Dreizehnhundertneunundneunzig

Gelegentlich wird Carsten von Geschäftsfreunden zum Essen eingeladen, und ich bin manchmal als Begleitung – nolens volens – dabei.
In Restaurants ist das Essen wenigstens meist gut (zumindest solange es kein Schickimicki-Restaurant ist). Aber viele Gattinnen dieser Geschäftsfreunde haben den Ehrgeiz, selbst zu kochen. Dann ist das Essen auch häufig lecker, aber eben nicht immer.
So waren wir vor einiger Zeit eingeladen. Die Frau des Gastgebers (beide recht korpulent) hatte zusammen mit einer Freundin das Menü zubereitet, und erklärte jetzt in aller Ausführlichkeit, dass alle Gäste heute einmal so richtig zulangen könnten. Sie hätte nur Zutaten mit „fast ohne Kalorien, kaum Fett und völlig ohne Zucker“ ausgewählt.
So sah das Essen dann auch aus: „low carb – low fat – low taste“. Ich aß nur ein wenig unbearbeitete Paprika, Gurke und etwas Obst. Schließlich will ich meinen Stoffwechsel nicht mit irgendwelchen Süßstoffen o.ä. aus dem Tritt bringen, noch meinen Magen mit nährwertarmen Speisen vollstopfen.
Als Getränke gab es zuckerfreie Softdrinks, alkoholfreies Bier und (auf ausdrückliche Nachfrage hin) koffeinfreien Kaffee. Man kann es mit der Freiheit wirklich übertreiben, weshalb ich mich auf Mineralwasser beschränkte.
Bei der Verabschiedung meinte dann die Frau des Gastgebers (mehr zu ihrer Freundin hin), es sei kein Wunder, dass ich so schlank sei, schließlich hätte ich kaum etwas gegessen. Auf die Idee, dass ich nur wenig gegessen habe, weil mir ihr Zeug nicht schmeckt, und ich mir dadurch nicht den Appetit verderben will, kommt sie nicht. Ich war aber – wieder mal – viel zu höflich, und erwiderte nichts, sondern lächelte nur. Soll sie denken, was sie will, und das meinetwegen ruhig als Bestätigung ihrer Vermutung nehmen.

Ein andermal waren Carsten und ich wieder bei einem Asiaten mit All-you-can-eat-Buffet. Ich schätze solche Buffets sehr. Die Selbstbedienung erlaubt mir, von jeder Speise, die ich möchte, gerade so viel zu nehmen wie ich will. Nur dort kann ich von vielen köstlichen Speisen jeweils nur kleine Mengen nehmen, und somit vieles Unterschiedliche probieren, gerade so wie ich mag, und ohne mit irgendwelchem Bedienpersonal kommunizieren zu müssen.
Wie schade, dass man nicht auf Vorrat essen kann!
Diesmal war aber auch ein Kind (vermutlich irgendwo zwischen sieben und zwölf Jahren, und von mir aufgrund des Haarschnitts und der Kleidung eindeutig als Junge identifiziert) anwesend, das mir immer wieder beim Buffet zuvorkam. Es hatte einen großen Teller, und schaufelte größere Mengen einzelner Gerichte darauf – gerade von denen, die ich mir auch gleich nehmen wollte. Mehrmals musste ich so warten, während das Kind kleckerte, und sich bestimmt mehr auflud, als es essen konnte, und insbesondere die gebackenen Bananenbällchen vollständig abräumte.
Wie der Zufall es wollte, saß es mit seinen Eltern am Nebentisch, so dass ich es nicht immer vermeiden konnte, dass einzelne Gesprächsfetzen an mein Ohr drangen. Auf diese Weise erfuhr ich, dass das Kind tatsächlich ein Mädchen war.
Aufgrund meiner Befremdung darüber fällt mir dazu kein Schlusssatz ein.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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14 Antworten zu Dreizehnhundertneunundneunzig

  1. claudius2016 schreibt:

    An solchen Buffets gehen mir alte Leute oft auf den Wecker, die sich Sachen auf- oder einpacken, die sie sicher nicht essen können. Bei einem Frühstücksbuffet prahlte mal eine Gruppe, sie hätten immer noch gekochte Eier vom Vortag, packten sich aber wieder welche ein. Natürlich ohne ein Lunchpaket zu bezahlen, was ja durchaus angemessen gewesen wäre.
    Das Sozialverhalten wird immer egozentrischer in unserer Gesellschaft.

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    • Es heißt ja, „All you can eat“, und nicht „All you can take away“.
      So ein Buffet ist nicht dazu gedacht, sich Vorräte anzulegen. Da sollte man sich eben nicht mehr auf den Teller tun, als man wirklich essen kann, und wenn man danach noch mehr möchte, holt man sich noch eine Portion.
      Bei geringen, wirklich ungeplanten Resten ist aber IMHO einpacken besser, als wegwerfen. Aber man darf es nicht darauf anlegen.

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  2. stefanolix schreibt:

    Ich bewundere Deine Reaktion im ersten Fall! Es ist schwer, in solchen Fällen etwas vernünftiges zum Essen zu finden und Mineralwasser kann ein großer Trost sein 😉

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  3. ednong schreibt:

    Uah, das erste klingt gruselig. Und dann noch Süßstoffe am Essen – ganz fatal. Da bekomme ich in aller Regel nix mehr runter.

    Beim All-U-can-eat gibt es die nette Variante, dass du das (zusätzlich zum Buffetpreis) zahlst, was du auf dem Teller liegen lässt. So kann man sich seine Schweinchen auch erziehen …

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    • Pendolino70 schreibt:

      Kleinen Kindern kann man so ein Verhalten nicht zum Vorwurf machen, da sie sich noch nicht derart gut einschätzen können und planend handeln.
      Bei den Alten spielt hat auch die Erziehung mit, weil sie oder deren Eltern noch nicht in der Überflussgesellschaft gross geworden sind und die negativen Folgen wie Übergewicht etc. gar nicht als solche sehen.
      Für meinen Teil versuche ich mich zurückzuhalten bei Buffets, für mich lohnen sich die meist gar nicht. Wenn doch mal etwas übrig bleibt oder Kinder was übrig lassen, lasse ich es stehen oder werfe es weg.
      Was ich nicht mehr hören kann sind Sätze wie: „Was auf dem Teller liegt, wird auch gegessen!“ Das Resultat sieht man ja…

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      • So klein war das Kind nicht mehr. Hätte meines Erachtens nach durchaus etwa abschätzen können müssen, wieviel in den Magen passt. Oder die Eltern hätten es bremsen müssen.
        Ich habe allerdings nicht mitgekriegt, wie die Sache ausgegangen ist. Vielleicht haben ja auch die Eltern die Reste gegessen.

        Was man sich selbst auf den Teller tut, sollte man schon aufessen. Da muss man sich halt vorher überlegen, wieviel man schafft.
        Völlig anders ist die Lage, wenn jemand anderes einem den Teller füllt. Da fühle ich mich nicht daran gebunden, alles aufzuessen.

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    • Süßstoffe sind wirklich widerlich, und verderben mir den Appetit.

      Normalerweise fange ich beim Buffet mit einem großen Teller an, und nehme bei späteren Gängen immer kleinere Portionen, bis es symptotisch gegen 0 geht.

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  4. Plietsche Jung schreibt:

    Sie wird sich ihren Teil gedacht haben, unterschätze Menschen nicht.

    Diese Asia AYCE Buffets mag ich auch gern, esse aber trotzdem keine Antilope oder Kokodil. Beim Gemüse probiere ich alles.
    Ich war mal geschäftlich 5 Tage in Hongkong und muss gestehen, dass es mir nicht git gefällt, wenn ich nicht weiß, was das da auf dem Teller sein soll. Die kantonesiche Küche ist nicht so schön wie ihr Ruf. In Taipeh hat es mir deutlich besser gefallen, schön spicy alles und vor allem, mit Wiedererkennungseffekt.

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    • Die anderen Gäste schienen auch nicht gerade begeistert von dem Essen. Das schien sie aber ausblenden zu können.

      Die chinesische Küche ist schon sehr vielfältig. Hierzulande kriegen wir aber nur eine ziemlich europäisierte Variante mit,

      Ich gehe bei der Auswahl der Speisen nach dem Aussehen, und dem Schild mit dem Namen, das meist daneben steht.
      Außerdem versuche ich auch gerne etwas neues – auf Entenfüße, Schwalbennester oder 1000-jährige Eier habe ich aber keine Lust.

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  5. Pingback: Twittanic //1576 | breakpoint

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