Anders als gedacht //1962

Derzeit häufen sich die Einladungen zu Geburtstagsfeiern. Nach meiner Mutter und meiner Schwägerin hatte mich auch Philipp eingeladen, und ich hatte zugesagt.
Ich war ein bisschen später dran, aber bei Partys kommt es ja nicht auf ein paar Minuten an. Also stieg ich die Treppe hoch, und klingelte an seiner Tür.
Philipp öffnete. Ich gratulierte ihm und überreichte sein Geschenk. Wohlwollend stellte ich fest, dass er auf Dekoration und Firlefanz verzichtet hatte. „Bin ich heute richtig? Oder habe ich mich im Datum vertan?“, fragte ich, als mir bewusst wurde, dass sonst keine anderen Gäste anwesend waren.
„Nein, Anne, du bist schon richtig da.“
„Und die anderen Gäste? Wann kommen die?“
„Hm ..“, murmelte er, und blickte dabei auf den Boden.
„Wie viele kommen denn noch, Philipp?“ Als er nicht gleich antwortete, fügte ich hinzu: „Eine ganze Zahl!“
„Null“, erklärte er schließlich.
„Hast du das von vornherein so geplant? Oder haben die anderen abgesagt?“
„Ich wollte meinen Geburtstag mit dir alleine feiern, Anne.“

Ich hab‘ auch meine Prinzipien. Eines davon ist es, privat nie alleine mit einem Mann in dessen Wohnung zu gehen, wenn ich Sex definitiv ausschließe. (Und wem jetzt wieder die früheren Arbeitswochenenden bei Carsten einfallen: Erstens war das nicht privat, und zweitens wäre ich Sex nicht abgeneigt gewesen, habe es nur nicht drauf angelegt.)
„So war das nicht ausgemacht, Philipp. Du hast mich glauben lassen, dass noch mehr Gäste kommen.“ Er hatte mich nicht direkt angelogen, aber – wie Mathematiker es halt so machen – mit Zahlen gespielt, und ich hatte – unaufmerksam und gerade in Eile – nicht nachgehakt. „Ich werde jetzt die Gästeanzahl um eins erniedrigen“, kündigte ich an.
„Ach, Anne, bitte bleib. Nur auf einen Kaffee.“
Er schaute so unglücklich, dass ich nachgab.

Philipp hatte auch Kuchen besorgt, so dass wir uns an den Couchtisch setzten, um dort zu essen und zu trinken. Wir unterhielten uns auch anfangs ganz gut, bis Philipp seinen Arm um mich legte, und mich – bevor ich reagieren konnte – küsste.
Er war dabei geschickter und fordernder, als ich es ihm zugetraut hätte. Ein paar Sekunden gab ich dem überrascht nach. Er küsste wirklich gut, und ich war in den letzten Tagen halb auf Kussentzug gewesen, da ich meine Erkältung keinesfalls an Carsten weitergeben wollte.
Es bereitete mir Anstrengung, Philipp von mir wegzuschieben und meinen Kopf wegzudrehen.
„Was soll das, Philipp?“, fragte ich ihn schließlich streng, „du weißt doch, dass ich vergeben bin. Außerdem hab‘ ich immer noch etwas Schnupfen. Du bist selber schuld, wenn du dich angesteckt hast.“
„Es .. es tut mir leid“, stammelte er.
„Es braucht dir nicht leid zu tun. Mach es einfach nicht mehr, sonst können wir uns in Zukunft nicht mehr treffen.“
Wortlos nickte er.

Ach, ich habe Philipp ja wirklich sehr gern. Als Mathematiker ist er brillant. Er kennt jedes noch so exotische Theorem. Für mich ist er aber eher ein jüngerer Bruder – mein Doktorbruder.
Am liebsten würde ich ihn ja anderweitig verkuppeln, ich weiß nur nicht, an wen. Vom Alter her würde Verena ganz gut passen, aber ich würde ihm sicherlich keine Alleinerziehende zumuten. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die beiden einigermaßen miteinander harmonieren würden. Ich will ja nicht lästern, aber als Verena damals bei uns Praktikantin war, war sie manchmal schon bei einfachen Dreisatz-Aufgaben überfordert oder ist bei mittelschweren Kopfrechnungen gescheitert.
Ich überlege, ihm nahezulegen, sich etwas mit Pickup zu beschäftigen. Aber leider ist er sehr auf mich fixiert, und ich fürchte, ihm schwebt nicht nur eine sexuelle, sondern vor allem eine romantische Beziehung vor. Für letzteres wäre ich nicht bereit gewesen, selbst als ich vor einigen Jahren noch Single war.

Mein Kuchenteller war leer. Den letzten Schluck Kaffee trank ich zügig aus, versprach Philipp, ihm wegen unseres Papers eine Mail zu schicken und verabschiedete mich.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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20 Antworten zu Anders als gedacht //1962

  1. blindfoldedwoman schreibt:

    Normalerweise hat man ja eine gewisse räumliche Distanz, wenn man mit jemand auf dem Sofa sitzt. Daher erscheint mir das „bevor ich reagieren konnte“ nicht besonders plausibel.

    Verena reicht wohl ein Kind. Ein weiteres kann sie sicher nicht gebrauchen.

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  2. ednong schreibt:

    Ach der Unglückliche …

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  3. Mia schreibt:

    Oh oh, die Exklusiv-Vereinbarung wackelt.

    „Außerdem hab‘ ich immer noch etwas Schnupfen.“
    Das ist natürlich ein Grund, einen möglichen Seitensprung auszuschlagen.

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  4. Alex ii schreibt:

    Aber du bist doch schon alt?!

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  5. Irenicus schreibt:

    Hm du hättest sofort gehen sollen, so hast du evtl. Falsche Signale gesendet.
    Aber ich finde es gut, dass du nicht ausgerastet bist.
    Aber nie wieder mit ihm allein in seiner Wohnung.

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  6. Pingback: Nettworking //1984 | breakpoint

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