Heimatbesuch //1939

Warum meine Mutter ihre diesjährige Geburtstagsfeier ausgesetzt hatte, hatte ich erwähnt. Kürzlich war es ihr dann doch eingefallen, dass sie noch feiern will, und zwar noch, solange noch Sommerferien sind. Aufgrund der kurzfristigen Planung fand die Feier aber nur im ganz kleinen Rahmen statt: nur nachmittags Kaffee und Kuchen und nur für die allernächsten Angehörigen.
So gibt es gar nicht allzu viel über die Feier zu sagen. Carsten und ich nahmen daheim noch vor elf Uhr einen kleinen Brunch zu uns, bevor wir in die alte Heimat aufbrachen.
Zwar völlig unoriginell, aber erfreut angeommen, brachten wir meiner Mutter ein Schüsselset als Geschenk mit. Auch meine mitgebrachten von mir gesammelten Schraubgläser waren willkommen, und werden wohl noch in der aktuellen Einmachsaison ihre Verwendung finden.

David, mein kleiner Neffe, gab keine Ruhe, bis ich mit ihm mitkam und er mir seinen Schulranzen zeigen konnte. Ehe ich’s mich versah hatte er ausgeräumt, was alles darinnen war. Mäppchen, Lineal, Hefter in verschiedenen Farben, ein kleiner Zeichenblock, ein Block mit Tonpapier, und sonst noch einiges.
Das Tonpapier hatte es ihm anscheinend besonders angetan. Er öffnete den Block, und ich sah, dass etliche Blätter bereits angeschnitten waren. Irgendwoher hatte er plötzlich eine Schere, und begann, verschiedene Papierstücke herauszuschneiden. „Tante Anne, du musst basteln!“, rief er, „mach mir ein‘ Regenbogen!“
Auf dem Deckblatt des Blocks war unter anderem ein Regenbogen abgebildet. Aber mit den Schnipseln, die David mir gab, wäre es nicht machbar gewesen, da auch noch eine Krümmung für einen Bogen hineinzuschneiden. Also meinte ich: „Wir machen etwas viel Besseres, nämlich ein optisches Spektrum.“
„Was ist das? Ist das sowas wie Mäusespeck?“, fragt er, und fuhr dann nachdenklich fort: „Die Oma hat auch viel Speck, sagt der Opa immer.“
Ich verzichtete auf eine fachliche Erklärung, sondern schnitt (aus den vorhandenen Schnipseln) passende Papierstücke zurecht, legte sie übereinander auf ein Blatt Papier, und klebte sie mit einem Klebestift, der sich auch bei David’s Utensilien befand, fest. Das ganze war kein Kunstwerk, aber er war damit zufrieden, und bedankte sich umarmenderweise mit einem „Ich hab dich so toll lieb, Tante Anne!“. Ich mache mich schon mal darauf gefasst, ihm irgendwann einen QR-Code aus schwarzen und weißen Papierpixeln basteln zu müssen.
Auf dem Rückweg zu meinem Elternhaus fand ich dann doch noch eine wunderschöne Kastanie, die ich sofort einsteckte. Sie wird meine Begleiterin durch den Winter sein.

Ich hatte einige Exemplare meiner Dissertation mitgebracht. Schließlich habe ich so viele davon. Weder meine Eltern noch Sabine werden etwas damit anfangen können.
Aber laut Heidi unterrichtet immer noch mein alter Mathe-Lehrer, bei dem ich im Leistungskurs war, an ihrem Gymnasium. Diesen Lehrer habe ich in sehr guter Erinnerung. Fachlich war er versiert, menschlich hatte er Humor bis hin zum Zynismus. Man spürte seine Begeisterung für die Mathematik. Allerdings konnte er auch sehr unangenehm werden, wenn jemand seine Hausaufgabe nicht gemacht hatte, nicht genügend vorbereitet war, zu spät kam, den Unterricht störte, oder sich einfach nur doof und begriffsstutzig anstellte.
Ich bat Heidi also, ihm demnächst ein Exemplar in die Schule mitzubringen. Das Niveau ist zwar weit über Lehramtsmathematik, aber vielleicht freut es ihn ja, zu erfahren, dass eine einstige Schülerin das Fundament, das er mitgelegt hat, erfolgreich ausgebaut hat.

Carsten konnte es nicht lassen, meinen Eltern zu erzählen, dass ihre Tochter jetzt eine „Frau Doktor“ sei. Aber das bin ich noch nicht. Mir fehlt noch die offizielle Urkunde. Benjamin meinte, die Aushändigung könne sich verzögern, weil aktuell noch vorlesungsfreie Zeit ist. Ich hoffe, dass die Urkunde noch ankommt, solange ich Carsten davon abhalten kann zu intervenieren, um die Abwicklung zu beschleunigen.
Außerdem will ich sowieso nicht, dass er das überall ausposaunt. Meinen Eltern hätte ich es wohl erzählt, aber erst, wenn es wirklich offiziell ist.

Wie auch immer – das Kaffeetrinken verlief einigermaßen friedlich und harmonisch. Ich habe auch wieder einen Karton Kuchen mitgenommen. Sogar richtigen, echten Zwiebelblooz! Was hier in der Gegend als Zwiebelkuchen verkauft wird, verdient den Namen nicht. Da ist Speck dabei, oder Eier, oder sogar – igitt!- Kümmel. Ein richtiger Zwiebelkuchen besteht aus einfachem Hefeteig, der dick mit in Fett weichgedünsteten Zwiebeln belegt ist. Und sonst gar nichts. Wer mag, kann ihn sich ja selbst noch mit Käse überbacken.

Da das Wetter noch gar so herrlich war, gönnten Carsten und ich uns auf der Rückfahrt eine kleine ergreifende Unterbrechung.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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9 Antworten zu Heimatbesuch //1939

  1. MartinTriker schreibt:

    Müssen wir dich dann eigentlich mit Frau Doktor Nühm anreden?

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  2. Dieter schreibt:

    Mit Tonpapier konnte ich erst nichts anfangen 🙂
    Aber nach deiner weiteren Schilderung kam mir die Idee, es könnte Buntpapier sein, hab aber dennoch im Internet nachgelesen.
    Bisher war mir der Unterschied noch nicht aufgefallen, beim Kauf von farbigen Einlegeblättern.

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  3. Zwiebelkuchen schreibt:

    Oh man. Schon wieder keine Ahnung die Frau Doktor. Zwiebel, Speck, Eier, Käse und ganzer Kümmel sind ja genau das was n echt guten Zwiebelkuchen ausmacht. Herrje…

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  4. Theobromina schreibt:

    Hmmm, ich weiß grade gar nicht, was mir leiber ist: Optisches Spektrum oder Mäusespeck. 😉 Ich mag beides! Und ich freu‘ mich sehr, dass du wieder bei unserer kleinen Kastaniensache mitmachst. Mögen Herbst und Winter freundlich sein!
    Lieben Gruß
    Theo

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  5. Pingback: Kastanienbewegung 2018/19 – Zeit wird’s wieder. |

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