Dreizehnhundertfünfundneunzig

Eigentlich hätte das erste Projekttreffen der Mediziner schon früher stattfinden sollen, aber sie hatten sich nicht auf einen gemeinsamen Termin einigen können. Auch diesmal waren nicht alle Beteiligten anwesend.

Norbert hatte mit mir vereinbart, mich am Spätnachmittag vom Büro abzuholen, und dann gemeinsam zum geplanten Treffpunkt zu fahren, und mich anschließend wieder heim zu bringen.
Ich hatte mein Notebook mit einer vorbereiteten Präsentation zwar dabei, hatte aber schon im Vorfeld geahnt, dass es im vorgesehenen Besprechungsraum keinen Beamer geben würde, weshalb ich die wichtigsten Daten noch einmal als Handout ausgedruckt hatte.
Meines Erachtens wäre es sinnvoll, das nächste Mal das Projekttreffen in der Firma abzuhalten. Ich werde das mit Carsten klären. Das ist dann auch für mich einfacher, und es gibt dort alle Bürogeräte, die man eventuell braucht.
Wie zu erwarten, verstanden die Ärzte die technischen Einzelheiten, die ich ihnen darlegte, kaum. Immerhin kam kein nennenswerter Widerspruch, und der Name der Domain wurde auch festgelegt, so dass ich ihn mir gleich sichern und registrieren kann.

Auf dem Rückweg geschah es auf der Treppe – ich weiß nicht, es kann Zufall gewesen sein, oder auch nicht, meines Erachtens aber zumindest vermeidbar – dass Norbert’s Hand meinen Po deutlich streifte.
Ich ignorierte es (wenn ich nicht gebunden wäre, hätte ich allerdings aufgeschlossener reagiert), frage mich aber seither die ganze Zeit, ob es Absicht war. Keinesfalls werde ich Carsten davon erzählen. Selbst wenn das Grabschen vorsätzlich gewesen sein sollte, will ich aus dieser Art Anerkennung und Kompliment bestimmt kein Drama machen, und kann es Norbert auch nicht verdenken, denn schließlich fühlt sich (wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß) mein Hinterteil „einfach wahnsinnig gut“ an. Das muss für einen Mann ein haptischer Genuss sein, so ähnlich wie das Streicheln des seidigen Fells einer Katze (und der Katze gefallen die Streicheleinheiten schließlich auch). Außerdem habe ich auch eine Schwäche für Männer mit gutem Geschmack, die sich trauen, die Gelegenheit zu nutzen, insbesondere da heutzutage unsere Gesetze immer prüder, restriktiver und sexfeindlicher werden. Und schließlich ist so ein freundlicher Pograbscher (durch die Kleidung durch) wesentlich angenehmer als einander bei der Begrüßung abzubusseln – uääh! Sogar angenehmer als ein Händedruck, der ja mit unhygienischem Hautkontakt verbunden ist. Nach meinem persönlichem Empfinden es es auch weit weniger übergriffig als dieses unsägliche „Deckel-hoch-der-Kaffee-kocht“ aus meiner Schulzeit.
Zwischen Norbert und Yvonne scheint es seit längerer Zeit zu kriseln, so dass Norbert möglicherweise Nachholbedarf hat.
Geplanten Vorsatz schließe ich eigentlich aus. So dumm wie Patrick ist er nicht. Er wird es bestimmt nicht mit seinem Bruder verscherzen wollen, und sicherlich ist ihm bewusst, dass ich den Einfluss habe, den Geldstrom für das Projekt jederzeit versiegen zu lassen. Eine spontan-impulsive Unbedachtsamkeit aufgrund temporären Blutdefizits seines Gehirns halte ich dagegen für plausibel. Schließlich ist mein einladend-ausladender Hintern nicht nur zum Draufsitzen gut. So ein harmlos-freundlicher Grabscher tut nicht weh, macht nichts kaputt, verursacht auch sonst keinerlei Schaden. Im Gegenteil – die dadurch ausgedrückte Bewunderung schmeichelt der Eitelkeit, da es ein Beleg für die eigene Attraktivität ist. Warum also echauffieren sich manche Frauen so darüber, und machen für weit harmlosere Angelegenheiten einen #Aufschrei?

Vor der Wohnung angekommen, fragte ich Norbert, ob er noch mit hinauf will, um mit Carsten zu reden, aber er lehnte ab.
Nun ja, wir hätten gleich abklären können, ob Carsten die Räumlichkeiten für die künftigen Projekttreffen zur Verfügung stellt. Aber das ist nicht so dringend, und außerdem war es mir auch lieber, gleich mit Carsten alleine zu sein, als erst noch einen Besucher betreuen zu müssen.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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76 Antworten zu Dreizehnhundertfünfundneunzig

  1. Molly L. schreibt:

    Witzig, wie sehr wir manchmal unterschiedlich denken. Wer mir absichtlich an den A*sch packt, bekommt verbal eine geschallert. Am liebsten wäre mir eine saftige Ohrfeige, aber da hätte ich wahrscheinlich zu große Hemmungen. Gucken kann jeder, aber einfach zu anfassen ist ein absolutes No-Go. Mache ich ja auch nicht. Und hat IMHO auch nichts mit einem Kompliment zu tun. Ich gehe ja auch nicht im Restaurant zum Nachbartisch und lecke das Essen auf dem Teller anderer Leute an, weil es so köstlich aussieht.

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  2. Alice S. schreibt:

    Nach feministischer Theorie ist Pograpschen ein Machtinstrument, durch das Männer Macht über Frauen bekommen.

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    • So ein Schwachsinn, aber passt zu deren sexfeindlichem Gehabe.

      Wieso sollte das einem Mann mehr Macht geben?
      Die Macht bekommt doch dadurch die Frau, denn sie hat viele Handlungsoptionen, wie sie darauf reagieren kann:
      * Sie kann darauf eingehen.
      * Sie kann es ignorieren.
      * Sie kann es sich verbitten.
      * Sie könnte sich körperlich zur Wehr setzen.
      * Sie könnte ihn lächerlich machen.
      * Sie könnte es weitererzählen, also Dritte informieren.
      * Sie könnte ihn anzeigen.
      * Sie könnte sich rächen.
      * Sie könnte ihn erpressen.
      * Sie könnte sein Leben dadurch ruinieren.

      .. weshalb man wohl leider Männern raten muss, es besser bleiben zu lassen. 😦
      So gesehen ist die geringe Verbreitung allerdings verständlich.

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  3. Pendolino70 schreibt:

    Und wie würdest du auf das anerkennende Pograbschen eins Rechtsradikalen oder Autonomen in einem öffentlichen Verkehrsmittel reagieren?

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  4. ednong schreibt:

    LOL.
    Interessant, einfach nur mitzulesen.

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  5. idgie13 schreibt:

    Vermutlich war es Zufall und Du interpretierst da etwas rein.

    Im übrigen empfinde ich eine Körperberührung auch nicht als einen Weltuntergang, so lang es nicht sehr plump ist und mir der Mann sympathisch ist. Ansonsten gibt’s ein verbales „Halt Deinen Rand“ und das war’s dann auch.

    Wiederholte Grapschereien entgegen meinem Willen sind für mich aber auch widerlich. Aber man muss da auch nicht so einen Bohei draus machen.

    Gefällt 2 Personen

    • Es wird wohl irgendwas zwischen zufällig und fahrlässig gewesen sein. Viel darüber nachgedacht kann er nicht haben.

      Warum über so etwas oft ein Aufhebens gemacht wird, erschließt sich mir auch nicht.
      Wenn mir was nicht passt, mache ich das unmissverständlich klar, und das war’s.

      Allerdings ist es klüger, wenn Carsten nichts davon erfährt. Er ist in dieser Hinsicht bei weitem nicht so tolerant wie ich.

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  6. Alex ii schreibt:

    Es gibt da diese eine Szene im „Spiel mir das Lied vom Tod“, bei der Wasserbringen zu den Arbeitern auch entsprechend thematisiert wird

    *Munharmonikagefiedel einspiel

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  7. LinustheSleepless schreibt:

    Schickst Du mir bzw. bekomme ich eine ASCII.nfo Konvertierung von „mein Hinterteil „einfach wahnsinnig gut““. Das ist einfach verdammt geil _ :=)

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  8. Miria schreibt:

    Ich denke aber nicht, dass es allgemein üblich werden sollte, dass Männer sich in dem Punkt anderen Frauen gegenüber so verhalten.
    Ich finde, dass eine Berührung bereits eine Grenze überschreitet. Ja, natürlich kann es aus Versehen passieren und natürlich kann man es auch als Kompliment auffassen.
    Aber ob das so ist, hängt einerseits mit der Beziehung zwischen den Personen zusammen, andererseits mit der Situation. Wie Molly oben schon schreibt, kann man einer Person auch nonverbal zeigen, dass man da gerne angefasst werden möchte und dann ist es ok.

    Von einer fremden Person würde ich das nicht wollen – egal, wie sehr er es als Kompliment meint.
    (auch wenn ich dir zustimme, dass ich busseln auch ekliger finde)

    Klar, muss man da nicht viel Aufhebens drum machen. Selbst die Nummer, die an Silvester von vielen so dramatisiert wurde, habe ich nicht angezeigt. Habe das selbst nicht so dramatisch wahrgenommen und es wäre mir den ganzen Stress nicht wert. (Anzeige wäre in dem Fall also für mich ungünstige Kosten gegenüber zu geringem Nutzen)

    Was mich interessieren würde: Zeigst du den Personen in deinem Umfeld offensiv, dass du kein Problem mit einem Griff an den Po hast und das gar als Kompliment auffasst?

    Gefällt 1 Person

    • Ich stimme dir zu, dass jeder Mensch selbst entscheiden soll, inwieweit es ihm recht ist, von anderen angefasst zu werden.
      Bloß derzeit läuft es so, dass ein paar laute, hysterische Stimmen es für alle Frauen festlegen wollen, dass Grabschen grundsätzlich unerwünscht wäre, und eine strafbare Handlung aus einem unbedachten, harmlosen Reflex machen.
      Dabei sehen sehr viele Frauen das gelassen bis aufgeschlossen. Ich möchte mir nicht von anderen vorschreiben lassen, ob ich mich belästigt zu fühlen habe, wenn ich es tatsächlich OK und angenehm finde.

      Zeigst du den Personen in deinem Umfeld offensiv, dass du kein Problem mit einem Griff an den Po hast und das gar als Kompliment auffasst?

      Nur meinem Mann, bzw. – früher – Männern, nit denen ich ohnehin eine vertiefte Beziehung hatte. (Noch früher war ich zu schüchtern und unsicher.)
      Ansonsten würde mir 1. der Kick fehlen, denn nur Männer, die selbst die Initiative ergreifen, sind interessant für mich.
      2. muss ich gerade im beruflichen Umfeld (und insbesondere als Vorgesetzte) aufpassen, dass der Umgang nicht zu locker wird, um meine Mitarbeiter nicht in eine Situation zu bringen, in denen ich sie nicht vor einer Abmahnung bewahren könnte.
      Und 3. wäre mein Mann nicht damit einverstanden.

      Gefällt mir

      • Miria schreibt:

        @Anne:
        „Dabei sehen sehr viele Frauen das gelassen bis aufgeschlossen. Ich möchte mir nicht von anderen vorschreiben lassen, ob ich mich belästigt zu fühlen habe, wenn ich es tatsächlich OK und angenehm finde.“

        Du musst dir das auch nicht vorschreiben lassen. Es geht viel mehr darum, dass Männern klar gemacht werden sollte, dass nicht jede Frau einfach so angefasst werden darf!
        Ich denke, es ist besser, wenn ein Mann sich in dem Punkt zurückhält, bis es zumindest Andeutungen in die Richtung gibt, dass es in Ordnung ist – egal, ob verbal oder nonverbal.

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        • @Miria

          bis es zumindest Andeutungen in die Richtung gibt

          Mit den Andeutungen ist das so eine Sache.Nicht jede Frau ist in der Lage, die Signale zu senden, die sie beabsichtigt.
          Und noch weniger Männer können die Signale richtig lesen und deuten. Missverständnisse sind der Normalfall.

          Die einzige Möglichkeit herauszufinden, ob Grabscher willkommen sind, ist es, versuchsweise einfach hinzufassen. Dieses experimentelle Vorgehen entspricht naturwissenschaftlicher Verfahrensweise.

          Ein gesellschaftliches Klima, in dem ein Mann dies tun kann, ohne negative, völlig überzogene Konsequnzen befürchten zu müssen, ist wünschenswert.
          Eine erwachsene Frau, der das nicht gefällt, sollte doch wirklich imstande sein, den Mann dann freundlich, aber bestimmt in seine Schranken zu verweisen, anstatt mit larmoyanter Noli-me-tangere-Attitüde zu reagieren.
          Schließlich handelt es sich nicht um ein Kapitalverbrechen. Da kann man die Kirche nun wirklich im Dorf lassen.

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    • sevens2 schreibt:

      Was schwebt dir zur Regulierung von falsch-positivem Hintern-Ergreifen gegenüber falsch-negativem Hintern-Nicht-Ergreifen vor, Miria?
      Was ist schlimmer, dass zu wenige Hintern ergriffen werden, oder zu viele? (Ich bin der Auffassung, dass lieber 10 Hintern ergriffen werden, als das ein unschuldiger Hintern nicht ergriffen wird.)

      Gefällt 1 Person

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