Dreizehnhundertsiebenundneunzig

Die Frage, ob das Internet die Gesellschaft spaltet ist heute Thema des Webmasterfriday.
Darüber könnte man natürlich Romane schreiben, aber ich beschränke mich auf einzelne Aspekte.

Zunächst stellt sich mir die Frage, warum es überhaupt unterschiedliche Meinungen gibt, und wir nicht alle die gleiche, alleine „richtige“ (eventuell gesellschaftlich vorgegebene) Meinung teilen (und auch nicht den Mantel).
Nun, jeder Mensch wird mit anderen genetischen Eigenschaften geboren, wächst in einem anderen Umfeld auf, andere Erziehung, andere Bildung, .. so dass zwei nicht-identische Menschen (sogar eineiige Zwillinge) niemals identische Voraussetzungen haben.
Aufgrund unterschiedlicher Begabungen und Bedürfnisse werden zwei Menschen neue Informationen auch unterschiedlich bewerten. Jeder gewichtet und priorisiert anders, weil die Datenbasen sich unterscheiden. Dabei gibt es kein „Richtig“ oder „Falsch“, weil niemand eine wirklich vollständige und objektive Datenbasis hat.
Es ist auch völlig natürlich, dass jeder zunächst an sich selbst und seine eigenen Interessen denkt. Ein gesunder Egoismus ist normal und völlig in Ordnung, solange dadurch niemand anders beeinträchtig wird.
Unterschiedliche Meinungen verschiedener Personen können sich so nur aneinander annähern, aber nie in sämtlichen Aspekten übereinstimmen, selbst wenn jeder aus den gegebenen Informationen immer die folgerichtigen Schlüsse zieht.
Trotz unterschiedlicher Meinungen können diese Menschen aber konstruktiv miteinander diskutieren und verhandeln, auch wenn es nicht immer zu einem Konsens kommt.

Dann gibt es noch die Art von Personen, die weder Tatsachen noch logsche Schlüsse brauchen. Ihnen genügt es, wenn sie „die Wahrheit“ irgendwie fühlen, oder kritiklos unbelegte Behauptungen anderer glauben, nur weil ihnen das so gefällt.
Durch ihre Faktenresistenz ist es i.A. kaum möglich, mit solchen Leuten einen konstruktiven Dialog zu führen. Das ist meist reine Zeitverschwendung.

Das Internet nun wirkt enorm katalytisch, was den Meinungsaustausch unter den Menschen angeht. Jeder kann seinen Senf zu jedem beliebigen Thema frei und in Echtzeit allen Interessierten mitteilen. Früher waren die Möglichkeiten des Einzelnen da wesentlich begrenzter. Noch in meiner Jugend war ein Leserbrief an eine Zeitung so ziemlich die einzige Möglichkeit eines Normalverbrauchers, seine Gesinnung kund zu tun.
Durch Social Media finden Gleichgesinnte schnell zusammen, die sich einander in ihren Ansichten bestärken. Das ist zunächst nichts schlechtes. Man muss ja nicht immer auf Konfrontation aus sein, sondern möchte sich einfach nett mit anderen unterhalten.
Es bilden sich jedoch Filterblasen, die keine anderen Meinungen mehr durchlassen, und Andersdenkenden oft unversöhnlich gegenüberstehen.
Abweichende Ansichten werden nicht mehr durchdacht oder wenigstens tolerant zur Kenntnis genommen, sondern als Hatespeech diffamiert – und das möglichst öffentlichkeitswirksam. Wer nicht der gleichen Meinung ist, ist der Feind. Wer nicht ausdrücklich „dafür“ ist, ist „dagegen“.

Diesen Effekt gibt es leider mehr als genug im Internet. Allerdings mache ich das Internet dafür nicht ursächlich verantwortlich. Es ist lediglich der Beschleuniger, der die ungehinderte Kommunikation von Menschen ermöglicht, die sonst nie miteinander zu tun gehabt hätten.
Ich sehe im Internet mehr Chancen, da wir dadurch an schnellere und umfassendere Informationen kommen als je zuvor.
Es liegt an uns, was wir daraus machen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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29 Antworten zu Dreizehnhundertsiebenundneunzig

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Solange man offenen Geistes bleibt, sind verschiedene Meinungen sehr hilfreich und konstruktiv. Leider hapert es hier sehr.

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  2. Pendolino70 schreibt:

    Volle Zustimmung zum heutigen Blogbeitrag.

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  3. Pingback: Das Internet ist das schlimmste Propagandawerkzeug, das es je gab » 2Bier.de

  4. Horst Schulte schreibt:

    Es liegt an uns, was wir daraus machen. Ein schöner Schlusssatz.

    Meine Meinung ist nicht so zuversichtlich. Wir werden durch das Internet in einer Weise manipuliert, wie es lange Zeit nicht möglich schien. Ich kann nicht behaupten, wir wären „früher“ nicht manipuliert worden. Deshalb klingt es seltsam, wenn ich behaupte, dass das Manipulationspotenzial lange Zeit geringer war als jetzt. In totalitären Regimen gibt es eine Informationsquelle, die den Namen nicht verdient.

    Wir hatten über Jahrzehnte bessere, objektivere Möglichkeiten, uns zu informieren. Sie waren nicht unterwandert von technischen Finessen und Fallstricken (#Neuland), die wir nicht mal kennen, viel weniger einzuschätzen wissen.

    Früher war es so, dass, wenn man national nicht fündig wurde, sich bei der internationalen Presse vielleicht ein umfassenderes Bild machen konnte. Inzwischen ist das Internet für viele die einzige Informationsquelle geworden. Manche schauen keine Nachrichten und lesen keine Zeitung, sondern nur noch die Sozialen Medien. Das hat so weitreichende und negative Konsequenzen für unsere Meinungsbildung, dass meine Sympathie für das Medium längst in großer Skepsis umgeschlagen ist.

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    • Auch früher haben Presse und Nachrichten in Fernsehen und Radio nur selektive Neuigkeiten verbreitet.
      Die vermittelbare Information war begrenzt, so dass eine Auswahl getroffen werden musste, die nicht immer objektiv und ausgewogen war.
      Zeitungen aus anderen Ländern konnte man nur mit zeitlicher Verzögerung lesen, wenn vieles schon nicht mehr aktuell war.

      Dank des Internets kann man sich – wenn auch mit gehörigem Aufwand – zusätzliche Informationsquellen erschließen.
      Wer also tatsächlich an umfassenden Informationen interessiert ist, hat zumindest die Möglichkeit dazu (auch wenn kaum jemand sie wahrnimmt).

      Nach meinem persönlichen Eindruck (den ich aber nicht belegen kann), bemühten sich die Journalisten früher jedoch stärker um Neutralität und Unvoreingenommenheit.
      Heutzutage scheint es schon so, als ob es den meisten Journalisten vor allem darum geht, ihre persönliche Weltsicht zu verbreiten. Diese Entwicklung halte ich für bedenklich, laste sie aber nicht (nur) dem Internet an.

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      • Horst Schulte schreibt:

        Den Vorwurf in Richtung des heutigen Journalismus höre ich oft. Und wir tun gut daran, zu hinterfragen, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist. Die eigene Erwartungshaltung scheint mir so auf Krawall gebürstet, dass es kein Wunder ist, wenn sich die Medien darauf einstellen. Dieses System befeuert sich dummerweise gegenseitig.

        Die Kernfrage bleibt für mich die, ob wir je dazu in der Lage sein werden, unsere Quellen kritisch zu reflektieren und die Einordnungen vorzunehmen, die uns (früher) Journalisten abgenommen haben. Diese Einordnungen waren, das räume ich ein, allerdings wohl ebenfalls nicht frei von Manipulation. Die Sachverhalte waren allerdings darüber hinaus, weniger komplex. Selbst das kommt mir allerdings auch vielleicht nur so vor. Es gibt ja den legendären Satz von Hajo Friedrichs. Das wirklich Zitat geht allerdings etwas anders, als es immer wiedergegeben wird:

        „Das hab’ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, daß die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören.“

        Ich interpretiere es so, dass Journalisten sich sehr wohl betroffen fühlen und das auch reflektieren sollen. Heute stellen x-beliebige Leute (bis hin zu arrivierten Wissenschaftlern) Thesen auf (Weltverschwörungstheorien), die unglaubliche Zustimmung finden. Das Problem, dass für fast alle Thesen Gegenthesen vorhanden sind, macht die Sache immer schwieriger. Abgesehen davon werden wir zunehmend mit blanken Lügen konfrontiert und jeder, der es wagt, diese als solche zu bezeichnen, wird virtuell zerfetzt – vorausgesetzt, er befindet sich gerade mal nicht in seiner Filterblase oder Echokammer.

        Wahrscheinlich gibt in unserer technischen Entwicklung ähnliche, vergleichbare Fälle, in denen manche stetig vor dem „neuen Teufelszeug“ gewarnt haben. Ich denke, an die Kritiker, die behaupteten, dass die Geschwindigkeit eines Zuges für Menschen schädlich sein würde. Aber sind diese Erfahrungen vergleichbar mit dem, was das Internet an gesellschaftlichen Veränderungen mit sich bringt?

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        • Früher war es halt schwierig, überhaupt an Informationen zu kommen, heute sieht man durch den Informationsüberfluss den Wald vor lauter Bäumen nicht.
          Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die Auswahl an relevanten Informationen Medien, Suchmaschinen, etc. zu überlassen.
          Dafür habe ich auch keine Lösung.

          Ich persönlich halte es so, dass ich versuche, mich auf einigen Themengebieten einigermaßen auf dem Laufenden zu halten.
          Bei anderen Themen kann ich halt nicht mitreden, und halte mich besser zurück.

          IMHO wäre schon sehr viel gewonnen, wenn Leute nur über die Themen sprechen würden, über die sie fundierte Kenntnisse haben, und ansonsten den Mund halten.
          Leider läuft es jedoch so, dass Ahnunglosigkeit gerne mit großer Klappe kompensiert werden soll.

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  5. Leser schreibt:

    Der beschriebene „Entweder-Oder-Effekt“ zeigt ja im Grunde eine Radikalisierung des Denkens auf. Meine Theorie geht auch da hin, dass das schon immer vorhanden war (zumindest als Potential, und je unzufriedener Menschen werden, desto eher neigen sie, in solchen einfachen Kategorien zu denken und so die Komplexität der Welt zu verkennen), und das Internet, bzw. die Existenz von sozialmedialen Echokammern und Filterblasen hat das Ganze nur noch verstärkt. Das ist aber gleichzeitig eine Chance, denn so wie das jetzt vielleicht noch nur einem Bruchteil der Menschen klar ist, wird dieser Effekt schon wenige Jahre später von der breiten Masse „durchschaut“ sein, weil die Bewusstheit darüber gestiegen ist. Und das wiederum schafft eine wichtige Grundvoraussetzung für differenziertes Denken bei allen, die dazu grundsätzlich in der Lage sind, denn die Notwendigkeit dazu wird erkannt. Damit brechen die Echokammern auf und die Filterblasen platzen ebenfalls, und eine zunehmende Anzahl Leute nimmt mehr/unterschiedliche Informationen wahr (und ordnen sie nicht mehr nach einem einfachen schwarz-weiß-Schema in ihr Weltbild ein).
    Im Grunde der Erste Schritt in die richtige Richtung, zu erkennen, dass technischer Fortschritt nicht gleichbedeutend mit Zivilisiertheit ist, sondern dass es dazu auch differenziertes Denken ohne Kategorien und Schubladen benötigt. Es ist halt ein Prozess, und der ist meiner Meinung nach noch ziemlich nah an seinem Anfang (dafür aber trotzdem unaufhaltbar).

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    • Deinem ersten Absatz stimme ich zu.

      Allerdings bin ich skeptisch, ob es tatsächlich zu einem Umdenkprozess kommt.
      Wünschenwert wäre das zwar, aber in traue es unserer Gesellschaft noch lange nicht zu. Dazu habe ich in den letzten Jahren viel zu viele unfassbar bornierte Aussagen gelesen, und den Hass erlebt, wenn diese Aussagen kritisch hinterfragt wurden.

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      • Leser schreibt:

        Ja, das muss immer erst mal auf die Spitze getrieben werden, bevor es erst einigen, und dann immer mehr klar wird, wie unsinnig das Ganze ist, und irgendwann hat es dann ein Großteil kapiert, und das Ganze „kippt“ auf gesellschaftlicher Ebene zu etwas anderem (hoffentlich besserem). Ist halt ein Lernprozess…

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