Der Anstand des Anstehens //2001

Mal wieder eine Café-Geschichte.

Eigentlich mag ich das Café nicht besonders, das ich am häufigsten besuche. Aber es ist am günstigsten gelegen, so dass ich keinen zeitraubenden Umweg deswegen machen muss.

Ich hatte mir einen Kaffee und ein Gebäckstück (ansprechenden Kuchen hatten sie nicht, von Torte ganz zu schweigen) an der Bedientheke gekauft, und wollte mir noch Kaffeesahne in meinen Kaffee schütten. Dazu musste ich mit meinem Tablett zu einem dafür vorgesehenen Thekentisch. Dort ist reichlich Platz für eine Person. Bei zwei Personen wird es eng, aber es ist noch möglich.

Vor mir standen zwei Seniorinnen, die sich dort in aller Seelenruhe mit Servietten eindeckten. Dazwischen unterhielten sie sich, nahmen dann Gabeln statt Kuchengabeln, unterhielten sich weiter, machten kurze Pause, fanden den Zucker und ließen Unmengen davon in ihr Heißgetränk rieseln, unterhielten sich zwischendurch, ..
Endlich war zumindest die eine fertig, machte aber keine Anstalten den Platz zu verlassen, weil sie sich ja noch mit ihrer Begleiterin unterhalten musste.
Der Trägerriemen meiner Tasche drückte zunehmend schwerer auf meine Schulter. Mein Kaffee kühlte ab.

Irgendwann geruhten die Damen doch, den Platz zu verlassen. Sie hatten mindestens zwei Minuten gebraucht, während ich mit dem Tablett hinter ihnen darauf wartete, mich auch bedienen zu können. Ein Musterbeispiel an Ineffizienz.

Nachdem ich mein Tablett abgestellt hatte, brauchte ich zwei Sekunden, um mit einer Hand einen Kaffeelöffel zu nehmen und mit der anderen Milch in meinen Kaffee zu gießen. Drei weitere Sekunden gingen drauf, um mir eine Serviette zu nehmen – das Design des Serviettenhalters ist ziemlich unergonomisch.
Die beiden Seniorinnen waren noch nicht an ihrem Tisch angelangt, als ich fertig war, und mich ebenfalls auf den Weg zu einem freien Tisch machte.

Ich halte es für äußerst unhöflich, sich mehr Zeit als nötig zu nehmen, wenn dadurch andere Personen aufgehalten werden. Ich selbst bemühe mich immer, alle meine Verrichtungen zügig durchzuführen, ohne andere Leute dadurch auszubremsen oder zu blockieren.
Zwei Minuten meiner kostbaren Zeit! Das reicht locker für einen halben Quickie. Stattdessen stand ich mir nur die Beine in den Bauch.
Das Leben ist zu kurz, um absichtliche Trödelei zu tolerieren und zu entschuldigen. Dazu fehlt mir die Geduld.

Ja, ja, ich werde auch einmal alt und dann wohl langsamer. Dann brauche ich vielleicht zwanzig Sekunden statt fünf. Selbst wenn ich eine ganze Minute brauche, weil ich dann vielleicht tüdelig bin, werde ich dennoch versuchen, zielstrebig und ohne Unterbrechungen solche Tätigkeiten auszuführen. Ich möchte nicht, dass andere durch mich mehr Zeit verlieren als unumgänglich.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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29 Antworten zu Der Anstand des Anstehens //2001

  1. keloph schreibt:

    du hast ja so recht, und dennoch ist es unerträglich unpopulär. rücksicht, im wortsinn, braucht bewusstsein und wollen.

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  2. claudius2016 schreibt:

    Unter den Menschen, nicht nur den Alten, gibt es viele ohne Bewußtsein und ohne Wollen… Egoismus ist zur Zeit angesaht.

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  3. transomat schreibt:

    Ich wette, die waren auch so ignorant als sie jünger wahren. Das sind die gleichen Menschen die im Supermarkt gang stehen bleiben für ein Schwätzchen während hundert Leute dann nicht mehr durch den Gang gehen können.

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  4. Plietsche Jung schreibt:

    Gelassenheit ist das Gebot der Situation. Du hättest auch freundlich fragen können, ob du dich mal schnell bedienen kannst.

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  5. webmaster schreibt:

    Ich habe eine ziemlich laute Stimme (wenn ich will). Ein kurzes sehr deutliches „Entschuldigung!“ reicht in der Regel, dass man mir Platz macht…

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  6. ednong schreibt:

    Och,
    ich hätte freundlkichst angefragt, ob ich ihnen helfen soll, damit es schneller geht. Hätte auch deren Verhalten sicher beschleunigt – oder mir Platz verschafft.

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  7. mrfreeze01 schreibt:

    a) es ist ein interessantes Phänomen, dass sehr viele Menschen in öffentlichen Räumen immer nur sich sehen, ihre Bedürfnisse, ihre akute „Not“ und die der anderen ihnen anscheinend egal ist, wenn deren Berücksichtigung eine Änderung des eigenen Verhaltens erfordern würde bzw. sie genau so handeln. Das ist in so unfassbar vielen Situationen zu sehen. Mein Lieblings-Beispiel, ich bin Fußgänger, Auto- und Fahrradfahrer in einer Großstadt. Ich kann kaum fassen, wie rücksichtslos gegenüber den jeweils anderen sich all diese Fraktionen verhalten. Beispiele: Autofahrer parken wo sie wollen, ob da noch ein Fußgänger oder Fahrradfahrer vorbeikommt, ist denen egal, bremsen Fahrradfahrer aus, weil die gegen eine Einbahnstraße fahren (obwohl die das dürfen aber selbst wenn nicht, was soll das, wenn genug Platz ist) Fahrradfahrer fahren Fußgänger fast über den Haufen, verursachen Situationen, die Autofahrer zu gefährlichen Notbremsungen verleiten könnten, Fußgänger laufen so durch die Gegend als ob es keine Fahrradfahrer gäbe (auf Autos achten die durchaus), auch da wo es Fahrradwege gibt und wenn einer mal die Frechheit haben sollte, zu klingeln oder an ihnen so vorbeizufahren, dass es ihnen eng vorkommt, tun sie so, als ob ständig Fußgänger von Fahrradfahrern totgefahren würden… Ach und die Hundebesitzer… Da kommen mir starke Zweifel an der Fähigkeit von Menschen, sich in die Situation anderer hinein zu versetzen. Ein Wunder, dass wir uns nicht ständig die Köpfe einschlagen.

    b) Im Alter wird das noch schlimmer. Tatsächlich nehmen die alten immer weniger wahr. Und sie werden sehr sehr langsam… OMG das Zusammenleben mit so richtig alten Menschen wird dann in unserer beschleunigten Zeit die Hölle. Wenn ich an meine jetzt im Pflegeheim befindliche Mutter denke, wie das vorher war…. Plant mal so mindestens 15 Minuten für die Tätigkeit „jetzt ziehen wir die Jacke und die Mütze an, bevor wir uns auf dem Weg zum Auto machen“ ein oder 5 Minuten für „ich ziehe mir noch die Socken an.“ Und das, wenn du aus terminlichen Gründen in einer Stunde woanders sein musst. Die „Alten“ tun mir da schon ein wenig leid, denn es hat nicht nur mit deren Selbstbezogenheit sondern auch mit einer Welt zu tun, in die sie einfach nicht mehr hineinpassen.

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  8. idgie13 schreibt:

    Mein Gott. Wegen 2 Minütli machst Du so einen Aufriss?
    Wieviel Minuten Deiner wertvollen Zeit hast Du mit Schreiben / Kommentieren verbracht?
    Etwas Nachsicht mit den Mitmenschen macht das Leben leichter.

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    • Tja, ich teile mir meine Zeit halt gerne selbst ein, und entscheide, ob ich mir gerade mal ein paar unproduktive Minuten gönne, oder nicht.
      Aufgezwungene Wartezeit in unbequemer Stellung ist etwas anderes als gemütliche, selbtbestimmte Freizeit.

      Ist ein wenig guter Wille, andere nicht unnötig zu behindern, denn zu viel verlangt?

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      • idgie13 schreibt:

        Man kann sich das Leben auch selber schwer machen.

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      • Mia schreibt:

        Die Beiden werden überhaupt nicht mitbekommen haben, dass irgendwer hinter ihnen wartet.
        Deshalb: Mund aufmachen und sich bemerkbar machen hilft ungemein dabei, seine Anliegen vorzubringen, anstatt stocksteif und stumm wie ein Fisch der Uhr beim Ticken zuzuschauen.
        Aber so ist wenigstens ein Blogeintrag dabei herausgesprungen, und wir konnten uns auf Kosten anderer Leute belustigen und wundern. Das ist doch auch was.

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  9. Mia schreibt:

    Du bist schon eine selten komische Type.
    Da stehst du hinter den beiden Tratschtanten geschlagene 2 Minuten (Hast du auf die Uhr gesehen oder gar die Zeit gestoppt?), anstatt dich mal bemerkbar zu machen. Sind das Anzeichen von aufkommendem Pseudo-Autismus? Und das Ganze auch noch in einem Café, das du nicht mal magst. Wenn das keinen Blog-Eintrag wert ist …

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  10. Pingback: Tweetrecycling //2194 | breakpoint

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