Medizinisches Revival, Grimmig und Buschig //1836

Nachdem Carsten an das Telefon gegangen war, bekam ich nur Gesprächsfetzen mit.
„Darum kümmert sich Anne.“ ..
„Glaubst du, sie sitzt hier herum und steht auf Abruf bereit? .. nein, sie ist in den nächsten Wochen beschäftigt, und hat dafür keine Zeit.“ ..
„Da müsst ihr euch jetzt eben gedulden. Schließlich war bei euch lange genug Funkstille.“
„Klar werde ich es ihr ausrichten, aber rechne lieber nicht damit, dass sich vor Juli etwas tut. .. Und dann hat sie erst anderweitig zu tun und muss einiges aufarbeiten, bevor wir im August in Urlaub fahren.“ ..
„Ich sag’s ihr. Am besten schreibst du ihr auch noch eine Mail mit den Einzelheiten. .. Nein, das glaube ich nicht. Sie hat für solche Nebensächlichkeiten derzeit keinen Sinn.“
Das Gesprächsthema wechselte dann wohl, während Carsten noch eine Weile weiter telefonierte.
Ich ging derweil meinen eigenen Gedanken nach.
Wunderschön warm war das Wetter in den letzten Tagen (teilweise sogar über 3E2K – im Physikerjargon auch „Zimmertemperatur“ genannt). Leider soll es jetzt schon wieder abkühlen.

„Was solltest du mir ausrichten?“, fragte ich, als Carsten mit leicht genervten Gesichtsausdruck endlich fertig war, und zu mir gekommen war.
„Anscheinend hat Norbert das Medizinerprojekt wieder zum Leben erweckt. Diesmal wollen sie es anders organisieren, und natürlich brauchen sie dafür Geld.“
„Die sollen sich erst mal über die Einzelheiten einigen, dann sehen wir weiter.“
„Das meine ich auch. Lass dich ja nicht drängen. Wie lange lag das Projekt jetzt auf Eis? Da können sie auch noch eine Weile warten, bis du dafür wieder Zeit hast.“
Ich werde mich ganz bestimmt nicht drängen lassen. Ohne mich können die Mediziner nichts machen. Die Rechte laufen auf die Firma oder mich persönlich.

Durch das Gespräch mit seinem Bruder war Carsten wieder eingefallen, dass er mir schon vor Jahren versprochen hatte, mir sein altes Märchenbuch zu zeigen, weil ihn mein Anblick an das Rotkäppchen darin erinnert hatte. Er suchte es also aus einer Truhe in einer Abstellkammer. Starke Gebrauchsspuren waren unübersehbar. Offenbar haben er und seine Geschwister das Buch oft angeschaut und sich vorlesen lassen. Ein halbes Jahrhundert hatte sein Übriges zum doch recht zerflederten Zustand des Buches beigetragen.

Ich verstehe jetzt, warum es ihm so gefällt, wenn ich ein Kopftuch trage. Allerdings ist mein Rock um einiges kürzer als der vom Rotkäppchen in diesem Buch.
Also fragte ich ihn, wieso ich ihn an dieses Rotkäppchenbild erinnert habe, obwohl ich damals einen Minirock trug. Er meinte, er habe das wohl im Rückblick gedanklich mit einem anderen Märchenbuch gemerget. Er habe noch genau ein Bild vor Augen, bei dem ein Rotkäppchen einen besonders kurzen Rock getragen habe. Jedoch hätte dieses wohl eher eine plumpere Statur und zwei abstehende Zöpfe gehabt.
„Sicher, dass du nicht Pippi Langstrumpf meinst? Bei der waren allerdings die Haare rot, nicht die Kopfbedeckung.“
Er zuckte die Schultern. „Das ist so lange her. Vielleicht war’s auch der Pumuckl. Kannst du dich noch an die Illustrationen deiner alten Kinderbücher erinnern?“
„Kaum“, gab ich zu, „aber ich kann immer noch etliche Passagen von Wilhelm Busch auswendig.“

„Dann zitiere mal eine Kostprobe“, verlangte er.
„Es sei dir gewährt“, erwiderte ich huldvoll, und skandierte während der nächsten Minuten Verse aus Busch’schen Geschichten, machte dann einen Schwenk zum Lurchi, und endete schließlich ungefähr so
„Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir befinden uns auf der Heart of Golf. Don’t Panic.
Kraweel, kraweel. Qapla‘. Möge der Saft mit dir sein.
D’oh! Romanes eunt domus. Bazinga, beam me up.

Nikolausi.“
bevor wir uns wieder anderen Aktivitäten zuwandten.


Das große Foto unten wird nur dann angezeigt, wenn der Zugang zu meinem Boudoir-Blog von mir freigeschaltet ist.

Nachtrag:

Aus einer meiner Lieblings-Lurchifolgen ist mir noch eingefallen:

Boten aus dem Zwergenland
geben überall bekannt:
König Dickbauch möchte Rat,
weil er Gehbeschwerden hat.
Ach! Wie drückt ihn das Gewicht!
Schuhe? Nein. Die gibt’s hier nicht.

Lurchi [..] Freundebande
[..]
„Gebt dem König Salamander!“
[..]

Auf dem Wege hält sie an
ein geriss’ner Scharlatan,
der mit ränkevollem Spiel
Lurchi’s Tun vereiteln will.

„Freunde, nehmet meinen Wagen“,
spricht er listig und verschlagen.
Dabei zeigt er g’radeaus:
„Dorthin geht’s zum Königshaus.“

[..]

Niemand ahnt, dass sie auf vollen
Pulvertonnenrädern rollen,
bis sie plötzlich – s’ist zum Grausen! –
einen Abhang runtersaußen.
Angsterfüllte Schreie gellen:
„Bremse, Lurchi! Wir zerschellen!“
Lurchi’s Antwort kommt gequält:
„Kann nicht bremsen. Bremse fehlt.“

Da naht Rettung. „Aufgepasst!
Hängt euch alle an den Ast!“

Wie sie baumeln vor dem Fall,
explodiert mit lautem Knall
das Gefährt und ist verbrannt
an der steilen Felsenwand.

[..]
„Freunde, kommt! Der Weg ist frei!“

[..]

Lange schallt’s im Schlosse noch:
„Salamander, lebe hoch!“

Das war damals noch eine Sprache auf hohem Niveau, mit der die Kinder einen anspruchsvollen, gehobenen Wortschatz erwerben konnten.
Was kriegen Kinder heute in zeitgenössischer Kinderliteratur zu hören?

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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15 Antworten zu Medizinisches Revival, Grimmig und Buschig //1836

  1. Talianna schreibt:

    Ich neige dazu, die 10^2 auszuschreiben … aber an vielen Stellen braucht man die „E“-Schreibweise, zum Beispiel, wenn man viel in Excel arbeitet.

    Rotkäppchen war lange Zeit mein Nickname im Netz, zumal ich auch viele Dinge in einem Korb mit mir herumschleppte …

    Gefällt 1 Person

  2. Plietsche Jung schreibt:

    Ah .. ja .. du bist also keine Fee !

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  3. Leser schreibt:

    Und warum ist das zweite Bild nun nur für angemeldete Nutzer verfügbar? Ich habe zwar einen Login und habe es mir angeschaut, aber ich kann nicht sehen, an welchen Stellen dies datenschutzbedürftig wäre?

    Gefällt mir

  4. Pingback: The Last Unicode //1901 | breakpoint

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