Vierzehnhundertfünfundsechzig

Bei der Fortsetzung unseres Gesprächs habe ich einige Passagen herausgekürzt, die eher unwesentlich sind, und den Rest deutlich gestrafft und refaktorisiert.

..
„Es ist so überraschend für mich, dass du tatsächlich Kontrolle über die Firma abgeben willst.“
„Ich habe mir das gut überlegt, und bin mir des Risikos bewusst. Aber es muss wohl sein. Schau, Anne, es ist schon fast fünf Jahre her, als du begonnen hast, in der Firma mitzuarbeiten. Mir bleiben als Geschäftsführer noch etwa zehn, vielleicht fünfzehn Jahre, bis ich abtreten werde. Dann ist es Zeit für die Nachfolge. Und wir müssen bereits jetzt die Weichen stellen.“

„Was ist mit deinen Töchern?“, fragte ich ohne sonderliche Begeisterung, und um mich vielleicht doch noch aus der Schusslinie zu bringen, „vielleicht haben sie doch noch Ambitionen.“
Er schüttelte den Kopf: „Bei Verena bin ich schon froh, wenn sie ihre eigenen Verpflichtungen erfüllen kann. Und von Fiona ist erst recht nichts zu erwarten, zumal sie auch so unter dem Einfluss dieser Corinna steht. Nein, Anne, ich setze auf dich. Nur du hast mein volles Vertrauen, und dir traue ich es zu, Novosyx erfolgreich weiterzuführen. Sonst würde ich dir niemals diesen Vorschlag machen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass du eine exzellente Geschäftsführerin wirst.“

Als ich schwieg, fuhr er fort:
„Ich stelle mir unsere Roadmap etwa folgendermaßen vor: In den nächsten fünf Jahren werde ich noch verschiedene Geschäftsfelder ausbauen, und weiter expandieren. Du bist pro forma ebenfalls Geschäftsführerin, und arbeitest dich vor allem in kaufmännische und betriebswirtschaftliche Belange ein. Da hast du nämlich noch Defizite. In den darauffolgenden fünf Jahren ist bei mir Stillstand. Du übernimmst sukzessive meine Aufgaben und Verantwortlichkeiten, so dass wir beide in zehn Jahren etwa eine halbe-halbe Aufteilung haben werden. In den Jahren danach phase ich mich aus. Mit siebzig ist endgültig Schluss. Vielleicht auch schon früher. Nur das 40-jährige Firmenjubiläum möchte ich schon noch mitmachen. Nach allem, was ich im Laufe meines Berufslebens mitgekriegt habe, neigen ältere Geschäftsführer zunehmend zu Fehlentscheidungen. Soweit will ich es nicht kommen lassen, und mein Best-before-Datum nicht deutlich überschreiten.“
Ich verzichtete auf den Hinweis, dass ich ja dann auch schon über 50 wäre, und mich um einen Nachfolger kümmern müsste.

„Das ist dein Lebenstraum“, erwiderte ich stattdessen langsam, „nicht unbedingt meiner. Ich hatte nie Ehrgeiz in diese Richtung, und wollte nur so viel arbeiten, dass es für mich selbst reicht. Etliche Male habe ich Aufträge deshalb abgelehnt, weil ich sie nicht alleine hätte schaffen können, und deshalb Mitarbeiter beschäftigen wollte ich nicht. Aber jetzt willst du mir die Verantwortung für hunderte Angestellte aufdrängen. Und indirekt auch für deren Familien. Was ich bisher für deine Firma gearbeitet habe, habe ich alles nur dir zuliebe getan. Ich will mich gar nicht darüber beklagen. Es war OK für mich, und ich habe dadurch viel gelernt und konnte mich selbst weiterentwickeln. Aber irgendwo ist die Grenze dessen, was ich machen will. Alleine ein so großes Unternehmen zu leiten – auch wenn es erst in weiter Zukunft ist – ist jenseits dieser Grenze.“

„Das ist hoffentlich nicht dein letztes Wort, Anne. Gewöhn‘ dich erst mal an den Gedanken. Wir sollten in etwa zwei Wochen noch einmal ein Follow-Up-Gespräch halten. Wenn du irgendwelche Änderungen vorschlagen willst, dann können wir gerne darüber reden. Mr. Spock würde sagen, dass deine Beteiligung nur logisch ist.“
„Faszinierend schon“, widersprach ich, „aber nicht logisch.“

Wir beließen es dann vorläufig dabei, werden uns aber demnächst noch einmal wegen dieser Angelegenheit zusammensetzen. *seufz*

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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14 Antworten zu Vierzehnhundertfünfundsechzig

  1. Pendolino70 schreibt:

    Wäre die grösste Umstellung für dich nicht die Personalführung? Du hättest ja nur noch eine reine Managementrolle gegenüber den Abteilungs- und Standortleitern oder nicht?

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  2. ednong schreibt:

    LOL – breakpt will become a power woman 😉

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    • Also bitte, ednong, .. was du da wieder lustig findest ..

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      • ednong schreibt:

        Naja,
        es war so absehbar.

        Ihn kann ich voll und ganz verstehen, keine Frage. Sehe aber auch deine Zweifel und die von dir ungeliebte Arbeit – und dass dir das nicht recht ist. Aber es ist nun mal ein Familienunternehmen und es braucht letztlich einen Nachfolger. Es bestünde dann nur die Möglichkeit, sich eine andere, jüngere Person zu suchen, die das volle Vertrauen genießt. Gemacht werden muß das ja dann sowieso im Anschluß, wenn du übernehmen solltest. Und klar, ich verstehe auch, dass du deine Selbständigkeit nicht reduzieren willst. Ist ja irgendwie eine Form von Freiheit, die du da abgibst.

        Aber es war eben so vorhersehbar.

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        • Tja, egal wie ich es auch drehe und wende, im Endeffekt bleibt irgendwann die Verantwortung nur an mir hängen.
          Was bleiben mir für Optionen? Wenn ich es nicht selbst mache, muss ich jemanden finden, der es übernimmt, oder die ganze Firma verkaufen.
          Vor allem letzteres kommt auch nicht in Frage.

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  3. baerlinerin schreibt:

    Furchtbar! Hab nur den Kopf geschüttelt beim Lesen. Während er sich langsam aus dem Geschäft zieht, wirst du mehr und mehr Arbeit und Verantwortung dazu bekommen. Und eure Ehe? Wie du schon schriebst, wolltest du weiter selbständig bleiben und nur so viel Aufträge annehmen, wie du dazu benötigst und auch nur das, wofür du Zeit hast. Und nun stellt er alles auf den Kopf? Ich würde mich auf gar keinen Fall darauf einlassen und das Privatleben mit ihm, wenn er dann endlich mehr Zeit hat, eindeutig einer „neuen“ Karriere vorziehen!!! Just my two cents… Habt ein schönes WE ihr beiden und LG. :-*

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    • Ach, ich habe ja kaum eine andere Wahl, kann die Angelegenheit höchstens herauszögern.

      Die Selbständigkeit muss ich dann wohl langsam zurückfahren, aber nicht bis auf 0. An der Beratertätigkeit liegt mir eh nicht viel.
      Und ich werde ganz sicher darauf achten, dass unser Privatleben nicht zu kurz kommt.

      Auch für dich, deinen Mann und deinen Hund ein schönes Wochenende!

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  4. Dieter schreibt:

    Irgendwie aber doch schon länger absehbar, denke ich. Zumindest durch das, was ich hier so mitgelesen habe.

    Wobei es ja auch dann darauf ankommt, ob du weiter expandieren möchtest oder nur das Bestehende aufrecht erhalten.

    Wie dein Mann richtig meinte „Einfach mal die Oprionen etwas sacken lassen“ und schauen wie es sich nach einiger Zeit anfühlt.

    Wünsche euch ein schönes erholsames Wochenende
    VG Dieter

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    • Naja, dass ich (in ferner Zukunft) die Nachfolge übernehmen soll, war schon absehbar.
      Bloß war bisher nur immer die Rede von einer Anstellung.
      Der Vorschlag mit der Teilhaberschaft kam wirklich überraschend.
      Ich werde mir das bestimmt gut überlegen.

      Danke, und dir auch ein schönes Wochenende.

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  5. heubergen schreibt:

    Ich wäre geheert und würde mir eine solche Chance nicht entgehen lassen. Er hat über eine lange Zeit geplant und wird dich deswegen sicher gut einführen können.

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