„Here We Go Again“ //1936

Es hatte sich völlig unvorhergesehen ergeben, dass wir plötzlich beide einen Abend frei und ohne Verpflichtungen hatten. Das Wetter war in Ordnung, so dass wir noch etwas gemeinsam unternehmen wollten. Da wir bereits zu Abend gegessen hatten, kam ein Restaurantbesuch nicht mehr in Frage. Auch irgendwo etwas trinken gehen, wollten wir nicht unbedingt, da wir das im kurz zurückliegenden Urlaub erst oft genug hatten.
„Wie wär’s mit Kino?“, schlug Carsten vor, „da waren wir schon lange nicht mehr.“
„Ich weiß gar nicht, was da läuft“, antwortete ich nicht übermäßig begeistert.
„Dann schau halt nach.“

Obwohl wir große Schnittmengen haben, was unseren Musik- oder Filmgeschmack betrifft, gibt es auch starke Abweichungen. So sehe ich sehr gern etwa Jane-Austen-Verfilmungen, während Carsten die langweilig findet.
Die Website des Kinobetreibers war ziemlich unübersichtlich, so dass es etwas dauerte, bis ich das heutige Programm des lokalen Kinos fand. Das sagte mir alles nicht zu – bis auf einen einzigen Film, aber für den hätten wir in spätestens einer Viertelstunde losgemusst, um ihn noch rechtzeitig zu besuchen. Und mir war klar, dass er ganz und gar nicht Carsten’s Geschmack entsprach.
Also ging ich zu ihm. „Da läuft eigentlich nichts besonderes. Dann lassen wir’s halt bleiben und machen uns hier einen gemütlichen Abend.“
„Gar nichts Interessantes?“
„Naja, der neue Mamma-Mia-Film. “
„Dann geh‘ du doch alleine.“
„Ach, ich weiß nicht. Im Kino kann ich eh nicht mitsingen.“
Wenn der erste Film im Fernsehen kommt, singe und tanze ich immer mit. Ich kann einen Großteil der Texte auswendig, und ansonsten improvisiere ich halt. Auch als im Urlaub das Hotel eine Aufführung veranstaltete (ist wohl bei Ferienhotels sehr beliebt – das war schon die zweite dieser Art), sang ich (wenn auch nur leise) mit. Das Mitsingen ist mir bei Musicalfilmen wichtiger als das Zuschauen.
„Kannst du schon. Das werden die anderen auch machen.“
„Ich habe irgendwie den Eindruck, dass du mich loswerden willst.“
„Unsinn. Aber du würdest den Film gerne sehen. Ich dagegen nicht. Eigentlich bin ich müde, und gehe dann heute früh ins Bett.“
Viel Zeit zum Nachdenken hatte ich nicht, so dass ich kurzentschlossen zustimmte, mich schnell fertigmachte, und aufbrach.

Der Kinosaal war nur spärlich besetzt – hauptsächlich Frauen jeden Alters. Die paar anwesenden Männer waren wohl verdonnert worden, als Begleitung mitzukommen. Ich hätte Carsten nie überredet, mitzukommen, da ich doch weiß, dass ihm solche Filme nicht gefallen.
Erst mal eine halbe Stunde Trailer für andere Filme und Werbung. Ein bisschen ist ja in Ordnung, aber das war schon recht übertrieben. Dafür vermisste ich später eine Werbeunterbrechung, die ich für einen Toilettengang hätte nutzen können. Schließlich war ich etwas überstürzt aufgebrochen, und hatte versäumt, meine Blase zu entleeren.

Das Phänomen ist wohlbekannt. Da ist ein sehr erfolgreicher Film, und deshalb wird eine Fortsetzung gedreht, in der Hoffnung, an diese Erfolge anknüpfen zu können.
Die Story des ersten Films war schon unglaubwürdig und recht dünn gewesen, die Handlung des zweiten nicht besser. Einerseits versuchte man die Handlung fünf Jahre später wieder weiterzuspinnen, andererseits gab es immer wieder Rückblenden in die Jugend von Donna (die im zweiten Film verstorben war, aber bei den Schlussszenen denn doch wieder quasi von den Toten auferstanden war), und außerdem musste die Geschichte auch noch um Musikstücke herumgestrickt werden. Da gab es etliche Inkonsistenzen zum ersten Teil, aber ich habe mir ja den Film nicht wegen der Story, sondern der Musik angeschaut.
Allerdings gab es mehr Stücke als im ersten Teil, die ich nicht kannte, und so hätte ich ohnehin nicht immer mitsingen können.

Bei der Besetzung der Schauspieler, die die jüngeren Ausgaben von Donna, ihren Freundinnen und den „Drittelvätern“ spielten, haben sich die Verantwortlichen offenbar Mühe gegeben, um Personen zu finden, die denen einigermaßen ähnelten. Was mir jedoch insbesondere bei Tanya (übrigens dargestellt von Leonard’s Mutter in TBBT) auffiel, ist, dass ihr jüngeres Ich deutlich dicker war. Da hat die Continuity gepfuscht. Und auf die Betonung der Frauengesäße bei einigen Tanzszenen hätte man wirklich verzichten können. Das will doch niemand der Zielgruppe sehen! Wirklich – die ganze Leinwand voll mit drei Hinterteilen in himmelblauen, hautengen Hosen ist eindeutig too much!
Da der Film handlungsmäßig fünf Jahre nach dem ersten Teil einsetzt, der aber zehn Jahre zuvor gedreht wurde, ist es nicht verwunderlich, dass die Schauspieler seither stärker gealtert sind. Das fiel mir besonders bei Sophie und Sky (was letzterem allerdings eindeutig gut tat) auf. Und Pierce Brosnan war nur noch ein alter Knacker. Kein Vergleich mehr mit Remington Steele (das derzeit wieder auf irgendeinem Fernsehkanal wiederholt wird).

Es gab ein paar mitreißende Tanzszenen (bloß nützte mir das im Kino sitzend nichts), einige witzige Passagen, aber auch einige Stellen, die schon sehr auf die Tränendrüse drückten.
Während der erste Teil einen gewissen dilettantischen Charme hatte, wirkte der zweite Teil deutlich professioneller. Im ersten Teil gab es viele Szenen in der freien Natur, im zweiten Teil weit weniger. Stattdessen dann Szenen in Frankreich, Japan, den USA und Skandinavien.
Die Existenz einzelner feministischer, männerfeindlicher oder schlampenabwertender Äußerungen soll nicht verschwiegen werden.
Insgesamt war der Film durchaus unterhaltsam – sofern man solche Filme und Musik mag.

Ein Schwachpunkt war am Schluss der Auftritt von Cher, die überhaupt nicht zum Rest passte. Diese abgewrackte Sängerin hätte man sich auch sparen können. Mit unnatürlich maskenhaftem Gesicht sang sie „Fernando“. Den Song hätte man bestimmt auch anders unterbringen können (hatte ich eigentlich schon im ersten Teil vermisst). Wäre sie doch bei „Gypsies, Tramps, and Thieves“ geblieben! Für ein Remake der Munsters wäre sie allerdings ziemlich perfekt.
Hier hat man eine Chance für einen Cameo-Auftritt von Agnetha oder Frida verpasst – meinetwegen als lange verschollene Schwester von Donna. (BTW – Mery Streep war eigentlich auch zu alt für die Rolle, hat sich optisch aber wenigstens einigermaßen gehalten).
Beim Abspann war Cher’s Aufmachung nur noch peinlich. Mit über siebzig kann man sich nicht mehr wie ein aufgemotztes, junges Mädchen kleiden. Das wirkt lächerlich.
Überhaupt erinnerte mich der Schluss ein wenig an den Nockherberg, wenn die einzelnen Schauspieler mit dem jeweils zugeordneten Politiker zusammentreffen.

So – das waren im Wesentlichen meine persönlichen Eindrücke vom Film. Ich hoffe, ich habe nicht zu viel gespoilert. Wer eine schlüssige, spannende Handlung erwartet, sollte sich den Film sparen. Wem es dagegen – wie mir – um die Musik geht, kann dort einen schönen Kinoabend verbringen.

Spätabends kam ich dann nach Hause zurück. Nachdem ich im Bad war und ein paar sonstige Kleinigkeiten erledigt hatte, ging ich ins Schlafzimmer. Carsten lag bereits im Bett, war aber noch wach.
Ich kuschelte mich an ihn.
„Du bist so kühl“, meinte er.
Wie es weiterging, dürft ihr euch selbst vorstellen.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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9 Antworten zu „Here We Go Again“ //1936

  1. Pendolino70 schreibt:

    Schade. Es gibt Fortsetzungen, die man gerne schauen würde, aber nie gemacht werden 😉

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  2. Plietsche Jung schreibt:

    Ich bevorzuge Fortsetzungen made by Ridley Scott.

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  3. keloph schreibt:

    ich mag kino generell nicht.

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  4. Pingback: Und es war Sommer //2141 | breakpoint

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