The Hound of Bastet’s Will //1965

Das Herbstwetter ist derzeit noch so wunderschön warm (das ist Klimaerwärmung nach meinem Geschmack! – aufgrund der jahreszeitbedingten Abnahme der täglichen Tageslichtdauer ist in den nächsten Wochen eine tendenzielle Abkühlung aber unausweichlich), dass Carsten und ich den Nachmittag für einen ausgedehnten Spaziergang nutzten. Wir liefen einen Seitenweg in einem der umliegenden Dörfer entlang, als aus einer Hofausfahrt urplötzlich ein aggressiv kläffender Dackel rannte und uns nachsprang.
Nur nichts anmerken lassen, nur nicht in seine Richtung schauen .. betete ich mir vor, und ging starr weiter. So nah war mir ein unangeleinter Hund schon lange nicht mehr gekommen. Wenn ich es recht bedenke, so habe ich vor solch kleinen Hunden mehr Angst, als vor großen, denn großen Hunden traue ich zumindet eine gewisse Minimalintelligenz zu, die verhindert, dass sie harmlose Passanten willkürlich angreifen.
„Au! Krall‘ deine Hand nicht so in meine fest!“, rief Carsten.
„Sorry!“ Mir wurde erst jetzt bewusst, dass ich mich an ihm festgehalten hatte, und versucht, ihn als Deckung vor dem Dackel zu benutzen. Schließlich trägt er lange Hosen und feste Schuhe, und ich nur dünne Feinstümpfe und Sandalen.
„Solltest du mich nicht beschützen?“, fragte ich ihn.
„Das mach‘ ich doch. Du brauchst keine Angst zu haben, der Köter traut sich eh nicht. Aber falls er dir doch zu nahe kommt, kriegt er einen Tritt“, beruhigte er mich, „aber dafür müsstest du mich erst loslassen, statt dich so an mich zu klammern.“
Inzwischen waren wir weitergelaufen, so dass es dem Dackel wohl klar wurde, dass er nicht mehr in seinem heimischen Revier war. Er verstummte, und trollte sich wieder zurück.

„Habe ich dir eigentlich schon mal erzählt, dass wir in meiner Jugend auch einen Hund hatten?“
„Nein, nur von deiner Katze Bastet, an die ich dich angeblich so erinnere.“
„Na, der Hund gehörte eigentlich Norbert. Das ist eine längere Geschichte, für die ich ziemlich ausholen müsste.“
„Dann tu das ruhig. Wir haben noch einen längeren Weg vor uns.“

Wenn ich seine folgende Erzählung (noch) weniger wortgetreu wiedergebe als sonst, so liegt das daran, dass es doch ein ziemlicher Monolog war, an den ich mich nicht in allen Details erinnere. Wieder daheim, kam ich auch nicht sofort dazu, alles niederzuschreiben. Notgedrungen ist einiges gekürzt oder ganz ausgelassen. Aber ich bemühe mich, zumindest den Kern zu treffen.

„Meine Eltern hielten es für gut, wenn wir Kinder mit einem Haustier aufwachsen würden. Norbert wollte unbedingt einen Hund, Sonja und ich eine Katze. Schließlich kam Bastet zu uns. Norbert hatte von vornherein kein Interesse, Sonja verlor es schnell. Also blieb ich übrig, um mich mit ihr zu beschäftigen. Sie war ein faszinierendes Geschöpf: seidiges Fell, samtige Pfötchen“, er zwinkerte mir kurz zu, „geheimnisvolle Augen. Es war nicht einfach, ihre Gunst und ihr Vertrauen zu gewinnen, und selbst, als ich das geschafft hatte, konnte aus dem verschmusten Kätzchen schnell ein fauchendes Biest werden, von dem ich im eigenen Interesse lieber Abstand hielt. Sie war jeden Tag wieder eine neue Herausforderung. Das reizte mich an ihr. Ich habe durch den Umgang mit ihr viel gelernt, wie es die tumbe Unterwürfigkeit eines Hundes niemals geschafft hätte. Sie hatte ihren eigenen, unabhängigen Willen und eine eigenständige Persönlichkeit. Sie war nicht nur die Erweiterung des Willens ihres Meisters, den ein Hund als reines Werkzeug mit servilem Gehorsam ausgeführt.
Nach einiger Zeit hatte Norbert es sich in den Kopf gesetzt, Bastet ein paar Kunststücke beizubringen. Er gab ihr ein paar Leckerbissen, die sie wohl gnädig angenommen haben muss. Ansonsten bekam Norbert die Sache nicht gut. Er zog sich tiefe Kratzer an den Händen und Armen zu, und ein paar leichtere auch im Gesicht. Katzen lassen sich nicht kaufen. Norbert hatte es aufgegeben, drängte aber umso mehr auf einen eigenen Hund, den er abrichten wollte. Schließlich waren meine Eltern einverstanden.
Canis war ein mittelgroßer, gutmütiger Labrador. Es gelang Norbert tatsächlich, ihm beizubringen, auf Kommando Männchen zu machen und Pfote zu geben. Bastet konnte das genauso. Es war nur weit unter ihrer Würde, dies auf Kommando zu tun.
Als Canis noch ein Welpe war, machte Bastet ihm klar, wie die Rangfolge war. Er war ihr danach immer sehr ergeben, was sie durch grundsätzliches Wohlwollen akzeptierte. Die beiden kamen üblicherweise gut miteinander aus. Wenn es Futter gab, wählte Bastet zuerst, und überließ ihm großzügig ihre Reste.
Norbert muss es mir damals ziemlich übelgenommen haben, dass Canis trotz allem mehr auf mich hörte, als auf ihn. Ich gab ihm zwar gelegentlich mal Futter, aber meistens ignorierte ich ihn. Dennoch war Canis immer sehr beflissen, meine Anweisungen zu befolgen. Wenn Norbert und ich ihm unterschiedliche Kommandos gaben, machte er, was ich sagte. Norbert verdross das sehr, er konnte es aber nicht ändern.
Als ein Nachbarsjunge versuchte, Canis zu ärgern, verprügelte ich ihn. Das war eine der wenigen Schlägereien, an denen ich beteiligt war. Abends stand wutschnaubend der Vater des Jungen vor der Tür, um sich zu beschweren. Der Junge war fast zwei Jahre älter als ich. Mein Vater wies dem Nachbarn die Tür, nachdem die gemeine Tierquälerei des Jungen bekannt wurde.
Einen Hund kann eigentlich jeder beherrschen. Das ist keine Kunst. Hunde sind so vorhersehbar. Die würden alles tun, nur um ihrem Herren zu gefallen. Wie langweilig. Das haben Katzen nicht nötig. Sie sind nicht von der Meinung anderer über sich abhängig. Das macht es zu einer Herausforderung, sich mit ihnen zu befreunden. Aber es lohnt sich. Und es ist so entspannend, eine schnurrende Katze auf dem Schoß zu haben – aber dafür habe ich ja jetzt dich.“
„Hey!“, rief ich in gespielter Entrüstung, und knuffte ihn mit dem Ellbogen ganz zart gegen den Oberarm. Eigentlich fühle ich mich meistens ja sehr wohl als sein Schoßkätzchen oder Trophäenweibchen. Und scharfe Krallen hab‘ ich ohnehin.
Er lachte, packte mich an der Taille, hob mich leicht an, und wirbelte mich im Kreis herum. „Du ahnst gar nicht, wie oft mir Katzenpsychologie schon in kritischen Geschäftssituationen geholfen hat“, meinte er.
„.. sagt der knallharte Geschäftsmann“, ergänzte ich ironisch lächelnd.
„Ja“, bestätigte er, und forderte mich auf: „Los, stell dich jetzt erst mal an den Baum dort drüben. Vielleicht erzähle ich dir ein anderes Mal mehr davon.“
Da mir sein Vorschlag konvenierte, ging ich bereitwillig darauf ein.

Dass jeder einen Hund beherrschen kann, daran habe ich denn doch gewisse Zweifel. Zu oft schon habe ich Leute gesehen, die ihren Hund offensichtlich nicht unter Kontrolle hatten. Carsten kann sich das freilich nur schwer vorstellen. Er ist es gewohnt, dass alle nach seiner Pfeife tanzen, und höchstens gutbegründbaren Widerspruch wagen. Er strahlt halt so eine natürliche Autorität aus, wie ich sie sonst nur bei ganz wenigen Männern erlebt habe. Man braucht wohl schon ein katzenhaftes Naturell, um sich davon nicht einschüchtern zu lassen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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13 Antworten zu The Hound of Bastet’s Will //1965

  1. Leser schreibt:

    Um einen Hund zu beherrschen, ist vor allem eins nötig: Gegenseitiges Verstehen. Dabei hilft uns die Evolution, denn Hunde leben bereits so lange mit Menschen zusammen, dass gegenseitiges Verständnis inzwischen in unsere Gene (die der Hunde, und ich meine, auch die der Menschen) übergegangen ist. Der Hund kann die Gesichtsausdrücke des Menschen deuten, und ist dem Menschen gegenüber in der Regel wohlwollend eingestellt – was Carsten daraus macht, ist seiner individuellen Persönlichkeitsstruktur geschuldet, weder gut noch schlecht, aber eben auch nur eine mögliche Interpretation.
    Ich selbst spreche Hund besser, als Katze. Zwischen Katzen und Menschen kommt es auch zu inter-spezies Missverständnissen, als Beispiel: Wenn man eine Katze lange und ausgiebig streichelt, das Streicheln dabei immer inniger wird, kommt die Katze irgendwann *aus Liebe* auf die Idee, zuzubeißen. Diese „love bites“ waren mir immer unverständlich, und werden es auch immer bleiben… – Bei Hunden gibt es diese Missverständnisse nicht, da kann man schon fast sagen, dass wir dieselbe Sprache sprechen (natürlich weniger komplex und um einen Großteil der Informationen verringert, aber vom Prinzip her). Katzen hingegen werden für mich wohl immer eine „unbekannte Welt“ bleiben. Nicht, dass ich sie nicht auch mögen würde, aber ich kann sie und ihre Handlungen halt oft nicht nachvollziehen.

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    • Hunde leben so lange beim Menschen, weil sie von diesem domestiziert wurden – wie später z.B. Schweine, Ziegen oder Hühner.
      Katzen dagegen sind die einzigen Haustiere, die sich aus freien Stücken den Menschen angeschlossen haben.

      Wenn einer Katze die Streicheleinheiten zu viel werden, dann beißt sie halt mal zu. Das ist aber nicht böse gemeint, und sie beißt nicht wirklich fest.

      Ich bin mit Katzen aufgewachsen, und erkenne die Warnzeichen, bevor sie von Anschmiegen auf Angreifen umschwenkt. Da muss man dann halt einfach schnell genug sein.

      Keine Missverständnisse bei Hunden? Wie erklärst du dann die ungebremste Aggressivität eines Hundes, wenn arglose Passanten auf öffentlichen Gehwegen an seinem Grundstück lediglich vorbeilaufen.
      Dass er keine Eindringlinge duldet, ist klar. Aber dermaßen bösartig zu kläffen, nur weil da Leute ganz ruhig vorbeigehen wollen, ist unangebracht. Und wenn man ihn anschaut, und beruhigend auf ihn einreden will, rastet solch ein Viech erst recht aus.
      Der Halter sollte ihm gefälligst beibringen, dass es ihn nichts angeht, wenn Leute nur vorbeigehen wollen, und dass er dann die Schnauze hält.

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      • Leser schreibt:

        Katzen sind ebenso domestiziert worden, der Unterschied liegt – ebenso, wie bei Ziegen, Schweinen und Hühnern – darin, wie sie domestiziert wurden. Katzen wurden dazu gebraucht, um Schädlinge und Ungeziefer fern zu halten. Somit ist der Hund das einzige domestizierte Tier, dessen Domestizierung neben der Nutzbarkeit (z.B. als Wächter oder bei der Jagd) auch noch eine soziale Komponente enthält, da sich Hunde als Rudeltiere nun mal auch sehr gut als Gefährten eignen.

        Ich halte auch die Aussage, Katzen hätten sich aus freien Stücken den Menschen angeschlossen, für eine urbane Legende. Eher dürfte es wohl so aussehen, dass die Domestizierung der Katzen aus einer Symbiose entstanden ist: Der Mensch wird sesshaft und betreibt Landwirtschaft, das zieht potentielle Futtertiere für Katzen an, deshalb gehen die Katzen zum Menschen und ernähren sich dort vom „Ungezieferbefall“ an den Nahrungsvorräten.

        Ja, man muss erst mal die Warnzeichen einer Katze überhaupt erkennen lernen, weil diese als Einzelgänger eine völlig andere Körpersprache haben, als Hunde, die ähnlich wie Menschen in sozialen Gefügen miteinander leben. Deshalb ist die Körpersprache der Hunde für die meisten Menschen leichter „intuitiv“ zu erfassen.

        Die ungebremste Aggressivität des Hundes kann verschiedene Ursachen haben (dabei z.B. auch Gerüche oder Geräusche, die Dir als Mensch nicht mal bewusst sind, den Hund aber aus unterschiedlichsten Gründen zur Weißglut treiben können, die Hundepsychologie ist da der menschlichen ziemlich ähnlich, wenn auch natürlich weniger komplex), aber anschauen und auf ihn einreden ist definitiv nicht die Art, mit der man diese von sich abwenden kann. Anschauend und beruhigend auf einen Hund einreden kann man in einer Knuddelstunde machen, während der Hund sich ganz entspannt kraulen lässt. In so einer Situation ist ignorieren, Seite/Heck zudrehen eigentlich am besten, wenn man ihn anschaut, dann dabei sofort gezielt die Augen kurz zumachen (länger, als nur ein kurzes Blinzeln), gähnen oder mit der Zunge über die Lippen fahren hilft auch. Das sind alles Beschwichtigungssignale, die wir als Menschen nicht mehr brauchen, weil bei uns der Raubtierinstinkt durch die Intelligenz weitestgehend erstzt wurde, die jedoch den Hunden das Zusammenleben im Rudel ermöglichen, ohne dass dauernd irgendwo die Fetzen fliegen und Blut fließt. Ich habe es schon mehrfach geschafft, Hunde, die eigentlich aggressiv auf mich losgehen wollten, mit solchen Signalen von mir „abzuwenden“, die haben dann ein bisschen auf dem Boden rumgeschnuppert und sind dann wieder abgezogen (in den Fällen, in denen sie kein Interesse an Kontakt hatten – ansonsten haben wir uns natürlich begrüßt, einander vorgestellt und ggfs. etwas gemeinsame Freude und/oder ein paar Streicheleinheiten ausgetauscht o.ä.)

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        • Nenn es ruhig Symbiose.
          Katzen wurden vom Menschen nicht eingefangen oder absichtlich angelockt. Sie schlossen sich den Menschen an, indem sie Kulturfolger wie Mäuse oder Ratten jagden.
          Ja, sie sind Einzelgängenr, haben eine engere Bindung zu ihren Menschen als zu den eigenen Artgenossen.

          Die von mir beschriebene Aggressivität hat nichts mit Gerüchen zu tun. Es genügt, wenn irgendein Unbekannter sich dem Grundstück nur nähert.

          oder mit der Zunge über die Lippen fahren

          Das mache ich einem Hund gegenüber mit Sicherheit nicht.

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  2. Pendolino70 schreibt:

    Die Katze wäre den Baum gleich hochgeklettert und wäre nicht wie ein Hund unten sitzen geblieben 😉

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  3. blindfoldedwoman schreibt:

    Katzen sind wohl weniger intelligent als Hunde. Die haben doppelt so viel Neuronen in der Hirnrinde und sind zu wesentlich komplexeren Dingen in der Lage.

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  4. Mia schreibt:

    Es besteht ja wohl kein Zweifel, dass Hunde um Längen den Katzen überlegen sind – nicht nur vom Intellekt her.
    Katzen kamen zu den Menschen, um diese von Ratten und Mäusen zu befreien und möglichst auf Dauer fernzuhalten. Zu mehr taugen sie auch nicht.
    Hunde hingegen wurden zum Schutz, zum Hüten und zur Jagd eingesetzt und natürlich als Gefährten.
    Das allein sagt schon alles.

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  5. Pingback: Oktobrige Tweets //2157 | breakpoint

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