Eine berufliche Retrospektive //1694

Wohl kaum jemand ist in der Schule um Goethe’s Faust herumgekommen.
Da gibt es gleich am Anfang einen längeren Monolog, in dem das Zitat „dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“ vorkommt. Und ich dachte mir damals sinngemäß dabei: „Tja, mit Theologie und solchem Kram kommt man da freilich nicht weit. Dafür gibt es die Physik!“
Zu dieser Zeit war mir bereits klar, dass ich ein naturwissenschaftliches Studium einschlagen wollte. Mit schwebte eine spätere Tätigkeit in der Grundlagenforschung vor (so ähnlich wie Sheldon, aber mit Elementarteilchen), idealerweise bei CERN oder vielleicht auch DESY (damals unterschied ich noch nicht zwischen Theo und Exphysik).

Im Laufe des Studiums dann (auch wenn es sonst sehr gut lief) wurde ich allmählich desillusioniert: Die Physik kann nichts erklären, lediglich mathematisch beschreiben.
In gewisser Weise war ich enttäuscht wie Faust. Denn ich musste resignierend einsehen, dass das Streben nach Erkenntnis der fundamentalsten Naturgesetzlichkeiten nur in einer Sackgasse landen kann.

Nach Abschluss des Studiums war ich die erste in meinem Jahrgang, die eine Anstellung in der Industrie fand. Einige wenige Kommilitonen waren ähnlich bald mit ihrer Diplomarbeit und den Prüfungen fertig gewesen, aber sie bemühten sich lieber um eine Promotionsstelle (einige hätten eigentlich lieber die Uni verlassen, fanden aber keinen geeigneten Arbeitsplatz).
Mir war nach den fünf Jahren Studium eher danach, endlich Geld zu verdienen. In einer Promotion sah ich inzwischen keinen großen Sinn mehr. Außerdem hatte ich im Hinterkopf, dass ich das eventuell später immer noch machen könne, falls die Begeisterung für Grundlagenwissenschaft zurückkäme.

In den nächsten Jahren ließ ich mich eher treiben. Meinen Wunsch nach Erkenntnis hatte ich so ziemlich abgeschrieben. Insofern entwickelte ich keinen allzu großen beruflichen Ehrgeiz. Vermutlich hätte ich bei meinem damaligen Arbeitgeber berufliche Karriere gemacht, denn das ist einer der ganz großen Weltkonzerne, der sich inzwischen Frauenförderung auf die Fahnen geschrieben hatte.
Aber es ergab sich dann, dass ich mich lieber selbständig machte. So war ich mein eigener Herr, niemandem weisungsgebunden, konnte mir meine Zeit und meinen Arbeitsaufwand weitgehend frei einteilen. Einige Aufträge lehnte ich sogar ab, denn ich wollte Einzelkämpfer bleiben. Mir lag nicht daran, Verantwortung auch noch für Angestellte übernehmen zu müssen. Ich verdiente genug, dass es für ein bequemes Leben reichte. Das genügte mir. Mehr wollte ich gar nicht.

Wahrscheinlich hätte ich so weitergemacht, bis ich mich irgendwann zur Ruhe gesetzt und von den Erträgen meiner Ersparnisse und gelegentlichen Lizenzverkäufen gelebt hätte.
Aber dann lief mir ja Carsten über den Weg. Und seither habe ich immer mehr Aufgaben in der Firma übernommen, obwohl das nie mein eigenes Ziel gewesen war.

Inzwischen habe ich mich als Teilhaberin und Mit-Geschäftsführerin verpflichtet. Das bedeutet, ich muss selbst immer wieder weitreichende Entscheidungen treffen, diese durchsetzen und verantworten, auch wenn sie unvorhergesehene negative Konsequenzen haben.
Das ist anstrengend und stressig, und es entspricht überhaupt nicht mehr dem Lebensweg als Naturwissenschaftlerin, den ich für mich früher erwartet hatte. (Nein, das sollte keine Herumjammerei sein. Ich wollte nur mal meine Gedanken dazu ordnen und festhalten.)

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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16 Antworten zu Eine berufliche Retrospektive //1694

  1. keloph schreibt:

    auch wenn ich eher der mathematik entstamme, so haben wir doch eine menge gemeinsamkeiten in der vita. mir bleibt noch ein letztes grosses projekt, welches ich mit der inzwischen gesammelten erfahrung angehen möchte. allerdings fehlen mir die passenden ideen……aber es wird sich was finden 🙂 wie immer

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  2. claudius2016 schreibt:

    Na, das Leben ist doch voller Überraschungen, denke an Deine Physiker-Kollegin, die hätte als junge Frau sicher nicht im Traum daran gedacht, Kanzlerin zu werden. Wenn man mit 25 wüßte, was man das ganze Leben macht, wäre es doch extrem langweilig (klar gibt es solche Leute, aber die sind langweilig…).

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    • Ja, sicher. Vieles kann man gar nicht erahnen, was das Leben für einen bereit hält.
      Wenn ich mir meine früheren Kommilitonen, mit denen ich noch Kontakt habe oder hatte, anschaue, so haben nur sehr wenige direkten Kontakt zur Physik. Die meisten machen (im weitesten Sinn) etwas mit Software oder IT. 🙄

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  3. Martin schreibt:

    http://paulgraham.com/jessica.html – ein bisschen revelant

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  4. Leser schreibt:

    Hmm, interessante Parallele: Die Naturwissenschaften haben Dich enttäuscht, indem sie nichts erklären können, und Dein Lebensweg hat Dich ebenfalls „enttäuscht“ (ob im positiven oder negativen Sinn ist irrelevant), indem er Dich von den Naturwissenschaften weg geführt hat…

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    • Äh, nein .. ich sehe den Zusammenhang anders.
      Wäre die „Enttäuschung“ über die NaWi ausgeblieben, hätte ich vermutlich konsequent meinen Weg weiter verfolgt, in Physik promoviert, und wäre entweder an einer Uni geblieben oder in irgendeinem Forschungsinstitut gelandet.
      Ob ich zufrieden und glücklich geworden wäre, ist fraglich.
      Letztendlich passt es schon so, wie es eben ist.

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  5. ednong schreibt:

    „Das ist anstrengend und stressig …“ – und wie bewertest du das?

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    • Auf was willst du hinaus? Ich verstehe die Frage nicht so recht.
      Manche Aufgaben sind nicht erstrebenswert, müssen aber gemacht werden.

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      • ednong schreibt:

        Naja,
        du schreibst, das sei nicht dein Ziel gewesen. Dein ursprüngliches – vielleicht auch momentanes – sei anders gewesen. Und du schreibst, es ist stressig. Ich wollte also somit wissen, wie du deine jetzige Situation bewertest. Zufrieden? Unzufrieden? Womit? Was denkst du, wie du es ggf. ändern kannst? Etc.

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        • Es stellte sich heraus, dass mein ursprüngliches Ziel nicht erreichbar (im Sinne von grundsätzlich unmöglich) war.
          Daraufhin machte ich halt das Beste aus dem, was mir das Leben bot. Und damit bin ich durchaus zufrieden. Ein wenig gelegentliches Zweifeln und Seufzen gehört aber wohl dazu, und ist, denke ich OK, solange es nicht überhand nimmt.

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