Intrakulturelle Differenzen //1786

Mittlerweile leben Carsten und ich ja schon etliche Jahre zusammen. Und trotzdem gibt es einige kulturelle Unterschiede, an die ich mich immer noch nicht gewöhnt habe. Es ist nicht so, dass sie mich wirklich stören würden, aber sie irritieren mich doch immer wieder.

So sagt Carsten etwa „3. Advent“, wenn er den dritten Adventsonntag meint. Oder er nennt eine Orange „Apfelsine“. Brötchen kenne ich aus meiner Heimat als „Weck“, habe mich aber inzwischen daran gewöhnt, sie als Brötchen zu bezeichnen. Carsten jedoch sagt „Semmel“ dazu. Das ist für mich befremdlich. Ich verstehe zwar, was er meint, werde jedoch niemals dieses Wort über die Lippen bringen, kostet es mich doch schon Überwindung, „Brötchen“ zu sagen. Er bezeichnet Leberkäse als Fleischkäse, was zu dem absolut schauderhaften Effekt führt, dass ein Leberkäsweck für ihn eine „Fleischkäsesemmel“ ist (mir läuft es gerade eiskalt den Rücken runter).
Sowohl Pfaumen als auch Zwetschgen bezeichnet Carsten als Pflaumen, während ich sowohl Zwetschgen als auch Pflaumen Zwetschgen nenne.

Dann sind da noch einige Sachen, die auftreten, wenn man im gleichen Haushalt lebt, und die auch noch nach Jahren Verwunderung hervorrufen. Es sind oft nur Nuancen, die man vielleicht gar nicht gleich wahrnimmt, sondern die erst im Laufe der Zeit nach der n-ten Wiederholung auffallen, so dass es mir schwer fällt, sie in Worte zu fassen.
Ein Beispiel (das ich hier übertrieben deutlich formuliere – ganz so schwarzweiß ist es nicht) wäre etwa das Händewaschen. Einfach ausgedrückt, wasche ich mir die Hände, nachdem ich etwas potentiell schmutziges angefasst habe, während Carsten sich die Hände wäscht, bevor er etwas sauberes anfassen will – wie gesagt, ich habe das sehr vereinfacht formuliert – es ist nicht so, dass er ständig mit dreckigen Händen herumläuft. Aber beispielsweise wäscht er sich vor dem Essen immer die Hände. Ich mache das nur, wenn ich auswärts esse. Daheim normalerweise nicht. Wir haben da wohl unterschiedliche Hygienephilosophien.

Solche Kleinigkeiten können durchaus manchmal zu Konflikten führen. Ich hatte irgendwann schon mal das Beispiel mit den Käseverpackungen erwähnt.
Was mich auch nervt, ist, dass er manchmal seine getragenen Sachen in den Kleiderschrank hängt. Ich habe ihm schon so oft gesagt, er soll das lassen, weil das nur Kleidermotten anlockt. Dass er öfters schmutzige Wäsche in den Waschkorb mit sauberem Zeug geschmissen hat, ist mir besonders ein Dorn im Auge.

Wenn ich in einem anderen Bundesland bin, und die Leute grüßen mit „Guten Tag“, so läuft mir das jedesmal kalt über den Rücken herunter. Das ist so befremdlich und irritierend. Das heimatliche „Grüß Gott“ ist da viel vertraut-freundlicher und klingt nicht so .. preußisch.
In anderen Gegenden werden Krapfen Berliner oder Pfannkuchen genannt. Klöße bezeichnen Kartoffelknödel statt Mehlklößen. Es gibt noch viele solche Beispiele. Andere Länder andere Sitten.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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44 Antworten zu Intrakulturelle Differenzen //1786

  1. Pendolino70 schreibt:

    Das mit dem zurücklegen von getragener Wäsche in den Kleiderschrank lässt mich heute noch erschaudern.

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  2. idgie13 schreibt:

    Ich red eine Mischung von euch … 😉
    .. und sag Semmel, Leberkaas, Zwetschgen, Oranschen, Krapfen und Knödel. Mit dem Händewaschen halt ich es wie Du.

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    • Du musst auch mit Schweizer Besonderheiten klarkommen.
      Hat Till eigentlich spezielle Ausdrücke, die dich (immer noch) verwundern oder irritieren?

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      • idgie13 schreibt:

        Meine beschriebene Mischung ist die bayerische Variante.

        Semmeln und Knödel kennt man in der Schweiz z.B. gar nicht.

        Bzgl. Till: wo soll ich da bei einem Fischkopf anfangen und wo aufhören … ? 😉
        Bei uns mischen sich ja bei beiden dann auch noch schweizerische Ausdrücke mit rein, wobei ich ja viele Jahre in einem anderen Kanton gelebt habe und sich auch die unterscheiden.

        Sagen wir so: er redet anders als ich, aber es verwundert / irritiert mich nicht – allenfalls amüsiert es mich. Meist amüsiert allerdings er sich, weil ich ja viel mehr Dialekt rede – er hat praktisch (leider!!) fast keinen.

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    • Plietsche Jung schreibt:

      Die beste Antwort bisher 🙂

      Moinsen !!

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    • Als ich studiert habe, fand ich an irgendeinem Brückenpfeiler als Graffiti geschmiert „MOIN MOIN“.
      Ich hielt das damals für eine seltsame Aussprache von „mein Main“.

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    • Martin schreibt:

      »Wenn ich in einem anderen Bundesland bin, und die Leute grüßen mit „Guten Tag“, so läuft mir das jedesmal kalt über den Rücken herunter.«
      Mir geht das genau umgekehrt. Ich bin aus Preussen in das nördliche Anexionsgebiet Bayerns eingewandert, finde es aber auch nach Jahren sehr irritierend wenn Leute „Grüß Gott“ sagen. Ich hatte mir schon davor angewöhnt fast immer „Moin Moin“ zu sagen, was zwar gelegentlich falsch verstanden wird aber zumindest keinen Religionsbezug aufweist.

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      • „Grüß Gott“ hat (zumindest für mich – ich kann nicht für alle anderen sprechen) überhaupt keinen religiösen Bezug.
        Das ist eine völlig weltanschauungsneutrale Begrüßungsformel, so wie „Hallo“, bloß etwas förmlicher.
        Begriffe wie „Götterspeise“, „Götterfrucht“ oder „Gott sei Dank!“ werden ja normalerweise auch genutzt, ohne dass sie religöse Assoziationen wecken.

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        • Leser schreibt:

          Ich muss Martin vollkommen zustimmen, wenn jemand „Grüß Gott“ zu mir sagt, dann denke ich immer „so weit nach oben wollte ich eigentlich gar nicht“, und wenn das im Treppenhaus oder im Fahrstuhl passiert, mache ich auch eine entsprechende Bemerkung. Klar, es gibt als Analog das indische(?) Namaste, aber das ist hier ja auch nicht gerade üblich (in Berlin kann es Dir jedoch schon passieren, häufiger mit Namaste als mit Grüß Gott gegrüßt zu werden, von Leuten die sowas „cool“ finden, irritierenderweise).
          Dennoch, weltanschaulich neutral wäre ein „Hallo“, oder wer’s moderner mag eben „Hi“ bzw. „Hey“, wenn man sich besser kennt.
          „Guten Tag“ ist mir für den Alltagsgebrauch auch irgendwie viel zu förmlich, bzw. nutze ich es auch nur dort, wo Förmlichkeit tatsächlich angebracht ist, oder alternativ „lustig gemacht“ wird.
          Es sind wohl wirklich regional krasse Unterschiede. Während ich bei Kreppel immer noch eine halbe Sekunde nachdenken muss, wie das jetzt hier heißt (ach ja, Pfannkuchen), ist mir die Schrippe schon so ins Blut übergegangen, dass sie inzwischen dem Wort Brötchen gleichauf steht.

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          • „Hallo“ ist in vielen Situationen in Ordnung, aber manchmal eben doch zu salopp („hi“ oder „hey“ erst recht). Am Vormittag kann man noch auf „Guten Morgen“ ausweichen, mittags eventuell auf „Mahlzeit“, aber spätestens ab dem Spätnachmittag bleibt oft nur „Grüß Gott“, bevor man ab 18 Uhr dann wieder „Guten Abend“ wünschen kann.

            „Kreppel“ musste ich ert googeln – noch eine Bezeichnung für Krapfen.
            Wie nennt ihr Berliner eigentlich Pfannkuchen?

            Von „Schrippen“ hatte ich schon mal gehört, obwohl sich das für mich eher mit Schrammen, Schrunden oder Striemen assoziert.

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            • Leser schreibt:

              Also, „Mahlzeit“ finde ich persönlich einfach unangemessen. Ich möchte am liebsten immer darauf antworten „Und wo sind dann die Stifte?“, weil es oft wie „Malzeit“ klingt. Und es versprüht eben auch ein absolutes Kantinen-Flair, so als würde das ganze Leben nur aus Arbeit bestehen, und das ist (zumindest bei mir) definitiv nicht so. Das ist aber eher eine persönliche Animosität, es gibt sehr viele Leute, die das trotzdem benutzen, und auch noch außerhalb des Arbeitsplatzes bzw. der Mittagspause.

              Zu Pfannkuchen sagen wir Pfannkuchen … oder meinst Du Puffer? 😉

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            • Hierzulande ist „Mahlzeit“ um die Mittagszeit absolut üblich, gerade auch im beruflichen Kontext und sogar über sämtliche Hierarchieebenen hinweg.

              Mit „Puffer“ meinst du Kartoffelpuffer? Die nennen wir daheim Dambesse.
              Pfannkuchen haben Mehl statt Kartoffel.

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            • Leser schreibt:

              Ähm, ja, Puffer sind eine Art von Pfannkuchen – die anderen heißen eben auch Pfannkuchen. Oder Omlette, oder – was weiß ich? Ich bin ja nicht gebürtig von hier.

              Und zu „Mahlzeit“: Im beruflichen Umfeld kann ich es als einziges noch verstehen. Wenn man aber in einem 3-Mann-Betrieb arbeitet, gibts dafür auch wieder keinen richtigen Grund, einfach weil jeder so isst wie er lustig ist, mal mittags oder auch nicht, usw.

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  3. wollesgeraffel schreibt:

    Sehr interessant, mich erinnert das an die Geschichte vom Turmbau zu Babel, Hihihi. Und sie verstanden einander nicht.

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  4. blindfoldedwoman schreibt:

    Brötchen mit Leberkäse. *würg*

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  5. ednong schreibt:

    Moin Moin ist defin itv nicht gleichzusetzen mit mein Man 😉
    Ich kringele mich gerade – ich kenne alles. Alles, so wie du es beschreibst. Und agiere so – selbst beim Händewaschen mal so, mal so. Irgendwie kurios. Nur die Wäsche, die trenne ich definitiv.

    Und Zwetschgen kenne ich auch noch als Zwetschen. Komt von der ‚Vielfalt der damaligen Kunden und natürlich von Freunden in verschiedenen Bundesländern. Hier spricht man ja nur das beste Hochdeutsch ever! 😉

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