Vierzehnhundertneunundneunzig

Von meiner Cousine Kathrin stammt der Ausspruch: „Such dir am besten einen netten Mann und heirate. Dann brauchst du nicht mehr zu arbeiten.“
Das muss man im damaligen Kontext sehen.

Es war die Zeit, als ich von Carsten getrennt war. Kathrin arbeitete damals in seinem Vorzimmer als Bürohilfe, und konnte ihren Chef nicht leiden. Sie wollte mich also mit einem ihrer Bekannten verkuppeln, weil dieser ja so „nett“ war – sprich ein langweiliger, rückgratloser, durchsetzungsschwacher Ja-Sager.
Als ich mich nicht auf ihre Verkupplungsversuche einließ (und des lieben Friedens willen Zeitmangel wegen Arbeit vorschob), fielen die oben genannten Sätze.

Kathrin’s Situation damals war, dass sie in Trennung von ihrem ersten Ehemann lebte, aber zusammen mit einem neuen Freund. Es blieb ihr aber aus finanziellen Gründen nichts anderes übrig, als zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Da sie keine nennenswerte Qualifikation hatte, hatte ich ihr zumindest diesen Job bei Carsten verschafft.
Nach einer kurzen Affäre mit einem Unternehmensberater beendete ihr Freund das Verhältnis, als er davon erfuhr.
Kathrin kündigte bei Carsten, und zog wieder heim zu ihren Eltern.

Dort wollte sie als (Änderungs-)Schneiderin arbeiten. Ich war skeptisch gewesen, weil ihre Nähkünste zwar für den Hausgebrauch gut waren, aber professionellen Ansprüchen nicht genügten. Tatsächlich gab es wohl kaum eine Nachfrage nach ihren Diensten, nur gelegentlich ergab sich einmal ein Auftrag, so dass Kathrin wohl im Wesentlichen ihren Eltern auf der Tasche lag.
Ziemlich schnell lernte sie dann ihren Florian kennen, und schon recht bald wurde ihr Kinderwunsch erfüllt. Sie zog dann mit Florian zusammen, blieb aber in der Nähe ihrer Eltern. Deren Haushalt führt sie noch mit, da sie inzwischen nicht mehr so richtig fit sind, zwar noch nicht pflegebedürftig, aber die allgemeinen Arbeiten, die in einem Haushalt tagtäglich anfallen, fallen ihnen schon schwer. Dann ist da auch noch die hochbetagte Oma mütterlicherseits, für die zwar zweimal am Tag eine Pflegerin von der Sozialstation kommt, aber das reicht nicht aus.
Außerdem hilft Kathrin einem benachbarten Handwerksmeister bei seiner Büroarbeit (meines Wissens nur als Nachbarschaftshilfe und ohne offiziellen Vertrag), und verdient sich dadurch noch ein Taschengeld dazu (hat ihre Beschäftigung bei Carsten doch so viel gebracht, dass sie wenigstens etwas gelernt hat).

Auch wenn sie selbst bald ihren Florian heiratet, ist ihr oben genannter Spruch für sie nicht in Erfüllung gegangen. Sie arbeitet im eigenen, familiären Haushalt und dem ihrer Eltern, betreut ihr Kind und ihre Oma. Sie macht Schreib- und Näharbeiten, soweit Bedarf besteht. Ihre Milchmädchenrechnung ist also für sie selbst nicht aufgegangen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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18 Antworten zu Vierzehnhundertneunundneunzig

  1. elmardiederichs schreibt:

    Doch, irgendwie ist die Rechnung schon aufgegangen: Der tägliche Existenzkampf bleibt ihr erspart.

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  2. idgie13 schreibt:

    Diese Denkweise werde ich wohl nie verstehen ..

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    • Ich auch nicht. Ist aber wohl immer noch weitverbreitet.

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      • Oscar C. schreibt:

        Vielleicht verstehst du es nicht, weil du noch ehe jung bist? Je älter eine Frau wird, desto wichtiger das Vermögen seines Partners bekommt. Teenager suchen einfach nur Spaß und reizvolle Erfahrungen, aber ab 30 wird Stabilität deutlich mehr geschätzt. Bei uns Männer passiert das nicht.

        Schöne Geschichte auf jeden Fall. Zu diesem Zeitpunkt ist der „nette Mann“ ein festes Klischee, wenn die Rede über Beziehungen ist.

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        • Eigentlich wollte ich darauf hinaus, dass „nette“ Männer für mich nicht reizvoll sind, und ich allgemein Leute nicht mag, die sich selbst als „nett“ bezeichnen.
          So ganz jung bin ich (leider) nicht mehr.
          Vermögen und Stabilität sind ja keine Synonyme. Allerdings muss ich zugeben, dass für hinreichende Stabilität die Lebenshaltungskosten gesichert sein müssen.

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  3. Pingback: Red Flags, die Warnsignale – Rote Pille Blog – von Frauen und Männern im Westen

  4. Leser schreibt:

    Das Lustige daran ist: Wenn Du auch nur im Entferntesten ähnlich gestrickt wärest, wie Kathrin, dann könntest Du von Dir behaupten, dass dieser Spruch für Dich sehr wohl wahr geworden ist! Schließlich reicht das Geld, was man als Unternehmer mit 3 oder 4 eigenen Standorten mit jeweils zig bis hunderten (tausenden?) Mitarbeitern so verdient, locker aus, dass sich ein „Trophäenweibchen“ davon aushalten lassen könnte.

    Nur dass Du das eben überhaupt nicht so siehst (sehen kannst), weil Du halt komplett anders gestrickt bist. Und wärest Du es nicht, wärest Du vermutlich auch nicht in dieser Situation… 🙂

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    • Ja, ich arbeite einiges mehr als früher als Single, wo es mir reichte, bequem von meinen Einnahmen leben zu können.
      Ich bin wohl wirklich nicht der Typ, der sich untätig aushalten lässt. Wenn ich es wäre, glaube ich aber nicht, dass sich meine Beziehung zu Carsten so entwickelt hätte, wie sie es getan hat.

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  5. Jezek1 schreibt:

    Tja, da steht wohl ein weiterer Fall von Altersarmut ins Haus?

    Eine solche Rechnung geht nur auf, wenn „nett“ = „vermögend“ ist. Alles anderen sind Jungmädchenträume.

    Alternativ kann frau noch versuchen, die „Power-Muddi“ rauszulassen und zur aktiven Berufsphase ein möglichst hohes Einkommen zu erzielen.

    Persönlich würde ich diesen Weg bevorzugen weil am Besten von einem selbst zu steuern.

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  6. blindfoldedwoman schreibt:

    Immerhin erfüllt sie wichtige soziale Aufgaben. Auch das gilt es zu würdigen.
    Sinngemäß hab ich folgendes zuletzt gelesen: zukünftig wird die erste Person in einem Leben die Betreuerin in der Krippe sein und die letzte die Altenpflegerin im Heim.

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  7. Pingback: Ratwitter, ratwatter, ratwumm //1702 | breakpoint

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