Gelinkigkeit //1991

Derzeit hört man in den Medien ja wieder mal so viel von „Gerechtigkeit“. Das nehme ich zum Anlass, das Thema aufzugreifen.
Vorweg – ich glaube nicht an „Gerechtigkeit“. Zumindest nicht in dem Sinne, dass man Regelungen finden kann, die für alle Betroffenen gleichermaßen fair sind, bzw. von diesen als gerecht empfunden werden.
Ich komme noch mal auf das Weinberggleichnis zurück, über das ich bereits vor ein paar Jahren gebloggt hatte.

Man stelle sich vor: Du arbeitest seit dem frühen Morgen hart, strengst dich an, kommst ins Schwitzen, bemühst dich, erhältst schließlich am Abend deinen vereinbarten Lohn, und musst feststellen, dass andere, die gerade mal ein oder zwei Stunden vor sich hingewerkelt haben, genau das gleiche Geld bekommen. Fühlst du dich da nicht irgendwie verarsc?t und gelinkt? Würdest du das nächste Mal noch genauso engagiert für den Weinbergbesitzer arbeiten wollen?
Klar – der Weinbergbesitzer darf mit seinem Geld machen, was er will, und er hat sich ja dir gegenüber an die Abmachung gehalten. Trotzdem wirst du sein Vorgehen als schofelig empfinden, wenn er die Nachzügler so unangemessen großzügig entlohnt, während die produktiven Arbeiter lediglich den Mindestbetrag kriegen. Es hat nichts mit Neid oder Missgunst zu tun, den Arbeitern der letzten Stunde den gleichen Stundenlohn zuzugestehen, aber nicht den gleichen Gesamtlohn.
Das Weinberggleichnis beschreibt sehr treffend das christliche Gerechtigkeitsempfinden, mit dem ich schon als Kind nichts anfangen konnte, und den Weinbergbesitzer als zutiefst unsympathisch und ungerecht empfand, weil er die Leistungen der tüchtigsten Arbeiter vollkommen ignorierte. Er hätte sich in erster Linie um seine treuen, loyalen Arbeiter kümmern sollen. Erst wenn dann noch weiterer Bedarf besteht, hätte er noch weitere Arbeiter einstellen sollen, aber keinesfalls zu besseren Konditionen.

Ich schlage jetzt einen weiten Bogen zur heutigen Politik.
Da fällt es mir in den letzten Jahren auf, dass einerseits brave Bürger zunehmend gemolken werden. Sie dürfen Sozialabgaben und Steuern zahlen (wogegen grundsätzlich nichts einzuwenden ist – das Geld wird für wichtige allgemein nützliche Vorhaben wie Infrastruktur, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Verkehrsverbindungen, etc. benötigt), erhalten aber kaum etwas zurück, weil das Geld vorwiegend ausgegeben wird für andere Zwecke, die nie etwas zum allgemeinen Wohlstand beigetragen haben. Sollten die Verantwortlichen nicht erst einmal vorrangig ihre Verpflichtungen gegenüber der eigenen Bevölkerung erfüllen, bevor eventuelle Überschüsse anderweitig ausgegeben werden?

Ein anderes Beispiel: Es waren einmal zwei Geschwister. Die Mutter trug dem etwas älteren eine Aufgabe auf, und versprach ihm eine Belohnung, wenn es die Aufgabe ordentlich erledigen würde. Das Kind machte sich daran, musste sich dafür anstrengen, aber erfüllte schließlich die Erwartungen der Mutter und führte die Aufgabe erfolgreich aus. Daraufhin bekam es die versprochene Belohnung. Als das jüngere Kind das bemerkte, fing es an zu weinen, und schrie, es sei ungerecht, dass es nicht ebenfalls die gleiche Belohnung bekommen würde. Die Mutter meinte, schließlich könne es nichts dazu, dass die Aufgabe nur für ein Kind gereicht hätte, gab nach und schenkte ihm das gleiche. Ist das fair? Verdient hätte das Kind die Belohnung nicht. Und je nach dem, wei sehr sich das ältere Kind vielleicht hatte abmühen müssen, wird es sich vielleicht benachteiligt fühlen, und der Mutter oder dem jüngeren Kind grollen. M.E. wäre eine Trostgabe in Ordnung, aber keine gleichwertige Belohnung. Eventuell die Zusage, dass das jüngste Kind das nächste Mal mit einer Aufgabe dran sei, und dann die Belohnung bekommen würde.

„Gerecht“ bedeutet, dass bei gleichen Eingangswerten auch gleiche Ausgangswerte folgen. Wenn sich das gleiche Ergebnis aus unterschiedlichen Eingangsbedingungen ergibt, ist irgendetwas faul, und es ist ebenso ungerecht, wie wenn gleiche Anfangszustände unterschiedlich behandelt werden. Ursache und Wirkung dürfen nicht entkoppelt werden. Wer mehr tut, muss auch mehr kriegen, und nicht alle gleichgebügelt dasselbe.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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32 Antworten zu Gelinkigkeit //1991

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Du sprichst mir aus der Seele. Berechenbarkeit erzeugt Erwartung, Abweichung dagegen meist Unmut.

    Übrigens ein klassisches Beispiel für die Leistungsgesellschaft. Wer fleißig ist, soll mehr haben als einer, der nicht fleißig ist.

    In Bezug auf die neuesten unbezahlbaren Ideen der rattenfangenden SPD und Grünen, ein bedingungslose Einkommen für jedermann einzuführen, wird die Welt auf den Kopf gestellt. Finanzierung offen (50% MwSt?), Hauptsache die Ratten folgen und machen das Kreuz bei Ihnen.

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  2. keloph schreibt:

    ein schöner beitrag, der in fragen gut, in antworten eher nicht gut ist. aber das ist kein wunder, denn es gibt keine absolute gerechtigkeit, wie du ja eingangs feststellst.
    das ist aber nicht wirklich ein problem, denn die gesellschaft findet über einen unausgesprochenen konsensprozess (kanalisiert über die politik?) ein angemessenes umgehen, welches der allgemeinen meinung von gerechtigkeit entsprechen wird. aber das ist im permanenten wandel begriffen. und das ist schwer zu begreifen.

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  3. Pendolino70 schreibt:

    Es ist nun nicht so, dass die Politik (das sind wir alle) das Geld einfach verschenken würde. Es wird eben so ausgegeben wie man es der Bevölkerung versprochen hat. Das es in Deutschland sehr viel Geld ist, dass der Staat für sich beansprucht und umverteilt ist eine Folge der Ansprüche der Bevölkerung, die keine Eigenbeteiligung in vielen Dingen leisten möchte und deswegen viele Aufgaben sozialisiert (Alterssicherung, Kinderbetreuung, Autobahnbetrieb). Das kann man anders lösen, das möchte die grosse Mehrheit also nicht.
    Für die Vermögenden und Grossverdiener lohnt es sich selbst in Deutschland immer mehr Geld zu verdienen, da von jedem zusätzlichen Euro mindestens etwa netto 40 Cent zur freien Verfügung stehen im schlimmsten Fall nach allen Abgaben und Steuern.

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  4. RAID schreibt:

    Bzgl eigene Bevölkerung zuerst:

    Es gibt halt Sachen, die kommen nicht direkt der ‚eigenen‘ (wer ist das überhaupt?) Bevölkerung zugute, sind aber dennoch in ihrem Interesse. Entwicklungshilfe z.B. ist auch keine Wohltätigkeit 😉 Wäre schön, wenn es so wäre..

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  5. blindfoldedwoman schreibt:

    Ein Beispiel:
    Ein Kitaplatz kostet den Staat zwischen 1.200 und 1.500 € im Monat. Je nach Gemeinde zahlen die Eltern einen Beitrag, der überall unterschiedlich ist und nach dem Gehalt gestaffelt wird, bzw. kostenfrei zur Verfügung steht.
    Die Familie, die sich dafür entscheidet, das Kind selbst zu betreuen, erhält keinen Ausgleich. Arbeiten beide Elternteile, fallen natürlich höhere Steuereinnahmen, bzw. je nach Gemeinde unterschiedlich Beiträge an.
    Was wäre jetzt gerecht?

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  6. Jezek1 schreibt:

    Aus ökonomischer Sicht wird eine Verteilungsgerechtigkeit dann erreicht wenn nach Pareto in einer Volkswirtschaft eine Reallokation der Ressourcen es nicht vermag den Grenznutzen der Menschen über alle Güter zu erhöhen ohne dabei bei einem einzigen den Grenznutzen zu reduzieren.

    Theoretisch eine tolle Idee. Leider aber kann niemand den Nutzen, und schon gar nicht den differentiellen Grenznutzen ermitteln. Zudem ist die Frage nach einer Reallokation ungelöst, also wie soll eine Umverteilung stattfinden; staatlich oder marktgetrieben.

    Obwohl es später viele Versuche gab, die Pareto-Verteilungstheorie zu verfeinern und von dem Nutzendogma zu befreien scheiterten alle Versuche einen eindeutigen Gerechtigkeitsindikator zu ermitteln.

    Letztlich bleibt diese Frage ungelöst; der Gerechtigkeitsbegriff ist ein unbestimmter philosophischer Begriff der nicht zu greifen sein wird. Und dies ist auch durchaus gewünscht; sonst würde Politik und Religion ein wesentliches Tätigkeitsgebiet verlieren, mit dem sie die Menschen umtreiben kann.

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  7. mrfreeze01 schreibt:

    Du hast geschrieben: “Gerecht” bedeutet, dass bei gleichen Eingangswerten auch gleiche Ausgangswerte folgen.

    Stimmt. Wenn man das aber gesellschaftlich betrachtet, wird es schwierig. Ein Mensch wird geboren. Wie hoch ist dann sein Eingangswert? Denn es kann ja doch nicht gerecht sein, dass die Menschen, welche besonders gefördert wurden, besonders viel Bildung genießen konnten, das Privileg hatten, ihre Talente zu entwickeln und auszubauen, mehr „Ausgangswerte“ bekommen, als diejenigen, die nicht dieses Glück hatten.

    Und wenn man mal den „Weinbergbesitzer“ nimmt. Der bekommt ja wesentlich höhere Ausgangswerte als alle „Nicht-Weinbergbesitzer“. Ist es gerecht, dass er durch Besitz einen höheren Eingangswert hat?

    Das nur als weitere Fragen, als Gesichtspunkte, die m.E. nicht einfach so ignoriert werden sollten bei dem Stichwort „Leistungsgerechtigkeit.“

    Ich glaube auch nicht an die zeitnahe Verwirklichung echter Gerechtigkeit. Als erste Hilfsgröße und politische Vision würde ich mir eine ernst genommene „Chancengleichheit“ wünschen. Bei der ist es schon schwierig genug, zu definieren, was das im Idealfall sein könnte. Aber darauf hinzuarbeiten, dass alle Menschen gleichere Chancen haben bzw. die Chancen insbesondere der Kinder mit schlechteren Ausgangspositionen zu erhöhen, auch wenn das sehr viel Geld kostet, wäre schon mal verdammt viel.

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    • Du sagst es selbst: Chancengleichheit.
      Alle Menschen sollten die gleichen Chancen (konkret z.B. für Bildung) haben. Was sie dann daraus machen, ist die Sache jedes Einzelnen. Niemand sonst ist dafür verantwortlich.

      Die Menschen sind nun mal unterschiedlich. Nicht jeder kann z.B. Akademiker werden. Dafür gibt es wieder andere, die z.B. handwerklich sehr geschickt sind.
      Ziel sollte sein, jedem die Möglichkeit zu geben, seine persönlichen Stärken einzusetzen. Ich denke, dadurch würde ein hohes Maß an Zufriedenheit erreicht.

      PS: Sorry für die verzögerte Freischaltung deiner Kommentare. Das war ungünstiges Timing. Ich war anderweitig beschäftigt.

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      • mrfreeze01 schreibt:

        Alles gut, ich komme ja sowieso nur selten dazu, mir Blogs anzuschauen. Und zum Thema Gerechtigkeit, ich glaube da ticken wir sehr ähnlich. Echte Chancengleichheit würde für mich allerdings auch bedeuten, dass zumindest ähnliche soziale Ausgangssituationen bestehen. Damit hat auch die Vermögensverteilung etwas zu tun. Und Kinder, die in Verhältnissen aufwachsen, wo sie wenig gefördert werden, müssten dann eigentlich auch entsprechende „staatliche“ Möglichkeiten haben, sich zu entwickeln. Und beides bedeutet dann auch Umverteilung. Womöglich wesentlich massiver als derzeit.

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