Das katholische Landmädchen //1524

Aufgewachsen bin ich ja in einer Kleinstadt auf dem Lande. Das war die einzige Sache in meinem Leben, in der ich mich rückblickend wirklich benachteiligt gefühlt habe.
Von der rückständigen und geistig wenig aufgeschlossenen Bevölkerung mal abgesehen, gab es in unserem Ort halt überhaupt keine Veranstaltungen, die mich interessiert hätten. Weder für kirchliche noch sportliche Events kann mich begeistern. Das kleine Museum war OK, aber wenn man es einmal besucht hatte, kannte man es.
Das einzige, was der Ort mir bieten konnte, war die Bücherei. Aber auch die war nicht besonders groß, und hatte nur einmal in der Woche geöffnet.

Für junge Leute gab es am Wochenende eine Art Disko. Aber der Betreiber achtete streng darauf, dass keine Minderjährigen sie besuchten. Also war das auch keine Option, und als ich dann endlich volljährig war, ging ich aus Prinzip nicht mehr hinein.
In der Tat war ich in meinem Leben noch nie in einer Disko oder ähnlichem „Club“. Ich mag lieber Cafés oder Restaurants, statt mich durch übertrieben laute Musik volldröhnen zu lassen.

In der Kreisstadt war das Freizeitangebot um einiges größer. Bloß nützte mir das nichts, weil die Busse abends nicht mehr fuhren, und auch tagsüber nur selten. Gerne hätte ich beispielsweise beim Schulchor mitgesungen, aber das war umständlich. Da musste ich erst eine ewiglange Mittagspause herumbringen (um irgendwohin zu gehen, und dort zu essen, war sie aber wieder zu kurz), dann Chor, dann wieder langes Warten auf den nächsten Bus .. einfach nicht praktikabel, weswegen ich dann nur ein Jahr lang in der Kollegstufe den Kollegstufenchor besucht habe.

Internet gab es damals noch nicht (und auch heute gibt es in der Gegend stellenweise noch kein schnelles DSL), so dass ich mich auch nicht online informieren und weiterbilden konnte. Der einzige Lichtblick war wirklich die Bücherei.

Das „gesellschaftliche“ Leben (wenn man es so bezeichnen will), war geprägt von kirchlichen Einflüssen.
Keine Gleichgesinnten weit und breit, mit denen ich anspruchsvolle Unterhaltungen hätte führen können. Da ich eh Einzelgänger und introvertierter Eigenbrötler war, ging mir das aber nicht wirklich nah.

Dem Dialekt verdanke ich meine B/P- und D/T-Schwäche. Die wäre sicher weniger ausgebrägd, wenn ich in einer Stadd aufgewachsen wäre.

Als ich mit 18 meinen Führerschein (BTW erst im zweiten Anlauf) hatte, entspannte sich die Situation etwas, und ich fühlte mich nicht mehr ganz so eingesperrt. Aber bevor ich mich so richtig daran gewöhnt hatte, begann ich eh mein Studium in der nächsten Großstadt, und dort war endlich ein anderes, besseres Leben möglich.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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22 Antworten zu Das katholische Landmädchen //1524

  1. blindfoldedwoman schreibt:

    Ich bin auch auf dem platten Land aufgewachsen, war aber schon ab 14 heimlich in der Disko oder auf Konzerten. Man brauchte halt nur die richtigen Leute kennen und kreativ sein. Entfernungen mußte man mit dem Fahrrad überwinden, weil die Busverbindungen so schlecht waren. Das hielt fit.

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  2. Plietsche Jung schreibt:

    Das liest sich sehr enttäuscht. Du hattest doch viel Natur und Land um dich herum, Pferde, etc. War da kein interessantes Feld dabei ?

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  3. keloph schreibt:

    auch diese nicht schön empfundenen erlebnisse haben dich zu dem gemacht, was du heute bist. und so schlecht scheint das nicht zu sein oder? 🙂

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  4. safasadjida schreibt:

    <- Landei. Ich. Wenn ich an meine Kindheit denke, und Chor und Kirche und Bücherei waren da auch die Mega-Events, weil Kino richtig teuer war, obwohl ich da(*angeb*) Star Wars ( bitte akkerate deutsche Aussprache) geguckt hat. 11 Mark habe ich für den Eintritt bezahlt…..Nunja, wenn ich an diese Kindheit denke und mir heute angucke, dann ist das irgendwie wie aus einem Land vor unserer Zeit. Und es kommt das Gefühl auf, Methusalem persönlich zu kennen.

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  5. mitohnesahne schreibt:

    Das kenne ich genauso…. liebe Grüße

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  6. idgie13 schreibt:

    Ich bin auch auf einem bayerischen Dorf aufgewachsen. Oberbayern, erzkatholisch, auch bergig, nächste Stadt 20 km weg. Die Busverbindungen waren bei uns ähnlich. Direkt nach der Schule fuhr der retour (1 Stunde Fahrtzeit), der nächste ging um halb 6. Das war’s.

    Weil ich aber eh nachmittags meist an Strickmustern oder Mathe-Wettbewerben getüftelt oder Mathe-Nachhilfe gegeben hab, hat mich das nicht gestresst. An den Wochenenden wurde immer gearbeitet: auf dem Feld oder auf dem Bau – und auch Mathe-Nachhilfe gegeben. Weil ich schon immer gern gearbeitet haben, haben mich meine Brüder ganz schön verwunschen, glaub ich 😉

    Heute lebe ich mit grosser Begeisterung in einem noch kleineren Dorf und geniesse die Ruhe, weil es den Städtern bei uns zu langweilig ist 😛

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    • Meist habe ich mich ja auch mit den Gegebenheiten arrangiert.
      Dennoch – gelegentlich hätte ich schon gerne mal etwas anderes gemacht, was in einer Großstadt ganz üblich, aber auf dem Lande einfach nicht machbar ist.

      Am Wochenende bin ich ja normalerweise auch wieder auf dem Lande. Ruhige Spaziergänge in der Natur mag ich sehr, aber sonst ist mir doch Stadt lieber.

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