Wenn die Glocken erklingen //1908

Als ich in der alten Heimat lebte, war es für mich ganz selbstverständlich, mehrmals am Tag die Glocken zu hören.
Wir wohnten nur wenige hundert Meter von der Kirche entfernt (was zumindest den Vorteil hatte, dass für den Weg zur Kirche und wieder zurück nur wenig Zeit draufging). Die Kirchenglocken waren deshalb – unabhängig von der aktuellen Windrichtung – bei uns immer deutlich zu hören.
Vor jedem Gottesdienst läuteten die Glocken eine viertel und eine halbe Stunde vorher, und zum Beginn selbst. Während der Wandlung (also der Transsubstantiation von veganem Gebäck zu Menschenfleisch) gab es noch einmal Geläute (daheim wussten wir dann, dass die Kirchgänger in Kürze wieder heimkommen würden).
Wenn es läutete, ohne dass ein sonstiger Grund gegeben war, dann war das ein Zeichen dafür, dass jemand in der Gemeinde gestorben war. Sofort wurde dann in der Nachbarschaft herumgefragt, wen es wohl getroffen hatte.

Außer diesem anlassbezogenen Geläute meldete die Kirchenglocke viertelstündlich die Uhrzeit. Während mich das Läuten tagsüber generell nicht störte, sondern völlig egal war, fand ich diese nächtlichen Glockenschläge sogar äußerst praktisch.
Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, brauchte ich nicht extra auf den Wecker zu schauen, um zu sehen, wie spät es ist, sondern ich musste nur das nächste Läutsignal abwarten und abzählen.
Da ich den Eindruck habe, dass das Wissen, aus dem Läutsignal auf die Uhrzeit zu schließen, inzwischen fast verloren gegangen ist, erläutere ich kurz den Algorithmus:
Zunächst kommen bis zu vier Schläge. Jeder Schlag steht für eine Viertelstunde, bzw. 15 Minuten. Ein Schlag bedeutet also Viertel, zwei Halb, und drei Dreiviertel. Vier Schläge bezeichnen eine volle Stunde. Nur in diesem Fall geht das Läutsignal noch weiter. Der Klang der Glocke ändert sich (bei uns daheim war er dumpfer), und es folgen eine Anzahl von Schlägen zwischen 1 und 12, die der vollen Stunde entsprechen. Post meridiem (also zwischen Mittag und Mitternacht) kann man im Geiste noch 12 addieren, wenn man das 24-Stundensystem vorzieht.

Nur am Karsamstag schwiegen die Glocken. Dann war nämlich Grabesruhe.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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33 Antworten zu Wenn die Glocken erklingen //1908

  1. idgie13 schreibt:

    gibts Leut, die nicht wissen, wie die Kirchglocken läuten?

    Selbst in der Schweiz läuten sie genauso. An meinem Wohnort höre ich sie auch. An meinem Arbeitsort läuten die Glocken, die auf unserem Firmengebäude sind, nur um 8, 11, 15 und 20 Uhr – und wenn jemand gestorben ist.

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  2. Der Emil schreibt:

    Und dann noch Morgen- und Abendläuten: Sommers um 6 und 18 Uhr, winters um 7 und 17 Uhr.

    Wir brauchten als Kinder selten eine Uhr.

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  3. ednong schreibt:

    Man muß wohl Dorfkind sein, um das zu kennen, denke ich auch oft. Mir ist das jedesfalls auch noch geläufig.

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  4. Broken Spirits schreibt:

    Da ich den Eindruck habe, dass das Wissen, aus dem Läutsignal auf die Uhrzeit zu schließen, inzwischen fast verloren gegangen ist (…)

    Isses schon so weit??? O tempora, o mores 😐
    Wundern würde es mich mittlerweile nicht mehr: selbst die Funktion einer Türklingel ist ja teilweise nicht mehr bekannt: der junge, moderne Stadtmensch steht vor der Tür und wartet, bis ihn jemand rumstehen sieht und wenn es zu lange dauert, wird ne SMS geschrieben (oder WhatsApp), wie mir neulich berichtet wurde…. – da ist das Glockengeläut natürlich auch ne intellektuelle Herausforderung…:/

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  5. Pingback: Tweets vom letzten Hochsommer //2109 | breakpoint

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