. Sie wissen sicher, was das bedeuten soll.“
„Aber natürlich“, meinte sie in einer Überlagerung aus Herablassung und Sauertöpfischkeit, „sonst würde ich ihn ja nicht tragen.“
„Manche tragen Ringe, ohne verheiratet zu sein“, murmelte Sonja, „andere sind verheiratet und tragen keinen Ehering.“
„Sind das archimedische oder logarithmische Spiralen?“, fragte ich sie weiter.
„Häh?“, machte sie, und zog die Nase hoch.
„Man kann das wirklich schlecht erkennen“, bestätigte ich freundlich, „man sieht ja höchstens eine halbe Windung.“

Ruckartig zog sie ihre Hand zurück. „Ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen.“
„Das wundert mich nicht“, antwortete ich lächelnd, „welche Fächer unterrichten Sie denn?“
„Deutsch – wie Sonja – und Englisch.“
„Das dachte ich mir .. ‚one ring to rule them all .. and in the darkness bind them‘.“
Weder Ahnung noch Humor – aber dafür ließ sie sich superleicht triggern. Soweit möglich wurde ihr Gesicht noch säuerlicher. „Ich verstehe überhaupt nicht, was Sie damit sagen wollen.“
„An meiner Aussprache liegt das sicher nicht“, erklärte ich huldvoll.
„Ich muss jetzt weiter“, verabschiedete sie sich abrupt und stöckelte von dannen. Dadurch entging sie einem höchst erbaulichem Geplauder über Poincaré-Transformationen, Operatoren und LaTeX.
„Einen schönen Tag noch!“, rief ich ihr nach.
Solche Blender kann ich einfach nicht leiden, bilden sich ein, sie wären obertoll, aber tatsächlich steckt keinerlei Substanz dahinter, noch nicht mal heiße Luft.

„Jetzt bin ich aber auch ein wenig verwirrt“, meinte Sonja, „aber der arroganten Pute geschieht das ganz recht!“.
„Ist die immer so?“, fragte ich.
„Ja, meist noch schlimmer. Im Lehrerkollegium können die meisten sie nicht ausstehen. Einige jedoch finden sie auch cool. Und überraschenderweise ist sie bei den Schülern recht beliebt.“
„Sie lässt ihnen wohl alles durchgehen, „vermutete ich, „und hält keine Disziplin.“
„Genau. Und manchmal macht sie Andeutungen aus ihrem Privatleben. Ich könnte dir da Geschichten erzählen ..“
„Das kann ich mir schon vorstellen. Ich will’s lieber gar nicht wissen.“
Dabei beließen wir es dann und wendeten uns wieder wichtigeren Angelegenheiten zu.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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4 Antworten zu Ein Ring sie zu knechten //2037

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Sie sucht doch nur ein bißchen Anerkennung und Liebe.
    Arme Frau (oder Diverse halt).

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  2. Mia schreibt:

    „und offenbar ihre Wall schon hinter sich (das aber anscheinend noch nicht realisiert).“
    Wie sollte sich denn deiner Meinung nach eine Frau in der Öffentlichkeit geben, die ihre Wall schon hinter sich hat?

    Gefällt mir

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