Der Mail-Default //1608

Herr Wichtler ist eine Art Unternehmensberater, den Carsten engagieren will, um die Übernahme von Standort 5 voranzubringen.
Bei einem Meeting, bei dem auch ein Teil der Abteilungsleiter anwesend war, stellte er sich vor. Zwar bin ich in die technischen Aspekte der Übernahme involviert, insbesondere natürlich die Softwareentwicklung, aber die betriebswirtschaftlichen und kaufmännischen Details, um die es hier hauptsächlich ging, interessierten mich weniger.
Irgendwann erklärte er – quasi als Abschluss seines längeren Monologs: „Ach ja – ich lese keine iiih-Mails. Wenn irgendetwas sein sollte, rufen Sie mich ruhig an. Ich bin immer und jederzeit für Sie da.“
Na, das passt ja zu der bei Standort 5 vorherrschenden Mentalität (über die ich mich inzwischen schon ein paar Mal ärgern musste, weil mich die Mitarbeiter dort aus nichtigen Anlässen angeklingelt und aus meiner momentanen Tätigkeit gerissen haben).
Ich ergriff das Wort: „Ich werde Sie ganz sicher nicht anrufen – es sei denn, wir haben den Anruf vorher konkret mit ungefährer Uhrzeit vereinbart, oder es hat sich unvorhergesehen etwas so dringendes ergeben, dass es keinen Aufschub duldet. Wenn ich etwas mit Ihnen zu klären habe, so schreibe ich Ihnen eine Mail, und erwarte, dass Sie spätestens am nächsten Tag darauf reagieren. Aber rufen Sie mich nicht an, außer ich habe Ihnen das ausdrücklich gestattet.“

Zu Zeiten, bevor es Mails gab, war Telefon oft die einzige Möglichkeit, unmittelbar Kontakt aufzunehmen. Aber heutzutage ist die Mail bei weitem vorzuziehen. Sie erlaubt, asynchron dann zu antworten, wenn man Zeit und Sinn dafür hat, anstatt einen abrupt aus den Gedanken zu reißen, und zu spontanen, unüberlegten Äußerungen zu verleiten.
Ich halte es für äußerst unhöflich, jemanden anzurufen, wenn es eine Mail genauso täte. Wie gesagt – für dieses Prinzip gibt es Ausnahmen, aber grundsätzlich ziehe ich Mails bei weitem vor – auch weil ich dann in Textform vorliegen habe, und nicht erst – bei wichtigen Dingen – ein Gedächtnisprotokoll aufsetzen muss.
Dass sich heutzutage so viele Leute durch ein Smartphone fremdbestimmen und versklaven lassen, anstatt sich den Luxus telefonischer Unerreichbarkeit zu gönnen, kann ich nicht nachvollziehen.

Die Führungskräfte schauten erwartungsvoll in Richtung von Herrn Wichtler. Insbesondere der Chef wartete mit undurchdringlichem Pokerface ab, wie dieser reagieren würde.
Nach kurzem Zögern meinte Herr Wichtler: „Wenn das hier so üblich ist, werde ich mich selbstverständlich danach richten.“
Gnädig nickte ich ihm zu, worauf das Meeting mit einem anderen Topic auf der Agenda weiterging.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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34 Antworten zu Der Mail-Default //1608

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Was auch sonst?
    Was für ein arroganter Sack.

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  2. Profi schreibt:

    So n Kasperle.
    Naja Berater…

    Und nun denkt er sich: was ne Zicke…
    oder: oha! Der Mann hat bei der auch nichts zu lachen.

    :-p

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  3. claudius2016 schreibt:

    Telefon kann wirklich nerven, ist aber zumindest im Job ein wichtiges Kommunikationmittel. Da kann man wirklich kurzfristig etwas klären. Wenn man nicht gestört werden will, kann man es ja umleiten…
    Privat finde ich Werbeanrufe genauso nervig wie Werbemails. Wundere mich immer wieder, dass beide genutzt werden. Bei Werbeanrufen lege ist immer sofort auf, Werbemails werden, wenn sie den Spamfilter überwinden, ungelesen gelöscht. Wie man damit Geld verdienen kann, ist mir schleierhaft.

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    • Nur wenn es sich um etwas wirklich dringendes Problem handelt, ist Telefon gerechtfertigt.
      Ansonsten ist Mail das Kommunikationsmittel der Wahl (und eventuell kann man dabei auch ausmachen, miteinander zu telefonieren).
      Ich rufe meine Mails häufig ab, aber nur wenn ich den Kopf dafür wirklich frei habe.
      Durch Telefonanrufe bestimmt einseitig der Anrufer den Zeitpunkt der Kommunikation, was für den Angerufenen oft kein optimaler Zeitpunkt ist.

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      • Pluvia schreibt:

        Das Telefon ist jüngst zu meinem bevorzugten Informationsweg geworden, weil ein bestimmter Dienstleister seit einigen Wochen auf meine E-Mails (und die von Kollegen) kaum antwortet. Bei einem Anruf auf dem geschäftlichen Telefon mit unterdrückter Nummer hat man zumindest gelegentlich Glück. Wie lange die Zusammenarbeit so noch weitergehen kann, ist für mich allerdings sehr fraglich.

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        • Tja, wenn der Kommunikationspartner nicht auf Mails reagiert, ist das natürlich ein Grund, den telefonischen Weg zu probieren.
          Dass das dann dauerhaft funktioniert, ist auch für mich fraglich, und ich würde – sofern irgend möglich – mir für diese Dienste lieber jemand anderen suchen.

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          • Pluvia schreibt:

            Leider läuft der aktuelle Vertrag noch mehr als 12 Monate und die Entscheidung ist nicht allein von mir zu treffen. Könnte ich es ändern, wäre Deine Lösung schon vor einigen Wochen implementiert worden.

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  4. idgie13 schreibt:

    Sollte man als Berater nicht den Kunden fragen, wie er es gern hätte, statt so selbstherrlich Regeln aufstellen zu wollen?

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  5. Dieter schreibt:

    Genau die richtige Reaktion von dir.
    Als guter Berater sollte man sich nach den Geflogenheiten des Auftraggebers richten.
    Zumindest habe ich es immer so gehalten

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  6. vagina > logic schreibt:

    Hättest der Sackratte (allgemein, nicht persönlich gemeint) sagen soll, dann habe er sich und den anderen beteiligten eine Telefonistin zu stellen.

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    • vagina > logic schreibt:

      So typisch Consulting, nicht einmal das Wort Unternehmensberater verdienend, die Nase hoch im Wind habend, die Zeiten riechend, eine halbgare Rückbesinnung auf alte Zeiten zu nutzen, um Eindruck zu schinden, einen auf gute alte Zeiten machend und euch nur die eine Seite der Münze zeigend.
      Scheinbar gut berattend.

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    • Das bringt doch nichts, und es verlängert die Kommunikationswege erst recht, wenn noch eine zusätzliche Proxi-Person dazwischengeschaltet ist.

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      • vagina > logic schreibt:

        Jein, der Sekretär hatte ja mal eine Bedeutung, nämlich dafür zu sorgen, das jemand ungestört arbeiten konnte und eben nur bei wirklich wichtigem gestört wurde.

        https://www.welt.de/newsticker/bloomberg/article118037076/Beate-Baumann-Merkels-maechtiges-Phantom-im-Bundeskanzleramt.html

        Weshalb politische Gespräche in Deutschland 99,8% der Zeit dumm sind.
        Ein vier Weiber Regiment. Elfriede, Beate, Elizabeth & Angela.

        Drei davon sind in einem weiteren Sinne Sekretärinnen/Vorzimmerdamen/Gouvernannten.
        Angela – die heilige – die einzige, die dies nach außen hin ist.

        Die größten Dummschwätzer erkennt man am ‚Nach‘.
        Nachrichtenmagazine und Nachdenkseiten und Nachdenker.

        Naja, I’m breaking bad.

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        • In den Zeiten, als das Telefon noch alternativlos war, war so ein Zwischenpuffer um einiges sinnvoller als heutzutage.

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          • vagina > logic schreibt:

            Genau, wie sinnlos ist also ein Beratter, der gezielt sich zwischen zwei Stühle setzt und diese einfordert?
            Eine komische Art ‚Reise nach Jerusalem‘ zu spielen.
            Vollkommen richtig, den auf den Hosenboden plumpsen zu lassen.
            Meine Empfehlung wäre zu so zu verfahren, daß es entweder passt oder nicht passt.
            Wenn aber derjenige, als Consulter/Berater, nicht einmal dies versteht, dann scheint es mit wie gut aus dem Fenster geworfenes Geld/Arbeitszeit/Nerven zu sein.
            Der wird wohl noch mehr als einen Bogen überspannen.
            Statt dienlich zu sein, hat er doch schon versucht Dich zum Büttel zu machen, vollkommen ohne auch nur den Hauch von Respekt dafür, wie echte Arbeit funktioniert.

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            • Er hat ja eingelenkt.
              Hätte er das nicht, hätte er keinen Beratervertrag bekommen.

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            • vagina > logic schreibt:

              Und es macht nicht stutzig, das es dafür dann die, wenn ich es richtig überblicke, Frau des Chefs braucht? Da war keiner vorher bedächtig genug, dem Unfug Einhalt zu gebieten?
              Ich bin kein Berater, teile nur Gedanken, welche ich für mitteilenswert halte. 😉
              Unfug. Zwischen Fugen gehört Kit. Das ist was Steine, wie in einem Haus, auch in einem gemeinsamen Unternehmungen, zusammen hält.
              Anderes Beispiel.
              https://de.wikipedia.org/wiki/Weinbergschnecke
              Und die Schneckenberge, die sind nicht ohne sehr guten Grund, überall verbreitet. 🙂

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  7. blindfoldedwoman schreibt:

    Auch wenn ich persönliche Vorbehalte gegen Unternehmensberater habe, so kann ich die Bitte schon nachvollziehen.
    Der Mann hat nur gebeten, sich bei Problemen telefonisch an ihn zu wenden.
    Man sollte nicht immer von sich ausgehen.
    Ich kann ein Lied davon singen, wie wenig Menschen es hinbekommen, schriftlich zu kommunizieren. Da ist es extrem anstrengend, sich durch irgendwelche Mails zu wühlen um heraus zu finden, was dieser Mensch einem jetzt überhaupt sagen will. Gibt man diesen Menschen die Möglichkeit das schriftlich zu tun, so fühlen viele sich berufen ellenlang zu schwafeln, ohne auf den Punkt zu kommen.
    Ein Telefonat erspart einem da viel Zeit.

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  8. Jezek1 schreibt:

    Naja, eine etwas dogmatische Einstellung, wie ich finde.

    Jeder Kommunikationskanal hat sein spezifischen pros&cons; also sollte man immer wieder neu entscheiden, welcher Kanal der Beste ist für die zu übermittelnde Informationen. Selbst die gute alte Briefpost hat noch ihre Rechtfertigung unter bestimmten Umständen.

    Ein ausschließliches pochen auf i-Mehl oder Telefon zeugt nicht gerade von ausgeprägter Verhaltenselastizität. Ich würde eine solche Einstellung meinen Mitarbeiter durchaus Rückspiegeln…

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    • Ein Berater sollte sich anpassen, bzw. mehrere Optionen anbieten.
      Meinetwegen darf er ruhig Telefon bevorzugen, solange er mit mir (als Kundin) nur per Mail kommuniziert (von eventuellen o.g. Ausnahmen mal abgesehen).

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      • Jezek1 schreibt:

        Ein guter Berater sollte auch in der Lage sein, bei seinen Kunden(innen) Verbesserungspotentiale im Arbeitsablauf und vorhandene Denkblockagen aufzuzeigen. Ein U-Berater, der sich einfach nur anpasst, seinen Kunden nach Vorgabe alles erledigt und nach dem Schnabel redet hat m. M. nach eine falsche Berufsauffassung; er sollte sich eher als free-lancer anbieten.

        Und der Auftraggeber hat keinen wirklichen Nutzen; es bleibt ja alles wie es ist; und alle können weiterhin in der Komfortzone miteinander kuscheln. Wachsen kann man aber nur, wenn man bereit ist, das Autogrooming immer wieder zu unterbinden.

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        • Da hast du recht.
          Es gehört zu seinem Job, Vorschläge für Änderungen zu machen.
          Der Kunde kann sie umsetzen, wenn er sie für sinnvoll hält, aber es auch bleiben lassen, wenn er dafür seine Gründe hat.
          Im letzeren Fall erwarte ich aber dann vom Berater, dass er dies akzeptiert, ohne ständig nachzuhaken.

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