Die Statue //1816

Carsten ist nicht sehr konsequent, was das Feiern von Geburtstagen und Geschenken betrifft. Sein eigener darf nicht erwähnt werden, meiner dagegen offenbar schon, obwohl es bis dahin noch etliche Wochen hin ist.

„Was wünscht du dir zum Geburtstag, Anny?“, fragte er mich, als wir am Wochenende einen kleinen Spaziergang machten, da das Wetter sich endlich von etwas angenehmerer Seite zeigte.
„Danke, ich habe alles, was ich brauche.“
„Ich habe nicht gefragt, was du brauchst, sondern was du dir wünscht. Es gibt doch bestimmt etwas, was du gerne hättest.“
Er nervte dann noch ein wenig herum. Früher hatte er einige Male gedroht, mir ein Kochbuch zu schenken, aber seit ich selbst gelegentlich koche, macht er das nicht mehr. Und auch ein Vorschlag zum gemeinsamen Shoppen wird, glaube ich, so bald nicht mehr kommen.

Da er weiter insistierte, dass er mir doch eine Freude machen wolle, und ich es auch als Anerkennung für meinen Einsatz in der Firma sehen sollte, gab ich schließlich nach. „Es gäbe schon etwas, das mir gefallen würde ..“
„Und das wäre?“
„Eine Skulptur.“
„Eine Skulptur?“
„Ja, die im Garten steht, am besten aus Stein, und etwa zweieinhalb Meter hoch ist.“
„Im Garten hättest du aber nur am Wochenende etwas davon.“
„Meinetwegen auch auf den Vorplatz der Firma, aber mir schwebt ein etwas privateres Motiv vor, das von Kleingeistern vielleicht als obszön empfunden werden könnte.“

Er wurde hellhörig: „Was für ein Motiv?“
„Keine Bange. Du musst dafür nicht Modell stehen. Eine eher schematische Darstellung genügt – jedenfalls eine standfeste Säule. Und nicht so grellbunt wie die Colonna Mediterranea.“
„Was willst du überhaupt damit machen?“, fragte er skeptisch.
„Anschauen, umarmen, außenrum tanzen, huldigen .. hach! .. der Möglichkeiten sind viele. Verbuch‘ das unter Religionsausübung.“

Er schwieg. Ich wusste nicht, ob ihn mein Ansinnen hinreichend schockiert hatte, um in Zukunft von solchen Geschenkanfragen Abstand zu nehmen, oder ob er über die Realisierung nachdachte.
Ich ließ ihn nicht zu Ende denken, sondern fuhr fort. „Dann fällt mir ein, dass ich mir schon lange Formen wünsche, mit denen man Schokoladenlutscher herstellen kann. Nein, nicht in Originalgröße, sondern nur etwa so groß wie ein Schokoladenriegel, also ungefähr 60 Gramm, und als Lutscher natürlich massiv“ [im Gegensatz zu Hohlkörpern wie Schokoosterhasen] „. Das reicht, um den kleinen Hunger zwischendurch zu stillen, und gerade wenn ich unterwegs bin, möchte ich auch nicht mehr herumschleppen als nötig.“ Das Gute an einer phallotheistischen Weltanschauung ist, dass Pragmatismus und Zweckmäßigkeit immer Vorrang haben.

„Wie wär’s mit einem 3D-Drucker, der Schokolade drucken kann?“ War das Sarkasmus? Oder war er bereits in den Nerdmodus gefallen? Ich ging ernsthaft darauf ein: „Der braucht zu viel Platz, und bestimmt sind Pflege, Wartung und Reinigung auch aufwendig. Silikonformen, die man selbst mit geschmolzener Schokolade füllen kann, und nach Aushärten und Entnehmen des Objekts einfach in die Spülmaschine schmeißt, würden die Anforderungen weit effizienter erfüllen.“
„Probier‘ das erst mal mit Kondomen. Irgendwo habe ich noch einen Vorrat.“
Einen Versuch ist es wert. Allerdings sind die nicht formstabil, nämlich viel zu elastisch. Da bräuchte ich noch eine Außenhülle – vielleicht eine leere Klopapierrolle oder ähnliches mit eher geringerem Innendurchmesser.
Carsten sprach weiter, dass er mal Gips in einen Gummihandschuh gefüllt hätte, und das Ergebnis recht gut einer Hand glich, wenn man auf Einzelheiten wie Fingernägel verzichtet.

Ich erzählte dann, wie ich – weil mir beim Einkaufen oft die Münze für Einkaufswagen fehlt – Wachsmünzen gegossen habe. Die Form hatte ich mithilfe einer Heißklebepistole erzeugt, indem ich den Heißkleber an eine Euromünze gespritzt hatte. Für die Schokoladenlutscher besteht diese Option nicht. Die Vorlage ist es zwar gewohnt, eine 310K heiße Umhüllung zu bekommen, aber Heißkleber hat eine nochmal deutlich höhere Temperatur. Vom Handling mal abgesehen, müsste ich die Gussform dann noch irgendwie verkleinern, um ein mundgerechteres Format zu erhalten.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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21 Antworten zu Die Statue //1816

  1. Leser schreibt:

    Ich würde vermuten, dass ein Kondom auch nicht unbedingt hält, wenn man heiße Schokolade reinkippt. Es würde sich wohl deformieren, oder womöglich sogar reißen. Die Idee mit dem 3D-Drucker ist in sofern gut, als dass Du Dir dann Deine Schokoladen-Gussformen selbst drucken kannst (bzw. die Gussformen, mit denen Du dann lebensmittelechte Schokoladen-Gussformen herstellen kannst).

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    • Schokolade schmilzt bei Körpertemperatur. Also muss das Kondom geschmolzene, warme (nicht heiße!) Schokolade schon aushalten, denn für diese Temperaturen ist es ausgelegt.

      In meiner Wohnung ist inzwischen schlicht zu wenig Platz für einen 3D-Drucker. Und am Wochenende im Landhaus habe ich eigentlich keine Muße, mich damit zu beschäftigen.

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  2. Wastl schreibt:

    Negativabdruck mittels Gipsbinden (breakpoint als Fluffer, während der 30 Minuten in denen der Gips aushärtet – hihi), anschließend Silikontrennspray aus der Firma, notfalls flüssige Margarine (keinesfalls Butter – gibt schnell ranzigen Geruch, wenn’s irgendwo daneben geht), Positivabdruck aus Epoxy. Aushärten lassen, reinigen, dann elastisches Material (Flüssiglatex?) als endgültige Negativform. Bittedankegerne.

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    • Ja, danke für die Tipps, aber
      1. sind 30 Minuten schon sehr lange, um bewegungslos den Stand aufrechtzuerhalten. Da reicht meine Anwesenheit nicht aus, um den Blutfluss entsprechend zu steuern, und durch die Gipsbinden ist auch keine zielgerichtete Stimulation möglich.
      2. schwebt mir ein deutlich kleineres Kaliber vor, denn die Schokolutscher sind als Reiseproviant gedacht. Optimal wären zwei Tafeln Schokolade (kann ich dann nach Belieben verschiedene Sorten mischen) für 3 Lutscher à 66 Gramm (2 Gramm Rest).

      Wenn es sehr realistisch aussehen sollte, könnte man vielleicht einen 3D-Scanner benutzen, die Daten dann runterrechnen, und mit einem 3D-Drucker Gussformen ausdrucken.
      Aber der Aufwand wäre zu groß, denn nach kurzem Lutschen und Schlecken sieht man eh keine Details mehr. Es reicht also, wenn die Form ungefähr ähnlich ist.

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      • Engywuck schreibt:

        Wenn es ein „Echtabbild“ werden soll könnte Schnellabformmasse aus Alginat helfen – also genau das, was der Zahnarzt für die Zahnspange (oder den Zahnersatz) nutzt. Mit 23°C warmem Wasser angerührt hast Du laut Hersteller drei Minuten Verarbeitungszeit und es kann 5 Minuten nach Anrühren entformt werden, bei wärmerem Wasser werden die Zeiten kürzer. Mit etwas warten vor dem „Einspachteln“ sollte die „Regungslos“-Zeit also auf zwei bis drei Minuten reduzierbar sein – klingt schon realistischer, evtl. etwas abschnüren. Du müsstest allerdings vermutlich ein Hüllgefäß außenrumlegen – und wie immer beim Abdruck von Körperteilen sind Haare in der Abdruckmasse unpraktisch 🙂
        Eine weitere denkbare Alternative: Wachs bzw. wachsähnliche Materialien (Tipp: flüssiges Kerzenwachs ist zu heiß ;-)) Fimo und ähnliches dürfte zu fest sein.

        Ein so erhaltener Abguss sollte sich auch deutlich besser für eine 3D-Abtastung eignen, schon weil man diesen leichter in alle Raumrichtungen drehen kann.

        Falls Do-it-yourself keine schönen Ergebnisse liefert müsste es im entsprechenden Fachhandel auch fertige Abdruck-Sets geben.

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        • Echtabbild ist kein Kriterium, da es ja für den Verzehr vorgesehen ist, und außerdem wesentlich kleiner als das Original sein soll. Wenn das Abbild zu realistisch wäre, hätte ich vermutlich Hemmungen, es zu verspeisen.
          Wenn ich es recht bedenke, wäre eine zylindrische Eisform in passender Größe sogar ausreichend. Falls nötig, könnte man nach dem Aushärten noch ein wenig daran herumschnitzen, um die Ähnlichkeit zu vergrößern.

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          • Engywuck schreibt:

            Ich habe gerade iben auch nochmal von „!60 Gramm“ gelesen – dann dürften Kondome als Formgeber allerdings auch ausscheiden. Im Scherzartikel- und „Junggesellen-Abschied“-bereich sollte es aber entsprechende Formen geben.

            Wo wir grade bei Essbarem sind: Kennst Du die Scheibenwelt, insbesondere Nanny Ogg? In ihrem Kochbuch gibt es das Rezeot für Erdbeerwackler.
            Für 4-6 Erdbeerwackler: 2-3 Päckchen Gelatine in 300ml kochendem Wasser auflösen und 10-15 Min. abkühlen lassen. 250g Erdbeeren waschen, putzen, halbieren und mit dem größten Teil von (2 EL Puderzucker und 150ml „besonders dicke“ Schlagsahne) „flüssig“ mixen. Mit der Gelatine vermengen und in Flötengläser düllen (der „Herausgeber“ schreibt, dass die ursprünglich vorgeschlagenen Gläser „äh, nicht zur Verfügung stehen“). Zwei Stunden abkühlen lassen, vorsichtig aus den Gläsern nehmen und auf einen Teller setzen.
            „Hochkant mit zwei Eiskugeln servieren, die an gewünschter Stelle platziert werden, zusammen mit ein wenig Sahne.“

            Eventuell nicht servieren, wenn gerade der Papst zu Besuch kommt 🙂

            Gefällt 1 Person

            • Erdbeerwackler kenne ich nicht, aber ich hab‘ mal ‚was ähnliches nach eigenem Rezept mit Himbeeren statt Erdbeeren, Speisestärke statt Gelatine, Quark statt Schlagsahne, und Kristallzucker statt Puderzucker gemacht.
              Das schmeckt auch ohne spezielle Gläser.

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  3. Plietsche Jung schreibt:

    Schau dir das doch mal bei den Profis an. Da benutzt niemand Kondome o.ä. zur Produktion von Lutschern. Der Besuch so weit im Norden ist durchaus eine Reise wert.

    http://www.bonbonkocherei.de/

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  4. Pingback: Im Märzen der Twitterer //1987 | breakpoint

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