Vierzehnhundertzwölf

Der Besuch des Bürgermeisters und seiner Begleiter letztes Wochenende hat mir Ingrid sehr ins Bewusstsein gerufen. Außerdem lese ich immer wieder Aussagen von Männern, dass Frauen sie finanziell ausbeuten.

Ich suchte und fand also bei einem gemeinsamen Spaziergang eine Gelegenheit, dies Thema Carsten gegenüber dezent zur Sprache zu bringen.
„Sag mal, Schatz, was hat Ingrid eigentlich so den ganzen Tag gemacht?“
„Wie? ‚Gemacht‘? Sie war zuhause, und hat sich um die Kinder und das Haus gekümmert.“
„Aber die Kinder waren doch meistens in der Schule, und für das Haus gab es die Haushälterin. Was noch zu tun übrig bleibt, scheint mir nicht übermäßig viel Zeit zu beanspruchen.“
„Ja, schon. Deshalb hat sie sich ja auch so sehr für die Gemeinde engagiert, war im Gemeinderat, zeitweise im Elternbeirat und hat bei mehreren Vereinen mitgearbeitet. Darum ist sie hier ja auch so beliebt gewesen.“

„Und was hat sie für dich getan?“
„Nun, sie hat mich gelegentlich zu Veranstaltungen und Geschäftsessen begleitet – so wie du das auch tust. Und hin und wieder hat sie selbst im Haus eine Feier mit Geschäftsfreunden ausgerichtet.“
„Bei letzterem kann ich natürlich nicht mithalten.“
„Kein Problem. Wozu gibt es Restaurants.“

„Hat es dich nicht gestört, dass sie – ohne wirkliche Gegenleistung – auf deine Kosten lebte?“
„Nein, weshalb sollte es das. Sie war meine Frau – da war das für mich selbstverständlich.“
„Manche Männer sehen das aber anders.“
„Wer denn? Dein Vater? Dein Schwager Thorsten? Dein Freund Benjamin? Sogar mein Bruder Norbert hat keine Probleme damit, obwohl er und Yvonne noch nicht einmal Kinder haben. Um ehrlich zu sein, habe ich aber darüber überhaupt nicht nachgedacht. Wenn das Geld knapp gewesen wäre, wäre es vielleicht anders gewesen. Und schließlich hatte Ingrid ja auch anfangs bei der Firma mitgearbeitet. Ich verdanke ihr also schon einiges, und sie war auch immer loyal.“

„Hat sie sich denn später überhaupt nicht mehr für die Firma interessiert?“
„Sie hat sich die Bilanzen gelegentlich angesehen, und zwei- oder dreimal jemanden für eine Arbeitsstelle empfohlen. Aber sonst – nein.“
„Sie hat also – spätestens seit die Kinder in die Schule kamen – nichts wesentliches für dich oder eure Beziehung getan.“

„So würde ich es nicht ausdrücken, obwohl es nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Aber – sag, Anny – was stellst du heute für seltsame Fragen? Du willst dich doch nicht etwa aus der Firma ausklinken? Du weißt, wie sehr ich deine Kenntnisse und Fähigkeiten schätze, und mich auf dich verlasse.“
„Nein, nein, daran hätte ich nicht gedacht. Ich werde dich schon weiterhin unterstützen.“
„Gut. Es würde mir aber auch nichts ausmachen, deine Ausgaben zu übernehmen, selbst wenn du kein eigenes Einkommen hättest.“
„Ich weiß. Trotzdem bleibe ich lieber finanziell unabhängig. Und ich würde dich auch finanzieren, wenn du alles verlieren würdest.“

Wir blieben kurz stehen, und küssten uns.
Beim Weitergehen nahmen wir das Thema nicht wieder auf.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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35 Antworten zu Vierzehnhundertzwölf

  1. stefanolix schreibt:

    Bei unserer Verlobung am Ende der DDR-Zeit (wir waren sehr jung und verliebt) flüsterte mir meine heutige Frau ins Ohr: »Aber ich will immer finanziell auf eigenen Beinen stehen.« – Und so blieb es: Eine friedliche Revolution, zwei Währungsreformen sind ins Land gegangen … und immer noch sind wir zwei wirtschaftlich unabhängige Menschen in einer Verantwortungsgemeinschaft.

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    • Das ist schön für euch!

      Wenn man zusammenlebt, ergeben sich Synergien und Einsparungen, aber auch gemeinsame Kosten.
      M.E. ist es wichtig, zu einem Arrangement für diese Ausgaben zu kommen, mit dem beide zufrieden sind, denn jeden Bissen Brot extra abzurechnen, ist unpraktikabel.
      Ob dagegen Außenstehende dieses Arrangement gut finden oder nicht, ist unerheblich.

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      • stefanolix schreibt:

        Die großen regelmäßigen Kostenblöcke bezahlen wir abwechselnd. Die Ausgaben für Lebensmittel im weitesten Sinne tragen wir beide zu gleichen Teilen. Und der Traum aller Equalisten ist hier erfüllt: beide tragen gleich viel zur Verantwortungsgemeinschaft bei.

        Was ich als großen Segen und großes Privileg empfinde, denn somit verteilen sich Chancen /und/ Risiken besser. Ich muss als Mann nicht mit der ständigen Angst vor dem beruflichen Scheitern leben, weil sich das Ausfallrisiko verteilt. Meine Frau ist nicht (wie alle ihre weiblichen Vorfahren) abhängig vom Ehegatten. Wenn man das überdenkt, geht es uns besser als den Vorgängergenerationen.

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        • Das funktioniert für viele Arten von Ausgaben.

          Aber wie macht ihr es z.B. mit der Stromrechnung. Bei uns wird einmal im Monat eine Zahlung von einem festen Konto abgebucht, ähnlich wie bei vielen anderen Nebenkosten.
          Da müsste man ja ständig das Konto für die Lastschrift oder den Dauerauftrag wechseln, bzw. alle Überweisungen händisch ausführen.

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  2. blindfoldedwoman schreibt:

    Wenn das für beide als Team funktioniert, wieso nicht?
    Natürlich ist es schön nach Hause zu kommen und das Essen steht auf dem Tisch, die Wohnung ist behaglich und dort wartet jemand, der sich auf Dich freut. (Aussage eines Mannes)
    Und Kinder machen einfach viel Arbeit. Das ist etwas völlig anderes, als wenn man zu zweit arbeitet und den ganzen Tag nicht zuhause ist.Wenn man dann noch ein großes Haus hat, ist man schon beschäftigt. Im Schulalter nehmen die Aufgaben zu. Hausaufgabenbetreuung, die Kinder zu ihren Hobbies und Freunden fahren. Auf dem Land geht das selten anders. Und natürlich gibt es noch die soziale Komponente. Die Frauen sind oft für die Pflege der Kontakte zuständig. So wie das wohl bei Ingrid auch war.
    Es ist sicher nicht ganz einfach für Dich. Ingrid scheint eine sehr warmherzige und liebevolle Frau gewesen zu sein, die überall beliebt war.
    Aber Carsten hat sich bewußt für Dich entschieden und auch dagegen nochmals Vater zu werden. Mit dem Alter haben sich da sicher seine Prioritäten verschoben und er hat mit Dir eine andere Art der Partnerschaft.Das kann man nicht vergleichen.

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    • Damit hast du schon irgendwie recht, aber dennoch ist dies nur ein Teilaspekt.

      Ich arbeite teils unentgeltlich für Carsten’s Firma. Dafür trägt er unsere gemeinsamen Kosten.
      Das haben wir irgendwann so ausgehandelt. Ich würde mich nicht wohl fühlen, in seiner Schuld zu stehen, und selbst nichts, oder deutlich weniger, für unserer gemeinsames Leben beizutragen.

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      • blindfoldedwoman schreibt:

        Sie hat ihn ja nicht wegen seines Geldes geheiratet, hat seine Kinder bekommen und für ein Heim und soziales Leben gesorgt. Später hätte sie sicher in seiner Firma arbeiten können. Es kann einige Gründe geben, wieso es anders gekommen ist.
        So wie es klingt, hat sie ihn ja nicht ausgenutzt. Und nur weil sich später der Anteil verschoben hat, stand sie sicher nicht in seiner Schuld.
        Man kann beide Partnerschaften nicht vergleichen.

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        • Weder Carsten noch ich machen ihr einen Vorwurf.
          Die Tatsache bleibt dennoch bestehen, dass ein gewisses Ungleichgewicht herrschte, das missgünstige Beobachter als „Aushalten“ bezeichnen könnten.

          Insgesamt sehe ich eine Ehe als Versprechen, zusammenzuhalten, und einander als Gefährten und Vertraute beizustehen.
          Die finanziellen Implikationen gehen Außesnstehende nichts an, solange man sich selbst einig ist.

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          • blindfoldedwoman schreibt:

            Das mag heute so sein, aber in der Generation war das nicht so. Da hat sich die Wahrnehmung verschoben.
            Aushalten bedeutet für mich, der eine Teil macht sich auf Kosten des anderen ein schönes Leben, shoppen, Kosmetikerin, Friseur, mit den Freundinnen im Café Sekt trinken.
            Sie hat sich ja zudem engagiert. Übrigens wird man auch im Job für politische Tätigkeiten freigestellt.

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            • Unter „Aushalten“ verstehe ich, einem anderen den Lebensunterhalt ohne verwertbare Gegenleistung zu finanzieren. Das muss nicht unbedingt ein Luxusleben sein.

              Sie hat sich zwar engagiert, aber das war nicht unbedingt in Carsten’s Interesse. Dadurch denkt das halbe Dorf immer noch, es hätte einen Anspruch auf seine Geldspenden.
              Und was die „sozialen Kontakte“ betrifft, so will Carsten nach Feierabend seine Ruhe, und nicht sein Haus vorfinden voller Freunde und Bekannter seiner Frau (das hat ihn früher oft gestört).

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            • blindfoldedwoman schreibt:

              Wahrscheinlich ein typischer Fall von mangelnder Kommunikation und falscher Rücksichtnahme.
              Und er hat es weder als „aushalten“ empfunden, noch hätte er sich wahrscheinlich scheiden lassen.
              In so einer Beziehung steckt man nicht drin und es ist Vergangenheit.
              Vielleicht solltest Du nur einmal genauer nachforschen, ob er wirklich genau so über soziale Kontakte denkt wie Du oder sich da einfach anpasst, weil es ihm nicht so sehr wichtig ist und deswegen das antwortet, was Du hören möchtest.

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            • Inzwischen kenne ich Carsten gut genug, um ihn da einschätzen zu können.
              Im Laufe der Jahre gab es gelegentlich schon Situationen, in denen er sich genau in diese Richtung äußerte.
              Ingrid’s großer Freundeskreis hat ihn schon hin und wieder genervt. Er hat das halt toleriert. Und ist im Zweifel eben länger im Büro geblieben, statt heimzufahren.

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            • Imion schreibt:

              @blindfolded
              Nur weil er es nicht als aushalten gesehen hat, heist das noch lange nicht, das die Frau das nicht gemacht hat. Männer werden dazu erzogen, von Frauen. Dazu noch der ganze femiquatsch über die angeblich achso benachteiligte Frau seit über 50 Jahren, das erzeugt ein schlechtes Gewissen. Ansonsten wäre es essig mit Ladies nights, Frauennachttaxen, Getränke und Dates ausgeben und dergleichen. Das ganze Leben von Frauen ist defacto von Männern finanziert.

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  3. ednong schreibt:

    Ich denke auch, das sind 2 völlig unterschiedliche Partnerschaften/Ehen gewesen. Halt mit unterschiedlicher Ausrichtung. Als Aushalten würde ich aber keine bezeichnen.

    Es ist doch immer das Einverständnis beider für eine akzeptable Handlung notwendig (also damit sie akzeptabel für beide wird). Und nun schätzt er an dir Dinge, die er so vielleicht vorher nicht (in dem Maße) hatte. Das ist doch okay. Und du beharrst auch regelmäßig darauf, deinen Anteil am gemeinsamen Leben finanziell beizutragen, das ist ebenso okay.

    Du machst dir vermutlich nur zuviel Kopf drum 😉

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  4. idgie13 schreibt:

    Sie hatten halt einen anderen Lebensentwurf. Ich kann Deinen Vorwurf, Ingrid gegenüber nicht wirklich nachvollziehen.

    Es gibt nicht die eine wahre und richtige Art, sein Leben zu leben.

    Bei uns selber fahren wir die Variante:
    Jeder verdient sein eigenes Geld, jeder überweist den gleichen Betrag auf ein Konto, von dem alle laufenden Kosten weg gehen.
    Das funktioniert aber nur, weil wir keine Kinder haben und in etwa gleich viel verdienen.
    Wenn einer mal grad einen finanziellen Engpass hat, übernimmt der andere die Kosten.

    Ich hatte mit meinem Ex-Mann das Modell „alles Geld auf ein Konto“. Damit war ich nicht so glücklich – ich bin nicht so extrem symbiotisch veranlagt, dass alles geteilt werden muss.

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  5. Imion schreibt:

    Es ist halt die Erziehung durch Frauen, das Männer dabei nichts negatives sehen, obwohl sie die einzigen sind, die etwas in der Beziehung leisten, während die Frau sich ein schönes Leben mit Hobbys und dergleichen macht.

    Der schwerste Fehler der Männer war es, während der Industriellen Revolution den Frauen die Kinder anzuvertrauen, ab diesem Zeitpunkt konnten die Frauen die Kinder nach ihren wünschen formen. Seitdem werden Jungs dazu erzogen, alles für die Frau zu tun, während Mädchen dazu erzogen werden, spass auf kosten der Männer zu haben.

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    • Es bleibt dennoch in der Verantwortung jedes einzelnen Paares, solche Angelegenheiten für sich zu regeln.

      Ich glaube, dass zu allen Zeiten zumindest die kleinen Kinder von den Müttern versorgt wurden. Diese Notwendigkeit ergibt sich zwangsläufig durch das Stillen.
      Auch heute noch haben insbesondere Naturvölker noch lange Stillphasen.
      Frühestens nachdem die Kinder entwöhnt sind, konnten sie zum Vater kommen, und meist blieben zumindest die Mädchen bei der Mutter.

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      • Imion schreibt:

        @anne
        Ja, wenn die Väter die gleiche Rechte hätten, wie die Mütter. Bekommt eine Mutter aber nicht ihren Willen, oder die Frau, dann lässt sie sich scheiden. Die Folge: Der Mann muss mit Unterhaltszahlungen die Frau durchfüttern und sieht sein Kind nicht mehr. Ein Mann kann bei einer Scheidung nur Verlieren, die Frau nur gewinnen.

        Früher wurden die Kinder neber das Feld gelegt, und die Mutter hat unter anderem mit auf dem Feld gearbeitet. Es war zu allen Zeiten in der Menschheit so, das die Gruppe die Kinder erzogen hat, und nicht nur die Mutter oder die Mütter. Bei uns ist das auch erst seit der Industrialisierung der Fall. Aufgrund der 16 Stunden Schichten und 6 Tage Woche der Männer.

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      • Imion schreibt:

        @anne
        Es ist daher auch reiner Wille der Frauen, und nicht die Biologie, das sie verlangen, das der Mann alles zahlt.

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  6. Pingback: Twittanic //1576 | breakpoint

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