Dominoeffekt //2012

Wenn ich hier sämtliche Besprechungen und Meetings beschreiben oder auch nur erwähnen wollte, hätte ich viel zu tun.
Carsten sitzt bei internen Besprechungen niemals direkt neben mir, sondern um mindestens zwei oder drei Plätze getrennt. Wenn er nur entspannt zuhört, nimmt er schon einigen Raum ein: Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Beine nach vorne lang ausgestreckt. Man sollte sich aber von dieser scheinbaren Lässigkeit nicht täuschen lassen. Wenn er es für zweckmäßig hält, kann er blitzschnell vom Beobachter zum Akteur werden.

Das folgende Meeting blogge ich weniger für seine Außergewöhnlichkeit, sondern eher exemplarisch.
Jetzt beim Jahresendspurt häufen sich abteilungsübergreifende Besprechungen. Die technische Führungsspitze sowie die Geschäftsleitung waren u.a. anwesend.
Auch in unserer Fertigung werden Produktionsverfahren verbessert und weiterentwickelt. Dann können schon mal neue Maschinen notwendig werden, was teils erhebliche Investitionen erfordert. Dazu kommt, dass verschiedene Richtlinien eingehalten werden müssen, und gleichbleibend hohe Qualitätsstandards immer gesichert sein müssen.
Um ein ähnliches Thema ging es in dieser Besprechung.

Vor längerer Zeit hatte ich bereits mal einen der Fertigungsingenieure erwähnt. Auf einem Datingportal quoll sein Profil nur so über von Überheblichkeit und Selbstüberschätzung, während er IRL einen recht unauffälligen, unscheinbaren Eindruck machte. Solchen Personen tut ein kleiner, wohlwollender Dämpfer oft gut, der ihnen ihre eigenen Grenzen bewusst macht.

Dieser Fertigungsingenieur hatte bei unserer Besprechung eine Präsentation ausgearbeitet, und trug sie vor.
Es ist mein Job, dabei aufzupassen, und kritische Fragen zu stellen. Dabei sind Produktionsdetails nicht gerade meine Stärke. Aber OK – es ist auch mein Privileg, mir Einzelheiten in beliebiger Ausführlichkeit und Gründlichkeit erklären lassen zu dürfen, wenn ich das will. Also unterbrach ich den Fertigungsingenieur mehrmals, als mir seine Ausführungen unklar waren, und ließ ihn das genauer erläutern.
Dabei muss ich ihn ziemlich verunsichert haben, denn er schaute einige Male Hilfe suchend zu seinem direkten Vorgesetzten (der die Schultern zuckte), Jason (der ihm ermutigend zunickte) und Carsten (dessen Miene undurchdringlich blieb).
Allmählich machte mir die Angelegenheit Spaß. Es ist doch immer wieder schön, wenn sich das nützliche mit dem amüsanten verbinden lässt. So stellte ich ihm noch ein paar Fragen, die weniger relevant oder leicht off topic waren. Als er aber anfing, sich zunehmend zu verhaspeln, hörte ich damit auf. Schließlich bin ich ja nicht gemein, und will Mitarbeiter nicht unnötig quälen. Ich wollte lediglich herausfinden, wie weit man gehen muss, bis so ein „dominantes“ Ego dahinschwindet. Dazu habe ich meine Krallen noch nicht einmal ausfahren müssen. Die metaphorischen Samtpfoten genügten, um mit der Maus zu spielen.
Die Besprechung war danach ziemlich schnell beendet. Carsten verlangte von dem Fertigungsingenieur noch einen ausführlichen schriftlichen Bericht. Das ist nicht üblich, denn wir haben ja schon seine Powerpoint-Folien.

„Warum hast du ihn in einer derartigen Detailtiefe ausgequetscht?“, fragte mich Carsten später.
„Ich brauchte da mehr Informationen. Die Fertigung ist nicht mein Gebiet. Da habe ich Lücken, die ich schließen muss, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können“, erklärte ich ihm.
„Du brauchst dich dort nicht mit allen Einzelheiten auszukennen“, erwiderte er, „dafür haben wir Jason.“
„Aber als technische Geschäftsführerin trage letztendlich ich die Verantwortung. Da kann ich mich so ausführlich informieren lassen, wie ich es für richtig halte.“
„Das stimmt“, pflichtete er mir bei, „ich begrüße es, dass du anfängst, deinen eigenen Führungsstil zu entwickeln. Hoffentlich hast du den armen Kerl aber nicht zu sehr eingeschüchtert.“
„Wer Karriereambitionen hat, muss gründliche Befragungen aushalten können“, ich zuckte mit den Schultern, und fügte hinzu: „Wenn sein schriftlicher Bericht in Ordnung ist, werde ich mich lobend bei ihm bedanken. Dann wird er sich schon wieder einkriegen.“

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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15 Antworten zu Dominoeffekt //2012

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Ein bisschen Grillen muss man schon aushalten können. Fehlte ihm Fachwissen oder eher Rhetorik?

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  2. ednong schreibt:

    Ich hätte mir als Vortragender wahrscheinlich einen gegrient …

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  3. Jezek1 schreibt:

    Da hat der jungen Mann wohl noch einiges zu lernen um dem Spiel der Hierarchen nicht auf dem Leim zu gehen.

    Schon einfache rhetorische Tricks können auch noch so dominante VG gehörig aus dem Tritt bringen. Leider besitzen gesprächsdominante Personen oft nur eine schwach ausgeprägte Verhaltenselastizität; hier sollte man als cleverer Angestellter immer wissen, wo bei Bedarf anzugreifen ist um den allzu forschen Chef einzunorden.

    Geht übrigens genauso mit Lieferanten, Kunden, Betriebsräten, renitenten Kollegen und Mitarbeitern…die Liste ist lang.

    Gefällt 1 Person

  4. Mia schreibt:

    Fläzt der Chef-Zuhörer bei Besprechungen immer so auf dem Stuhl als säße er zu Hause auf dem Sofa? Macht er das auch, wenn Gäste da sind? Und sitzen seine Mitarbeiter auch so chillig in der Runde?

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  5. Pingback: Twitter-Zweifel //2212 | breakpoint

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