Pfadfinderei //1639

An alle Ehefrauen dieser Welt: Schenkt eurem Mann nie, nie – niemals! – ein Navigerät!

Schon länger hatte Carsten beim Spazierengehen einmal einen neuen Weg ausprobieren wollen. Ich hatte ihn immer vertröstet, weil mir die üblichen Wege eigentlich genügen, und jeder andere Weg auf einen Umweg hinauslaufen würde.
Oft war die Zeit zu knapp, und im Sommer auch die Sonnenstrahlung zu stark. Aber irgendwann hatte ich halt dann doch versprochen, bei nächster Gelegenheit mitzugehen, insbesondere, da allmählich das Winterhalbjahr vor der Tür steht.

Wir gingen zunächst den ganz normalen, üblichen Weg. Nach etwa anderthalb Kilometern meinte Carsten mit Blick auf das Navigerät: „So, wir biegen jetzt ab auf diesen Weg, und da hinten gehen wir wieder zurück.“
Da ich schon den ganzen Tag leichte Kreislaufprobleme gehabt hatte (mein Hämoglobinspiegel ist wohl wieder mal im Keller), war mir das eigentlich zu viel. Ich wollte mir aber nichts anmerken lassen.
„Das ist aber deutlich weiter als der übliche Weg.“
„Ach, ein kleiner Umweg halt.“
„Wie weit denn ungefähr?“
„Nur unwesentlich.“
„Eine konkrete Angabe in Metern wäre mir lieber.“
„So etwa fünf Kilometer.“
„Zusätzlich?“
„Nein, insgesamt. Sonst laufen wir etwa vier Kilometer, diesmal halt fünf.“
„Das ist ein Umweg von einem Kilometer!“
„Ich hatte konservativ geschätzt. Eher nur ein halber. Wir gehen den Berg hoch ..“
„Berg?“
„Äh .. ich meine, die Wiese ..“
„Und wenn ich den Weg nicht schaffe, trägst du mich dann?“
„Klar.“ Zwar hatte ich da meine Zweifel, aber das war wenigstens ein eindeutiges Wort, auf das ich ihn im Notfall würde festnageln können.

Also schlugen wir den anderen Weg ein. Nach mehreren hundert Metern kannte ich mich nicht mehr aus, da ich noch nie dort gewesen war.
„Müssen wir nicht da vorne abbiegen?“, fragte ich, als eine Art Trampelpfad in Sicht kam.
„Nein, das ist kein Weg. Es geht noch ein Stück weiter.“
Inzwischen mussten wir eine beträchtliche Steigung hinaufgehen.
Oben blieb Carsten stehen. „Da sollte eigentlich ein Weg sein. Der ist wohl eingegangen.“
„Was machen wir dann?“
Carsten studierte die Anzeige des Navigeräts, und erklärte dann: „Da vorne gibt es eine Abzweigung, die wieder zurückführt. Den Weg kenne ich. Der kann halt manchmal sumpfig sein.“
Also gingen wir noch geraume Zeit weiter. Zum Glück war der Weg wenigstens halbwegs trocken. Irgendwann kamen wir wieder in eine Gegend, wo wir schon einmal gelaufen waren, allerdings aus der anderen Richtung. Ich hielt immer Ausschau nach einer Bank, oder einer geeigneten Outdoorstelle, fand aber nichts entsprechendes.

Der Waldweg wurde immer enger, so dass es unbequem wurde, weiter Händchen haltend nebeneinander herzugehen.
„Wir sollten hintereinander gehen. Hier ist es zu eng.“
Er ließ meine Hand los, und nahm die Führungsposition ein. „Nicht gut. So kann ich weder an dir rumtätscheln, noch deinen Hintern bewundern.“
„Soll ich vorne gehen?“
„Hm .. ja.“
„Dann musst du mich schon vorbeilassen.“
Er blieb tatsächlich an einer etwas breiteren Stelle stehen, und ließ mich vorbei, so dass ich überholen konnte. Als ich voranlief, meinte er : „Viel besser so.“

Der Weg verzweigte sich. Ich war aber nicht sicher, welcher günstiger und kürzer war.
Carsten starrte auf sein Navigerät. Der linke Pfad war nicht eingezeichnet. Deshalb deutete er auf den rechten. Dort konnte ich aber in einiger Entfernung erkennen, dass quer über den Weg ein Holzbalken verlief.
„Ach, da kommen wir schon drüber“, wischte Carsten meine Bedenken zur Seite.
Als wir näher kamen, sahen wir, dass ein Baum umgekippt war, und den Weg auf knapp anderthalb Meter Höhe versperrte. „Da musst du mich jetzt drübertragen.“
„Bück‘ dich. Ich will deinen Hintern sehen.“
„OK. Das ist ein Argument“, antwortete ich, während ich gebeugt unter dem Stamm hindurchging.

Noch ein Stück weiter, dann kamen wir endlich auf einen vertrauten Weg zurück. Carsten steckte das Navigerät in seine Hosentasche, da wir uns hier ja wieder auskannten.
Inzwischen war ich aber ziemlich geschafft, und ließ nach einigen hundert Metern Carsten’s Hand los, um meine Hände auf meinen Knien abzustützen, und durchzuatmen.
„Was ist los?“, fragte er ganz plötzlich besorgt, „geht’s dir nicht gut?“
„Geht schon wieder“, erklärte ich nicht ganz wahrheitsgemäß, und richtete mich wieder auf.
„Ich stütze dich“, meinte er, indem er seinen Arm um meine Taille legte, und mein Gesäß betastete. „Lass‘ dir in Zukunft Taschen hinten auf die Röcke nähen, damit ich meine Hand hineinstecken kann.“
„Das sieht aber dann nicht mehr schön aus.“
„Stimmt auch wieder.“

Ich hatte meinen Daumen hinten in seinen Gürtel eingehakt, und so gingen wir dann ein ganzes Stück im Gleichschritt weiter. Aber auf Dauer ist es so nicht bequem, so dass wir den restlichen Weg wieder händchenhaltend gingen. Wir liefen sogar eine kleine Abkürzung, die wir sonst nicht gehen, weil Carsten den Weg nicht mag.
Carsten erklärte immer wieder, dass der Umweg ja gar nicht so groß gewesen sei, aber ich werde mich hüten, mich so schnell noch einmal auf solch eine Entdeckungstour einzulassen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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14 Antworten zu Pfadfinderei //1639

  1. Leser schreibt:

    Wie dicht ist denn der Wald bei Euch? Und sind die Wege tatsächliche Waldwege, oder nur Trampelpfade? Ich frage deshalb, weil ich mich an keinen Wald erinnern kann, in dem ich jemals die Orientierung verloren hätte. Dazu müsste das Blätterdach der Bäume schon so dicht sein, dass man nicht mehr erkennen kann, aus welcher Richtung die Sonne kommt. Und dann mit einem Navi (für Fußgänger)…das ist schon fast wieder bizarr. So sehr, dass ich das bräuchte, hat mich (in der Natur! In der Stadt ist das was komplett anderes) mein Richtungssinn noch nie im Stich gelassen.

    Abends/Nachts im Dunkeln in der Stadt, wenn man in einer Gegend ist, in der man sich nicht auskennt, kann das schon eher mal vorkommen. Meist verwechsle ich dann aber nur die Himmelsrichtungen, d.h. laufe (gemäß Karte) in die falsche Richtung, was dann aber spätestens an der nächsten Kreuzung auffällt, wenn es nicht so weitergeht, wie die Karte das in der gewünschten Richtung zeigt.

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    • Das war nur teilweise Wald, teilweise Wiesen oder Felder.
      Ich hatte auch nicht die Orientierung verloren, sondern wusste immer, wo ich bin, und in welcher Richtung das Haus ist.
      Aber deswegen weiß ich noch nicht, wo Wege sind, oder ob die nicht abrupt enden, oder plötzlich in eine völlig andere als die ursprüngliche Richtung drehen, oder auch nur schwer passierbar sind.

      Das Navigerät trug Carsten. Ich habe nur ganz selten mal einen Blick darauf werfen können. Aus schräger Blickrichtung kann man auf dem kleinen Display nur schwer etwas erkennen.

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      • Leser schreibt:

        Solange man die Richtung kennt, in die man gehen muss, ist es ein Leichtes, den Weg zu finden. Selbst wenn man Wege geht, die man nicht kennt – man behält ja die „Peilung“, und kann damit immer wieder korrigieren, oder notfalls ein paarhundert Meter zurück laufen.

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        • Naja, mir ist da auch schon passiert, dass ich plötzlich vor einem Graben, Zaun, oder anderem unüberwindlichen Hindernis stand (oder mit dem Auto vor Baustelle, Einbahnstraße, Sackgasse, ..).
          Die richtige Richtung ist halt noch lange kein Garant, dass man auch wirklich da raus kommt, wo man hinwill.

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  2. wollesgeraffel schreibt:

    Arme Anne, ich fühle mit Dir.

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  3. Dieter schreibt:

    Es ist doch was schönes, immer mal wieder etwas neues zu entdecken, auch wenn es nur ein Weg durch den dunklen Wald ist 😀

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  4. Plietsche Jung schreibt:

    Was ?
    Kein Schäferstündchen im Wald ?
    Zu viele Mücken ?
    Zu erschöpft ?

    Seit wann lässt du solche Gelegenheiten aus ?

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  5. Pingback: Es war einmal auf Twitter //1851 | breakpoint

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