Es folgt ein Rant //1950

Nur selten beschäftigen wir Werkstudenten. Passende Aufgaben fallen nicht unbedingt in der vorlesungsfreien Zeit an, noch lassen sie sich mit ausreichendem Vorlauf planen.
Andererseits versuchen wir natürlich auch, unseren Mitarbeitern einen Gefallen zu tun, wenn sie studierende Kinder haben, die gerne ein paar Wochen jobben würden.
Ein langjähriger Angestellter hatte mich angesprochen, weil seine Tochter, die gerade Abitur gemacht hatte, die Zeit bis zum Semesterbeginn teilweise mit einem Job überbrücken wollte, um sich etwas Geld zu verdienen. Er pries mir insbesondere ihre ausgezeichneten Deutsch-Noten an. Das ist nicht unbedingt eine Qualifikation, für die wir besondere Verwendung im Rahmen einer Werkstudententätigkeit hätten.
Nach einiger Bedenkzeit fiel mir dann doch ein, dass sie ein spezielles Dokument, das ich schon lange, wenn auch mit niedriger Priorität auf meiner To-Do-List habe, erstellen könne. Eigentlich wollte ich es selbst mal schreiben (wenn auch in Englisch), aber für den beabsichtigten Einsatz ist Deutsch auch in Ordnung, und ich hatte die Hoffnung, durch ihre Tätigkeit selbst etwas Zeit einzusparen.

Ich wies sie also in die vorgesehene Aufgabe noch vor meinem Urlaub ein. Danach kam ich nicht gleich dazu, mir ihre Fortschritte genauer anzusehen, warf eher stichprobenartig einen Blick darauf. Der bisherige Entwurf schien oberflächlich betrachtet erst einmal in Ordnung zu sein.
Die Werkstudentin war dann zwischenzeitlich selbst zwei Wochen in Urlaub. Das war vorher so vereinbart worden.
Es gab noch ein paar Verzögerungen, ich selbst war verreist, so dass ich erst diese Woche dazu kam, ihr inzwischen fast fertiges Werk anzusehen.
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*seufz*
Was soll ich dazu sagen?
OK – positiv ist, dass es nur wenige Rechtschreibfehler gibt. Aber sonst? Die Struktur ist uneinheitlich, die Sprache oft unangemessen oder gar schnörkelig-blumig, und das schlimmste ist, dass das Dokument die beschriebenen Gegebenheiten zu ungenau, manchmal sogar unkorrekt darstellt. Insbesondere machte es mich wahnsinnig, dass sie es nicht schaffte, Anführungszeichen innerhalb von Anführungszeichen korrekt zu escapen, obwohl ich ihr es mehrfach erklärte, damit sie zumindest das nachbessern kann.
So kann ich das Dokument nicht gebrauchen. Da werde ich nicht vermeiden können, selbst noch mal ausführlich drüber zu gehen. Viel Zeiteinsparung hat mir das nicht gebracht, wenn überhaupt.
Als ich die Abiturientin darauf ansprach, zeigte sie sich uneinsichtig. Genau so hätten sie es im Deutschunterricht gelernt, und da sei sie ja so sehr gut gewesen. Also müsste es genau so richtig sein, wie sie es geschrieben habe.
Herrfeynmannochmal! Hätte ich sie erst auf einen Kurs für Technische Redaktion schicken sollen?
Ich hätte ihre Zwischenergebnisse natürlich besser überwachen müssen, statt ihr diese – wirklich nicht besonders komplizierte – Aufgabe zuzutrauen. Das nächste Mal weiß ich Bescheid, und passe besser auf. Die Frage ist, ob es überhaupt etwas bringt, Werkstudenten einzustellen, wenn sie nicht halbwegs selbständig agieren können und die ihnen zugeteilten Aufgaben nur schaffen, wenn sie engmaschig betreut und beobachtet werden.

Die andere Frage ist, was Schüler denn überhaupt noch im Deutschunterricht lernen, auch wenn das etwas off topic ist. Das heißt – nein, es ist völlig on topic. Eigentlich ist die Begebenheit mit dieser Werkstudentin nur der Auslöser für diesen Blogartikel, bei dem ich einiges rauslasse, was sich im Laufe der Zeit in dieser Hinsicht aufgestaut hat. Die Unfähigkeit dieser Abiturientin ist nur ein Symptom für das strukturelle Versagen des Deutschunterrichts.
Zunächst einmal soll Deutschunterricht den Schülern doch korrekte Syntax, Orthografie und Interpunktion beibringen (wobei ich zugebe, dass dies durch die Rechtschreibreform eine heisenbergartige Unschärfe oder schrödingerartige Uneindeutigkeit bekommen hat).
Während die Schüler dies alles lernen und einüben, ist es sinnvoll, sie viel lesen zu lassen. Anfangs einfache Texte, später anspruchsvollere Lektüren. Aber die muss man dann nicht zu Tode diskutieren. Literarische Werke zu lesen, ist ja gut, aber diese ständige Überinterpretiererei in der Schule, hat mir die Freude an der Literatur geraubt. Beispielsweise mochte ich Dürrenmatt’s „Physiker“ – bis wir sie in der Schule durchnahmen. Darüber wurde dann soviel besprochen und vorwärts und rückwärts durchgekaut, dass mir das ganze nur noch lästig war (völlig ungeachtet der Tatsache, dass die im Stück genannte „Weltformel“ als Gleichung der Theoretischen Physik sowieso keinerlei Technizität hat).
Was bringen dauernde irrelevante Gedichtinterpretationen oder weltfremde Textanalysen? Klar, kann man das mal machen. Aber sollte der Fokus nicht viel eher praxisorientiert sein und auf dem Schreiben sachlicher Texte liegen? So ziemlich jeder Schüler wird in seinem späteren Leben wohl mal einen Bericht oder ein Protokoll schreiben müssen. Die wenigsten werden Literaturkritiker oder Deutschlehrer werden wollen. Non scolae sed vitae discimus.
Und weil ich im Publikum gerade „Journalisten“ raunen höre – ja, die müssen ihre Sprache beherrschen, und dann sollen sie Fakten sachlich, neutral und verständlich darstellen, ohne ihre eigene Meinung, Interpretationen oder unbelegte Vermutungen miteinfließen zu lassen. Wo bitte gibt es das denn heute noch?
Ich verlange wohl zu viel, wenn ich möchte, dass Lehrer ihre persönliche Meinung zu kontroversen Themen für sich behalten sollen, um ihre Schüler unbeeinflusst ihre eigene Meinung bilden zu lassen. Sendungsbewusstsein ist im Schuldienst fehl am Platz.

Wie war das denn zu meiner Zeit in der Schule? Es ging in Deutsch doch nur noch darum, was uns ein Autor mit seinem Text „sagen will“. Warum sagt er das dann nicht einfach konkret, klipp und klar?
Generationen von Schülern wurden dazu gedrängt, in die Worte eines Schriftstellers Interpretationen hineinzudeuten. Sie mussten sich etwas aus den Fingern saugen, was dieser Autor vielleicht gemeint haben könnte. Es blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als dem Autor Motivationen und Intentionen zu unterstellen, auch wenn es dafür nie Belege gab. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nur ein geringer Bruchteil aller diesbezüglichen Schüleräußerungen tatsächlich halbwegs die Absicht des Autors traf. Daran ändert auch die Meinung tausender Deutschlehrer nichts mehr. Da die meisten Schriftsteller längst tot sind, können sie Fehldeutungen nur nicht mehr widersprechen. Textinterpretationen sind also vor allem Spekulationen, die Bedeutungen implizieren, für die es keine hinreichende Begründung gibt.
Ich habe es ja selbst oft genug erleben müssen, dass meine Blogtexte völlig falsch interpretiert wurden, und mir eine Intention unterstellt wurde, die überhaupt nicht dastand und nicht vorhanden war.
Die Interpretation literarischer Texte ist keine exakte Wissenschaft! Dennoch wird gerade dieser Anschein erweckt. Je fantastischer eine Deutung eines Textes ist, desto mehr wird der Schüler in seiner Ansicht bestärkt. Nix mit Ockham’s Razor. Und irgendwann glaubt er dann, dass seine Annahmen immer stimmen müssen.

Denkt von mir, was ihr wollt, aber ich vermute (ohne Absolutheitsanspruch), dass der moderne Deutschunterricht maßgeblich zum Niedergang der gesellschaftlichen Diskussionskultur mitbeigetragen hat.
Wenn jeder davon überzeugt ist, dass seine Hypothesen stimmen, so ist es kein Wunder, dass Widerspruch oder Kritik schnell als Hass wahrgenommen werden, und dass die Leute sich dann lieber gegenseitig die Köpfe einschlagen, als ihre eigenen Voreingenommenheiten mal zu überdenken, und nüchtern nach Belegen für ihre Behauptungen suchen.
Es ist immer wieder erstaunlich, auf wie viele Weisen die Leute ein und denselben Satz missverstehen können.

Nach mehreren unabhängigen Quellen scheint es, als ob viele Lehrkräfte den Kindern so ziemlich alles durchgehen lassen, und stattdessen die Eltern als Gegner sehen.
Cholerische Lehrer gab es auch in meiner Schulzeit, aber nach allem, was ich von mehreren Eltern gehört habe, verlieren heute viele Lehrkräfte leicht aus nichtigem Anlass ihre Selbstbeherrschung und Contenance. Das ist sicherlich kein Vorbild für die Jugend.
Vielen Leuten ist ja gar nicht bewusst, dass ein Roman oder Schauspiel nicht die Realität abbildet. Das kann man gar nicht zu oft betonen! Das meiste ist reinste Fiktion. Und selbst wenn es auf Tatsachen beruht, so ist es durch die Perspektive des Autors zumindest verzerrt.

Wie sollte ein zeitgemäßer Deutschunterricht aussehen? Für ABC-Schützen sind natürlich andere Aspekte vorrangig als für die Abiklasse.
Lasst die Kinder doch lesen, viel lesen, aber vor allem das, was sie selbst wollen und unterhaltsam finden. Macht Vorschläge, aber keine strengen Vorgaben, und drängt sie nicht immer nur zu diesen uralten, moralisierenden Geschichten. Lasst sie selbst Erlebniserzählungen und Gedichte schreiben. Erweckt den Spaß an der Sprache durch Wortspiele. Bringt ihnen das Handwerkszeug bei, aber indoktriniert sie nicht. Lehrt sie ruhig die wichtigsten Stilmittel, aber übertreibt es nicht damit. Lasst die Schüler Referate halten über Themen, die sie wirklich interessieren, auch wenn sie fachfremd sind. Lasst die ganze Klasse darüber diskutieren. Unterstützt rhetorische Methoden, aber duldet keine eristischen Tricks.
Oh, und lasst die Schüler als Hausaufgabe mal einen Aufsatz schreiben, mit der Vorgabe, eine nicht unmittelbar ersichtliche Bedeutung zu haben, deren Verständnis sich nicht gleich erschließt (beispielsweise so à la Chymische Hochzeit des Christian Rosencreutz) – mit versteckten Analogien, geheimnisvollen Allegorien, mystischen Metaphern, und was ihnen sonst noch so einfällt. Viel Spaß bei der nachfolgenden Interpretation durch Mitschüler und Lehrer! Kraweel, kraweel!
Lasst die Schüler sich selbst immer kritisch hinterfragen: Was ist nur Vermutung? Was ist durch dritte Personen überliefert? Was ist tatsächlich belegbarer Fakt? Nur weil es irgendjemand mal geschrieben hat, muss es noch lange nicht stimmen!
Wenn diese Abgrenzungen in der Wahrnehmung immer mehr verschwimmen, ist bald keine zielführende Diskussion mehr möglich, weil jeder nur innerhalb seines eigenen Befindlichkeitshorizonts argumentiert.
Lasst Zweifel zu. Nicht zu jeder Frage gibt es eine eindeutige Antwort. Zieht die Schüler nicht zu selbstgefälligen Apodikten heran, die ihr eigenes Double Think nicht mehr wahrnehmen.

Naturwissenschaftlern lehrt die Natur schnell Demut, während (nicht nur!) Philologen häufig in ihrer Blase der eingebildeten Allwissenheit bleiben.
Wenn ich Code schreibe, und das Programm macht nachher Blödsinn, so ist das ganz allein mein Fehler. Die Erkenntnis der eigenen Fehlbarkeit scheint dagegen so manchen Personen verborgen zu bleiben.

Viele Schulabgänger beherrschen elementare Fertigkeiten nicht, kombinieren dies aber mit einem solipsistisch-bornierten Ego.
Nicht nur Arbeitgeber wie ich müssen später ausbaden, was der Schulunterricht vermasselt hat, indem wir solche Leute erst mühsam wieder auf Spur bringen, und dafür auch noch zu teuer bezahlen.
Sondern die ganze Gesellschaft trägt die Konsequenzen dieses höchst verfehlten Bildungsansatzes.

So. Habe mich genug in Rage geschrieben.
Jetzt ist’s auch wieder gut.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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37 Antworten zu Es folgt ein Rant //1950

  1. S aus C schreibt:

    Ich erinnere mich noch mit „Freude“ an meine Deutschunterrichtszeit in der Oberstufe. Eine Deutschlehrerin, bei der nur ihre Meinung bei Interpretationen galt, alles andere war wirr und Abstrus und wurde mit Note 5 bewertet.
    Und dann kam der gehasste und benotete Deutschhausaufsatz zum Thema Gedichtinterpretation mit Verwendung von sekundärliteratur. Zur Auswahl mehrere Gedichtr zeitgenössischer Autoren, wobei einer ein Bekannter meiner Tante war. Genau den ausgesucht und den Autor persönlich befragt. Diese Darstellung des tiefsten Sinnes entsprach nicht der Meinung meiner Deutschlehrerin „so langweilige Ideen kann ein Autor nicht haben“ und es folgte die obligatorische 5.
    Also zur Direktorin, die auch Germanistin war, und das Benoten der Deutschlehrerin kritisiert, und sie stellte sich auch auf den Standpunkt, „das hat sich der Autor“ sicher nicht gedacht, und da ich mich beschwere gab es eine mündliche 6…

    Kurz darauf erreichte die Schulleiterin ein ziemlich böser Brief des Autors, welchen Stuss sie in das Gedicht hineininterpretiere und noch einige Punkte zur Unfähigkeit Diskussionen zu führen.
    Die Aktion zog dann ein paar kreise und so änderte man die Note auf eine drei, mehr konnte man nicht geben, da die Anzahl an quellen zu niedrig sei….

    Ein Grund mehr in der Naturwissenschaft zu bleiben….

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    • Danke für das treffende Beispiel.
      Bewertungen in Deutsch hängen zum allergrößten Teil vom Gutdünken, um nicht zu sagen der Willkür des Lehrers ab. Objektive, allgemein nachvollziehbare Kriterien sucht man oft vergebens.

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      • S aus C schreibt:

        Besonders erschreckend war in meinen Augen auch die Ignoranz, von anderen Meinungen. Vor allem dann, wenn diese auch ausführlich begründet mit der eigentlich besten quelle, dem eigentlichen uhrheber, belegt wurde.

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        • Was nicht zu den eigenen Vorstellungen passt, wird nicht akzeptiert.
          Und das treibt dann irgendwann Blüten wie die Debatte um das harmlose Gedicht „Avenidas“, das manche Leute zensieren wollen.

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          • raw schreibt:

            …liebe Leute, man kennt doch spätestens ab der Mittelstufe den Stil und Wunsch des jeweiligen Lehrers – dann schreibt man, was er lesen möchte und erläutert das bei Bedarf in seinem Sinne. Und um der Kritik vorzubeugen: Nein, so wird man nicht zu Opportunisten, sondern zum kritischen Realisten, denn man hat das System ja durchschaut. Und: wer das nicht schafft, sollte eigentlich das Abitur nicht bekommen.

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            • Ja, so lief das zu meiner Zeit auch. Dabei lernt man auch diplomatisches Vorgehen.
              Ändert aber nichts daran, dass ich diesen Unterrichtsansatz (starke Schwerpunktbildung auf Textinterpretationen) nicht wirklich sinnvoll finde. Andere wichtige Fähigkeiten kommen dabei zu kurz.

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  2. keloph schreibt:

    gut, auch wenn du in vielem auch meine meinung darstellst, so ist es zwecklos und gegen den allgemeinen strom. schule hat die chance verpasst, von reiner wissensvermittling auf den richtigen umgang mit informationen umzuschwenken. und genau da liegt m. e. das kernproblem.

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    • Gerade für das Textverständnis ist ja der Deutschunterricht zuständig.
      IMHO vermittelt er einen völlig falschen Umgang mit Texten und den darin enthaltenen Informationen.
      Da wird wild drauflos gemutmaßt, während die kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Hypothesen (und denen des Lehrers) unterbleibt.

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      • Carnofis schreibt:

        „IMHO vermittelt er einen völlig falschen Umgang mit Texten und den darin enthaltenen Informationen.
        Da wird wild drauflos gemutmaßt, während die kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Hypothesen (und denen des Lehrers) unterbleibt.“

        Manchmal wäre es schön, wenn wirklich wild drauflos gemutmaßt werden WÜRDE, denn erst daraus können verschiedene Interpretationen extrahiert werden, von denen man dann die schlüssigste auswählt.
        Tatsächlich – und das ist kein neues Phänomen, war schon in meiner Schulzeit so – würgt der Lehrer jede von seiner abweichenden Meinung schon im Ansatz als „falsch!“ ab und sorgt so für Frust und Unlust unter den Schülern.
        Deutschlehrer sind mit einem hohen Sendungsbewusstsein ausgestattet und interpretieren die Welt nach Mode. Da kann es passieren, dass ein „rechter“ Lehrer Brecht total anders interpretiert, als ein „linker“.

        Allerdings musste ich später lernen, dass auch in den MINT-Fächern nicht SO anders gelehrt wird.
        Vieles, besonders im Bereich der Verfahrenstechnik, ist mathematisch nicht abschließend erklärbar und nur über Empirie zu erfassen. Wenn dann ein in der Wissenschaftsgemeinde einflussreicher Guru eine These aufstellt, kann es passieren, dass sie trotz offensichtlicher logischer Brüche mit der gleichen Inbrunst nachgebetet und gelehrt wird, wie die Interpretation eines philosophischen Textes. Und wer da anderer Meinung ist, der muss schon ein dickes Fell haben und bereit sein, aus der „Familie“ ausgestoßen zu werden, wenn er sie offensiv vertritt.

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        • Es hängt sehr vom Lehrer ab, wie der Unterricht läuft.
          Ich muss auch einräumen, dass es durchaus Deutschlehrer gibt, die sich um eine faire und unvoreingenommene Sichtweise bemühen.

          Wenn man den Bereich der gesicherten Forschung verlässt, gibt es in MINT durchaus offene Fragen, über die erbitterte Diskussionen entstehen können.
          Das geht allerdings weit über den Schulstoff hinaus.
          Letztendlich ist die Natur eine unbestechliche Instanz. Behauptungen, die der Realität widersprechen, sind dadurch automatisch falsifiziert.

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          • Carnofis schreibt:

            „Es hängt sehr vom Lehrer ab, wie der Unterricht läuft.“

            Was es auf dem diskutierten Gebiet eigentlich nicht sollte. Schule soll fit fürs Leben machen. Wenn ich aber in der Schule lerne, auf die Meinung von Autoritäten zu hören und nicht in Frage zu stellen, dann kann man später von mir nicht erwarten, dass ich die Fähigkeit zur Imagination automatisch habe.
            Erst, wenn man schon in der Schule lernt, eine These zu hinterfragen und aus verschiedenen Richtungen zu beleuchten, gibt es tatsächlichen Erkenntnisgewinn.

            „Behauptungen, die der Realität widersprechen, sind dadurch automatisch falsifiziert.“

            Sollte man meinen. Es ist in meinem Fach (und bestimmt nicht nur dort) aber durchaus Usus, ein beobachtetes Phänomen mit einer Theorie zu erklären, die wesentliche, der Theorie widersprechende, Beobachtungen einfach ausblendet.
            Man behauptet in der Theorie also nichts Falsches, man ignoriert das Falsche.
            Schuld daran ist meiner Meinung nach der moderne Publikationszwang. Willst Du nen lukrativen Job in Forschung und Lehre, dann entscheidet über „Hopp oder Topp“ nicht die Qualität Deiner bisherigen Arbeiten, sondern die schiere Quantität.
            Wir bekamen weiland am Forschungszentrum einen 31-Jährigen als Institutsleiter, weil er schon 200(!) Veröffentlichungen auf seinem Gebiet vorweisen konnte.
            Selbst als Genie wird er kaum vor dem 25. Lj. mit Studium und Promotion fertig geworden sein. Er müsste also von da ab in jedem Jahr(!) 33 Forschungsprojekte so beackert, dass die Ergebnisse publikationswürdig waren, diese erfasst, in einen Text gegossen und einschlägigen Verlagen vorgestellt haben.
            Tut mir leid, aber das trau ich nicht mal nem Genie zu.

            Am Ende hat er auch nur das Institut völlig ins Chaos gestürzt und in operatives Herzflimmern versetzt.

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            • Das erinnert mich an ein Gerücht, das bei uns an der Uni über das Prüfungsvorgehen eines bestimmten Professors kursierte:
              Der Prüfling betrat den Raum. Der Professor forderte ihn auf, eine Getränkeflasche, die auf dem Fensterbrett halb in der Sonne, halb im Schatten stand, zu nehmen, und zu beschreiben, war ihm auffiel:
              Die Flasche war auf der Sonnenseite kalt, auf der Schattenseite warm.
              Der Student sollte dieses Phänomen erklären, und fing an über Wärmeleitung, Konvektion, Wärmestrahlung, etc. zu erzählen.
              Tja – durchgefallen. Der Professor hatte die Flasche gedreht, unmittelbar bevor der Student eingetreten war.

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            • Carnofis schreibt:

              „Der Professor hatte die Flasche gedreht, unmittelbar bevor der Student eingetreten war.“

              Link.
              Aber auch konsequent, wenn er in seiner Lehre Wert auf eigenes Denken und gutes Beobachten gelegt hat.
              Wahrscheinlich wäre ich auch durchgefallen, weil mir im Prüfungsstress gar nicht aufgefallen wäre, dass die warme die „falsche“ Seite war.
              Wäre es mir aufgefallen, hätte ich vermutlich zugegeben, dass ich keine physikalisch sinnvolle Erklärung für das Phänomen anzubieten gehabt hätte.

              Aber es ist schwierig, über solche Fälle eine ehrliche Einschätzung abzugeben.
              Im sicheren Stübchen sind wir alle Helden.

              Ich bin inzwischen über dreißig Jahre in der Branche, kenne die meisten für mich relevanten Theorien und habe aufgrund meiner praktischen Erfahrung auch keine Hemmung, eine Theorie als falsch zu bezeichnen, wenn sie nicht mit meinen Beobachtungen korreliert. Mein Vorteil ist, dass ich keine Wissenschaftskarriere (mehr) anpeile. Mir genügt die Produktentwicklung, die ich aufgrund der von mir selbst erstellten Theorien drastisch beschleunigen konnte.

              Witzigerweise habe ich inzwischen mehrere Wissenschaftler kennengelernt, die mir unter vier Augen gestehen, dass sie es wie ich sehen. Aber bei Vorträgen halten sie dann doch den Mund (ich allerdings auch, weil mein Englisch dann doch zu schlecht ist, um ein Streitgespräch zu überstehen; und weil die Diskussionszeit bei Kongressen in aller Regel auf < 2 Min begrenzt ist).

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            • Es ist unbestritten fies, jemanden in einer Prüfungssituation so aufs Glatteis zu führen.
              Allerdings weiß ich gar nicht, ob sich die Sache tatsächlich zugetragen hat.
              Ich würde es dem Professor durchaus zutrauen, selbst diese Gerüchte gestreut zu haben, um den Studenten bewusst zu machen, dass ein Physiker ein Gespür für reales Verhalten behalten muss und auch scheinbare Evidenzen kritisch zu betrachten.

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  3. Leser schreibt:

    Tja, und schlaue Schüler machen es so, dass sie in der Schule nicht mehr mitarbeiten, um etwas zu lernen, sondern um gute Noten zu bekommen. Dementsprechend reden sie dem Lehrer nach dem Mund und lassen ihre eigenen Gedanken komplett raus. Erinnert mich irgendwie ein bisschen an dir DDR, da muss das (nur in noch stärkeren Maß) auch weit verbreitet gewesen sein, man wusste ja nicht, wer alles ans MfS berichtet…
    Selbst denken wird in der Schule nicht mehr gelehrt, und das ist wirklich schade. Vor allem, wenn es nicht nur um (relativ) unwichtige Dinge wie Deutsch geht, sondern z.B. auch in Fächern wie Gesellschaftslehre, Gemeinschaftskunde und wie sie alle heißen – da sieht man dann leicht, wie es dazu kommen kann, dass populistische Bewegungen, die es auf die Dümmsten abgesehen haben, indem sie einfache „Lösungen“ für komplexe Probleme propagieren, so viel Zuspruch finden…

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    • Tja, wer sich beim Lehrer beliebt machen kann, kann bessere Noten erwarten, als der, der dem Lehrer auch manchmal widerspricht.

      Was lobe ich mir doch Mathematik und die Naturwissenschaften! Zumindest auf Schulniveau sind Antworten dort so ziemlich eindeutig richtig xoder falsch.

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      • Carnofis schreibt:

        „Was lobe ich mir doch Mathematik und die Naturwissenschaften! Zumindest auf Schulniveau sind Antworten dort so ziemlich eindeutig richtig xoder falsch.“

        Was Dir auch nicht unbedingt hilft, wenn Du den vorgegebenen Rechenweg nicht beschritten hattest, um zum richtigen Ergebnis zu kommen.
        Das war die ersten Jahre mein großes Problem mit Mathe und führte regelmäßig zu schlechten Noten.
        Erst, als wir eine ältere Lehrerin bekamen, änderte sich das schlagartig. Die Frau hatte Spaß an der spielerischen Herangehensweise an Matheaufgaben und akzeptierte auch unterschiedliche Wege. Sie spornte mich zu Höchstleistungen an und quittierte falsche Wege oder Ergebnisse mit mildem Spott, nie aber verletzend oder ungeduldig, wie die jüngeren Lehrer vor ihr. Wir hatten noch einige Jahre nach der Schule guten Kontakt und ihr verdank ich meinen bis heute anhaltenden Spaß an der Mathematik.

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      • S aus C schreibt:

        richtig / falsch hilft aber eben nicht immer.
        In der Oberstufe gab es einen Mathematiklehrer bei dem der Notenschlüssel (also die Umrechung von Fehlern zur Note) quasi geschlechtsspezifisc (rocktragend oder nicht) war.
        Die eine Gruppe brauchte üblicherweise ca 35% für die 3 Punkte grenze, die andere Gruppe 55%…..
        4 Wochen nach dem Abi heiratete er dann auch eine der Schülerinnen – „man hat sich ERST auf dem Abiball nach der Zeugnisvergabe kennengelernt“
        Allerdings hat ihm DAS dann zum Glück das Genick im aktiven Schuldienst gebrochen……

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  4. Plietsche Jung schreibt:

    Haha 🙂 Von einer Textarbeit auf den Untergang der Diskussionskultur zu schließen, ist schon ein mächtiger Bogen 🙂

    Aber grundsätzlich gebe ich dir recht: Abiturienten können ein Gedicht in 4 Sprachen dahersagen, sind aber sonst fast lebensuntüchtig, kennen keine Versicherungen, Verträge, etc, etc.

    Der Deutschunterricht war zu meiner Zeit klasse (auf 1), wenn es um Grammatik und Rechtschreibung ging – man glaubt es kaum. Dann aber folgten die literarischen Meisterwerke a la Brecht, Lenz und wie sie alle hießen. Dazu noch Bildinterpretationen von abstrakter „Kunst“, die für mich heute noch wie Geschmiere eines Affen oder Kleinkind ausschauen. Da war ich oft „raus“.

    Ich habe selbst die Pflege von Amazon Produktinformationen durch Werkstudenten immer wieder nacharbeiten lassen müssen, denn technische Texte sind für nichttechnische Menschen kaum machbar. Da bringen auch Diskussionen keinen wirksamen Erfolg und schon gar kein Ergebnis.

    Abiturienten lernen zu diskutieren, dies ist Teil der Schulausbildung. Ob es gut oder weniger gut ist, merken diese Menschen dann im echten Leben. Noch ein Beispiel: Ich war seinerzeit noch einer der Wehrpflichtigen. Die Truppführer und Stabsoffizieren hatten immer einen Graus vor dem Einzugsquartal der Abiturienten, was einen Grund hat: Bei der BW wird nicht diskutiert, sondern es gibt autoritäre Strukturen zwischen den Dienstgraden.

    Also: Machen und nicht Qautschen.

    P.S. Entsorg die Arbeit und schreib sie selbst neu.

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    • Ein „mächtiger Bogen“, den ich hoffentlich ausreichend begründet habe.

      Niemand bestreitet den Wert von Grammatik und Rechtschreibung. Aber so etwa in der 6. oder 7. Klasse sollte man das genügend beherrschen.
      Was macht man dann die folgenden Jahre im Unterricht? Ich will diese Textinterpretationen ja nicht ganz abschaffen, aber IMHO sollte der Fokus deutlich mehr auf praxisrelevanteren Fertigkeiten liegen.

      technische Texte sind für nichttechnische Menschen kaum machbar

      So etwas sollte man aber wirklich schon in der Schule lernen. Es muss nicht jeder ein Meister darin werden, aber die elementarsten Grundlagen kann man, denke ich, jedem (zumindest, wer einen höheren Bildungsabschluss anstrebt) zumuten.

      Abiturienten lernen zu diskutieren, dies ist Teil der Schulausbildung.

      Naja, .. 🙄
      Sie lernen auch, sich von bedeutungslosen, unbedachten Kleinigkeiten triggern zu lassen. Und das ist einer konstruktiven Diskussionskultur sehr abträglich, da viele Leute dann eben ganz schweigen, statt etwas politisch unkorrektes zu sagen.

      PS: Werd‘ ich wohl müssen. 😦 Da ist nicht viel zu retten.

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  5. Carnofis schreibt:

    „Der Deutschunterricht war zu meiner Zeit klasse (auf 1), wenn es um Grammatik und Rechtschreibung ging – man glaubt es kaum. Dann aber folgten die literarischen Meisterwerke a la Brecht, Lenz und wie sie alle hießen. Dazu noch Bildinterpretationen von abstrakter „Kunst“, die für mich heute noch wie Geschmiere eines Affen oder Kleinkind ausschauen. Da war ich oft „raus“.“

    Du scheinst in derselben Zeit zur Schule gegangen zu sein, wie ich 😉
    Mir ging es nämlich genauso. Ich stand in Deutsch jahrelang satt 1, solange es um Rechtschreibung und Grammatik ging, dann sackte ich ab auf ne 4, mit der ich auch von der Schule ging, genau aus den von Dir beschriebenen Gründen.
    Ich bürstete schon damals gern gegen den Strich und versuchte, Texte auch anders zu interpretieren, als die Lehrerin/der Lehrer. Aber das war ein absolues No Go und führte zu viel Stress und mancher Rüge. Mir steigt noch heute der Adrenalinspiegel, wenn ich die Klassenarbeit zu einer Brecht-Interpretation (Keuner-Geschichten) in meinen Unterlagen finde, die mir meine Deutsch-Lehrerin damals mit einer 4- („unter Freunden“) benotete und bei der ich meine Interpretation auch heute noch beneidenswert gut und schlüssig finde, die der Lehrerin dagegen unlogisch und hoch spekulativ.

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  6. idgie13 schreibt:

    Nicht-Technikern fehlt IMHO die Präzision zur Formulierung von technischen Texten. Da ist kein Bla-Bla gefragt.

    Umgekehrt tun sich Techniker (mich eingeschlossen) bei der Verfassung blumiger Texte schwer.

    Wenn man einen bestimmten Stil geschrieben bekommen möchte, muss man den am Anfang des Dokuments definieren und kann es nicht einfach laufen lassen.

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    • Es war wirklich keine übermäßig schwierige Aufgabe: aus anderen Quellen verschiedene Daten herauskopieren, sie ordnen, angemessene Gliederung, einfache Formatierung, einige Punkte beschreiben, ..
      Von jemandem mit Abitur würde ich schon erwarten, das hinkriegen zu können. Ich hatte ihr ja auch anfangs erklärt, was sie tun soll, und sie schien es verstanden zu haben.
      Tja, ich hätte mir die Zwischenstände öfters und genauer ansehen sollen. Das habe ich versäumt, aber – mei – habe halt auch noch andere, wichtigere Aufgaben zu erledigen.

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      • idgie13 schreibt:

        Wenn Du es GENAU so gemacht haben willst, wie DU es willst, musst Du es entweder selber machen oder engmaschig kontrollieren (zumindest bei Hilfskräften).

        Jetzt ist es halt zu spät. Oder ist sie noch da?

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        • Sie ist heute und morgen noch da, aber der Zug dürfte ziemlich abgefahren sein. Sie macht noch ein paar keinere Sachen und Abschlussarbeiten. Das war’s dann.

          Ich verbuche den Fehlschlag unter Mitarbeiterbindung, weil ihre Einstellung ja vor allem ein Gefallen an ihren Vater, der ein geschätzer Angestellter ist, war.

          Vor einiger Zeit hatte ich einen Werkstudenten hier, der u.a. eine ähnliche Aufgabe viel besser gelöst hat.
          Es ist also nicht so, dass man mir nichts recht machen könnte.

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          • idgie13 schreibt:

            Manche denken bei der Arbeit halt mit, andere weniger.
            Manche halten sich strikt an Vorgaben, andere weniger.
            Bei neuen Mitarbeitern (dazu zähle ich auch die Werkstudenten) kann man die Person ja noch nicht einschätzen. Wenn man weniger kontrolliert, kann man Glück haben oder halt auch Pech.

            Nächstes Mal bist Du vermutlich vorsichtiger.

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  7. Jezek1 schreibt:

    Jugend-bashing ist en-vogue, scheint mir…aber davon können schon die ollen Griechen ein Lied singen. Da haben wir wohl nach rund 2000 Jahre nicht viel dazu gelernt; aber vielleicht nimmt der Gradient an der Lehrkurve nur sehr langsam zu?

    So wie geschildert wurde diese Aufgabe unglücklich beschrieben und an den falschen Empfänger adressiert. Ein junger Mensch ist mit der Arbeitswelt, dazu gehören auch das Verfassen von Schriftstücken, in der Regel nicht vertraut (woher auch?). Selbst Absolventen von Hochschulen haben hier i.d.R. Probleme; manch einer „packt“ es auch nie (na gut, dann muss er halt ein Leben lang programmieren; was für ein Schicksal).

    Selbst berufserfahrene technische Entwickler sind nicht immer in der Lage, dass was sie so machen zutreffend schriftlich niederzulegen. Warum? Keine Ahnung, aber er/sie „packt“ es halt nicht. Also muss man den Mitarbeiter vor sich selber schützen; er sollte keine wichtigen Dokumente völlig selbständig oder ohne Kontrolle in die Welt setzen.

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    • Dass die Erstellung des Dokuments schiefgelaufen ist, damit habe ich inzwischen abgeschlossen.
      Ich hätte mehr Zeit in die Betreuung investieren müssen – das nächste Mal mache ich es halt doch lieber selber, oder delegiere an eine geeignete Person.

      Viel bedenklicher finde ich es jedoch, dass die Abiturientin nicht einsehen wollte, dass ihre Arbeit nicht brauchbar war, und darauf beharrte, dass das Dokument einwandfrei sei.
      Und diese Mentalität herrscht nicht nur in ihr vor, sondern bei vielen Schulabgängern.
      Dafür mache ich aber nicht „die Jugend“ verantwortlich, sondern meine, dass der (Deutsch-)Unterricht zu einem großen Teil zu dieser Einstellung beiträgt.

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      • Carnofis schreibt:

        „Dafür mache ich aber nicht „die Jugend“ verantwortlich, sondern meine, dass der (Deutsch-)Unterricht zu einem großen Teil zu dieser Einstellung beiträgt.“

        Da bin ich mir nicht sicher. Ich hab hier auch so einen Kameraden im Haus. Mein Sohn hat vom Leben da draußen nicht viel Ahnung, weiß aber alles besser. Und ist dann entrüstet, wenn nicht nach seinen Regeln gespielt wird.
        So hatte er sich jüngst um eine Wohnung nahe seinem Arbeitsplatz beworben und wahrheitsgemäß angegeben, dass er in einem auf ein Jahr befristeten Arbeitsplatz beschäftigt ist. Er hat die Wohnung erwartungsgemäß nicht bekommen und regte sich tierisch über meine Ermahnung auf, dass er so eine Angabe nicht ohne ausdrückliche Nachfrage des Vermieters preisgeben dürfe.
        Inzwischen hat er einen unbefristeten Vertrag (in dem der unverschämte Chef doch tatsächlich eine wöchentliche Arbeitszeit von 40 h festgeschrieben hat 😉 ), aber die Wohnung ist erstmal weg.

        Mir scheint, das Problem der heutigen Jugend ist eine erstaunliche Lebensunreife, verbunden mit schablonenhafter Vorstellung von Aufbau und Funktion eben dieses Lebens.
        Wir haben ja nun drei Twens im Haushalt, aber allen drei würde ich nicht zumuten, problemlos einen eigenen Haushalt mit all den peripheren Aufgaben zu übernehmen.

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        • Was siehst du denn als Ursache für diese Unreife und Lebensuntüchtigkeit?
          Klar, man muss erst mal eine gewisse Lebensefahrung sammeln. Die hat man als junger Mensch normalerweise nicht. Hatten frühere Generationen auch noch nicht, vielleicht weniger als heute.
          Der Unterschied scheint mir zu sein, dass viele junge Leute sich heutzutage mehr sträuben, eine Lehre oder einen guten Rat erfahrener Menschen anzunehmen – in der fälschlichen Überzeugung, sie wüssten bereits alles viel besser.

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          • Carnofis schreibt:

            „Der Unterschied scheint mir zu sein, dass viele junge Leute sich heutzutage mehr sträuben, eine Lehre oder einen guten Rat erfahrener Menschen anzunehmen – in der fälschlichen Überzeugung, sie wüssten bereits alles viel besser.“

            Ach, die Jugend wusste schon immer alles besser, als die Alten. Mit dem Problem schlugen sich schon die alten Griechen herum 🙂

            Ich denke, früher wurden die Kids schon früh wesentlich mehr in Haushaltsarbeiten mit eingebunden, um nicht zu sagen, ÜBERHAUPT.
            Wir (meine Brüder und ich) mussten Einkaufen gehen, sobald wir eingeschult waren. Dazu mussten wir mit Geld umgehen, eine vierspurige Durchgangsstraße ohne Zebrastreifen und Ampel überqueren und mehrere Läden ansteuern.
            Wir haben’s überlebt – zum Teil Glück.
            Gut, wir hatten auch schon im Grundschulalter Kochen, Backen, Putzen, Abwaschen, Stricken (zum Glück ohne mathematische Ergänzungslehre 😀 ) und Häkeln gelernt, weil meine Mutter todkrank war und Angst hatte, dass wir ins Heim müssten, wenn sie ihre Krankheit nicht überlebt und mein Vater arbeitsbedingt den Haushalt hätte schleifen lassen müssen (sie hat’s überlebt und erfreut sich bis heute bester Gesundheit).
            Aber auch in anderen Haushalten war es selbstverständlich, dass die Kinder zumindest kleine Handreichungen im Haushalt leisteten und Besorgungen erledigten.

            Heute gibt es in den Haushalten kaum noch was zu tun. Gekocht wird generell seltener, Kuchen kommt vom Bäcker, Spülen tut die E-Minna, Stricken und Häkeln kennt diese Generation bestenfalls noch aus der Muppet-Show, Tisch auf- und abdecken machen Mama oder Papa lieber selbst, das geht schneller und stressfreier ….
            Früher hätte ich gedacht, das sei das Paradies. Heute seh ich mit Sorge die Folgen der Unreife der Kids. Eigentlich sollten sie es leichter haben, aber für sie wird es schwerer, weil sie den Prozess des Erwachsenwerdens oft mit Mitte 20 noch vor sich haben.

            Ich schätze das Niveau meines Sohnes auf meines mit 12 Jahren ein und das ist für einen 23-Jährigen zu wenig.

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  8. ednong schreibt:

    Also für technische Texte würde ich immer auf einen technischen Redakteur zurückgreifen … 😉

    Das scheint spannend zu sein, von dir Aufgaben zu übernehmen.

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  9. Pingback: Partygäste //1954 | breakpoint

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