Rauchige Anmache //1956

Am frühen Abend machte ich den Fehler, zu erwähnen, dass mir etwas kühl sei.
Meine Intention war es gewesen, ihm einen subtilen Hinweis zu geben, dass es seine eheliche Pflicht sei, mich zu wärmen. Sonst hätte ich mir ja auch gleich eine Jacke anziehen können, oder mich in eine Decke einwickeln.

Im Laufe des Sommers hatte er ab und zu am Samstagnachmittag ein bis zwei Stunden damit verbracht, Holz zu hacken. Nachdem er den Bogen erst mal raus hatte, klappte das ganz gut.
Mein Ansinnen gab ihm Gelegenheit, den offenen Kamin einzuweihen, obwohl ich versuchte, ihn davon abzubringen.
„Dafür ist es noch nicht kalt genug. Und eigentlich friert es mich gar nicht so sehr. Dagegen wüsste ich eine wirksamere Maßnahme.“
Er schüttelte den Kopf. „Jetzt ist Oktober, das ist schon Heizzeit. Ich schüre den Kamin jetzt an.“

Der ganze Holzkram ist mir lästig, aber vertraut, weil wir in der alten Heimat vorwiegend mit Holz und Kohle geheizt haben. Der Herr Klugsch dagegen ist superkomfortabel in der Stadt aufgewachsen, und hat noch nie im Leben ein Feuer anmachen müssen.

Ich wollte mich ja wirklich raushalten, aber als ich dann sah, dass er große, immerhin trockene Holzklötze eng aufeinander im Kamin stapelte, erlaubte ich mir den Hinweis, dass das Feuer besser brennen würde, wenn die Oberfläche im Vergleich zum Holzvolumen größer wäre, um die Kontaktfläche mit Sauerstoff zu erhöhen. Chemische Kinetik nullter Ordnung.
Er nahm meinen Hinweis zur Kenntnis, änderte aber nichts am Holzstapel, sondern versuchte vergeblich, eines der Scheite anzuzünden. Schließlich räumte er das Holz wieder heraus, und beherzigte meinen Hinweis. Er suchte möglichst kleine Holzstücke, stellte sie eher gegeneinander, so dass auch von unten Luft herankam, und mit Hilfe von etwas Zeitungspaper gelang es ihm dann doch, das Holz zu entzünden.
„Verdammt! Das raucht ja nur!“

Wo Rauch ist, muss nicht unbedingt Feuer sein. Der Kamin zog nicht ab, und innerhalb kurzer Zeit füllte sich der Raum mit Rauch, so dass er die Fenster und Türen öffnete (wodurch es mich dann erst richtig fror).
„Ich sag‘ doch, dass es noch nicht kalt genug für den Kamin ist“, konnte ich mich jetzt nicht mehr zurückhalten. Es stank, der Rauch kratzte unangenehm im Hals und brannte in den Augen.
„Was soll ich jetzt machen?“, ließ er sich endlich herab, mich um Rat zu fragen.
„Die Außentemperatur und der Kamin selbst sind noch zu warm, als dass der Rauch durch Konvektion durch den Kamin abziehen kann. Dazu braucht es eine deutlich größere Temperaturdifferenz“, erklärte ich, „du musst das Feuer schnell auf eine hohe Temperatur bringen. Das geht am besten, wenn du alte Pappe, oder auch Rindenstücke draufschmeißt, damit es richtig brennt, und dann erst Holz.“

Nach einigen Minuten gelang es ihm, so dass der Rauch sich verflüchtigte. Es stank aber immer noch. Von Gemütlichkeit keine Rede. Erst nach einiger Zeit konnten wir Türen und Fenster wieder schließen. Inzwischen prasselte das Feuer weit stärker als es zu dieser Jahreszeit nötig und wünschenswert ist.

„Leg‘ dich da hin. Ich will dich vor dem Kaminfeuer nehmen!“, bedeutete er mir, und zeigte auf den leeren Boden vor dem Kamin.
Ich schüttelte ablehnend den Kopf. „Auf den kalten, harten Fliesen? Und dreckig ist auch.“
Tatsächlich lagen Holzsplitter, Asche und Ruß auf der Fläche vor dem Kamin.
Er seufzte genervt, zerrte dann einen Teppich vor den Kamin.
„Und wenn ein Funke oder Glut darauf fällt?“, gab ich zu bedenken, „der Teppich ist nicht feuersicher. Auf der Couchgarnitur ist es viel bequemer.“
Ach, ich vermisse den Kachelofen. Auch wenn er nicht in Betrieb war, so konnte man sich doch so schön an ihn anlehnen.

Da niemand noch mal nachgelegt hatte, war das Kaminfeuer ziemlich niedergebrannt, als wir uns danach wieder von der Couchgarnitur erhoben.
Ich hoffe, dass der Kamin in Zukunft aus bleibt. Für den Fall, dass nicht, habe ich ihm empfohlen, eine Kiste mit Spreißeln als Anmachholz vorzuhalten.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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8 Antworten zu Rauchige Anmache //1956

  1. keloph schreibt:

    das konzept des offenen kamins hat nachteile 🙂

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  2. Plietsche Jung schreibt:

    Mensch Anne, sei doch nicht so mimosenhaft.
    Er wollte im Sinn des Urmenschen ein Feuer machen. Feuer fasziniert eben. Auch Frauen übrigens.

    Vielleicht schenkt er dir ja in Kürze ne Heizdecke. Ein bissl verdient hättest du sie 🙂

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  3. ednong schreibt:

    Hehe,
    klingt nach einem gelungenen Kaminabend … 😉

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